Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 472 Dr. Bloch's Wochenschrift 3lr. 28 Bialystoker Greuel statt. Der Saal war überfüllt. Die Späterkommenden konnten keilten Einlaß mehr finden. Es waren nicht rtur Zionisten, sondern auch Juden sämtlicher Parteischattierungen sowie Vertreter der Kultusgemeinden und verschiedener Vereine, endlich auch Deutsche und Tschechen erschienen. Nach kurzer Begrüßung durch den Obmann des jüdischen Volksvereins, Dr. M. Kohn, erteilte derselbe dem Referenten Dr. Meise! aus Ären, der an Stelle des Herrn Abgeordneten Dr. Straucher gekommen war, das Wort. Derselbe legte in längerer, von vielfachem Beifall oft unterbrochener Rede die gegenwärtige Situation dar. Er zeigte, daß trotz der Konstitution die Lage der Juden in Rußland auf die Dauer keinerlei Sicherheit verbürge, daß die Juden in Rußland dies selbst fühlen und in ununterbrochenem Auswandererstrom das Land verlassen. Er zeigte weüer, daß diese Auswanderer bei dem gegenwärtigen Stande, wo sie überall als unwillkommene Gäste angesehen werden, auch anderwärts sozial nicht gesunden und daher auch nirgends eine wahre Heimat finden können. Es bleibe daher nichts anderes übrig als eine internationale Regelung der Judenfrage, welche auch im Interesse aller Kutturstaaten gelegen sei. Der Referent unterläßt auch nicht, auf das schmähliche Verhalten der europäischen christlichen, als auch jüdischen Finanz sowie auf die jedem menschlichen und Freiheitsgefühl Hohn sprechende Inschutznahme der russischen Regierung durch Dr. Kramarsch in flammender, oft durch tosenden Beifall unterbrochener Rede hinzuweisen. (Rufe: Hanba, Kramarsch! Pfui, Taussig!) Er schloß feine begeisterte Rede mit einem Appell, mitzuwirken *i der Schaffung einer rechtlich geficherten Heimstätte in Pawstina. Hierauf wurde von Herrn Direktor Wertheimer folgende Resolution beantragt und einstimmig angenommen: 1. Die jüdische Bevölkerung Prags gibt ihrem tiefften Abscheu Ausdruck über die Verbrechen, die an den jüdischen Brüdern in Bialystok begangen wurden. Sie verurteilt aber auch jene, welche ein derartiges Regierungssystem finanziell unterstützt haben. — 2. Sie gibt ihrer Bewunderung Ausdruck über den Heldenmut der jüdischen Bevölkerung, auf deren Selbstwehr und Todesverachtung alle Juden stolz zu sein das Recht haben. — 3. Sie vechehlt fich aber nicht, daß durch Sympathien allein, die bei allen Kutturvölkern so reichlich an den Tag getreten sind, keine wirkliche Hilfe geschaffen werden kann. Sie gibt ihrer Ueberzeugung Ausdruck, daß nur die Schaffung einer gesicherten Heimstätte Rettung für die Verfolgten darstellt. (Anhaltender Beifall.) Es sprachen noch Herr Techniker Hirsch und Jurist Gach, beide tschechisch. Ersterer wendete sich hauptsächlich gegen das Verhalten des Dr. Kramarsch und letzterer erklärte als Vertreter der Poale Zion die Solidarität der jüdischen Arbeiterschaft mit den gesamtjüdischen Interessen. Beide Ausführungen gipfelten in der Erklärung, daß den Juden nur durch eigene Kraft geholfen werden könne, und daß das Endziel bleiben müsse: Ein freies Volk auf freiem Boden. Die am Schluffe eingeleitete Sammlung ergab eine namhafte Summe für die Hinterbliebenen der Opfer von Bialystok. Zionistisches Distriktskomitee für Böhmen. Prag. (VomKaiserFranzJosef-Jubiläumst e m p e l.) Der Bau des neuen Kaiser Franz Josef-Jubiläumstempels in der Jerusalemgaffe schreitet rüstig vorwärts, er soll Mttte September fertiggestellt sein und eingeweiht werden. Schon jetzt erregt sein Aussehen bei den Vorübergehenden Beachtung. Die Fassade wird bunt polychromiert in gold, blau, grün, braunrot und graubraun. Wie befremdend auch für unsere nördliche Zone solche polychromierte Fassade wirkt, so muß sie doch als durchaus stilgerecht für den maurischen Stil, der für die Synagoge gewählt worden ist, bezeichnet werden. Für die persönliche Sicherheit der Besucher ist Sorge getragen worden. Das Bestreben der Architekten einerseits und der Sicherhettsbehörde andererseits ist dahin gerichtet, die Möglichkeit des Entstehens und des Verbreitens eines Brandes immer mehr einzuschränken und die Wirkungen einer Panik durch Schaffung möglichst zahlreicher Ausgangsöffnungen auf ein