Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 28 Dr■ JahrgangXXU1 Zentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. Wim, 13. Juli 1906. — Lrs<Detnt jeden Lrettag. — Brief-Adresse: MUen. IX/1. Lerggasse 39. Teleqramm-Adrefle: Llocv's Mo<Dens<Lrtkt. HAien. Ä-S L. K. PostsparKklssen-Nmi Lleartng-V erßevr Mr. S10.976. NedaKlion und Administration: w irn IX/1, Werggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847 ©---G »-« Vezugspreis für Drstrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für s Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. ©---* Inhalt r Leitartikel: Rembrandts „Jüdelei". — Die Profitmacher des Antisemitismus in Paris. — Bialhstok. — Protestversammlung gegen die Metzeleien in Rußland. — Korrespondenzen: Gottlieb Bondys Regesten zur Geschichte der Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien von 906—1620. Zionistischer Parteitag in Krakau. Ex profundis. . . Znaim, Prag. Bericht der Dumakommission über die Massakres in Bjelostok." Zur Rede des Fürsten Urussow Amtsenthebung des Oberbürgermeisters von Bjelostok. Jaures gegen die Massakres von Bjelostok. Abberufung des Gouverneurs Kuester. Anatole Leroy-Beaulieu über die Judenmaffakres in Rußland. Hebräische Manuskripte. Zion und „Jto". — Vermischtes: Maler David Kohn. Wien. Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studierender in Wien. Spenden zu gunsten der Opfer der Exzesse in Bialystok. Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen und Kinderpflegerinnen. Verein zur Hebimg der Gewerbe. Gewitsch, Schaffa, Györ, Zürich. — Feuilleton: Ein Kuß in Ehren. — Neue Bücher. - Briefkasten. — Inserate. Kernbrarrdts „Mdetei". Zu seinem dreihundertjährigen Geburtstag (15. Juli 1906). Von Dr. Max Grunwald. Rembrandt hat lange Zeit für einen Juden gegolten. Kein Wunder. Niemand hat vor ihm so angelegentlich Juden gemalt. Ihm verdanken wir die ältesten bekannten Judenporträts. Nicht einer vor ihm zeigt in der Darstellung jüdischen Lebens solche Vertrautheit mit den Interieurs und dem Geist, der sie belebt. Dem Kenner entgeht es freilich nicht, daß Rembrandt gelegentlich beim Kopieren einer hebräischen Inschrift durch falsche Stellung der Buchstaben sich in der Ursprache des Alten Testamentes als Laie erweist. Um so tiefer ist er in dessen Geist eingedrungen. Niemand hat vor ihm biblische Gegenstände biblischer gezeichnet. Er lädt die Gestalten von dem hohen Sockel, auf den sie die Renaissance als Helden der „heiligen Geschichte" gestellt, herunter auf den Boden unmittelbarer Wirklichkeit. Er gibt sie rein menschlich ohne Kothurn, ohne Gloriole. Er selbst fühlt sich ganz Geist von ihrem Geist und Bein von ihrem Bein. In ihnen jubelt, in ihnen trauert er. Der frömmste Jude könnte nicht inniger biblisch empfinden. Abraham errichtet an jedem Wendepunkte seines Lebens, gleichviel ob Freuden- oder Leidensstation, seinem Gotte einen Altar. Nicht umsonst variiert Rembrandt mit Vorliebe den Typus des Patriarchen. Als Saskia sich Mutter fühlt, malt er die Verkündigung der Engel an Abraham. Aus gleichem Anlaß entsteht das Bild, wie Manoah und sein Weib den Engel entschweben sehen, der ihnen die Geburt Simsons verkündet hat. In Simson dem Recken, der Philister Graus, hat er, der mit ungebändigter Kraft gegen Zopf und Schranken überlieferter Aesthetik kämpft, an den Säulen des Götzentempels rüttelt, sein Symbol gefunden. Schon als er, der unter den Eseln seines Vaters geborene Plebejer, gegen den Willen der vornehmen Sippen und Magen seine Saskia errungen — auch „Simson bedroht seinen Schwiegervater" stammt aus der Zeit —, war die „Hochzeit Simsons", seines Lieblingshelden, entstanden. Seine „Opferung Jsäks" durchbebt der Schmerz des Vaters, der um sein erstes Kind trauert. Seine Hendrickje, Saskias Nachfolgerin in seinem Herzen, wird vom calvinistischen Kirchenrat wegen ihres anfechtbaren Umganges mit Rembrandt vom Abendmahl ausgeschlossen. Die Antwort des Meisters kann man aus dem Bilde lesen, wie Potifars Frau — die verlogene Moral — bei ihrem Mann — dem Konsistorium — den unschuldigen Josef — seine Hendrickje — verleumdet. Aus dem Kasseler Bild „Jakob segnet seine Enkel Meuasse und Efraim" — die Namen der beiden bekannten jüdischen Freunde des Künstlers — spricht vielleicht seine Absicht, Cornelia, Hendrickjes Tochter, dem legitimen Titus gleichzustellen. Und als es „post tot discrimina rerum“, nach häuslichem Unglück und wirtschaftlichem Zusammenbruch mit ihm abwärts gehen will, da packt ihn gewaltiger Zorn — „Mose zerschmettert die Gesetzestafeln" (1659) —, dann aber schwebt ihm Jakob vor, wie er nachts mit dem Engel ringt. „Ich lasse Dich nicht, Du habest mich denn gesegnet", so ruft es in dem Bilde der Berliner Gallerie, welches das Finale seines Lebens einleitet. Wie später den Weisen von Weimar, erlöst Rembrandt die Kunst von seinem Leid. Nur spielt bei ihm stark eine biblisch-religiöse Note hinein. Dieses tiefinnerliche Erfassen der Gegenstände des Alten Testamentes, in welchem er mehr fand, als ein Sammelbuch künstlerischer Vorwürfe, das Abstreifen aller konventionell mythischen und vergöttlichenden Hülle, wie seine offenkundige Sympathie mit jüdischem Leben und Fühlen haben Rembrandt das Stigma der „Jüdelei" zugezogen. In der Tat stand er, der Grübler, der schon in seinen zahlreichen Selbstporträts so tiefes Innenleben und scharfe Selbstbeobachtung bekundet, mit seiner religiösen Ueberzeugung dem Judentum sehr nahe. Rembrandt war Mennonit. Mit dem Namen seiner Geburtsstidt verknüpft die Geschichte die traurige Erinnerung an jenen Johann von Leyden, in dem durch apokalyptische Bilder verworrene Köpfe den Messias sehen wollten. Der tolle Bacchantentaumel stellt aber nur den Auswuchs einer an sich sehr ernst zu nehmenden religiösen Bewegung dar. die in ihren Anfängen in das frühe Mittelalter zurückgreift. An dem Standbild des Podesta Tresseno auf der Piazza de' Mercanti in Mailand liest man noch heute die rühmenden Worte: „qui solium struxit, Catharos ut debuit uxit." Diese „Ketzer", die er