Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 28 2)1. Llocd's Mlocvenscdrttt. Seite 471 Trost wird ihm von allen, die er zu seinen Geliebten gezählt, seine Freunde handeln treulos au ihm." Unendlich düster sind die Ereignisse, unter deren Eindruck wir tiefgebeugt stehen, aber ebenso tieftraurig ist es, zu sehen, wie das mit seinen verfeinerten Sitten prunkende Europa, der Zuchtmeister astatischer Barbarei gehüllt in den faltenreichen Mantel zynischer Diplomatik, mit seltenem Gleichmut der Bestialität russischer Rechtgläubigkeit gegenübersteht. Die Presse registriert Tag um Tag gewissenhaft die von Hooligans an Juden begangenen, haarsträubenden Scheußlichkeiten, welche vom Lesepublikum mit momentanem Schaudern und Gruseln gierig ausgenommen werden, weit entfernt, auch eine entsprechende Tat zu reifen. Nur einzelne Weltblätter versuchen es, hochgestellten Persönlichkeiten Worte der Teilnahme zu erpressen, welche die Geister der hingeschlachteten jüdischen Opfer verhöhnen, noch mehr aber der modernen christlichen Liebe zum Feigenblatte dienen sollen. Wenn wir noch auf die Protestversammlung in der deutschen Reichshaüptstadt mit einem einzigen evangelischen Geistlichen verweisen und auch des Gerüchtes gedenken, daß der Beherrscher Großbritanniens an seinen gekrönten Verwandten in Rußland ein Mahnungsschreiben gerichtet: dann haben wir bereits alles erschöpft, was von Seiten Europas dem russischen Blutbad gegenüber geleistet wurde. Die innerste Gesinnung der Herrscher und der Beherrschten dürfte nicht unähnlich sein der eines ungarischen katholischen Kirchenfürsten, welcher, über die russische Judenschlächterei befragt, sich beiläufig wie folgt äußerte: „Es sei doch gar nicht so arg, wenn den überall so sehr prosperierenden Juden einmal recht sehr an den Leib gegangen werde ..." Unseres Wissens wurde, etwa die Duma ausgenommen, nur in der österreichischen Delegation — freilich von einem Juden: Dr. Straucher — ein ebenso erschöpfendes als ergreifendes Bild der an unseren jüdischen Glaubensgenossen verbrochenen Unmenschlichkeiten entworfen. Zu einer Teilnahmskundgebung konnte man sich im antisemitischen Oesterreich ebensowenig als im „liberalen" Ungarn entschließen. Im letzteren wurde zwar ein Versuch gemacht, fand aber die nötige Unterstützung weder bei den Ministern noch bei den Volksvertretern. Fassen wir die deutlichen Symptome, wie sie auf unserem, der Kultur ergebenen Weltteile zutcn.e getreten, zusammen, so schwindet jeder Zweifel darüber, daß wir uns in einer Zeit entschiedensten ethischen Rückganges besinden, wo jede höhere Idee in den Pfuhl niedriger Interessen herabgezerrt wird und selbst Vaterland und Religion zu feilen Schlagwörtern profaniert werden. Und doch sollten jene, die es zuvörderst angeht, noch rechtzeitig bedenken, daß nach dem ehernen Gesetz - der Logik die allgemeine Verfälschung und Verlogenheit der Gesinnung den Zusammensturz aller Religion herbeiführen muß. Haben wir doch wenigstens so weit das Mittelalter hinter uns, daß auch die Massen nunmehr denkende und prüfende Zuschauer der Ereignisse sind und angesichts des frevlen Spiels, welches mit christlicher Gerechtigkeit und Liebe getrieben wird in unseren Tagen, werden sie früher oder später der Religion überhaupt den Rücken kehren, wie sich Anzeichen hiefür häufig g'nug in den Reihen der Sozialisten zeigen. Ganz besonders aber tut es uns Juden not, welchem Vaterlande wir auch immer angehören, den tiefbetrübenden Erscheinungen mit scharfem Blicke zu folgen, um unser Verhalten hiernach einzurichten. Nicht länger können wir es uns verhehlen, daß man uns die Ueberzeugung beibringen will: unser einziger Rettungsanker sei die Taufe. Selbst in den sogenannten liberalen Ländern inöchte man uns begreiflich machen, daß dem Judentum keinerlei wissenschaftliche, künstlerische und ethische Verdienste das gewünschte Heil bringen werden; daß in Wirklichkeit keine menschliche Gerechtigkeit und Liebe existiere, sondern eine bloß christliche: zum Gebrauche für Christen! Angesichts solcher