Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 484 Vr. VLortz's WmtzenfrtzrM 'JtT. 29 Picquart General, Drcyfus ist unschuldig! Das muß genügen, um auf den Prozeß zurückzukommen! Auch ein anderer Gesichtspunkt ist zu berücksichtigen: Sie wissen, daß die Familie Drcyfus sehr tätig ist; sie sucht den wirklichen Schuldigen, und wenn sie ihn gefunden hat, wie werden wir dann dastehen? Der General: Wenn Sie nichts sagen, wird niemand etwas erfahren! Picquart: Mein General, was Sie da sagen, ist entsetzlich! Ich weiß noch nicht, was ich tun werde, aber jedenfalls werde ich dieses Geheimnis nicht mit mir ins Grab nehmen! Darauf beschließt der Generalstab, sich Picquarts zu entledigen. Man entfernt ihn aus dem Nachrichtenbureau, schickt ihn an die Ostgrenzen, in die Alpen, nach dem Süden, endlich nach Tunis an die Grenze gegen die aufrührerischen Tuaregs. Inzwischen werden in Parts gegen ihn Fälschungen fabriziert und verbreitet. Er erfahrt davon, verlangt Urlaub, kommt nach Paris und beauftragt seinen Freund, den Advokaten Leblois, ihn zu verteidigen; bet dieser Gelegenheit teilt er dem Freunde mit, daß Drcyfus unschuldig und Esterhazy der wirkliche Verräter sei. Ungefähr zu gleicher Zeit erfuhr man, daß auch der Vizepräsident des Senats, Scheurer-Kestner, für Drcyfus tätig fei. Er hatte erfahren, daß Esterhazy verdächtig sei. Er wußte sich Briefe von Esterhazy zu verschaffen, und da das Bordereau dnrch die Blätter bekannt war, konnten Vergleiche angestellt werden. Sie ergaben die unzweifelhafte Schuld Esterhazys. Scheurer-Kestner geht mit diesem Schuldbeweis im Oktober 1897 zum Präsidenten der Republik Felix Faure, dann zum Kriegsminister General Billot, zum Justizminister Darlan und schließlich zum Ministerpräsidenten Meline, findet aber nirgends Gehör. Das einzige Ergebnis seiner Schritte ist, daß der Generalstab Esterhazy in seinen Schutz nimmt, ihn vor Gefahren warnt und seine Verteidigung vorbereitet. Gleichzeitig werden gegen Picquart neue Fälschungen fabriziert, die den Zweck haben, ihn selbst der Spionage zu verdächtigen und so unschädlich zu machen. Es ist das Werk der Henry, du Patty de Elam und Gribelin; es spielen darin falsche Telegramme, falsche Bärte und verschleierte Damen eine Rolle. Am 15. November 1887 richtet Deyfus' Bruder Matthieu an den Krfegsminister einen Brief, in dem er Esterhazy anklagt, der Urheber des Bordereaus zu sein, und dessen Bestrafung verlangt. Esterhazy, des Beistandes des Generalstabs sicher, verlangt selbst eine Untersuchung gegen sich. Die Untersuchung wird von General Pellieux geführt. Esterhazy wird vor ein Kriegsgericht gestellt und am 11. Jänner 1898 freigesprochen. Zwei Tage darauf, am 13. Jänner, wird Picquart verhaftet und in das Militärgefängnis gebracht. An demselben Tage erscheint in der „Aurore" Emile Zolas offener Brief „J’accuse“ an den Präsidenten der Republik. Zola verkündet darin in begeisterten Worten die Unschuld Drcyfus' und erhebt, unter Beibringung von Beweisen, öffentliche Anklage gegen seine Verfolger. Da er vieles von dem enthüllt, was bisher nur einzelnen Personen bekannt war, so entfesselt er einen großen Sturm und die Affäre Dreyfus wird zu einer hochwichtigen politischen Frage. Das Ministerium Meline sucht vergebens mit der wiederholten Erklärung, es gebe keine Affäre Dreyfus, den Sturm zu beschwichtigen. Zola wird wegen seines Briefes verfolgt und am 7. Februar 18!-8 vor die Geschwornen gestellt. Seine Verteidigung wird in jeder Weise gehemmt, die wichtigsten Fragen läßt der Präsident des Gerichts nicht zu. Zola wird zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, aber die Verhandlungen haben doch so viel enthüllt, daß die Affäre erst recht nicht zur Ruhe kommt und der Ruf nach Revision des Prozesses immer lauter wird. Im Februar 1898 wird Picquart vor ein Disziplinargericht gestellt und zwangsweise pensioniert. Am 16. Februar starb der Präsident Faure; im Mai fanden die Kammerwahlen statt, die den Revisionisten Erfolge brachten, im Juni wurde das Kabinett Meline gestürzt und an seine Stelle trat das Kabinett Brisson, das man für revisionsfreundlich hielt. Am 7. Juli wird in der Kammer über die Affäre interpelliert. Der Kriegsminister Cavaignac erklärt Dreyfus für schuldig und führt dafür Beweise an, darunter eines der von Henry gelieferten Schriftstücke. Eavaignac glaubt damit die Revisionisten ein für allemal geschlagen zu haben. Die Kammer beschließt den öffentlichen Anschlag der Rede Cavaignacs und geht zur Tagesordnung über. Am Tage darauf schreibt Picquart an den Ministerpräsidenten Briffon einen Brief, in dem er sich anerbietet, zu beweisen, daß das Schriftstück Henrys gefälscht sei. Die Antwort war, daß er am 13. Juli verhaltet und ins Gefängnis