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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-13 · 28 (13.7.1906) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 478 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 28 früher Jakob Löwi und ob. dessen Frau die blonde Tochter der Beamteuswitwe Thomas sei oder die schwarzäugige Sarah, welche ihm deren Vater, der Kultusvorsteher Goldstein, so gerne gegeben hätte. Ihm lag nur daran, von der spröden Schönen einen Kuh, nur einen einzigen, sei es durch Güte oder Gewalt zu erlangen. Dies schien ihm um so schwerer zu sein, da er doch ein Jude war und gar keine Lust bezeigte, der eifrigen Proielytenwerberin zuliebe seinen Glauben zu ändern oder aucb nur einen der 13 Glaubensartikel zu verleugnen. Einstmals sah Sommer wieder im Löwe'schen Salon der liebenswiudigen Hausfrau gegenüber. Sie war so heiter, so zutraulich und wnhte so viel zu erzählen, namentlich verfügte sie über so viele neutestamentliche Zitate. Da brachte sie auch eines, das Sommer Gelegenheit gab, ibr seine Sehnsucht nach einem Kusse von ihren Rosenlippen zu bekennen Sie hatte nämlich in einer Legende, die sie erzählte, den Satz ausgesprochen: „Und hättet Ihr alle Schätze der Welt, und Ihr hättet die Liebe nicht — „O, die habe ich, schönste Frau", unterbrach Sommer die bibelkundige Erzählerin, „ich liebe Sie leidenschaftlich, bitte, beglücken Sie mich mit einem Kusse!" Empört sprang Frau Löwe von ihrem Sitze auf. „Was unterstehen Sie sich, mein Herr", rief sie, „einen Kuß von mir? Um keinen Preis der Welt!" Der erfahrene Frauenkenner mochte in diesen zürnenden Worten eine kleine, fast unmerkliche Aufmunterung herausgefundeu haben, denn er wurde ki'lhucr und sagte: „Alles in der Welt hat s-inen Preis; Fraueuschönhcit den höchsten. Ein Kuß in Ehren, wie ich ihn von Ihnen, gnädire Frau, ersehne, muß denn doch zu erlangen sein." Schmollend wendete ihm die Schöne den Rücken. Sommer blieb ruhig auf seinem Platze sitzen und harrte geduldig, bis sie sich ihm wieder zuwenden würde, denn er sagte sich, daß weibliches Zürnen naturgemäß viel früher beendet werde, wenn es ans der dargebrachten Huldigung der eigenen Schönheit entsteht, als im Gegenteil aus nicht genügender Würdigung derselben. Und er irrte auch nicht. Denn es dauerte auch wirklich nicht lange, daß Selma sich zu ihm niit der Frage wendete: „Wären Sie wirklich zu einem materiellen Opfer bereit, um einen Kuß von mir zu erlangen?'• „Zu den größten, schöne Frau!" Diese wurde etwas verlegen. Dann brach sie stotternd hervor: „Mißverstehen Sie mich nicht, Herr Sommer! Meine Grundsätze sind noch eben so feste, wie sie es je zuvor gewesen. Aber es gibt Verhältnisse im menschlichen Leben, die ausnahmsweffe eine deine Abweichung gestatten, ja geradezu gebieten. Dies ist mein Fall. Wie Sie wiffen, gehöre ich einem frommen Vereine an, welcher sich die Bekehrung der Juden zu unserem Glauben zum Ziele gesteckt hat. Nun soll in unserer Stadt ein Missionshaus errichtet werden und ist an die Mitglieder Unseres Vereines die Aufforderung ergangen, dmch freiwillige Spenden die Mittel zu diesem gottgefälligen Werke herbeizu schaffen. Aller Blicke sind nun erwartungsvoll aus mich gerichtet, daß ich mit gutem Beispiel vorangehen soll, da ich doch der edlen Sache schon solch großes Opfer — mit meiner Vermählung — gebracht habe. Doch leider ist es mir unmöglich, die verlangte Summe zu beschaffen. Ich selbst bin mittellos und meinen Mann kann ich doch nicht darum ansprechen." „Warum denn nicht, gnädige Frau? Ich wüßte keinen Fall, wo Ihr Gemahl sein Herz und seine Kasse einem wohltätigen Zwecke verschlossen hätte. Wohltätigkeit ist eine Eigentümlichkeit unserer Rasse, welche selbst das Taufwasser nicht wegwaschcn kann." Selma wurde, wenn möglich, noch verlegener als vorhin. „Mein Mann ist ein eigener Mensch", sagte sie. „Bei seiner sonstigen Güte ist er noch ein Stockjude, für alles hat er Geld, nur für die Missiionsgesellschast nicht, ja, er haßt derer Mitglieder so sehr, daß, wenn ich einige zu einem Schälchen Kaffee einladen will, es nur in seiner Abwesenheit geschehen kann." „Arme, beklagenswerte Frau sagte Sommer im Tone des Mitleides, der die junge Frau so vollständig täuschte, daß sie unbeirrt fortfuhr: „Ich möchte denn doch so gerne die in mich gesetzten Hoffnungen erfüllen und, wenn Sie so gütig wären, mir zu dem oben erwähnten Zwecke mit dem Betrage von 500 Kronen an die Hand zu gehen, so könnte ich mich entschließen- Hocherrötend hielt Selma inne. „Wirklich nur 500 