Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 470 Nr. 28 Dr. Mocb s Mocbens. ortrr. beugen, besagt: Die österreichische zionistische Landesorganisation ist als solche keine österreichisch-politische Partei. Hiemit war die Tagesordnung des Zionistentages erschöpft. Dr. Braude dankte namens des Parteitages dem Landeskomitee und besonders seinem Präsidenten Dr. Schalit für die hingebungsvolle Tätigkeit. Einige Worte des Dankes des Präsidiums an die Versammlung und die Versammlung wurde geschlossen. An den Zionistentag schloß sich dann der Parteitag der neuen Organisation an. Ins Präsidium wurden die Herren gerufen: Abg. Dr. Straucher, Dr. Schalit, Adolf Stand, Doktor Braude/ Dr. Goldmasser, Dozent Mahler, Fritz Löw, Doktor Rosenheck und Weißglas. Die Verhandlungen dieses Parteitages wurden für vertraulich erklärt. Es wurde beschlossen: 1. Die Bildung und Durchführung einer neuen politischen Organisation auf Basis von Vertrauensmännerwahlen, die an allen Orten staltzufinden haben. Zur Führung der Geschäfte wurde eine Parteileitung eingesetzt, die aus folgenden Herren besteht: Doktor Schalit, Dr. Margulies, Böhm, Dr. Weisengrün, sämtliche in Wien, Fritz Löw. Pcoßuitz; Dozent Mahler Prag: Dr. Gvldwasser, Dr. Syrop, Krakau; Adolf Stand, Dr. Reich, Lemberg; Dr. Braude, Dr. Halpern, Stanislau; Dr. Straucher, Weißglas, Czernowitz. Die Zentrale hat ihren Sitz in Wien. Die von der provisorischen Parteileitung vorgelegten Grundbestimmungen zur Ausgabe eines politischen Programmes wurden genehmigt. Schließlich gelangten noch Bestimmungen hinsichtlich der Bildung des Zentral-Wahlkomitees zur Annahme. Dr. Reich war der Sprecher des Parteitages, um Dr. Schalit für seine bisherige Tätigkeit Dank und Vertrauen der Vertrauensmänner zum Ausdruck zu bringen. Zur „politischen Orgarrisatiou der österreichischen Juden" wird uns geschrieben: Wem die politische Geschichte der letzten Jahrzehnte nicht die Augen darüber geöffnet habe, wie verkehrt die Politik war, welche die Juden in Oesterreich bisher getrieben haben, wen anläßlich der Wahlreformbewegung die zahlreichen Versammlungen, Artikel uud öffentlichen Diskussionen nicht über die Notwendigkeit belehrt haben, daß die Juden in Oesterreich jüdische Inter essen Politik machen müssen, dem konnten die letzten Vorgänge im Parlament diese Einsicht vermitteln: aus der einen Seite die von Juden gewählten „liberalen" Abgeordneten, die in der Debatte über den Befähigungsnachweis im Handelsgewerbe nicht einmal das Wort ergreifen. ans der anderen Seite der national-jüdische Abgeordnete Dr. Straucher, der fast täglich in mannhafter und energischer Weise für alle jüdischen Interessen eintritt. Was lange theoretische Erörterungen nicht vermögen, das bewirkt mit einem Zauberschlag die offenkundige Tatsache. Die Erkenntnis, daß nur eine jüdisch-nationale Poiilik die Juden in Oesterreich vor einer weiteren moralischen und wirtschaftlichen Verelendung schützen kann, bricht sich nun auch in Kreisen Bahn, die noch vor kurzem die Forderung nach jüdischer Autonomie aufs heftigste bekämpft haben. Auf dem Wege der politischen Konsolidierung der Juden in Oesterreich ist in den letzten Tagen erfreulicherweise ein wichtiger Schritt nach vorwärts gemacht worden. Anschließend an den Zivnistentag fand am 1. und 2. Juli in Krakau unter Vorsitz des Abgeordneten Dr. Straucher und des Dr. Schalit, des Obmannes der zionistischen Landesorganisation, der konstituierende Parteitag der österreichischen national-jüdischen Partei statt. Aus allen Teilen des Reiches waren Vertrauensmänner erschienen, vornehmlich war jedoch der Osten vertreten. Von 135 Delegierten waren 92 aus Galizien, 6 aus der Bukowina, der Rest aus Westösterreich. Den Hauptpunkt der Beratungen bildete die Schaffung eines Programmes. Der Versammlung wurde seitens der Einberuser ein Entwurf vorgelegt, der bis auf einige Einzelheiten vollständig dem entsprach, was von einem jüdischen Programm