offenkundiger finsterer Strömungen glauben wir, erwarten zu dürfen, daß auch die bisher Lauesten in unserer Mitte zur Besinnung kommen und den Kampf gegen Lüge und Scheinheiligkeit vereint mit ihren charakterfesten und mutigen Brüdern aufnehmen werden. Dr. I. Steinherz, Oberrabbiner in Stuhlweißenburg. Zrrairn. Seit der vor einigen Tagen erfolgten Neuwahl in die Vertretung der Gemeinde Znaim haben wir zum erstenmal einen Juden als Ausschußmitglied bei der Wahl durchgebracht. Schon anläßlich der vor drei Jahren erfolgten Wahlen hatten die Juden die gewiß nicht unbillige Forderung auf Vertretung in der Gemeinde gestellt, drangen jedoch bei der herrschenden Partei nicht durch, welche sich auf eine angeblich an den damaligen Bürgermeister Johann Haase eingelangte anonyme Mitteilung, „daß die hiesigen Juden nur Ruhe, aber kein Mandat haben wollen" und auf die von dem Kultusvorsteher abgegebene Erklärung stützend, „daß die Kultusgemeinde als solche sich an der Wahlagitation nicht beteilige", einen jüdischen Kandidaten nicht aufstellte. Damit war bei den hiesigen Verhältnissen das Schicksal des Kandidaten so ziemlich entschieden, nachdem hier wie auch anderwärts viel mit Vollmachten „gearbeitet" wird. Diesmal aber standen der herrschenden sogenannten liberalen Partei die Deutschnationalen mit eigenen Kandidaten gegenüber, so daß wir mit der energisch gestellten Forderung auf Einräumung zweier Mandate für jüdische Kandidaten mit einer Aussicht auf Erfolg auftreten konnten. Die herrschende sogenannte liberale Partei erklärte nun, angesichts der auch ihr recht unbequemen deutschnationalen Strömung, sowie auch nicht minder der von den Herren Kultusvorsteher Steiner und Fabrikanten Rvbeit Loewy stramm und zielbewußt geleiteten Agitation, den Juden ein Mandat überlassen zu wollen, doch dürfe es — es ist dies charakteristisch für die Denkungsweise unserer Stadtväter — kein Advokat sein. Es wurden zwei Kandidaten vom jüdischen Wahlkomitee aufgestellt, von denen nur einer, und zwar Herr Rudolf Wotzilka, Brauerei- und Spiritusraffineriebefitzer aus der Wahlurne, wenn auch als letzter, d. h. mit den relativ wenigsten Stimmen als gewählt hervorging. Herr Rudolf Wotzilka ist wohl der herrschenden Partei sehr genehm, er möge es auch bleiben, dabei aber nicht vergessen, daß er sein Wohl in erster Linie dem energischen und geschlossenen Auftreten seiner Glaubensgenossen zu verdanken und demzufolge auch deren Jntereffen warm und furchtlos zu vertreten hat. Prag. Mittwoch den 4. Juli abends veranstaltete die hiesige israelitische Kultusgemeinde einen Trauergottesdienst aus Anlaß der letzten blutigen Ereignisse in Rußland. Die Klaussynagoge war ganz schwarz dekoriert und feierlicher Ernst, ja tiefe Traurigkeit lagerte auf dem Antlitze der zahlreichen Andächtigen, welche das geräumige Gotteshaus gänzlich füllten. Die Rabbiner und Kantoren aller hiesigen Gemeinden waren bei dieser Trauerfeier anwesend. Der Oberrabbiner der Prager Gemeinde, Ehrwürden Herr Dr. N. Ehrenfeld, hielt die Trauerrede, worin er in ergreifender Weise die Leiden unserer Glaubensbrüder in Rußland schildert und die Gleichgiltigkeit der anderen Staaten und Regierungen gegenüber dieser Menschenschlächterei beklagt. Der Oberkantor der Synagoge, Herr Schwarz, rezitierte in ergreifender Weise ein Gebet: Kl mole rachamim, welches vom Rabbiner Dr. Brady, Direktor der hiesigen Talmud-Thora-Schule, eigens zu diesem Zwecke verfaßt wurde. Bei dem Vortrage dieses Gebetes wurde lautes Schluchzen vernommen, und noch erfüllt von dem Eindrücke dieses Gebetes stimmten die Herzen aller Anwesenden ein in das erschütternde: „Wie lange noch, o Herr?" welches der Herr Oberrabbiner in hebräischer Sprache vor geöffneter Bundeslade vortrug. Zum Schluffe seiner Rede gedachte der Herr Oberrabbiner des verewigten großen Juden Dr. Theodor Herzl, dessen Sterbetag eben gefeiert wurde. B. K. Prag. Am 8. Juli um 11 Uhr vormittags fand im großen Saale des „Hotel Central" eine von allen zionistischen Vereinen Prags einberufene Protestversammlung gegen die