Kronen? Die sollen Sie haben für einen Kuß. Nur habe ich leider das Geld nicht bei mir und kann es Ihnen erst Nachmittags bringen." „Gut, Herr Sommer, das hat Zeit." Mit einem galanten Handküsse, der von den malitiösen Worten: „Der ist doch umsonst, meine Gnädige?" begleitet war, verabschiedete sich Sommer. Nachmittags stellte er sich im Löwesschen Hause ein, um den langst ersehnten Kuß in Empfang zu nehmen und dafür 5 Stück Banknoten ä 100 Kronen zu erlegen. „Gott, wenn das mein Mann wüßte, er würde mir dies niemals beleihen", seufste Frau Selma. „Keine Sorge, gnädige Frau! Ich werde doch nicht so indtsr.et und gleichzeitig unvorsichtig sein, um mich der Gunstdezeugung einer Dame zu rühmen. Ich werde von diesem Kusse schweigen wie das Grab." Nun erbat sich Sommer von der Gnädigen die Erlaubnis, bei ihr einen dringenden Brief schreiben zu dürfen, den er draußen in einen Briefkasten werfen wolle. Bereitwillig brachte ihm Selma eine zartduftende Kassette, welche Papier und Kuverts mit den Initialen ihres Namens enthielt. Sommer entnahm derselben einen Briefbogen, warf einige Worte darauf, dann empfahl er sich aufs Herzlichste von der freundlichen Dame. Draußen warf er den Brief in keinen Briefkasten, sondern schickte thn mit einem Dienstmanne ins Geschäft des Herrn Löwe. Abends kam letzterer nach Hanse. Freundlich wie immer, kam ihm dessen junge Frau entgegen und reichte ihm ihre glatte, weiße Stirne zum Kusse dar. Die erste Frage des Kaufherrn an seine Frau war: „Hat dir Sommer die ganzen 500 Kronen übergeben? Selma war kreidebleich geworden. „Der verräterische Schurke!" murmelte sie leise vor sich hin. Laut aber sagte sie mit bebender Stimme: „Du weißt schon davon?" „Ja, er schrieb mir darüber." Bei diesen Worten reichte er der jungen Frau jenen Brief, den Sommer auf ihrem Papier an ihrem Schreibtische geschrieben. Derselbe lautete: Lieber Freund! Das mir freundlich gewährte Darlehen brauchte ich nicht mehr, da inzwischen die von mir erwarteten Gelder eingelanfen sind. Da ich aber gleich verreisen muß, und daher nicht den weiten Weg in dein Geschäft machen kann, ging ich in deine Wohnung, und deine Frau war so freundlich, das Geld für dich in Empfang zu nehmen. Herzlichen Dank für deine freundliche Bereitwilligkeit und stets zu Gegendiensten bereit dein Freund Sommer. Wie von Bergeslast befreit, atmete Selma erleichtert auf. Also er hatte sie doch nicht verraten. Das Geld war für ihre Zwecke zwar verloren, aber ihre Ehre und ihr ehelicher Frieden war gerettet. Mit holdseligem Lächeln reichte sie ihrem Gatten den von Sommer erhaltenen Betrag, ganz glücklich, daß es nicht ärger ausgefallen ist. Herr Jackes Löwe steckte das Geld ein. Selbstverständlich erhielt die Missionsgesellschaft keinen roten Heller davon. Nene Bücher. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Inden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden, Berlin-Halensee, Westfälische Straße 46. Redaktion: Dr. Arthur Ru pp in, II. Jahrgang, Heft 6, Juni 1906. Inhalt: Abhandlungen. 1. Regierungsrat Knöpfet, Darmstadt: Stand und Bewegung der jüdischen Bevölkerung im Großherzogtum Hessen während des 19. Jahrhunderts. 2. Dr. Leo Sofer, 'Wien: Zur Biologie und Pathologie der jüdischen Rasse. 3. Dr. E. Straus, München: Die Hauptergebnisse der Unterrichtsstatistik im Königreich Bayern für das Schuljahr 1903/04. II. Statistisches Archiv: Das Resultat der Sammlungen für die russischen Juden. — Der Alkoholgenuß bei jüdischen Schülern. - Juden im preußischen Abgeordnetenhause. Die Zahl der Juden im Kanton Basel. — Austritte aus dem Judentum in Lemberg. III. Mitteilungen: Generalversammlung des Verbandes für Statistik der Juden. — Jahresbericht des Vereines für die Statistik der Juden zu München pro 190 b. — Statistische Vortragsabende der jüdischen Studenten. Gründuugsgeschichte des Stadttempels der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Mit einer Einleitung: Die zeitgeschichtlichen allgemeinen Verhältnisse der Wiener Juden. Nach archivalischen Quellen von Sigmund Husserl, Archivbeamter der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Mit einer Innenansicht des Stadttempels und 14 Porträts. Preis 4 Kronen 3 Mk. 60 Pfg. Verlag von Wilh. Braumüller, k. u. k. Hof- und Universitäts-Buchhändler in Wien und Leipzig 1906. Dr. D. Spiegel. Die Kaiser Titus und Hadrian im Talmud und Midrasch, sowie beiden zeitgenössischen Geschichtsschreibern. Verlag von Dr. D. S p i eg e l, Wien- XVI», Brunnengasse 72.

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