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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-13 · 28 (13.7.1906) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nl. 28 Dt. Blocb s MocdenscdriN. Seite 469 an diesen Fürsten des Golus. Sein Freund Wolffsohn hat das große Erbe angetreten. Wir leisten ihm treue Gefolgschaft und würdigen seine Arbeit als die Arbeit eines ernsten, strebsamen, energischen und klugen Mannes, der in schweren Zeiten zur Führung eines steuerlosen Schiffes berufen wurde. Unser Gruß an ihn ist unsere heutige Tagung, von der wir eine mächtige Fortentwicklung des zionistischen Gedankens in Oesterreich erwarten. Unsere Arbeit ist eine zionistische, festgerichtet auf das unverrückbare Ziel: Zion. Unser Programm ist das Baseler Programm und in seinem Geiste schaffen wir, wenn wir die Worte unseres großen, verklärten Meisters beherzigen: „Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland". (Lebhafter, lang anhaltender Beifall.) Da nach dem Statut den Mitgliedern der Parteileitung nicht gestattet ist, die Verhandlungen der Parteitage zu leiten, mußte zur Wahl eines Präfidiums geschritten werden. Ins Präsidium wurden gewählt: Bechert-Teplitz, Dr. Salz-Tarnow, Dr. Silbermann-Neusandez; als Schriftführer wurden die Herren Dr. Meisel, Böhm, Dr. Syrop, Dr. Sußmann gewählt. Dr. S ch a l i t erstattete hierauf sein Referat. Er sagt: „Wenn die Zionisten die so oft aufgeworfene Frage, ob fie als Zionisten zur innerösterreichischen Politik Stellung zu nehmen haben, nun wiederholen, so geschieht es aus dem Grunde, weil die Situationen für die Juden in Oesterreich eine sehr kritische geworden ist, weil das Haus, in dem die Juden wohnen, Sprünge zeigt, weil es in seinem Gebälk knistert und weil Zimmerleute einziehen, um das Haus vom Grund auf zu renovieren und weil es da kommen kann, daß man das bischen Luft und Licht den Juden aus ihrer Wohnung nimmt. Wenn es sich um die Frage der Neugestaltung Oesterreichs handelt, das auf der Basis der nationalen Verständigung ein neues modernes Oesterreich werden soll, dürfe das jüdische Volk nicht abseits stehen, sondern muß die Politik machen, die ihm durch den Zwang der Verhältnisse vorgeschrieben sei. Was die Juden in Oesterreich bisher getan haben, war schlecht, ihre Politik war eine falsche, denn der Anschluß an die fremdnalionalen Parteien hat ihnen nicht das gewünschte Resultat bringen können, im Gegenteil zog man die Juden nur in den nationalen Kampf mit hinein. Der Anschluß der Juden an das deutsche Volk in Oesterreich ist ja begreiflich, denn die Juden kamen ja mit deutscher Kultur aus den Ghettis des Mittelalters. Zudem ist ihnen das deutsche Volk der Träger des freiheitlichen und fortschrittlichen Gedankens. Aber die Juden gingen über diese Sympathie weit hinaus und nahmen aktiven Anteil an der chauvinistischen Hetzpolitik. Das deutsche Bürgertum, das ihnen 1867 die Emanzipationsgesetze gegeben hatte, dankte ihnen für die Unterstützung durch Inszenierung der antisemitischen Bewegung. Die Deutschen waren es hauptsächlich, welche die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze negieren. Sie machen die öffentlichen Aemter unzugänglich für die Juden, durch ihre Schuld hauptsächlich wird der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte vom Religionsbekenntnisse abhängig gemacht. Dem deutschen Bürgertum hauptsächlich haben die Juden die reaktionäre, wirtschaftliche Gesetzgebung der letzten Jahre zu verdanken. An diesen Mißerfolgen der jüdischen Politik hat auch ein Frontwechsel der Juden in den letzten Dezennien nichts ändern können, denn die neue Spielart, die entstand, Polen und Tschechen mosaischer Confesfion, lieferte nur eine Übersetzung der deutschnationalen Politik ins Polnische oder Tschechische. Es gibt wohl heute keinen Juden, welcher das Debacle der ganzen Judenpolitik in den letzten vier Dezennien nicht erkennen wollte, denn die Politik, die die österreichischen Juden zu machen haben, liegt auf der Hand. Es kann nur die Politik Adolf Fischofs sein, eine Politik der Versöhnung zwischen allen Völkern dieses Reiches auf Grund eines demokratischen und autonomistischen Programmes. An dieser Politik teilzunehmen, find die Juden und vor allem die Zionisten verpflichtet. Redner