Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 474 tta. isiocb's MlocvenscvrlN. Nr. 28 wissen, daß der Pogrom vielmehr ein Attentat der Regierungsagenten war und daß die Metzeleien von Bialystok ein fürsorglich vorbereitetes Verbrechen der Regierungsorgane bilden, dessen Zweck es war, die Energie des Volkes in seinem Kampfe um Recht und Freiheit zu brechen. Wir Arbeiter wollen aber, ohne Rücksicht auf die Sicherheit unseres Lebens, mit desto größerer Energie gegen allerlei „Schwarze Hundert" kämpfen. An den Schandpfahl mit den Namen aller Derjenigen, die unschuldig Blut vergossen, gemordet und geschändet und dadurch die Nation mit Schande bedeckt haben." Amtsenthebung des Oberbürgermeisters von Bjeloftok. Petersburg. Nach einer Meldung aus Bjeloftok wurde das Stadthaupt Malinowsky vom Generalgouverneur des Amtes enthoben, weil er beabsichtigt hatte, eine außerordentliche Sitzung der Stadtduma einzuberufen, um den Bericht des Generals v. Bader über den Pogrom zu widerlegen. Jaures gegen die Massakers von Bialystok. Paris, 8. Juli. Gestern Abends fand eine von 3000 Sozialisten besuchte Versammlung statt, an der die Deputierten Jaures, Allemane, Vaillant und Brousse, sowie mehrere Delegierte russischer Organisationen erschienen waren. Es wurden verschiedene Reden gegen den Zarismus gehalten und schließlich eine Tagesordnung angenommen, in welcher die Niedermetzelung der russischen Revolutionäre gebrandmarkt wird. Abberufung des Gouverneurs Kuester. Petersburg, 8. Juli. Der Gouverneur von Grodno, General Kuester, zu dessen Amtsbezirke Bialystok gehörte, ist abberufen worden. Auatole Leroy-Beaulieu über die Judenmassakres in Rußland. Der bekannte französische Kulturhistoriker Anatole Leroy- Beaulieu veröffentlicht in dem „Temps" einen längeren Artikel über die russische Polizei und die Judenmassakres in Rußland, der besonderes Interesse bietet. Leroy-Beaulieu, bekanntlich ein hervorragender Kenner russischer Verhältnisse, bestätigt die Auffassung. daß die Judenverfolgung eines der Mittel ist, wodurch die russischen Behörden die Revolution abzulenken suchen. Das ist seit fünfundzwanzig Jahren, seit dem Ministerium Jgnatiew, das klassische Verfahren der Gegner jeder liberalen Reform. Um die Massen der revolutionären Propaganda zu entreißen, hetzt man sie gegen die Juden und die Nichtorthodoxen, die als Feinde des Zaren und des russischen Volkes bezeichnet werden. Ich war im Mai in Petersburg. Schon damals wurden baldige Pogroms gegen die Juden angekündigt. Die Liberalen machten ihren Gegnern den Vorwurf, sie bereiten diese vor. Die wenigen Verteidiger dessen, was die Russen das alte Regime nennen, machten ihrerseits kein Hehl aus ihrer Hoffnung, daß durch die Judenfrage die Revolution aufgehalten und die Duma entzweigeschnitten werden könnte. Die Duma hat sich in ihrer Entrüstung über die Metzeleien in Bjeloftok und die Enthüllungen des Fürsten Uruffow einmütig gezeigt. Das Ministerium, das die Urheber solcher Mordszenen nicht an ihrem Tun verhindern oder dafür bestrafen konnte, scheint sich nicht nur vor der öffentlichen Meinung, sondern vielleicht sogar im kaiserlichen Palast um jeden Kredit gebracht zu haben. Es ist hohe Zeit, daß die Regierung sich von dem Verdacht reinwasche, sie stecke mit den Mordgesellen von Bjeloftok unter einer Decke. Die wirtschaftliche Stellung der Juden in Rußland. Die von Georg Bernhard herausgegebene Wochenschrift „Plutus" enthält einen beachtenswerten Artikel, der sich aus Anlaß der iüngsten Vorgänge in Bialystok mit der Frage.beschäftigt, welche Stellung die Juden in dem russischen Reiche als wirtschaftlicher Faktor einuehmen. Es heißt u. A.: „Als die Juden im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert aus Deutschland und den österreichischen Ländern vertrieben wurden, wandten sie sich in's Polenreich. Polen ward auf lange Zeit zum Dorado der Judengemeinden. Allen Bestrebungen des polnischen Klerus zum Trotz schützte» sie nicht nur die polnischen Könige, sondern auch die Starosten widersetzten sich dem Drängen der schlesischen und böhmischen Hetzapostel. Durch die Privilegien Kasimir's IV. konnte sich nahezu ein Judenstaat im Polenstaat entwickeln Die Judengemeinden in Posen, Lublin, Krakau, Warschau und Kalisch galten den bedrückten westeuropäischen Stammesgenossen als paradiesische Stätten. Woran lag das? Waren die Srarosten moralischer oder menschlicher als die Grafen, Ritter und Herren in Germanien? Sicher nickt. Aber für ihr Land war der Jude eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Juden ergänzten gewissermaßen