Minimum herabzusetzen. Diese Gesichtspunkte waren auch bei der Errichtung und Durchführung des Tempels maßgebend. Die Gefahr des Ausbruches eines Brandes in diesem Gebäude ist äußerst gering, die Möglichkeit einer raschen Verbreitung des Feuers vollkommen ausgeschlossen, da mit Ausnahme der Sitzbänke zum Baue und zur Einrichtung dieses Gotteshauses nur unverbrennliche Materialien verwendet worden sind. Es gilt dies sowohl für die Wände und die Decke als auch für die Konstruktion der Gallerten und für die gesamten Fußböden. Aber auch in Hinsicht auf die Gefahr einer Panik sind die weitestgehenden Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die Anzahl der Ausgänge ist so groß, daß eine Entleerung des vollgefüllten Tempels in einem Zeiträume von weniger als zwei Minuten stattfinden kann. Sieben Oeffnungen in der Gasfenfront führen ins Freie und diese werden, wie überhaupt alle Ausgangstüren, während des ganzen Gottesdienstes geöffnet gehalten werden. Aus dem Parterre führen in die beiden seitlichen Höfe je fünf, im Ganzen zehn breite Oeffnungen. Von der Galerie führen aus dem eigentlichen Tempelraume vier Türen ins Freie, beziehungsweise zu den vier aus solidem Materiale errichteten Treppen, so daß im Ganzen durch 21 Ausgangstüren die Entleerung des Tempelraumes stattfinden kann. Es ist selbstverständlich, daß sämtliche Türflügel nach außen zu öffnen sind. Bericht der Dumakommission über die Massakres in Bjeloftok. Petersburg. Der hier zur Veröffentlichung gelangte Bericht der nach Bjeloftok entsendeten Duma-Abgeordneten über den Pogrom vom 14. Juni enthält eine detaillierte Darstellung der vor den Ex;essen zu Tage getretenen Erscheinungen und der allmählich in das Volk, die Polizei und auch das Militär hineingetragenen judenfeindlichen Agitationen und schildert ausführlich die Einzelheiten des Pogroms und die zweideutige Haltung der Zivil- und Militärbehörden. In seinen Schlußfolgerungen hebt der Bericht vor allem die Planmäßigkeit des Pogroms hervor, sowie den Charakter der Vorgänge, welcher an die Strafexpeditionen in den Ostseeprovinzen und in Sibirien erinnere. Man habe es nach allen Erscheinungen nicht mit einem spontanen Ausbruch der Volksleidenschaft auf nationalem oder religiösem Boden zu tun. Die Wahl des Tages, an welchem Kirchenprozessionen stattfanden, sei wohlüberlegt gewesen. Es wäre nur begreiflich, daß die in ihren Gefühlen beleidigte Menge an Ort und Stelle über diejenigen hergefallen wäre, welche angeblich geschossen oder Bomben geworfen hätten; unmöglich könne man aber zugeben, daß ohne vorherige Vorbereitungen der Pogrom an so vielen Punkten der Stadt und so .schnell wie auf ein gegebenes Signal hätte beginnen können. Der Bericht untersucht die Tätigkeit des Gouverneurs von Grodno, Kuester, und sagt, zwei Annahmen seien zulässig: Entweder wußte der Gouverneur um den vorbereiteten Pogrom und ließ ihm seinen Lauf, weil er ihn für nötig hielt, oder er ließ das Unvermeidliche geschehen, weil eine geheime Gewalt den Pogrom angeordnet hat und der Gouverneur den Vorgängen ohnmächtig gegenüberstand. Tatsächlich sprächen verschiedene Umstände dafür, daß Gouverneur Kuester seine Amtsgewalt verloren hatte, welche unbekannt von wem usurpiert wurde. Nur so sei die Haltung des Gouverneurs zu verstehen, es sei denn, daß man ihn den Organisatoren des Pogroms zuzählt. Der stellvertretende Polizeimeister Radecky sei bei Seite geschoben worden, die vom Minister des Innern am 15. Juni in Aussicht gestellten wirksamen Maßnahmen seien entweder nicht ergriffen oder nicht durchgeführt worden. Der Bericht erhebt gegen die Polizei die schwersten Anklagen und bemerkt schließlich, daß die Militärobrigkeiten die Gewalt in der Stadt noch vor Verhängung des Kriegszustandes, die erst am 16. Juni erfolgt sei, an sich genommen und die Stadt Schutzleuten und bewaffneten Soldaten ausgeliefert haben, welch letztere teils auf Weisung von Schutzleuten, teils von Vagabunden, teils nach eigenem Ermessen unbewaffnete Juden erschossen, die keinen Widerstand leisteten, sondern sich im Gegenteil, wo nur möglich, verbargen. Der Bericht fragt: Auf welcher Grundlage war dem Gouverneur am 14. und 15. Juni die ihm zustehende Gewalt