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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-13 · 28 (13.7.1906) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 466 Dr. Llocv's MocvensLdrm. Nr. *8 der ja das Gute will, und es wird, trotz allen Widerstandes des alten, sich durchsetzen; dann wird Rußland der Welt ein Beispiel von Freiheit und Duldsamkeit geben, wie jetzt schon seine Duma manchen anderen Parlamenten ein Beispiel gibt sür Größe der Auffaffung, Würde des Tones und Entschlossenheit der Aktion. Dem Bialystoker Massakre gegenüber hat die Duma ihre volle Pflicht getan, und ihrem energischen Auftreten ist es zu danken, daß es jetzt klar liegt vor den Augen der Welt, wie und von wem solche ..unwiderstehliche, elementare" Ereignisse gemacht werden. Hat doch neulich unser „Deutsches Volksblatt" geleitartikelt, daß Bialystok nicht verabscheuungswürdiger sei als zum Beispiel das Erdbeben von San Francisco; solche Dinge müssen eben von Zeit zu Zeit kommen, naturgebotene Ereignisse sind es. Diese Fabel hat Bialystok weggeräumt. Man muß nun sein Urteil dem wirklichen Sachverhalt, den wirklichen Organisatoren gegenüber aussprechen, und dadurch, Gott sei Dank, wird dieses Urteil auch einmütiger, lauter, allgemeiner ein verdammendes. Damit geht die Welt wieder ein Stückchen vorwärts, denn das Verdammen alt eingewurzelter Schlechtigkeiten und Torheiten geht ihrer Ueberwindung voran. Darum, es kann nicht genug Proteststimmen geben in einem solchen Fall. Nicht nur gegen das Verurteilte, sondern auch gegen die, die sich — sei es aus Feigheit, sei es aus Gleichgiltigkeit, sei es aus stiller Uebereinstimmung — dem Protest nicht anschließen. Präsident Roosevelt und mit ihm die ganze Intelligenz der Vereinigten Staaten haben wieder einmal eine schöne Pflicht erfüllt, indem sie ihrem Abscheu öffentlichen Ausdruck geben. Viel zu wenig wird noch in Europa solcher Abscheu bekundet. „Ich sehe wieder einige, die nicht da find", klagte einmal ein Profeffor in schwachbesuchtem Hörsaal. Und ich horche auf und höre wieder gar viele, die schweigen. Besonders an jenen hohen Stellen, von wo die Stimmen weithin schallen könnten. Es sind immer nur die gleichen paar machtlosen Ethiker, die sich schon seit Jahren zusammenfinden, wenn es gilt, gegen Teufelsinsel-Verbannungen, Konzentrationslager, Armeniermetzeleien, Gorki-Einkerkerungen und ähnliches zu protestieren; — aber wo bleibt ihr, Führerder Staaten, Lenker der Völker, Träger der Kronen? Keine Ministerrede, keine Thronrede nach dem Madrider Attentat, worin nicht im Tone tieffter Trauer und Empörung der verruchten Bombe gedacht worden wäre. Aber der organisierten Metzelei in Bialystok gegenüber hüllen sich die sonst redeeifrigsten, kondolenzbefliffensten Machthaber in Schweigen. Ist das nur Hartherzigkeit? Ich glaube nicht. Es gibt auch hier einen „zureichenden Grund". Das Pogrom ist eben ein Glied jener Kette, die noch die polttische Welt umschlingt, ein Teilchen ist's des Gewaltsystems, das auf Nagaiken, Maschinengewehren und Haubitzen das Wohl und die Ordnung der Staaten stützt, mit Ausschluß aller Regungen des Mitleids. An diesem System wollen sie nicht rütteln lassen, die Mächtigen, geschweige denn selber rütteln, bis zu dem Tage, an dem die erwachenden Völker streiken werden, an dem die Kosaken erklären, daß sie nicht Wetter prügeln wollen, oder bis — auch dieser Tag dämmert schon — die Machthaber selber das alte System abschwören. Unterdessen schweige keiner, der rufen kann, wenn seine Stimme auch weiter nichts bewirkt als das Anschwellen des Chors; niemand unterdrücke den Aufschrei seines Herzens, denn die Güte — die Herren Realpolitiker mögen dies noch so überlegen belächeln —, die Güte wird doch das letzte Wort haben in der einstens wirklich gesitteten Welt. . („Zeit".) Protestrrersarninlrrng gegen die Metzeleien in Rußland. Am 5. Juli, abends, fand im Saale des „Hotel Post" eine Protestversammlung gegen die Metzeleien in Rußland ftatt,1 die bekanntlich von einem Komitee, dem unter anderen hervor-! ragenden Per'ynlichke'ten Profeffor Dr. Eduard S u e ß, Hofra' Professor Dr. Ernst Mach und Hofrat Paul Freiher v. H o ck