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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-13 · 28 (13.7.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 28 £>r JSiocb ö Mocvenscvnll. Seite 462 „brav verbrannte", sind die Waldenser, die sich trotz blutigster Verfolgungen in Mailands nächster Nachbarschaft bls aus den heutigen Tag behauptet haben. Der Einfluß ihrer alten Bibelübersetzung laßt sich bei Luther auf Schritt und Tritt verfolgen. Derselben freisinnigen Richtung in der Auffassung des Christentums huldigten die Täufer oder Anabaptlsten der Reformationszeit, von ihren Gegnern so genannt, weil sie die Kindertaufe verwarfen. Aus ihren Reihen stellten sie vortreffliche Hebraisten, wie Hans Denk und Ludwig Hetzer, deren Prophetenübersetzung vielfach noch heut als unerreicht gilt. Luther, der ihr wörtlich folgt, staunt über die Bibelkenntnis solcher Ketzer. Als Bibelkritiker stellen die Wortführer der Waldenser und Täufer die alttestamenrlichen Propheten und Psalmen über das Neue Testament, von dem sie nur die Bergpredigt und das Vaterunser gelten lasse». Mit den Juden teilen diese „evangelischen Brüdergemeinden", — so nennen sie sich selbst, — das Ideal des Gemeindeprinzipes und der absoluten Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die holländischen Doopsgezinde und Remonstrauteu hielten treu zu Spinoza und boten ihm in ihrem Kreise Zuflucht. Ganz in seinem Geiste haben kürzlich die dortigen Mennoniten — alles Spezies derselben Gattung — freiwillig und einstimmig auf die staatliche Unterstützung verzichtet, um sich in ihrer Religionsübung unbeschränkte Frecheit zu wahren.*) Mit den Juden verbindet diese Ketzer auch eine alte Leidensgeschichte. Nicht einmal ein Ghetto gönnte man ihnen. Außerhalb der Stadtmauern mußten sie ivohnen. Auf dem Reichstag zu Speier 1529 erließ gar mit Zustimmung sowohl der katholischen wie der protestantischen Stände Karl V. das Edikt, daß „jeder Wiedertäufer ohne Urteil, ohne Red' und Gegenrede vom Leben zum Tode zu befördern sei." Wie in den Synagogen die Gedenkbücher der Glaubensheldeu, werden in den Kreisen der so Bedrängten ganze Folianten blutgefärbter Märtyrergeschichten als heiliges Familiengut vererbt. Trotz dieser Not die versprengten Glieder dauernd geeint zu haben, ist das Verdienst des Holländers Menno Simons, nach dem seine Gesinnungsgenossen den Namen „Mennoniten" oder „Mennisteu" tragen. „Mennist" blieb in der Judengasse bis in die neueste Zeit, wie in Bernsteins Ghettogeschichten, die typische Bezeichnung für stilles, zurückgezogenes, wortkarges Wesen, gepart mit peinlicher Sauberkeit. Eng zusammen stellt diese Ketzer mit den Juden Luthers Glaubenseifer. In seinen ersten Schriften spricht er von den Juden in Lobeserhebungen, wie sie die deutsche Literatur nicht leicht zum zweitenmal bietet. Bekannt ist sein energischer Hinweis daraus, daß Christus doch auch ein Jude war, eine Erinnerung, die vor wenigen Jahren erst im deutschen Reichstag einem Redner eine Rüge des Präsidenten eintrug. Genau zu gleicher Zeit unterhielt Luther freundschaftliche Beziehungen zu jenen evangelischen Brüdergemeinden, die auch ihrem Entzücken über solche Weisen der Wittenberger Nachtigall unverhohlenen Ausdruck gaben. Doch mit einem Mal wird aus dem Reformator der reaktionäre Politiker, aus dem Freund der Juden und Ketzer ihr erbittertster Gegner, der die Todesurteile gegen die Täufer mit seinem „placet mihi Martino Luthero“ ebenso kaltblütig bestätigt, wie er von den Kanzeln gegen die Juden, insbesondere die jüdischen Aerzte, donnert. Seitdem haben Mennoniten wiederholt unter katholischer Herrschaft den Schutz gefunden, den ihnen protestantische Behörden, wie der Berner Stadtrat, verweigerten. Als Hermann von Beckerath, einer ihrer Genossen, im preußischen Landtag am 19. Mai 1847 für die politische Gleichberechtigung der christlichen Dissidenten iu oie Schranken trat, vergaß er nicht, auch für die Leideusgenossen, die Juden, eine Lanze zu brechen. *) 9lad) schriftlicher Mitteilung von befreundeter Leite. Während die Mennoniten als Sekte von Italien bis Holland, von der Schweiz bis Mähren auf den Tod verfolgt wurden, ging aus ihnen und verwandten Religionsgemeinden eine Laienbewegung hervor, um. Taufe und Abendmahl selbst zu verwalten, vor allem aber, um gemeinsani das Bibelstudium zu pflegen. Von Leyden führt ein kurzer Weg nach dem durch Spinoza so berühmt gewordenen Dorfe Rljnsburg. Dort hielten diese „Rijnsburger Kvllegianten" ihre Zusammenkünfte, als der junge Rembrandt in seinem Vaterhause die ersten Zeugnisse seines Genius lieferte. Dieser religiösen Richtung schließt auch er sich an. Seine begeisterte Vorliebe für die Bibel und seltene Vertrautheit mit ihrem Geiste ist zum Teil auf jene Eindrücke der Jugend zurückzuführen. Zum Teil. Denn das Leben und Weben im Geiste der Bivel, vor allem des Alten Testaments, war Gemeingut seiner Zeit und seines Landes. Das kleine Holland, damals die einzige Republik, hatte im Kampfe gegen einen übermächtigen Feind die Hilfe Gottes so sichtlich erfahren, daß es sich, wie die Hebräer einst, als ein erwähltes Volk ansah. Was das Alte Testament an Verheißungen bot, an der eigenen Geschichte sah mau es erfüllt. In Politik und Religion war alles alttestamentlich gerichtet. Man war auf dem Wege, zu den rein menschlichen Idealen der Propheten des alten Bundes zurückzukehren. Hollands Universiläten, Leyden in erster Reihe, pflegten eifrigst das Studium nicht nur des Althebräischen, sondern nicht minder des Rabbinijchen. Promotionen, denen au den altjüdisch-babylontschen zu Sura und Pumbaditha genau nachgevildet, Briefwechsel zwischen christlichen Herren und Damen im Idiom des Talmuds, Freundschaften zwischen christlichen Predigern und Rabbinern, altbiolische Namen und Redewendungen in der Sprache des täglichen Umganges, allgemeine Erwartung des von christlichen wie jüdischen Propheten für die allernächste Zukunft augekündigten Messiasrerches — das ist die Physiognomie, die uns das Holland Rembrandts zeigt. ' Jene Zeit kannte außer für das Porträt Vorliebe besonders für Bilder aus dem biblischen und jüdischen Leben. Dem Künstler war damit der Stoff gewiesen. Doch Rembraudt ist nicht der Geist, der seine Kunst in eine Richtung drängen läßt. Ebensowenig wie Schablone bestimmt ihn Geschmack des Auftraggebers. Seine innere Stimme, sein Herz mußte entscheiden. Es sprach so deutlich, daß er, um ganz un jüdischen Milieu zu leben, mitten im Judeuviertel sein Heim wählte. Die Amsterdamer Juden boten ihm damals mancherlei, was den Künstler in ihm anziehen konnte. Es waren reiche Kaufherren, Flüchtlinge von der iberischen Halbinsel, Freiwild für die heilige Hermandad, Gehelmjudeu, die iu dem „neuen Jerusalem", in Amsterdam, offen den Glauben ihrer Väter bekennen durften. Spanische Grandezza Parte sich mit südländischer Prunkentfaltuug; hohe geistige Potenz, die Millionen im Ueberseehandel verwaltete, mit unbeugsamem Festhalten an den alten Formen des überlieferten Kultes. Hier fand Rembrandt, der Bibelmaler, die willkommensten Modelle. Aber nicht nur Modelle, auch Kunstfreunde und befreundete Künstler. „Pinto von Amsterdam" ist, trotz Rothschild, noch heut dem jüdischen Volksmund als das Non plus ultra weltlichen Gutes geläufig, wie vordem „der reiche Meisel von Prag" als jüdischer Krösus gegolten hat. Diese Piutos unterhielten der eine eine reiche Gemäldesammlung, der andere so innige Beziehungen zur Kunst, daß sogar sein Wappen darauf hinweist. NieolaS Largilliäre, Nicolas Maes, Aorian von der Werff haben etliche dieser Barone und Minister residenten — fast sämtliche europäischen Potentaten — gemalt. Belmonte, Leone Templo, Benjamin Godines, B. de Almeyda, Salom Jtalia, Abr. den Jacob — eine stattliche Anzahl jüdischer Künstler, die in Rembrandts unmittelbarer Nachbarschaft wirkten und ohne Zweifel zu seiner Bekanntschaft zählten.

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