Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 464 Dr. Llocb's Mocbenscbrtn. srr. 28 Das nächste große Werk Drumonts war die Gründung der „Libre Parole". 1892, als sich die Pöbeldemagogie der zweiten Boulange von den Höhen der Vorstadt La Billette allmälig auf die Stadt Paris niederließ und das Gesicht der Bourgeois wieder einmal langsam, aber sicher verdunkelte, war die Zeit gekommen, ein rein antisemitisches Kampfblatt zu gründen. Und da es nicht unbedingt nötig war, daß dieses rein antisemitische Blatt auch zugleich ein reines antisemitisches Blatt, so waren bald die hauptsächlichsten Persönlichkeiten gefunden, auf die es bei einer solchen Gründung ankommt. Die Aktien wurden gezeichnet, die erste Nummer des Blattes erschien und auf der Manschette prangte stolz die neue Devise, die alle antisemitischen Patriotenherzen höher schlagen machen sollte: La france aux frangais! ‘ — und die vielen, die bisher geglaubt hatten, die Republik sollte den Preußen oder den Juden angehören, oder beiden zusammen, wurden eines Besseren belehrt. Leider geschah rund um die Gründung ein ganz kleines Malheur. Ein Herr I. B. Görin, der eigentliche Faiseur und Administateur der neuen Gesellschaft wurde wegen irgend einer schmutzigen Geschichte kurz nach der Gründung des Blattes verhaftet. Herr I. B. Gönn hatte gestohlen. Das verhindert aber Drumont nicht, in seinem Blatte zu erklären, daß der Bedauernswerte „einem politischen Rachekomplott und den Denunziationen eines verkleideten Polizeiagenten zum Opfer gefallen ist." Mit dem Nachfolger Görins hatte Drumont auch kein sonderliches Glück. Es war natürlich, daß I. B. Gönn, offiziell wenigstens, nach dem bedauerlichen Zwischenfall nicht weiter an der Spitze der Gesellschaft stehen konnte. Es wurde ein Strohmann Namens Wiallard herbeigeschafft, der der Form nach Direktor der Gesellschaft zu sein hatte, während in Wirklichkeit der saubere I. B. Görin die Geschäfte nach seiner Entlassung aus dem Gefängnisse sogar persönlich weiterführte. Herr Wiallard, mit dem Drumont Gesellschaftsverträge geschlossen und in einem Zimmer gesessen hat, entpuppte sich eines Tages als Jude! Er hieß eigentlich Crömieux und war sozusagen ein Stockjude. Ergötzlich ist die Beschreibung der Szene, in der Drumont den unglücklichen Manu vor den Mitgliedern der Redaktion ins Verhör zieht und wie der Aermste zitternd gesteht, es sei wohl wahr, aber er habe durch die Taufe das Uebel inzwischen gutgemacht. Drumont konnte nun wenigstens dem „Jour" gegenüber, der die „sensationelle" Enthüllung gebracht hatte wohl oder übel die Erklärung abgeben, die Sache sei erlogen. Dafür versicherte er aber seinen Redakteuren, „man werde sich dieses schmutzigen Juden, der sich in das Blatt eingeschlichen hatte, schnellstens entledigen. Aber Wiallard-Crömieux blieb noch drei Jahre da, und wenn er das Blatt doch verlassen mußte, so geschah dies keinesfalls deßhalb, weil er ein Jude war, sondern weil sich Drumont mit seinem Affociö I. B. Görin wegen der Teilung der verschiedenen Profite nicht verständigen konnte." Und Guerin zitiert eine erbauliche Auseinandersetzung zwischen den Beiden und das Wort Görins, den Drumont einen Schuft geheißen hatte: „Pardon — Schuft meinetwegen, aber Sie sind der andere." Der Jude Wiallard an der Spitze einer antisemttischen Zeitung ist übrigens gar keine außerordentliche Erscheinung. Die klerikalen, reaktionären, kongregationsfreundlichen Blätter werden zum großen Teile von jüdischen Redakteuren gemacht. Von Herrn Arthur Mayer, dem würdigen Cheftadakteur des „Gaulois" angefangen, bis zur jämmerlichen Gestalt Wiallards gibt es eine Legion solcher journalistischer Renegaten, bei Rocheforts „Jntransigeant" und bei. der „Autoritö", ebenso, wie der „Cryix", deren Titelblatt von einem Kruzifix überragt wird. Die groteske Komödie der Taufe des Herrn Pollonais (d. h. Pollay vom „Gaulois",.' bei der vom. General Mercier. und der Herzogin von Uzes angefangen die ganze antisemitisch-royalistische Llls-üeur mit ernster, würdiger Miene zusah, ist noch in aller Erinnerung. ... Drumont verstand es mit einer wahren Meisterschaft, aus dem Antisemitismus Geld zu schlagen. Guerin zählt hierüber an der Hand von Dokumenten eine Unmenge von Beispielen auf. Gab es da unter anderem einen finanziellen Teil in der „Libre Parole", der den Untertitel „Le Galendrier Financier“ führte. Hier ert<j*>e der anrüchige I. B. Görin unter dem vertrauengebiet -M» Pseudonym „Frangois Conscience" den bedauernswerten ^^ern seines Blattes fachkundige Ratschläge, in welchen Papieren sie am besten ihre Ersparnisse anlegen sollten, „um dem jüdischen Kapital nicht zum Opfer zu fallen". Die unergründliche Naivität des besitzenden Pariser Kleinbürgers, der seine Renteneinkünfte um jeden Preis zu erhöhen bestrebt ist, muß da in unerhörter Weise geschröpft worden sein. . Denn I. B. Görin besaß nebenbei auch ein Börsengeschäft und ein finanzielles „Fachorgan", und die Abonnenten schreiben in einemfort an den über alle Zweifel und alle Judenclique erhabenen Drumont, und wer da Geld anzulegen hatte, den ließen Drumont and Co. zu sich kommen . . . Aber bald wurden größere Unternehmungen begonnen. Den Angriff auf den Crödit Foncier, das zweitgrößte nationale Finanzinstitut Frankreichs, gibt Guerin mit allen Details wieder. Diese Kampagne, die eine der schmutzigsten Revolvergeschichten war, die je ein ftanzösisches Blatt mit Erfolg ausführen konnte, begann die „Libre Parole" am 10. Dezember 1893 mit einem Artikel, in dem sie das Publikum vör den Machenschaften der Korreligionäre der Herren Rothschild warnt. Das Blatt behauptet, gar keine Verbindungen mit dem Crödit Foncier zu haben (!) und schon aus diesem Grunde autorisierter als irgend ein anderes Organ zu sein, seine Meinung über das Institut „frei" herauszusagen. Drumont hütet sich aber wohl, etwas konkret zu behaupten. Er macht bloß „alle Vorbehalte über die Art, wie dieses Geldinstitut geleitet wird" und arbeitet dann tagtäglich mit großer Gewissenhaftigkeit die Kursvariationen der Aktien dieser Bank tendenziös heraus, bis schließlich Herr Christophle, der Gouverneur des Crödit Foncier, am 9. Jänner den Scheck über 200.000 Franks an die Ordre der „Semaine Financiöre" — so hieß das finanzielle Fachorgan des Herrn I. B. Görin — ausstellt. Zwei Tage später fängt in der „Libre Parole" schon die Lobesposaune an zu tönen über die „über alle Zweifel erhabene Leitung" des Crödit Foncier. Und nach den Banken kommen die großen Warenhäuser an die Reihe und nach den Warenhäusern die Spielhäuser und nach den Spielhäusern ist es die Zirkusreiterin Baronin v. Rhaden: ein langer, ekelerregender Zug der gemeinsten Piraterie, die man je im Zeichen der Druckerschwärze unternommen hat. Aber auch Herr Guerin brauchte Geld. Er aber war ein Ehrenmann und konnte sich nicht auf den schlüpfrigen Boden der Geschäfte verirren. Das war ör übrigens auch der Sache schuldig, dem hohen Ideal, dem er sein Leben, sein ganzes Streben geweiht hatte: dem Antisemitismus. Er ging also mit Drumont, der ihn daselbst einführte, zu Cornelius Herz. Und Herz, der Jude, der Panamist, lieh ihm 20.000 Franks. Die Geschichte dieses Pumpes, wie sie Guerin erzählt, ist höchst lehrreich und amüsant. Lehrreich für alle Menschen, die Geld zu verleihen haben, und unterhaltend für die anderen, die etwas von der Kunst des Pumpens verstehen. Aber Guerin ist ein ehrenhafter Mann. Und er berichtet, das Geld nach Jahren zurückgezahlt zu haben, sobald es ihm gelungen war — einen anderen Narren zu finden. Die Firma Drumont and Co. entwickelte sich indessen weiter. Eine reine Gemischtwarenhandlung. In der Abteilung für Schweiggelder kamen nacheinander die Oppenheims, die Heimans, die Equitable, ja sogar die Humberts an die Reihe. Alle lieferten reiche Wolle. Aber der Bazar ward immer vielseitiger. Spekulationen mit wertlosen Grundstücken werden unternommen und die Abonnenten mittelst allerlei schwindelhafter Annoncen herangezogen, um die in Parzellen geteilten Grundstücke zu kaufen. Ein unangenehmer Prozeß war die Folge dieser Unternehmung, aber Hunderttausende an Profit wurden von Drumont eingeheimst. Eine Spiritusraffinerie wird gegründet und der Kompagnon Drumonts in diesem Geschäfte ist wieder ein Jude, Namens Darosberg, der auch Präsident der Direktion wird. Die Aktien werden natürlich wieder unter den Abonnenten der „Libre Parole" lanciert. Dann gab es die politischpharmazeutische Abteilung. Denn Drumont etablierte sich auch