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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-20 · 29 (20.7.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. L9 Dr. Llocv's Mocdenscvntt. Seite 483 dent Dr. Krall zum Falle Hllsner bemerkt: „Wir leben doch nicht mehr im Zeitalter Voltaires, wo das ganze französische Volk ihm zujubelte, als er sich zur Lebensaufgabe machte, einem unschuldig Verurteilten die Ehre herzustellen. Heute haben wir andere Freuden, andere Sorgen, andere Ziele." Der Justizirrtum an Hilsner hat weder die Massen noch die edelsten der Nation in dem Maße erregen können, wie die Fälle Callas und Dreyfus; aber an kulrurgeschichtlichem Werte steht er seinen französischen Vorgängern nicht nach und an kriminalistischer Bedeutung überragt er sie bei weitem, ja er scheint geradezu berufen, der jungen Wissenschaft der Kriminalpsychologie zu einem ungeahnten Aufschwung zu verhelfen. „Der Prozeß Hilsner," sagte Liszt, „liefert einen Beitrag zur Psychologie der Aussagen, welcher alle theoretischen Auseinandersetzungen über dieses Thema und alle experimentellen Untersuchungen in den Schatten stellt." In dem vor kurzem erschienenen Werk des Berliner Rechtsanwaltes Dr. Arthur Nußbaum: „Der Polnaer Ritualmordprozeß. Eine kriminalpsychologische Untersuchung auf aktenmäßiger Grundlage-' (Verlag A. W. Hayns Erben, Berlin) ist dieses wissenschaftliche Ergebnis des Falles Hilsner in einer klassischen, süc künftige derartige Bearbeitungen vorbildlichen Weise niedergelegt. Eine lobende Besprechung dieses Werkes erübrigt sich angesichts der Tatsache, daß Franz von Liszt ihm das Geleitwort geschrieben hat. Allerdings kommt man bei der Lektüre des Buches bald zu der Ansicht, daß der Verfasser sein Verdienst mit einem Andern teilen muß: Dieser Andere ist die — Stenographie. Ohne die weise österreichische Einrichtung der amtlichen stenographischen Protokolle wäre eme Bearbeitung wie die vorliegende unmöglich gewesen. Das Stenogramm hat die sonst so schnell verhallenden Detalls eiucs Sensationsprozesses, die Hunderte von Finessen in den Plaidoyers, den Worten des Vorsitzenden und vor allem in den Zeugenaussagen in ihrer ganzen köstlichen Frische der staunenden Nachwelt überliefert. Eine wahre Fundgrube für den Psychologen tut sich hier auf. Da sehen wir den Zeugen Cink, der den Angeklagten mit seinen beiden legendarischen Begleitern nach dem Tatorte laufen sah, dem die Gabe verliehen ist, Personen „stark von hinten zu kennen", und der vermöge einer fabelhaften Zunahme fernes Gedächtnisses in jedem Stadium des Prozesses mehr weiß als im vorhergehenden. Wir sahen den Zeugen Laug, der sich anderthalb Jahre nach der Mordtat als Zeuge meldet, der die in allen Ritnalmord - Prozessen wiederkehrenden selbstverräterischen Redensarten der Jaden mit augehört hat, wobei die Juden in ihrer Rücksichtnahme auf den Zeugen so wert gingen, ausnahmsweise tschechisch statt deursch zu sprechen. Wir sehen die Zeugin Brog, der zuliebe die Juoen ihre Geheimnisse so laut herausbrüllen, daß sie sie hinter verschlossenen Fenstern versteht. Wir sehen endlich den Hauptzeugen Pesak, der volle vier Monate nach dem Mord die Tatsache still mit sich herumträgt, daß er vermöge einer ans Wunderbare grenzenden Sehkraft den Mörder auf 700 Meter Entfernung am Tatort beobachtet hatte. Wir bewundern die Aehnlichkeit der Zeugenaussagen im Hilsnerprozeß mit denen in anderen Ritualmord- und Sensatiousprozessen. Ueberall finden wir die Zeugen, die nachts durch eine Ritze bie schrecklichsten Beobachtungen gemacht, Selbstbezichtigungeu mir angehört oder den Mord selbst mit angesehen haben. Ueberall finden wir die bemerkenswerteste Naivität ut den Aussagen, die vom Standpunkt der psychologischen und krin.iualistischeu Erfahrung aus jeder Wahrscheinlichkeit ermangeln oder geradezu physisch unmöglich find. Ueberall finden wir das charakteristische Symptom der Ahnungen, kraft deren schon beim Anblick eines ganz alltäglichen Vorganges rie fürchterlichsten Ereignisse vorgesühlt werden. Wir sehen die verhängnisvollen Wirkungen der Parteiagitatwn und Privatuntersuchungen, wir sehen, wie das Bewußtsein, Mittelpunkt eines Sensationsfalles zu sein, den Zeugen ungünstig beeinflußt. Die Krim'.u.rlpsychllogie lehrt uns, daß es, abgesehen von der pathologischen Aussagensälschung, eine natürliche, normale