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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-13 · 28 (13.7.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ar. 28 Daß diese Juden ihn auch als Menschen fesselten, beweist seine Freundschaft mit Menasse ben Israel, dem Rabbiner, und Efraim Bonus, dem Arzt. Efraims Bild bezeichnet den Höhepunkt Rembrandts, des Porträtisten. Es ist, als hätte er seinem Modell den Körper völlig ausgezogen. Alles ist in Seele getaucht. Nur ein Auge beherrscht uns. Das Auge des sinnenden, in Gedanken noch an das Lager des soeben besuchten Kranken gefesselten Menschenfreundes. Dieselbe Güte und Liebe, die aus diesem Auge spricht, hat auch des Künstlers Pinsel geführt. Menasse hat seinem Freunde zweimal gesessen, einmal in jungen Jahren, dann als gebrochener Greis nach dem Verlust seines Sohnes nicht lange vor seinem Tode. Zu seinem Werke über die Vision Nebukadnezars im Buche Daniel hat Rembrandt vier Kupfer geliefert. Menasse bildete den Mittelpunkt eines weiten Kreises von Gelehrten und von Schwärmern, welche gleich ihm bestrebt waren, durch Wort und Tat „die fünfte Monarchie", das messianische Reich, herbeizuführen. Er hat, von diesem Gedanken begeistert, dem Plan, seinen Glaubensbrüdern das ihnen versperrte England wieder zu öffnen, die letzten Jahre seines Lebens gewidmet. Die Ernte aus seiner Saat hat er nicht erlebt. Ein idealer Jude, nicht ohne Grund mit Moses Mendelssohn verglichen, bot er einem Rembrandt, dem Juden maler, was Leffing, der D i ch t e r der „Juden", in dem Urbild seines „Nathan" gefunden hat. Ob Rembrandt auch Spinoza kannte? Er hat die Schule besucht, in der Spinoza zu den Füßen Menaffe's ben Israel saß. Zwei Jahre vor Spinozas Verbannung aus dem Judentum und aus Amsterdam spielte Hendrickje's Prozeß. Fast gleichzeitig kam sein Haus in der Joodenbreestraat, in dem er siebzehn Jahre, darunter die glücklichsten seines Lebens, wohnte, auf das Drängen seiner Gläubigen unter den Hammer. Die Stadt Amsterdam hat es neuerdings ihm zu Ehren und bleibendem Andenken angekauft. Nun trägt es wieder seinen Namen. Die Profitmacher des Antisemitismus in Paris. Herr Jules G u e r i n war einst eine Größe der französischen Politik. Damals, als die Weltgeschichte in die Hände der Generalstäbler, Schlachthausgehilfen, Conciergen und minderen marcbanäs de vins gefallen zu sein schien. Der Kommandant des Forts Chabrol, dieser grotesken Festung, deren stärkste Wehr in der Unentschlossenheit eines in Anarchie verfallenen Staates bestand, hatte den im modernen Frankreich nicht so seltenen Weg vom Lächerlichen zum Bedeutenden durchmessen und konnte die Blicke Europas auf seine würdige Person gerichtet sehen. Die Herrlichkeit.dauerte freilich nicht lange und die stolze Pose des antisemitischen Condottiere verschwand, als Waldeck-Rousseau mit einem kühlen Nadelstiche die nationalistische Blase zum Platzen brachte. Die heroische Banditenschaft verwandelte sich in eine Horde kleiner Strolche, die einander des Verrates und des Raubes an der Kriegskasse bezichtigten. Die Leute, die fich als Geburtshelfer Frankreichs bei seiner moralischen Renaissance angepriesen hatten, gerieten einander in die Haare und rissen fich gegenseitig die glänzenden Lappen vom Leibe, die ihre Blößen verhüllten. Max Regis, Eduard Drumont, Guerin brauchten den Rest ihres Stinkbombenarsenales in internen Parteikämpfen auf. Das Interesse des Publikums war indeß gleich seinen Geruchsnerven ziemlich erschöpft. Der Antisemitismus wurde ihm widerwärtig wie ein überlegter Gassenhauer. Nur Drumont konnte sich noch eine Kundschaft von Fiakerkutschern erhalten, die in der „Libre Parole" mit Befriedigung einen Auszug aller Kräfte ihres Jargons wiederfinden. Aber gerade dies erregte die Entrüstung der weniger glücklichen Antisemitengenerale, die ihre schlechten Geschäfte auf ihre größere Tugend •SSiiU 463 zurückführten. Es begann die Periode der „Enthüllungen". Herr Guerin sah sein Portemonnaie zu immer größerer Tugendhaftigkeit abmagern und entschloß sich, den Rest seiner Berümtheit auf dem Literaturmarkte zu verkaufen. Er veröffentlicht seine Memoiren*), einen stattlichen Band, der über den franzöfischen Antisemitismus und seine Leute manches Licht verbreitet. Die Erinnerungen des wackeren Mannes werden in der stanzöfischen Literaturgeschichte schwerlich einen Platz neben Rousseaus Bekenntnissen einnehmen. Von einem Vorkämpfer der Rassenreinheit hätte man wenigstens einen reineren Styl erwartet. Aber gleichwohl enthalten sie des Jntereffanten genug. Nicht etwa, als ob man sie als das Werk eines für Wahrheit erglühenden Idealismus ansehen dürfte. Aber wenn fie dort einiges Bedenken erregen, wo fie die fleckenlose Lauterkeit ihres Verfaffers erstrahlen lassen, so find fie in den Porträts, die fie von seinen feindlichen Parteibrüdern entwerfen, beiweitem zuverlässiger. Wohl spricht aus Guerins Buch der persönliche Haß gegen den vom Schicksal begünstigteren Drumont, aber dieser Haß hat mit scharfen Augen Dokumente erspäht, die keinen Zweifel über die moralische Persönlichkeit des sogenannten Autors des „verjudeten Frankreich" übrig lasten. Vermutlich wird Herr Drumont seinerseits in der Lage sein, ähnliche Enthüllungen über seinen ehemaligen Parteigenossen Guerin zu produzieren und so das Material zu einer Geschichte des französischen Antisemitismus zu vervollständigen. Vorläufig ist man jetzt von einem sachkundigen Mann über den Kreis der „Libre Parole" aufgeklärt und diese Chronik ist allein schon erbaulich genug. „La France juive“ war mit eines der großen Ereignisse des Jahres 1890. Das Buch, welches durch die Propaganda der braven Landpfarrer, der Pfaffen und Mönche — die auf Veranlassung des Pere Du Lac von ihren Oberen strenge Weisungen erhielten — in ganz Frankreich verbreitet wurde, war der eigentümliche Ausgangspunkt der Volkstümlichkeit und der „ruhmreichen" Laufbahn Drumonts. Allein Guerin erzählt uns gleich am Beginne seiner Memoiren, daß das „verjudete Frankreich" gar nicht das Werk Drumonts gewesen sei. Selbst die Idee des Buches kam vom Pere Du Lac und die einzelnen Elemente, ja sogar ganze fertige Kapitel waren die Früchte „de nombreuses collaborations röligieuses et laiques“, die Drumont reif in den Schoß fielen. Er hatte bloß die einzelnen Teile des zweibändigen Werkes aneinander zu reihen. Er tat mehr, indem er auch seinen Namen daruntersetzte. „Dekorieren Sie die Sache, putzen Sie fie mit etwas Rührung auf," pflegte Drumont später in der Redaktion öfter zu sagen, wenn er bei einem Redakteur einen Artikel bestellte. Denselben Tric verwendet er, wenn er fich bei der Herausgabe „seines" Buches auch als den opferfreudigen Schriftsteller hinstellt, „der die sparsam zusammengescharrten Früchte seiner langjährigen Arbeit hinwirst, um ein besteiendes Werk zu schaffen". „Die Wahrheit ist, erzählt Guerin, „daß Drumont zur Zeit der „France juive“ überhaupt keine Ersparnisse besaß und daß das Wenige, was er bei der „Liberte" verdiente, kaum zur Deckung seiner persönlichen, nicht allzu bescheidenen Bedürfnisse hinreichte. Auch weiß ein jeder, der Drumont nur einigermaßen kennt, daß dieser nie einen Centime seines eigenen Geldes in ein Unternehmen wagen würde, wobei die geringste Verlustmöglichkeit entstehen könnte. Bei dem Menschen ist alles Berechnung und Spekulation und darin könnte kein Jude pfiffiger und durchtriebener sein. Die Kosten der Herausgabe der „France juive“ wurden also nicht von Drumont vorgestreckt und die beiden Bände haben ihm keinen Centime gekostet." — Der Gewinn aus dem Verkauf des Buches strich er aber ein; er dachte nie daran, die Sakristeien und Kongregationen, die damals so leicht für ähnliche Unternehmungen zu haben waren, zu entschädigen oder zu beteiligen. *) Jules Guerin: „Les Trafiquants de l’Antiaemitisine“ La maison Drumont and Co. — 1 Band 504 Seiten, bei Felix Juvin, Paris 1906.

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