den Mittelstand, den das Polenreich aus eigenem nicht hatte schaffen können. Adel und Bauern standen sich hier ui'vermitlelt gegenüber, und beide Teile waren schließlich froh, daß sich die Judenschaft als Mittler dazwischensetzte, ins gemeinsame Geschäft Barkapital und Händlerintelligenz einbrachte. Polen hat lange aufgehört zu existieren, aber die wirtschaftlichen Zustände des Landes sind trotz der veränderten Hoheitsverhältnisse imwes ntlichen dieselben geblieben. In der preußischen Provinz Posen repräsentieren bis vor Kurzem die Juden, den kaufmännischen. industriellen und wohl auch den bäuerlichen Mittelstand unter der Flagge des deutschen Namens; in Galizien ist die sogenannte deutsche Industrie fast durchwegs eine jüdische Industrie und die galizischen J iden bilden das einzige ökonomisch-fortschrittliche Element in diesem polnischsten aller Polenländer. Und wie ist es in Russisch- Polen? Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, daß das gesamte nichtagrarische Wirtschaftsleben a f der jüdischen Bevölkerung aufgebaut ist Aber nicht nur in Polen, in vielen russischen Städten tritt uns das gleiche Bild entgegen. Auch der Russe ist, wie der Pole, zu schwerfällig in Bezug auf den ökonomischen Fortschritt. Hier wirkt der Semitismus als treibender Sauerteig. Ueber dreimalhunderttausend jüdische Handwerker leben in Rußland. Schuster, Schneider, Schmiede u. s. w. In Wilna und Odeffa müssen die Kirchendächer von Juden gedeckt werden, da es keine christlichen Dachdecker gibt. An 2000 Juden sind beim Verladen des Getreides im Hafen von Odessa tätig. In Lodz und Bialystok sind etwa drei Viertel, in Wilna und Kiew fast die Hälfte, in Odessa weit über 60pCt. aller Fabriksarbeiter Juden. Ohne diese Elemente ist eine Entwicklung der russisches Wirtschaft ganz undenkbar. Anstatt nun aber diese Kräfte für den Neubau des russischen Wirtschaftslebens nutzbar zu machen, die alten Beschränkungen aufzuheben, läßt man nickt nur die Ketten des Ghetto nicht f llen, sondern veranstaltet Treibjagden auf die Insassen der Judenviertel. Den einzigen vorgebildeten Arbeiterstamm, den man besitzt, läßt man von verbrecherischen Polizisten und vom fanatisierten Mob zu Tode prügeln." Hebräische Manuskripte. London. Vor einigen Tagen ist im British Museum eine Ausstellung hebräischer Manuskripte eröffnet worden, deren Zustandekommen das Verdienst des Herrn Dr. Margoliouth, Direktors der orientalischen Handschriften-Abteilung an dem genannten Institut, ist. Die ebenso interessante, wie lehrreiche Ausstellung umfaßt nahezu 6300 Manuskripte. Am reichsten ist die Bodlejana in Oxford vertreten, nämlich mit nicht weniger als 2541 Handschriften Dann folgt die berühmte Sammlung des Herrn Elkan N. Adler, sicherlich die größte und wertvollste, welche ein Privatmann sein eigen nennt, mit 1500, das British Museum mit ca. 1400, die Bibliothek der Universität Cambridge mit 610, die des hiesigen Jews College mit 580, das 8et.li Hamidrasch mit 147 Handschriften. An Inkunabeln hat das British Museum 80, Herr Elkan Adler allein 50 ausgestellt. Unter der Fülle von Kostbarkeiten erregen ganz besondere Bewunderung ein in Spanien im Jahre 1472 hergestelltes, mit wunderbaren Goldinitialen geschmücktes Manuskript der Mischne Thora des Maimonides, eine gleich prächtige, aus dem Jahre 1482 datierte Bibelhandschrift mit illustrierter Massorah und ein i. 1.13 i9 im Damaskus geschriebener Kodex des samaritanischen Pentateuch. Zion und „Jto". Zur Ansiedlungsfrage der heimatlosen Juden. In der jüngsten Nummer der „Fortnightly Review" finden wir aus. der Feder Israel Z a n g w i l l s eine hochinteressante Abhandlung über die „Jto"-Bestrebungen. Als nämlich der Kolonialminister Lyttleton im September vorigen Jahres das Ostafrika-Territorium dem Bereiche der „Jto"-Pläne entzog, war die Konsternation im Lager der Territorialisten nicht gering und gar Viele der großen Gemeinde fürchteten nunmehr das endgiltige Scheitern der ganzen „Jto"-Bewegung. Nur Israel Zangwill verzagte nicht. Er richtete an alle bedeutenden Literaten Englands eine' Rundfrage über ihre Wohlmeinung bezüglich der „Jto"-Bestrebungen und veröffentlicht nun in den Spalten der „Fortnightly Review" die eingelangten Gutachten, der Zahl nach fünfundzwanzig. Sämtliche Gutachten stammen von englischen Schriftstellern, mit Ausnahme eines einzigen, dessen Verfasser der Ungar Armin Vümbery ist. Professor Vümbery gibt vor allem Aufschlüsse über die Vorgeschichte der so großes Aufsehen erregenden Audienz Doktor Herzls beim Sultan. „Es war," erzählt er, „ein langer