Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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!>tr. ‘>8 fanatismus für ihre Zwecke zu entfachen und vor Greueln, wie sie sich jetzt in Kiew, Homel und Bjelostok vollziehen, nicht zurückgeschreckt. Man wird wahnsinnig, wenn man denkt, daß Menschen gegen Menschen so wüten. Wie lange aber werden sich noch die Machthaber und Staatsmänner Europas zu Mitschuldigen machen? Denn Mitschuldige sind sie und werden es bleiben, solange die Schmach des Antisemitismus nicht getilgt ist. Wir haben in Oesterreich einen Politiker, Dr. K r a m a r s ch (Stürmische Pfui-Rufe! Er will Botschafter in Petersburg werden) und dieser Dr. Kramarsch hat den Juden die Schuld gegeben. (Erregte Zwischenrufe.) Es ist wahr, jüdische Arbeiter stehen in der Mitte der kämpfenden Revolutionäre, aber man kann sagen, daß neun Zehntel der russischen Juden von der Revolution nichts wußten, sondern ruhig leben und hungern wollten. Und ein Dr. Kramarsch wagt es, über die Revolution so wegwerfend zu reden, er, der ohne unsere Revolution noch ein böhmischer Robottbauer wäre. Daß eine solche Aeußerung von einem führenden Politiker fallen konnte, beweise den kulturellen Tiefstand Oesterreichs. Die Ethik ist es, die uns heute zusammenführte und namens der „Ethischen Gesellschaft" bin ich auch hier erschienen. Dr. Ofner bringt sodann die folgende Resolution zur Verlesung: „Die Versammlung spricht ihr tiefes Mitgefühl mit den Opfern der unmenschlichen Metzeleien in Bjelostok und anderen Orten Rußlands und ihre Empörung über deren Urheber aus. Es ist ihre Ueberzeugung, daß die Roheit und der ethische Tiefstand, der sich in diesen empörenden Greueltaten kundgibt, mit der politischen Unterdrückung des Volkes in engstem Zusammenhang steht und daß nur von einer kräftigen, tatfesten Vertretung des Volkes eine Besserung zu erwarten ist. Sie begrüßt das Auftreten der Duma, wendet sich aber zugleich an die fühlende Menschheit aller Länder, sich in einem flammenden Proteste gegen derartige Freveltaten zu vereinigen." Dr. Ofner beantragt, die Duma, die wie ein Fels in der Brandung emporrage, von dieser Resolution in Kenntnis zu setzen. (Stürmischer Beifall.) Abg. v. Wassilko, von lebhaften Zurufen begrüßt, spricht sein Bedauern darüber aus, daß slavische Abgeordnete dem Zarismus ihre Sympathien ausdrücken. Das sei eine Folge der Begriffsverwirrung, das russische Volk mit dem Zarismus zu identifizieren. Die Ruthenen denken ganz anders. Sie wissen, daß 25 Millionen Stammesgenossen vom russischen Zarismus kaum minder geknechtet werden, als die russischen Juden. Darum gehören alle unsere Sympathien der russischen Revolution. Der einzige Bukowinaer Landtag war es, der unter allen österreichischen Vertretungskörpern einstimmig seine Entrüstung über die Petersburger Vorkommnisse der Oktobertage des vergangenen Jahres ausgesprochen hat. In der an Rußland grenzenden Bukowina leben Juden und Christen in größter Harmonie. Es ist nur zu bedauern, daß solche Versammlungen so sporadisch Vorkommen; dennoch werden sie hoffentlich ihren Eindruck nicht verfehlen. Abg. Graf Sternberg sagt: Ich lin nicht hieher gekommen, wie die meisten der übrigen Herren, die, auf einem bestimmten Jnteressenstandpunkte stehend, ihr Verhalten von der Freundschaft des Judentums abhängig machen. Diese Worte erwecken lebhaften Widerspruch, und es bedarf des Eingreifens des Vorsitzenden, dem Redner Ruhe zu schaffen. Graf Sternberg fährt fort: Ich bin Agrarier und habe unter meinen Wählern lauter Bauern und keine Juden. Als einziger habe ich im Abgeordnetenhause beim Präsidium eine Protestkundgebung wegen der russischen Greuel angeregt und deswegen sogar Unannehmlichkeiten in meinem Wahlkreise gehabt. Das kann mich aber nicht hindern, frei meine Meinung zu sagen, und es hat mich nur in der Absicht bestärkt, hieher zu kommen. Es muß eine Solidarität der Unterdrückten geben. Wenn Sie verlangen, daß ich mich Ihrem Proteste anschließe, so dürfen wir auch nicht umsonst an Sie appellieren, wenn es den