schließt mit dem Appell an die Delegierten, mit derselben Begeisterung an das neue Werk zu schreiten, mit der die Juden Rußlands an den Verfaffungskämpfen teilnehmen. Der zweite Referent Dr. Margulies (Wien) unterstützte das Referat des Dr. Schalit und legte im Aufträge der Parteileitung folgende Resolutionen zur Annahme vor: Die österreichische, zionistische Landesorganisation begrüßt die Gründung einer neuen politischen Organisation auf jüdisch-nationaler Basis, da bei den gegenwärtig in Oesterreich herrschenden Berhäliniffen ein politischer Zusammenschluß der österreichischen Juden auf national-jüdischer Bafis geeignet ist, dieselben wirtschaftlich und moralisch zu stärken, ihr Volksgefühl zu kräftigen, ihre Beziehungen zu den übrigen zu klären, und auf eine gesündere Grundlage zu stellen, und insbesondere auch die Anerkennung der nationalen Existenz des jüdischen Volkes und dessen volle Gleichberechtigung mit den übrigen Völkern durchzusetzen. Ein solcher politischer Zusammenschluß der österreichischen Juden erscheint somit als ein wichtiges Mittel zur Erreichung des zionistischen Endzieles. Diese Bedeutung kann einer jüdisch-politischen Parteibildung nur zugesprochen werden, wenn sie wirklich auf streng nationaler jüdischer Bafis erfolgt. Als national-jüdisch kann aber nur angesehen werden, wer die nationale Einheit aller Juden der Welt, sowie das unzerreißbare Band, welches das jüdische Volk mit seiner uralten Heimat verknüpft, anerkennt. Der Zionistentag erwartet, daß die zu gründende politische Partei von Personen geleitet werden wird, welche als gewählte Vertrauensmänner der zionistischen Organisation für eine streng jüdisch-nationale Gesinnung die Gewähr leisten. Der Zionistentag erwartet, daß das Programm der zu gründenden politischen Partei nicht nur nationale Forderungen enthält, sondern entsprechend altjüdischer Tradition und im Geilte des Zionismus auch sozial fortschrittlich und österreichisch sein wird, denn die nationale Einheit aller Juden der der Welt steht in keinem Widerspruche zur Staatsidee und zu den Staatsinteressen der einzelnen, von Juden bewohnten Ländern und berührt keineswegs die Rechte und Pflichten der Juden gegenüber ihrem Staate. Der Zionistentag erwartet, daß das Programm der zu bildenden politischen Partei in seinen einzelnen Bestimmungen ein solches sein wird, daß es den Jntereffen und Bedürfniffen der breiten Masse des jüdischen Volkes entsprechen wird, betont jedoch gleichzeitig, daß, wenn die österreichischen Juden zum erstenmale es unternehmen, sich selbständig und auf jüdischnationaler Grundlage politisch zu betätigen, vor dem allgemeinen national-jüdischen Jntereffe alle anderen Erwägungen in den Hintergrund treten sollen. Der Zionistentag erwartet daher, daß die politische Partei aller österreichischen Zionisten sich auch dann anschließen wird, wenn fie in diesem Programm nicht gleich den vollen Ausdruck ihrer besonderen wirtschaftlichen Interessen, kulturellen Bedürfniffe und politischen Ueberzeugung finden sollten. An diese Referate schloß sich eine äußerst lebhafte, mitunter stürmische Diskussion an, die den ganzen ersten Tag ausfüllte. Eine große Minorität, geführt von den bedeutendsten und ältesten Zionisten in Galizien, den Herren Stand, Doktor Braude, Dr. Reich, vertrat mit besonderem Nachdruck den Standpunkt, daß die neue Partei unbedingt eine zionistische Partei sei und daher die zionistische Firma tragen müsse. Dieser Opposition stand ein andere, sehr kleine Gruppe gegenüber, welche mit Beharrli,' üt das Prinzip verfocht, die Politik gehe die zionistische Bewes .ng nichts an, die zionistische Organisation Oesterreichs habe daher überhaupt keine Stellung zur innerpolitischen Aktion einzunehmen, jedem Zionisten muß als Privatperson politische Beteiligung fteigestellt werden, es seien somit die von der Parteileitung vorgelegten Resolutionen abzulehnen. Diese Gruppe ward vertreten von Dr. Leopold Kahn, Dork-Steiner und noch einigen wenigen. Das Resultat der eintägigen Debatte war schließlich die fast einstimmige Annahme der vom Referenten vorgeschlagenen Resolutionen, dazu kam noch als erste Resolution eine These, die, um absichtlich hervorgerufenen Mißverständnissen vorzu-

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