Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29 L)r. JBiocD S Mlocvenscvrrn. <S?etle 485 alles was er auf dem Leibe trug, genommen. Nur die Nummer der „Times", die er bei sich hatte, ließen ihm die Beduinen, und der Sohn Albions machte aus der Not eine Tugend, d. h. aus der „Times" einen Mantel, und kam so, etwas kleinlaut zwar, aber doch stolz in seine papierene Toga gewickelt, in Jerusalem wieder an. Besser erging es vor etlichen Jahren einem Berliner Kandidaten, namens Ohnesorge, der auch von Jerusalem aus die Reise nach dem Jordan unternahm, und, weil er arm war, ohne den Tribut zu zahlen, allein seines Weges ging. Die Räuber zogen auch ihn buchstäblich aus. Eine Zeitung hatte er aber nicht. Da setzte er sich, entkleidet wie er war, auf einen Felsen und sang mit lauter Stimme das Lied: „Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' gute Wehr und Waffen." Als das die Beduinen hörten, gaben sie ihm, weil sie ihn für einen Wahnsinnigen hielten, und ein solcher nach ihrem Glauben nicht angetastet werden darf, mit vielen Verbeugungen und Entschuldigungen seine Kleider wieder zurück. Mein Reisegefährte und ich hatten aber als Männer der Ordnung und des Rechts den Sitten und Gesetzen der Gegend, deren Gastfreundschaft wir genießen wollten, uns gefügt und daher den mit Dolch, Säbel und langer Flinte bewaffneten, vom kameelshaarenen Mantel umwallten, braunen Kerl rechtzeitig von unserer Absicht benachrichtigt, uns für drei Tage unter seinen Schutz zu begeben. Wir bogen um den Oelberg, ritten durch Bethanien und bald immer tiefer in die bergige Wüste hinein. Der Weg war nicht der beste, aber es war doch „Weg"; später hörte er auf, und es ging halsbrecherische Pfade bergauf bergab, oft nur der Rinne eines ausgetrockneten Baches entlang. Die dürren Hügel leuchteten, von der glühenden Sonne bestrahlt. Es war sehr heiß. Nirgends Schatten: kein Baum und kein Strauch, kein Dorf, kein Haus; so weit der Blick reichte, nur kahle Wüste, nackter Fels. Hunderte von Schluchten und Tälern laufen. hier wirr durcheinander. Im März freilich überziehen sich diese Hügel mit einem Blumenteppich in leuchtenden Farben. Millionen scharlachroter Anemonen und schöner Alpenveilchen stehen bis in die Berge hinauf; aber im Mai ist schon alles wieder vertrocknet. Und jetzt war es Oktober und seit vergangenen Winter kein Tröpfchen Regen gefallen, und versengt, verbrannt, verdorrt waren längst die Kinder des Frühlings. Der Weg von Jerusalem nach Jericho ist öde und menschenleer. Selten begegnet man einigen Beduinen. Da und dort sieht man auf den Hügeln ihre Zelte, die „schwarzen Hütten Kedars". Auf diesem Wege zogen einst die Pilgerfcharen von Jericho her zum Fest, „hinauf nach Jerusalem". Auf diesem Wege flüchtete David vor Absalom; in dieser Wüste irrte er umher, von Saul verfolgt. Nach vierstündigem Ritt machten wir Halt bei einem zerfallenen Chan und frühstückten. Die zweite Hälfte des Weges ist noch wilder als die erste, Felsen steigen bis zu 1000 Fuß aus dem schmalen, zerrissenen Bett des Kidron auf; der Pfad führt oft an gähnenden Abgründen dicht vorbei. Nach einer Stunde waren wir am Wadi Kelt, einer Erinnerungsstätte an den Propheten Elias. Es ist der alte Bach Krith, der tief unten während der Regenzeit in einer wilden Felsschlucht dahinbraust, im Sommer aber vertrocknet. Plötzlich bei einer Biegung des Weges kommt die Ebene von Jericho in Sicht. Der Blick ist überaus schön. In der Ferne ein dunkler Streifen, es ist der Jordan mit waldigen Ufern. Mitten in der Ebene schimmert der alte Aquädukt Jerichos mit weißem Bogen. Drüben winken die blauen Moabiter-Berge herüber. Der Weg hinab wird aber so steinig und steil, daß man mehr auf Felsblöcke und Abhänge zu achten hat, als auf die Aussicht. Die Senkung der Wüste Juda zur Jordan-Ebene endigt mit einem Absturz, dessen höchster Punkt der Quarantania-Berg,' arabisch verderbt Dschebel Kurantel, ist. Bald sind wir im Tal und rasch geht es nun vorwärts, dem Ziel des Tages entgegen. Wir halten unweit des Quarantania-Berges bei den Ruinen des alten Jericho an der schönen