unterdrückten slavischen Nationen gilt. Nur in der Solidarität der Unterdrückten liegt die Möglichkeit der Hilfe. (Beifall.) Seite 467 Reichsratsabgeordueter S t r a u ch e r saßt in eindrucksvollen Worten das Ergebnis der Versammlung zusammen, die einen mächtigen Protest gegen die russischen Greueltaten und die Verhimmler dieser Schandtaten bedeute. Er verkündet unter stürmischem Beifall die einhellige Annahme der Resolution und bittet die Erschienenen, den Flugzetteln, die zu Demonstrationen vor der russischen Botschaft auffordern, kein Gehör zu schenken. Der würdige Verlauf der Versammlung dürfe kein gegen die gesetzlichen Vorschriften verstoßendes Nachspiel haben. Hierauf wurde die Versammlung geschlossen. Die geplanten Demonstrationen vor der russischen Botschaft find, wie uns um Mitternacht gemeldet wird, unterblieben. Eine Kundgebung gegen die Rede des Delegierten Kramarsch über die Massakres in Rußland. Gegen die bekannte Rede des Abg. Dr. K r a m a r s ch in der österreichischen Delegation hat bekanntlich das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde im Wege einer Petition den Protest eingelegt. Die nunmehr vorliegende Petition hat folgenden Wortlaut: Hohe Delegation! In der Sitzung der hohen Delegation des Reichsrates vom 23. Juni l. I. hat der Delegierte Herr Dr. Kramarsch unter Bezugnahme auf eine Rede des Herrn Delegierten Doktor Straucher über die Juden in Rußland Angaben gemacht, welche geeignet sind, die russischen Juden in einem ungünstigen Lichte darzustellen, und den Anschein erwecken, als ob die Juden an den furchtbaren, unmenschlichen Greueltaten, die an ihnen verübt wurden, selbst schuldtragend seien. Zur Steuer der Wahrheit bittet der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, die nachfolgenden Mitteilungen hochgeneigtest zur Kenntnis nehmen zu wollen. Es mag sein, daß unter den nach Hunderttausenden oder Millionen zählenden Revolutionären in Rußland auch Juden mitzählen. Es ist aber eine von den russischen Machthabern zur Beschönigung der barbarischen Metzeleien propagierte Erfindung, daß „die Juden in Rußland unter den Revolutionären die erste Rolle spielen". Schon der Hinweis auf weite Schauplätze der größten revolutionären Erhebungen — Petersburg, Moskau, die Ostseeprovinzen rc., wo Juden nicht wohnen und sich nicht aufhalten: der Hinweis auf die unter der Teilnahme von Tausenden veranstalteten Revolutionszüge unter Boraustragung des Kreuzes müßte genügen, um die Unrichtigkeit der Ausführungen des Herrn Dr. Kramarsch zu kennzeichnen. Gegen die planmäßigen, räuberischen und mörderischen Angriffe der durch die öffentliche Autorität, durch Polizei und Militär geschützten Bande der Hooligans mußten die Juden in ihrer äußersten Bedrängnis zur Selbsthilfe schreiten, eine Abwehrvereinigung bilden, und diese ist es, welche heute von der russischen Regierung auch unter die revolutionäre Bewegung eingereiht wird. Vor 25 Jahren, in den Jahren 1881/83, begannen in Rußland die neuzeitlichen Pogroms gegen die Juden. Damals war von einer weiter reichenden revolutionären Bewegung in Rußland oder gar von einer Teilnahme der Juden hieran nicht die Rede. Damals weilte ich, der gefertigte derzeitige Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, persönlich als Delegierter sämtlicher europäischer Hilfsvereinigungen wochenlang an der russischen Grenze, und dankbar gedenke ich noch heute der moralischen Unterstützung, welche die hohe k. k. österreichische Regierung mir in meinem Liebeswerke zuteil werden ließ. Vor meinen Augen sehe ich die Scharen russischer Flüchtlinge, welche, Hab und Gut preisgebend, sich vor den Mörderbanden rettend, Hilfe flehend sich an uns wandten, nicht selten noch knapp vor der österreichischen Grenze ihr Letztes hingeben mußten Seither sind die russischen Pogroms eine regelmäßig wiederkehrende Erscheinung geblieben. Bekannt ist auch die unmenschliche Behandlung der russischen Juden ex lege; ihre Zuiammenpferchung in einem Ansiedlungsrayon, wo sie mangels an Erwerbsquellen dem namen- Dr. Dlocb's Mocdenscvrm.