Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Blodb’s MocDensckrM. Seite 477 und die eingegangenen Gelder in Empfang nahulen. Das Fest begann um 4 Uhr nachmittags und endete gegen Mitternacht. Wir schließen mit dem sich auch diesmal bewährten Spruch: In der Eintracht liegt die Macht. Es wurde ein erheblicher Reingewinn erzielt, welcher, unter den drei Vereinen in gleichen Teilen verteilt, den Hilfsbedürftigen sehr zugute kommt. Zürich. (Dr. Karl Josephy.) Letzten Sonntag wurde auf dem stillen, kleinen Friedhofe der israelitischen Kultusgemeinde im Friesenberg ein Mann in die kühle Erde gebettet, dessen früher Tod in weiten Kreisen schmerzliche Gefüble wachgerufen hat, Dr. Karl Josephy, Lehrer an der höheren Töchterschule in Zürich. Am 17. April 1859 zu Schwaan geboren, wie Fritz Reuter ein Mecklenburger Kind, hatte Josephy zuerst die Schulen seiner Vaterstadt, dann die Realschule von Rostock besucht, die er 1876 verließ, um dem Kaufmannsstande sich zu widmen. Allein die Liebe zu den Büchern führte den aufgeweckten und' lernbegierigen Jüngling bald in die Schule zurück. Er kam an das Gymnasium zu Rostock, wo er als achtzehnjähriger mit viel jüngern Sekundanern auf der gleichen Schulbank saß, später nach Wismar, an dessen Gymnasium er Ostern 1861 die Maturitätsprüfung bestand. Die Dichter der Alten gewannen je länger, destomehr sein Herz, und so wandte er der klassischen Philologie sich zu, deren Studium er in Tübingen, Jena und Leipzig oblag. Curtius, Ribbeck und Delbrück waren seine Lehrer, aber auch Zarlicke und Hildebrand, von denen er sich in die ältere deutsche Literatur einführen ließ. Ostern 1884 kam der nach Freiheit und politischen Rechten dürstende junge Deutsche, an dem der Frühlingssturm der sozialistischen Evolution nicht unbemerkt vorübergebraust war, in die Schweiz und nach Zürich, das seine zweite Heimat wurde. Josephy trat als ordentliches Mitglied in das philologische Seminar unserer Universität ein, absolvierte 1887 die Diplomprüfung für das höhere Lehramt und promovierte bald darauf. Damals war es auch, daß er mit den mitstrebenden jüngeren züricherischen Philologen in freundschaftliche Beziehungen trat, die zu mehr als einem Lebensbund gediehen. In dem bescheidenen Studentenverein, der in den Achtziger-Jahren unter dem Namen „Antiker Sumpf" in Zürich blühte, war der durch seine ideale Gesinnung, seinen unverwüstlichen Humor und seinen kaustischen Witz sich auszeichnende Mecklenburger ein gern gesehener Gast und bald ein Mittelpunkt, um den sich alles scharrte. Sein hübsches Jmprovisationstalent, das bald in feiner Stachelrede, bald in leichter Verskunst sich erging, nicht selten im heimatlichen Platt, fand hier guten Boden, und unvergeßlich werden denen jene Stunden jugendlichen Frohsinns bleiben, denen das Glück zuteil ward, sie mitzuerleben. Nach dem Abgang von der Universität brach für Josephy eine Zeit bitterer Enttäuschung an. Umsonst suchte der junge Philologe, der im Beustschen Institut die ersten Proben einer hervorragenden Lehrbegabnng abgelegt hatte, eine seinen Fähigkeiten und seinem Wissen angemessene Stellung an einer schweizerischen Mittelschule. Alle Türen blieben ihm verschlossen; nicht sein Deutschtum, wohl aber die Konfession stand ihm im Wege, und mit Recht durfte der vorurteilslos denkende Mann über die kleinliche Gesinnung sich beklagen, die vielfach noch bei uns in Personenfragen zum Ausdruck gelangt und oft so merkwürdig von unfern weitherzigen politischen Institutionen absticht. Als alle Versuche fehlschlugen, irgendwo anzukommen, erwarb Josephy auf eigene Rechnung