Elisa-Quelle. In der freundlichen Umgebung eines Wäldchens von Akazien und grünen Büschen sprudelt sie hell und klar hervor. Ein Bach ergießt sich aus dem natürlichen Bassin und bewässert diese Oase. Niedliche Turteltauben mit aschgrauem Gefieder und braunem Halsband sitzen girrend in den Zweigen, Steinhühner laufen am Boden zwischen den Sträuchern. Die Sonne ist schon gesunken und in der weichen Abendluft zirpen die Grillen im Grase. Nicht weit von der Quelle liegt ein Beduinenlager malerisch zwischen den Bogentrümmern der alten Wasserleitung. Für einen Backschisch führen etwa zwanzig der braunen Gestalten mit wilden Gestikulationen ihren Schwertertanz auf. Eine Viertelstunde von den Fundamenten des alten liegt das neue Jericho, das Dörfchen Er Riha, eines der elendesten und schmutzigsten Dörfer Palästinas, ein Haufen erbärmlicher Lehmhütten und zerlumpter Zelte, überragt von einem arabischen Turm. Nur wenige Steinhäuser heben sich von der ärmlichen Umgebung ab, die europäischen Hotels und Pilgerhospize. Nach dem Abendbrot promenierte ich noch ein wenig bis auf eine Anhöhe am Dorfrande. Es war Vollmond und die weite Ebene lag vor mir, von den bleichen Strahlen erhellt, in der Ferne das Tote Meer, von den Konturen der steil abfallenden Berge umsäumt. Gebirge, Ebene und Meer schienen zu träumen im Zauberlicht des Mondes, welches diese geheimnisvolle Welt beleuchtete und auf den deutlich sichtbaren, weiß schimmernden Fluten des Toten Meeres blitzte. Finster ragte in der Nähe der Quarantania-Berg in die Luft, unheimlich, gespensterhaft. Mit mächtigem Ruck springt er aus der Wüste hervor, steil aufgerichtet. Oben an der Felswand des Quarantania-Berges klebt wie ein Schwalbennest ein griechisches Kloster, schwer auf schwindelndem Pfad erreichbar; es ist von fünf Mönchen bewohnt. Und am ganzen Bergeshang in jeglicher Höhe sieht man eine Menge von Höhlenlöchern wie schwarze Punkte die Felswand durchbrechen; es find die unzugänglichen Behausungen früherer Anachoreten, die mit Vorliebe diesen Berg zum Aufenthalt wählten. Es schwindelt uns fast, wenn wir nur hinaufblicken zu diesen Horsten, die nur durch Strickleitern oder schwanke, über den tiefen Abgrund gelegte Brücken mit der Außenwelt verbunden sein konnten. Uns schaudert wohl, wenn wir an das Leben dieser weltflüchtigen Höhlenbewohner denken, aber manch wegmüder, sturmgejagter Mann mag dort seine Ruhe, seinen Frieden gefunden haben. Zu Füßen des Quarantania-Berges stand einst das stolze marmorprächtige Jericho, von Palmenwäldern umrauscht, von Orangen- und Zitronengärten, schattigen Sykomoren, Oliven, Feigen und Rosen, von den berühmten Balsampflanzungen umgeben, eine Landschaft, die ein Zeitgenosse, Josephus, eine „göttliche" nennt. In der Mitte dieses Kranzes duftiger Gärten lag die blühende Stadt, die Winterrefidenz Herodes des Ersten, der in ihr starb, nachdem er sie mit allem Luxus einer reichen Stadt, mit Palästen, Theatern und Bädern geschmückt hatte. Große Karawanen kamen Tag für Tag von verschiedenen Richtungen durch die Stadt, die eine Hauptstation war auf der großen Karawanenstraße zwischen Arabien und Syrien, eine wichtige Zollstätte zwischen Judäa und Peräa, mit einer Schar von Zöllnern besetzt, um den Handelsverkehr zu kontrollieren und zu besteuern. Heute ist das alte Jericho vom Erdboden weggefegt; kaum daß man seine Stätte noch kennt. Am andern Morgen waren wir vor Sonnenaufgang wieder im Sattel Die Pferde sprengten lustig wiehernd hinein in die kühle Morgenluft. Die Strahlen der Morgenröte erschienen über Moab. Bald stieg die Sonne empor in königlicher Pracht und strahlend ging der Tag auf über der Jordanebene und dem Toten Meer, Die Vegetation hörte bald auf. Vorwärts gings 1Meilen weit über kahle, unfruchtbare Ebene. Da — ein schmaler Vegetationsstreifen, wir find am Jordan, an den Gedenkstätten der Propheten Elias und Elisa, an der Furth, wohin die Tradition — und wahrscheinlich mit Recht — den Uebergang Israels verlegt. Da eilen sie vor unfern Augen dahin, die Wellen des berühmten Flusses, von dem der jüngst Heimgegangene Gerok gesungen: