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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-13 · 28 (13.7.1906) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Llocv s MlocvenscvrM. Seite 465 als Quacksalber. Unter der Benennung „^ruitewent des Chartreux“ wurde ein Schwindelmittel in den Handel gebracht zur Heilung aller möglichen Schmerzen. Es wurde ein Prior Namens „Dom Marie" erfunden, auf dessen Untirzc. .'ft jeder Käufer, der keine Falsifikation kaufen wollte, „best?... zu achten" hatte. Endlich war das Mittel gefunden, das jeder gute Christ beruhigt kaufen konnte und bei dem keine ruchlose Judenhand mit im Spiele war. Und das Geschäft ging glänzend, die Gläubigen kauften die Mixtur und Drumont ward zum reichen Manne daran. Die Karthäuser selbst protestierten gegen den Mißbrauch ihres Namens, aber sie trauten sich nicht, Drumont anzugreifen. In diesem Stil geht das Guerinsche Buch auf 500 Seiten weiter. Die Blumenlese wird aber wohl genügen, damit sich jeder eine richtige Vorstellung über das Gesindel rund um den französischen Antisemitismus machen könne. Die Enthüllungen dieses Bravos bilden eine interessante Begleitmusik zum neuen Dreyfus-Prozeß, in dem der Staatsanwalt dem militärischen Antisemitismus mit rücksichtsloser Unbarmherzigkeit an den Leib geht und wenn auch Guerin lediglich ein persönliches Rachebedürfnis befriedigt, um der Bande der Zivilantisemiten die Maske vom Gesicht zu reißen, so sind seine Indiskretionen nicht weniger ein Bestandteil des Bordereau, aus dessen Grundlage die ruhig erwägende historische Kritik späterer Tage die Bewegung aburteilen wird, die von ihren Gründern (man darf das Wort hier in jeder Bedeutung nehmen) als Quelle der moralischen Wiedergeburt Europas angepriesen worden ist. Paris, Ende Juni. Leo Szemere. Kialystok. Von Berta v. Suttner. Wieder einmal geht der bekannte Entrüstungssturm durch die „gesamte gesittete Welt". Als ob sie überhaupt gesittet wäre, unsere Welt! In ihrer Gesamtheit steht sie im Zeichen des Totschlages, und ihr kommt es nicht zu, Verdammungsrufe auszüstoßen,' wenn irgendwo einzelne Ausbrüche des allgemein geltenden Systems auf allzu, rohe Weise die Empfindlichkeit der Zeitgenossen ausschrecken. ' lättiUjt dauert die Entrüstung ohnehin nicht an. Hat man nur durch ein paar Tage (solange die Telegraphenbureaus in den Zeitungen darüber berichten) genügend „ach" und „o" geseufzt, genug Eigenschaftsworte aus der Gruppe „fürchterlich, schrecklich, entsetzlich" in das Tagesgespräch gestreut; schwingt man sich gar zu öffentlichen Kundgebungen, Resolutionen und Protestversammlungen auf, von den Wohltätigkeitsspenden zugunsten der Opfer gar nicht zu reden, so genügt die erste vom Tatort eingetroffene Meldung: „Die Ruhe ist wieder hergestellt", um auch die Gemütsruhe der gesamten gesitteten Welt wieder herzustellen. Waren denn die Begebenheiten von Kischenew, von Homel, von Odessa weniger abscheulich als jene von Bialystok? Hat das Verhalten der Mitwelt den früheren gegenüber dem letzten vorgebeugt, und hat sich die inzwischen eingetretene Beruhigung nicht als unbegründet erwiesen? Das Verdammen einzelner Giftblüten frommt gar nichts, wenn man weiter den Giftbaum pflegt — und noch dazu andere Blüten desselben Baumes als nützliche Medikamente preist. Da man das Morden, das Massakrieren, das Ausrotten als Mittel zur Erreichung politischer Zwecke allgemein gelten läßt, kann man einzelne Metzeleien nicht wirksam durch mitleidige und empörte Proteste bekämpfen. Daß aber solche Proteste und solche Mitleids- und Zornesregungen sich erheben, ist wenigstens als ein günstiges Zeichen dafür zu betrachten, daß die Welt langsam im Begriff steht, sich zu wandeln, daß das Totschlagsystem, auf dem die ganze politische Weltordnung aufgebaut ist (ruht doch der internationale Verkehr und sogar der sogenannte Frieden auf Menschenleibzerstücklungsinstrumenten), doch schon ins Wanken gerät. Die lange Geschichtsepoche, die seit Kain bis auf heute reicht, will einer neuen weichen, deren Kommen sich zwar noch nicht durch Aufheben von Mord und Gewalt dokumentiert, wohl aber durch deren immer häufigere Verdammung. Schon seit langem sträubt sich das erwachende Menschentum gegen die Mordsitte; — am Berge Sinai ward