angehörten, einberufen worden war. Die Versammlung, die einen Massenbesuch aufzuweisen hatte, gestaltete sich zu einer ebenso würdigen wie eindrucksvollen Kundgebung. Schon lange vor dem für halb 9 Uhr festgesetzten Beginn der Versammlung waren Parterre und Gallerte des großen Saales im „Hotel Post" bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Auf der Estrade hatten sich unter anderen eingefunden: Die Abgeordneten N o s k e, Dr. Ofner, Graf Sternberg, Dr. Straucher und Nikolaus Ritter v. W a s s i l k o, die Universitätsprofessoren F o u r n i e r und I o d l, die Gemeinderäte Dr. A. v. Dorn und Dr. Hein, Dr. Kronawetter, kaiserlicher Rat Sachs, Bezirksschulrat Dr. Spitzer und Ortsschulrat Fuchs. Ihr Fernbleiben hatten Freiherr v. Doblh o f f. Abg. W r a b e tz, Professor Dr. Z a m b o n i entschuldigt. Dank und Sympathie sprachen telegraphisch der Verein der Fortschrittsfreunde und die Repräsentanz der Landesjudenschaft des Königreiches Böhmen aus. Der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern hat nachstehendes Telegramm gesandt: „Dem Vorsitzenden der Protestversammlung in Wien, „Hotel Post". Durch Krankheit verhindert, der Protestversammlung beizuwohnen, sage ich deren Einberufern herzlichsten Dank. Möge die Stimme so hervorragender, ausgezeichneter Männer, hier wie in Deutschland, möge der allgemeine Aufschrei tiefster Empörung über die Judenmetzeleien Widerhall finden in dem Gewissen der russischen Machthaber!" . > Reichsabgeordneter Dr. Straucher eröffnete die Versammlung und schlug Dr. Kronawetter als alten Freiheitsmann zum Vorsitzenden vor. Von lebhaftem Beifalle begrüßt, sagte Dr. Kronawetter: „Ein Volk von hundertfünfzig Millionen führt einen Freiheitskampf, wie er ohnegleichen in der Weltgeschichte dasteht. Mit einer Selbstaufopferung, der nur die größten Heldentaten des Altertums an die Seite gestellt werden können, wird um die höchsten Güter der Menschheit gerungen. Es ist ein furchtbarer Kampf auf Leben und Tod. Die Reaktion weiß das und zittert, scheut aber deswegen auch vor keinem Mittel zurück. Sie überbietet sich in Greueln der scheußlichsten Art. Die Großfürstenpartei hat die „Schwarzen Banden" ausgerüstet und patronisiert deren Schandtaten. Mit den unmittelbaren Werkzeugen, die, vom Branntwein benebelt, gleich wilden Bestien wüten, dürfe man nicht einmal am strengsten ins Gericht gehen. Sie sind die Hefe des unwissendsten Pöbels und wissen nicht, was sie tun. Verantwortlich der gesitteten Menschheit sind ihre Lenker. Wir stehen nicht auf einem konfessionellen Standpunkte, wenn wir gegen die vorgekommenen organisierten Massenmorde protestieren, wir erheben ebenso die Stimme, wenn zwanzigtausend Chinesen in den Amur getrieben oder Jahr für Jahr Tausende von katholischen Armeniern massakriert werden. Alles das geschieht im Reiche des Zaren und mit Wissen, mit Unterstützung seiner Regierung! Was aber die größte Schmach bildet, ist, daß sich Finanzkräfte finden, die einer solchen Regierung Geld, die ungeheure Summe von zwei Milliarden borgen, lStürmische, sich immer wieder erneuernde Rufe: Pfui Tauffig!) Leute, die Geld einer solchen Regierung geben, machen sich zu Mitschuldigen der Untaten. In den Parlamenten Englands und Frankreichs wurde energischer Protest gegen die Metzeleien erhoben. Erfreulicherweise hat sich auch in unseren Vertretungskörpern eine mannhafte Stimme gefunden. (Rufe: Bravo Straucher!) Diesen Kundgebungen möge sich die heutige Versammlung machtvoll anschließen." (Stürmischer Beifall.) Das zufällig in Wien weilende Mitglied des Exekutiv- , komitees des großen London Russish Jewish Committee Herr )!Karl Stettauer schilderte in wirkungsvoller Rede die Ein- 'r drücke, die er im Herbst in Rußland empfangen habe, wo er jU'jljtdj durch eigenen Augenschein von den entsetzlichen Zuständen ^überzeugte. Die an grauenerregenden Details reiche Erzählung Mwes Redners übte tiefen Eindruck auf die Versammlung. I! Abg. Dr. Ofner führte aus, daß die blutigen Vor- Htg'iuge in Rußland auf politische und religiöse Gründe zurückzu- W.ihren sind. Die Kirche habe es immer verstanden, den Volks-

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