geworfen wurde. Indessen ist Cavaignac doch bedenklich geworden; er ordnet eine genaue Untersuchung an. Diese ergibt, daß das Schriftstück wirklich gefälscht ist. Henry wird am 30. August verhaftet; Tags darauf findet man ihn mit durchschnittener Gurgel in seiner Zelle. Jetzt ist die Revision unvermeidlich. Das Ministerium beschließt sie und die Strafkammer des Kaffationshofes erklärt sie am 29. Oktober für zuläffig. Neues Hindernis. Das Kabinett Brisson wird gestürzt und das ihm folgende Kabinett Dupuy bringt in der Kammer ein Gesetz ein, das der Strafkammer die Revision abnimmt und dem gesamtenKassationshof überträgt. Nach schweren Kämpfen wird das Gesetz angenommen. Der gesamte Kassationshof tut gründliche Arbeit. Am 3. Juni 1899 fällt er einstimmig das Urteil, daß Dreyfus unschuldig ist, und verweist die Sache zur neuerlichen Verhandlung an das Kriegsgericht in Rennes. Das Kriegsgericht in Rennes tritt am 7. August zusammen. Es kümmert sich nicht um.die Feststellung des Kaffationshofes und am 9. September wird Dreyfus, der zu den Verhandlungen persönlich von der Teufels-Insel herübergebracht worden ist, abermals verurteilt, allerdings bezeichnenderweise unter Zubillignng mildernder Umstände. Am 21. September wird Dreyfus vom Ministerium Waldeck- Rousseau begnadigt; eine Amnestie schützt auch seine verbrecherischen Feinde vor jeder Verfolgung. Im April 1903 enthüllt Jaures in der Kammer neue Tatsachen, die eine Revision des Urteils von Rennes rechtfertigen. Der Kriegsminister des Kabinetts Combes, General Andre, ordnet eine Untersuchung an, die noch weitere Tatsachen an den Tag bringt. Das Ergebnis der Untersuchung wird dem Justizminister Balle vorgelegt. Am 26. November beantragt Dreyfus selbst die Revision. Am 26. Dezember weist der Justizminister den Generalstaatsanwalt an, das Revisionsverfahren einzuleiten. Am 5. März 1904 erklärt die Strafkammer des Kassationshofs die Revision für zulässig und ordnet eine ergänzende Untersuchung an. Diese wird sehr gründlich geführt. Berichterstatter, Staatsanwalt und Verteidiger bereiten ihre Anträge und deren Begründung vor. Äm 15. Juni 1906 tritt der vereinigte Kassationshof zusammen. Am 12. Juli wird Dreyfus ohne Verweisung vor ein neues Kriegsgericht freigesprochen. Schluß. Am Jordan nnd am Toten Meer. Von H. Grashoff. Es war ein sonniger klarer Herbstmorgen, als unsere kleine Karawane zum Stephanstor aus Jerusalem hinausritt „gen Jericho", voran der Beduinenstab, dev als Sicherheitswache mitgenommen war. Der Weg führt durch die Wüste Juda, das Gebiet der raublustigen Beduinen. In dem ganzen felsigen Wüstendistrikt diesseits und jenseits des Toten Meeres, sowie in der Jordanebene hausen diese Nomaden, elende Hungerleider, die sich in der unfruchtbaren Einöde auf das Kümmerlichste ernähren und denen es gar nicht so sehr zu verübeln ist, wenn sie sich gelegentlich des Geldes und der Kleidung unvorsichtiger Europäer bemächtigen, denn der Hunger tut weh. Sie sind vortreffliche Schützen und wissen den Vogel im Fluge zu treffen. Je näher dem südlichen Teil des Toten Meeres, umso verwegener sind ihre Raubanfälle. Oft sind sie ihrer mehrere Hundert beisammen, alle bis an die Zähne bewaffnet. Um aber vor den Räubern sicher zu sein, ist es nur einfach erforderlich, einen Räuberhauptmann als Schutz mitzunehmen, der gegen eine mäßige Vergütung — etwa 3 M. pro Tag und Person — die Reisenden dann sicher durch das ganze Gebiet des Stammes führt. Für die in Palästina Reisenden ist das eine ganz selbstverständliche und geschäftsmäßige Sache. Der so wie so notwendige, als Führer fungierende Dragoman (Dolmetscher) benachrichtigt den Schech von Abu Dis, einem Dorfe unweit Bethaniens, welcher von der türkischen Regierung das „Recht", die Reisenden an den Jordan zu geleiten, gepachtet hat. Es ist das eine Art Fremdensteuer, oder wenn man so will, eine von der Regierurg privilegierte notorische Beraubung der Fremden, eine nicht unbedeutende Einnahmequelle des Häuptlings, der allerdings einen hübschen Teil dem Gouverneur in Jerusalem als Pacht „abgeben" und außerdem seine Stammesgenossen zum Ersatz der nun nicht stattfindenden Beraubung entschädigen muß. Dafür geleitet der braune Wüstensohn die seiner Obhut Anvertrauten, für deren Sicherheit er nach empfangener Bezahlung der Regierung gegenüber haftet, gut und sicher durch die Wüste und bringt sie wohlbehalten wieder nach Jerusalem zurück. Man weiß das von vornherein und muß was des Landes der Brauch ist, respektieren. Will es jemand versuchen, sich stolz darüber hinwegzusetzen, so sei ihm geraten, eine möglichst umfangreiche Zeitung mitzunehmen. Vor einigen Jahren nämlich wagte es ein Engländer, allein auf gutem Pferd nach Jericho zu reiten. Ihm wurde sein Gaul und