erwartet werden muß: daß es von großen Gesichtspunkten ausgehe und der jüdischen Eigenart entspreche. An der Spitze des Programmes steht die Erklärung, daß die Partei die nationale Einheit aller Juden der Welt und das unzerreißbare Band, welches das jüdische Volk mit seiner uralten Heimat, Palästina, verbindet, anerkennt. Als Ausfluß dieser Erkenntnis wird das Baseler Programm erklärt. Es ist nur logisch und konsequent, wenn die Zionisten als Gründer der neuen Partei dies aussprechen, um keinen Zweifel darüber zu lassen, daß sie nicht erwarten, daß die Judenfrage durch die notwendige innerpolitische Betätigung etwa in Oesterreich selbst gelöst werden könne. Das Programm, das auf den Prinzipien der individuellen Freiheit, der sozialen Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung aller Völker aufgebaut ist, fordert sodann die Lösung der österreichischen Nationalitätenfrage durch die n a t i o n a l e Autonomie, die selbstverständlich auch für die Juden verlangt wird. Eine Reihe freiheitlicher Forderungen wird aufgestellt und die kulturellen Bedürfnisse der Juden werden eingehend postuliert (Schaffung einer jüdisch-theologischen Fakultät, einer jüdischen Akademie, Lehrerbildungsseminare rc.). Im wirtschaftlichen Teil wird eine großzügige Industrie-, Handels- und Verkehrspolitik verlangt, der reaktionäre Geist unserer Gewerbegesetzgebung bekämpft, die Forderungen moderner Sozialpolitik und der Bodenreform aufgestellt rc. Der Parteitag beriet sodann über die Organisationsfragen und wählte für das erste Jahr folgende Herren in die Parteileitung : Dr. Schalit, Dr. Weisengrün, Dr. Isidor Margulies, Adolf Böhm (Wien), Doc. Dr. Mahler (Prag), Fritz Löw (Proßnitz), Dr. Goldwasser, Dr. Syrop (Krakau), Adolf Stand, Dr. Reich (Lemberg), Dr. Braude, Dr. Halpern (Stanislau), Dr. Malz (Borszyn), S. Weißglaß (Zastawna), Dr. Straucher (Czernowitz). Wenige Wochen trennen uns von den nächsten Reichsratswahlen. Es wird sich zeigen, ob all die mühevolle Arbeit von jüdisch-nationaler Seite Früchte getragen hat, ob die Juden Oesterreichs bereits politisch reif geworden sind. Ob sie endlich die primitivsten Grundsätze jeder Politik: die eigenen und nicht fremde Interessen zu vertreten, die eigenen Interessen selbst zu. vertreten und nicht durch Fremde vertreten zu lassen, befolgen werden. Traurig und beschämend wäre es, wenn die Juden Oesterreichs den wichtigen Augenblick verpassen würden, wenn man sie mangels einer eigenen Vertretung im Parlamente bei der Schaffung der nationalen Autonomie für die Völker Oesterreichs als Nation übergehen würde. Dies w.irde einen vernichtenden Schlag auf Jahrzehnte hinaus bedeuten. Wir wollen aber vorläufig nicht so pessimistisch sein uud hoffen, daß die Juden Oesterreichs so klug sein werden, endlich ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ex profundis . . . Die Judenheit befindet sich gegenwärtig in den Tagen, welche von altersher mit den den Klageliedern entlehnten Lorten: „Zwischen den Bedrängnissen" bezeichnet werden. Sie erwecken die Erinnerung an den Untergang Jerusalems und an die zahllosen Blutzeugen, welche die jüdische Literatur mit dem Epitheton „heilig" auszeichnet. Jede nicht ganz verderbte und entartete jüdische Seele überläßt sich um diese Zeit trüben Betrachtungen, ohne jedoch blutrünstige Rachegefühle zu nähren. Aber nicht lange verweilen wir bei dem historischen Rückblick auf längst entschwundene Zeiten und bei dem Prophetenwort : „Von Norden her bricht das Unheil heran", denken wir nicht allein an das der Vernichtung anheimgefallene Babylonien, sondern noch mehr an den nordischen Moloch, welchem soeben schon wieder das Blut zerfleischter jüdischer Eltern und ihrer Kinder geopfert wurde. Der 21. Siwan bedeutet einen neuen Tag tiefster Trauer in unserer Geschichte und vom Genius unseres Stammes gilt wieder die erschütternde Klage: „Er weint im Dunkel der Nacht und seine Zähre rollt über sein Angesicht, denn kein