das Institut Ryffel in Stäfa, das er aber schon nach einigen Jahren, innerlich nicht befriedigt und äußerlich geschädigt, wieder aufgab. Nun lebte er eine Reihe von Jahren als Privatlehrer in Zürich, wo er Schüler zum Eintritt in die Universität und ins Polytechnikum vorbereitete. Das Uebermaß von Arbeit, das er zeitweilig zu bewältigen hatte, schwächte seinen Körper und legte wohl den Keim zu. seinem späteren Leiden. Zwei erfreuliche Erlebnisse waren es jetzt, die ihn über die zunehmende Verstimmung hinaushoben, die Begründung eines eigenen glücklichen Hausstandes mit einer durch Gemüt und Herzensgüte ausgezeichneten jungen Wienerin, und seine literarische Tätigkeit, die immer mehr sein innerstes Interesse in Anspruch nahm. Josephy besaß von Haus aus eine nicht gewöhnliche poetische Begabung, die durch das Studium der modernen, vorzugsweise deutschen Literatur zu eigenem Schaffen angeregt wurde. Im Jahre 1897 gab er sein erstes Buch heraus, einen Roman, „Helena" betitelt. 1901 erschien ein Bändchen Erzählungen, aus dem der zuerst in der Schweiz veröffentlichte „Anarchist" hervorragt, welcher der Sammlung den Namen gab, 1903 endlich eine Nachdichtung der „Elektra" von Sophokles. Alle diese Werke zeugen von einem feinen und gebildeten Kunstverstand und einem sichern und reifen Können, das, ohne einem freisprndelnden poetischen Originaltalent zu entspringen, bald in kräftiger Linienführung, bald in guter psychologischer Zeichnung der Charaktere und, soweit es die Nachbildung der griechischen Tragödie betrifft, in formschöner Verifikation zutage tritt. In weitere Kreise sind diese Werke, so sehr sie es wert wären, nicht gedrungen. Endlich stellte sich für Josephy auch auf seinem eigensten Gebiete die späte, aber verdiente Anerkennung ein: Im Jahre 1901 ward der schon Zweiundvierzigjährige zum Lehrer der deutschen Sprache an die höhere Töchterschule berufen. Hier fand er ein seiner vielseitigen Veranlagung entsprechendes Wirkungsfeld und bald gewann er nicht nur die Liebe seiner Schülerinnen, die mit Verehrung zu dem begeisternden Lehrer aufblickten, sondern auch die Achtung der Kollegen und das Vertrauen der Behörden. Als Lehrer war Josephy, wie ein Berufener an seinem Grabe ausführte, ein Künstler, der jede Stunde zuni stimmungsvollen Kunstwerk zu gestalten verstand. Er hielt auch Vorträge über neuere Literatur vor den Schülern der Knnstgewerbeschule und bereitete den Hörern der Pestalozzi-Gesellschaft, die nach hartem Tagewerk kamen, um ihren Geist an höheren Dingen zu erfrischen, manche Weihestunde, indem er sie zu Schiller, Gottfried Keller und C. F. Meyer hinführte. Unvergessen wird ihm auch die schöne Schillerrede bleiben, die er am Abend des 9. Mai 1905 vor tausend Schülern der Gewerbeschule in der Fraumünsterkirche hielt. Josephy verfügte über eine außergewöhnliche, oft hinreißende Beredsamkeit. Nie pflegte er etwas aufzuschreiben. Nur eine geistige Präparation ging voraus. Dann aber konnte er aus dem Vollen schöpfen, und in unaufhaltsamem Fluß strömte die freie Rede dahin. Josephy war eine ideale Natur, ein freidenkender Mensch, ein offener und gerader Charakter, mit einem Worte eine Persönlichkeit. Mitten in einem erfolgreichen Wirken, das kaum begonnen hatte und für die Zukunft noch reifere Früchte verhieß, packte ihn eine Herzaffektion. die nach halbjährigen Leiden ihn am 26. Juni in der Blüte der Jahre dahinraffte. Um ihn trauern eine Witwe, die in aufreibender Pflege heldenhaft am Krankenlager des Gatten ausharrte, und zwei m zartem Alter stehende Kinder. Aber nicht nur die Familie und die Freunde haben