dieses Sträuben in ein Gebot gefaßt, das gegenwärtig in allen Katechismen und in jedem Gesetzbuch verzeichnet, daneben aber in jedem Militärreglement und in den Spalten aller Hetzblätter wieder aufgehoben wird. Die Handlung des einzelnen, der sich am einzelnen vergreist, die ist als Meuchelmord schon allgemein verpönt, und man ist durch die Gerichte und durch die moralische Achtung so ziemlich dagegen gesichert; nur das in Massen auftretende Töten, sei es nun als Krieg, als Revolution, als Repression oder als Pogrom, das wird teils entschuldigt, teils verherrlicht — die daran Beteiligten schöpfen von sich selber ihre Berechtigung in der herrschenden Anschauung, daß politische oder überhaupt große allgemeine Zwecke nicht anders erreicht werden können als durch gewaltsame Ausrottung der gegnerischen Menge. Haß und Grausamkeit gehören notwendig dazu. Daher werden diese gezüchtet und aufgestachelt. Auch dabei — der erkorene Zweck entsühnt es ja — werden die niedrigsten Mittel nicht gescheut: ausgestreute Lügen, Hetzschriften, Branntwein . . . Kollektivverbrechen werden nicht als Verbrechen erkannt, und die in ihrer Ausführung begangenen Schandtaten entziehen sich der gesetzlichen oder moralischen Verurteilung, denn sie find nur Requisiten. Auch die Philosophen „des zureichenden Grundes" find immer bei der Hand, um Erscheinungen wie die Bialystoker Metzeleien zu erklären und zu motivieren. Dabei überhebt man sich der immerhin unbequemen Emotion der Entrüstung — wissenschaftliche Betrachtung hat das Recht, kühl zu sein. „Nun ja", hieß es, „die ruffischen Juden find die ärgsten Revolutionäre, es ist daher natürlich, daß sich der Groll der loyalen Bevölkerung — bei der sie ohnehin wegen jahrhundertealter Wucher- und Betrugssünden verhaßt find — gegen sie wendet." Man übersieht dabei, daß vielleicht nur ein zwanzigster Teil aller russischen Revolutionäre Juden find, daß diese aber, die am ärgsten Bedrückten und Entrechteten, zwanzigmal mehr Ursache als andere zu verzweifelter Auflehnung hatten. Anfangs lag der Erklärungsgrund noch näher. Die erste Nachricht vom Bialystoker Massakre war in allen Blättern mit der Meldung verbunden, daß aus einem jüdischen Haus eine Bombe in die Prozession geschleudert wurde. Solche Provokation, die gleichzeitig ein Sakrilegium war, mußte doch den Zorn der Christen entfesseln. Diese bequeme Erklärung, die stets von den Liebhabern des Pogroms (solche finden sich in den extrem antisemitischen Kreisen aller Länder) verbreitet worden ist, wurde aber diesmal durch die rasche Untersuchung und freimütige Veröffentlichung des Tatbestandes seitens der Duma zunichte gemacht. An sich wäre aber jene Erklärung auch nicht stichhältig. Denn vorausgesetzt, es hätte wirklich ein Jude ein solches Attentat verübt, so ist das doch kein Grund zur Niedermetzelung der Judengemeinde. Der Bombenwerser in Madrid zum Beispiel war ein Christ, wäre das eine Ursache zur Christenversolgung? Nur geächtete Minoritäten find jener stellvertretenden Rache ausgesetzt, die unter allen Umständen dem Prinzip der Gerechtigkeit ins Gesicht schlägt. Ueberhaupt, das Verständnis für Verantwortlichkeit mangelt der Maffe. Sie verurteilt immer, in Gruppen. Wo irgendein Fehler oder Verbrechen vorliegt, wird immer die ganze Gemeinschaft, der der betreffende Aergernisgeber angehören mag, mitgefaßt und mitgestraft. Je weiter die Gemeinschaft, desto ungerechter ist dieses Verfahren; aber es verurteilt und schimpft sich so gut mittelst Verallgemeinerung. Klaffen, Stände, Nationen muffen herhalten für die Sünden der einzelnen, obwohl diese Sünden sich auf alle Klassen und alle Nationen verteilen. Was da in Rußland geschehen, darf man nicht abtun mit einem entrüsteten: „O, diese Russen!" Jetzt hat es sich ganz deutlich gezeigt, daß Pogrome nicht der Ausbruch russischer Volksroheit find, sondern ein Auskunftsmittel reaktionärer Gewaltanmaßung, ein Ding, das noch in gar vielen Ländern verbreitet ist, wenn vielleicht auch nicht so mächtig wie in Rußland, wo noch bis vor kurzem ein anderes Regime gar nicht bekannt war. Das andere Regime ist aber jetzt in Rußland entstanden, teils aus der Revolution heraus, teils aus der Entschließung des Zaren,

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