Erinnerungs- und Aussagefälschung ohne Wissen und Willen gibt, der zufolge auch die Bekundungen einer an sich wahrheitsliebenden Person nicht ohuewe ters als objektiv wahr gelten dürfen. Das wisseuichaftliche Verdienst des Nußbaumschen Buches best'ht darin, die speziellen Zeugenaussagen des Hilsner-Prozesses hierauf geprüft und so an dem besonderen Falle das Typische festgestellt zu haben. Ereignisse wie der Dreyfus- oder der Hilsuer- Prozeß gleichen einem Meere, in welchem die Leideuschaflen ivogen und die Sonne der Vernunft untergeht. Nußbaum hat sich wohl gehütet, sich als Mitkämpfer in dieses Meer hineinzustürzen. Er hat uns ruhig auf eine Warte geführt, von der aus wir mit philosophischer Gelassenheit dem Schauspiel zuzusehen und dauernden Gewinn daraus zu ziehen vermögen. Dank dieser Darstellung bedeutet das Nußbaumsche Buch einen Wendepunkt in der Entwicklung der Strafprozeß-Psychologie. Die Affäre Dreyfus. Die Affäre hat zwölf Jahre die öffentliche Meinung nicht bloß in Frankreich, sondern weil darüber Humus m Atem gehalten. In diesem Augenblicke ist es wohl am Platze, einen Rückvlick auf die einzelnen Stationen der Affäre zu werfen. Nachstehend das Verzeichnis der Hauptstatronen. liegen Ende September 1804 wird das sogenannte Bordereau, ein Verzeichnis militärischer Schriftstücke, die der Schreiber zu liefern verspricht, nach dem Nachrichtenbureau gebracht. Da darin vom Geueratstab die Rede ist, vermutet man, der Schreiber sitze im Generalstab. Eine oberflächliche Aehnlichkeit der Schrift führt die Antisemiten des Bureaus, an ihrer Spitze Oberst Sandherr, auf den Verdacht, der südliche Generalstabsoffizier Dreyfus habe das Bordereau geschrieben. Von den zugezogenen schrelbsachverständigell verneint oer eine bestimmt die Identität der Schrlfl, der andere ist unsicher. Trotzdem ordnet der Krlegsminifter General Mercier die Verhaftung des Dreyfus an. Am 15. Oktober wird Dreyfus verhaftet. Von fünf neuen Experten autworlen zwei verneinend, drei bejahend, aber mit Vorbehalten. Am 19. Dezember erscheint Dreyfus vor dem Pariser Kriegsgericht. Sein Hauplankläger ist der Oberstleutnant Henry, der schwort, eme hochgestellte Person, die pr nicht nennen töuue, habe ihm Dreyfus als Verräter bezeichnet. Außerdem ist das Bordereau da. Da die Richter schwanken, wird ihnen auf Beseht des Kriegsmuristers General Mercier, ohne Wissen des Angeklagten und seines Verteidigers ein Geheimdoffier mit Schriftstücken oorgetegk, wetche die Schutd des Angektagten beweisen sollen. Am Dezember wird Dreyfus zur Degradation und lebenslänglichen Einschließung verurteilt. Am 5. Jänner 1805 wird er degradiert und dann nach der Teufels-Insel geschafft, wo er in strenger Haft gehalten wird. Im Frühjahr 1896 entdeckt Oberstleutnant Picqnart, der au Stelle des verstorbenen Sandherr an die Spitze des Nachrichtenbureaus getreten ist, Den wahren Urheber des Bordereaus, und zwar auf Grund des sogenailllten „Petit Bleu". Es ist der liederliche Major Esterhazy. Ptcquart versäumt nicht, von seiner Entdeckmig seinen Vorgeietzten, zuerst dem General Gonse und dem Generalstabschef Boisdeffre, sooann dem Knegsminister Blllot Mitteilung zu machen. Es wno bedeuiei, zu schweigen und die Sache ruhen zu lassen. Da er sich nicht zufrieden gibt, werden Maßregeln gegen ihn ergriffen. Im Anfang September 1896 erscheint die erste Fätschuiig, der sogeilanlite Brief Weyter. El» Unbekannter schreibt barm an Dreyfus und bittet ihn um wettere Mitteitungen militärischer Geheimnisse. Die Fälschung ist zu grob, um zu wirken. Am 15. September veröffentlicht der „Eclair" die zweite Fälschung, ein Schriftstück, in welchem dem Anfangsbuchstaben D., oer eme ganz andere Persönlichkeit vezeichnet, der volle Namen Dreyfus deigefügt ist. Am Ende des Oktober erscheint die dritte Fälschung, die von Henry favrizrert ist. Er zeigt das Schriftstück dem Geueratstab, verheimlicht es aber vor Ptcquart. Da bteser die Manöver melkt, geht er aufs neue zu General Gonse und es enlspinnt sich folgendes Gespräch: Der General: Was geht das Sie an, daß dieser Jude auf der Teufels-Insel sitzt! Ptcquart: Aber wenn er unschuldig ist? Der General: Wollen Sie denn auf den Prozeß zurückkommen? Das wäre ja eine furchtbare Geschichte! Der General Mercier und der General Saujsier sind darern verwickelt!

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