ihn verloren, auch in unserem Gemeinwesen, vor allem in der höheren Töchterschule hinterläßt er eine fühlbare Lücke. Der kleine, untersetzte Mann mit der gedrungenen Gestalt und dem markanten Kopf, unter dessen hoher Stirn hinter Brillengläsern ein paar scharfe und helle Augen blitzten, war eine charakteristtsche Erscheinung, die man in Zürich nicht so bald vergessen wird. Hans Bodmer. Feuilleton. Gin Kuß in Ehren Humoristische Skizze von Babette Fried, Prag. Wem die gütige Mutter Natur unter anderen Gaben aucb Schönheit mit auf die Lebensrcise gegeben, der hat gar besonderen Grund, ihr hiefür dankbar zu sein. Besonders Frauen. Denn was Männern Kraft und Geist ist, was Mut und Tüchtigkeit und wie oll die schönen Eigenschaften auch heißen, mit denen sich die Herren der Schöpfung zu brüsten pflegen — das alles wird von dem einen Begriffe: Frauenschönheit ausgewogen. Frauen wiffen diese hervorragende Eigenschaft bei ihren Mitschwestern nur selten nach ihrem vollen Werte zu würdigen, Männer hingegen, mit seltenen Ausnahmen, wissen diese wohl zu schätzen, und gar oft geschieht es, daß sie Vernunft und Ehre vergessen, wo es gilt einer bewunderten Schönheit ihre Huldigung darzubringen. So geschah es auch einem Herrn Sommer, dem die junge Frau seines Geschäftsfreundes Löwe — ehemals Löwi geheißen — so amnehmend gefiel, daß er förmlich darauf brannte, einen Kuß von ibr zu bekommen. Doch Frau Selma Löwe war ebenso tugendhaft, als sie schön war, und vergaß niemals, was sie ihrer eigenen Ehre und der ihres eifersüchtigen Gatten schuldig war. Sie war auch nicht wenig stolz auf thre Tugend und rechnete sich die Treue, die sie ihrem älteren und noch dazu als Juden geborenen Gatten bewahrte, sehr hoch an; auch den Huldigungen Sommers gegenüber benahm sie sich sehr ablehnend. Ihm schien es leichter zu sein, von der Favorit>n eines türkischen Pascha einen Kuß zu erlangen, als von der Frau des Großhändlers Löwe. Und doch, verbotene Früchte schmecken süß, und die Trauben sind dann erst sauer, wenn sie auf gar keine Wei e zu erlangen sind. Und nach diesen süßen Früchten gelüstete es tum wackeren Hausfreund gar sehr. War er in dem ihm befreundetcn Haufe zu Gaste, so war die liebenswürdige Hausfrau bemüht, für die Bedürfnisse seines Leibes und seiner Seele zu sorgen. Für die ersteren dadurch, daß sie ihm mit den eigenen zarten Händchen den Tee bereitete und reichte und die appetitlichsten Brötchen nebst anderen Leckerbissen dazu servierte; für letztere, indem sie ihm die Segnungen der Religion, in welcher sie geboren und zu der sich jetzt auch ihr Gemahl bekannte, auseinandersetzte. Freilich unterließ sie es, ihrem Gaste auch zu gestehen, daß sie nur unter der Bedingung dem um so viel älteren Herrn Löwi ihre schöne Hand zugesagt hatte, wenn er die Taufe annehme. Die einstigen Glaubensgenoffen des jetzigen Löwe, darunter auch einige wahre, aufrichtige Freunde, hatten von da an sein Hans gemieden, teils weil sie ihm seinen Abfall vom väterlichen Glauben nicht vergeben konnten, teils weil sie den lästigen Bekehrungsversuchen von dessen Frau ausweichen wollten, so wenig gefährlich diese auch ihrem gefestigten Charakter waren. Diese junge Frau, welche aus dem arbeits- und sorgenvollen Leben ihres Elternhauses in die freie sorglose Lage einer reichen Kaufmannsfrau versetzt wurde, schien es zu ihrem Lebenszwecke gemacht zu haben, jüdische Seelen zu Misfionszwecken zu ködern. Nur Sommer war nach wie vor der regelmäßige Besucher im gastfreien Hanse seines Freundes geblieben. Ihm war es gleichgiltig, ob derselbe nunmehr Jackes Löwe heiße oder wie