Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Sette 458 Dr. JBlocb’s Wocbenscbrttt. Die untere Lippe hing ihm herunter und die Zähne und das Zahnfleisch kamen zum Vorschein. Er begann im Keller wie nach einem Schlupfwinkel herumzusuchen, und mit einem Schlage empfanden die Seelen, in die kaum Ruhe eingezogen, das Wehen des herannahenden, drohenden Todes. „Man verfolgt uns!" sagte die Frau; mit einer ungeschickten Bewegung kauerte sie hin und begann das Kind in den Armen zu wiegen. Die Schuhe trug sie auf den nackten Füßen und ihr junger kräftiger Körper hatte merkwürdige, unheilvoll weiße Flecken. Man mußte an Tote denken. „Man wird uns nicht finden; nur stiller, um Himmelswillen stiller! Sie sind da nebenan auf dem Hof. Ach Gott, nur still. ..." Der Verwundete ergriff die Hand des Kaufmannes und des Wirtes und der Kaufmann die des Mannes ohne Rock. So standen fie, eine lebendige Kette bildend, und blickten auf die Mutter mit dem Kinde hinab ... die Mutter mit dem Kinde. Plötzlich schien ein eigenartiger Laut die Stille zu durchschneiden, ein eigenartiger und dennoch so bekannter, naher und unheilverkündender Laut. Worin das Unheil bestand, das wußte man sofort, man wollte jedoch dem Hirn nicht glauben. . . . Das Kind weinte. Der Kaufmann machte ein gutmütiges, zutrauliches Gesicht und flüsterte: ..Das Kind." Er begriff jedoch sofort das Furchtbare des Augenblicks und begann entsetzt der Frau zuzureden: „Ich bitte Sie, wiegen Sie doch das Kind; wir werden noch alle um Ihretwegen umgebracht." Das Kind begann heftiger zu schreien, durchdringend schrill, als leide es unerträgliche Schmerzen. Im Halbdunkel des niedrigen, warmen Kellerraumes erschien dieser schwache Schrei schneidend, niedersausend gleich einem Todesurteil. Er schnürte allen Brust und Kehle zu. Die Mutter begann im Keller auf- und abzugehen, ihrem Kinde zuredend und es einwiegend. Das Tuch entglitt ihrer Schulter und ein spitzer, magerer, fast mädchenhafter Ellbogen kam zum Vorschein und bewegte sich seitwärts auf und ab. „Du mußt nicht weinen, schlaf, mein Goldchen. . . . Das bin ich doch, deine Mama . . . mein Schätzchen ..." Sie bat, flehte, als könnte sie das Kind hypnotisieren. Das Kind aber schrie eigensinnig, wild. . . . Vielleicht lag im Tonfall, in den Gesichtszügen der Mutter etwas, das nicht beruhigte. Und hier in der warmen und eigenartigen Atmosphäre des unterirdischen Raumes heckte das Gehirn dieses Weibes einen wilden, wahnwitzigen Gedanken aus. Ihr war, als läse sie in den Augen, in dem qualvollen Schweigen dieser Unbekannten. Und diese unglücklichen, geängstigten Männer begriffen, was diese da neben ihnen dachte. Begriffen es aus dieser unaussprechlichen, weinenden Zärtlichkeit, mit der sie das Wiegenlied zu singen sich bemühte, indem ihre Augen sich in das Kind bohrten. „Es schläft bald ein," wandte sie sich an den Großen neben ihr, in einem schuldbewußten Tone. „Es ist schon immer bei ihm so, ich kenne es. Er weint ein bischen und schläft dann bald ein. Er ist ein sehr ruhiger Junge." Von außen drang ein ferner Lärm, dann hörte man einen Schrei, dann ein Krachen. „Man sucht!" flüsterte der Gymnasiast und streifte, wohl ohne selbst zu wissen warum, die Galloschen von den Füßen. Und der Junge schrie und schien nimmer aufhören zu wollen. „Er macht uns alle unglücklich," sagte der Große verzweifelt. Und die Mutter antwortete flüsternd auf jenen wilden Gedanken, den ihr gehetztes Hirn gebar. „Nein, ich gebe ihn nicht weg . . . niemals ... um nichts. . * „O Gott!" stöhnte der Kaufmann und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Der Wirt schlug den hohen Kragen seines teuren Pelzes in die Höhe und wandte sich zur Wand ab. Nur ein Streifen seines ungekämmten, grauen Haares kam zum Vorschein. Die Gedanken umkreisten gleich Gespenstern die arme Mutter; sie kämpfte in ihrer Ohnmacht gegen sie. Sie wandte sich flehend an all die Unbekannten, diese aber wichen von ihr entsetzt zurück. Das Kind schrie aus Leibeskräften, knochendurchdringend. „Gib her", sagte der Kaufmann. „Mich lieben die Kinder." Um das Kind zu beruhigen, begann er zu schnalzen. Der Kopf der Mutter war über das Kind geneigt und ihr schwarzes Haar hing gleich einem Tuche herab. „Gott sieht alles", wiederholte sie, irrsinnig flüsternd. Der Name Gott klang sonderbar, wenn man auf ihr entstelltes übernächtiges Gesicht blickte. Im Keller wurde es ganz unerwartet dunkel. Irgend jemand nahte sich dem winzigen Fensterchen und horchte hin. Dieser sich plötzlich nahende Schatten brachte alle zmn Schweigen. Man fühlte, hier naht etwas, und hier ist kein Augenblick zu verlieren. Die Mutter wandte sich um. Sie erhob sich auf die Zehenspitzen und, das Kind hoch erhebend, übergab sie es dem Kaufmann. Ihr war, als begehe sie mit dieser Bewegung ein großes Verbrechen, ... als verfluchten sie die pfeifenden Stimmen und verschlössen ihr den Himmel auf alle Ewigkeiten ... als rücke ein schwarzes Chaos heran mit einem, dumpfen Schmerz im Nacken, ... als habe man ihr den Kopf nach hinten abgedreht wie einem Vogel. Und es geschah das Sonderbare: sobald das Kind in den derben und liebevollen Armen des Kaufmannes ruhte, wurde es still. . Die Mutter jedoch hatte das Schweigen anders verstanden . . . Vor aller Augen ergraute diese Frau im Augenblick, als hätte man sie mit einer Säure übergossen. Und sofort, als der Schrei des Kindes verstummte, durchdrang ein anderer Schrei, der entsetzliche, markdurchdringende, seelenverzehrende Schrei einer Mutter den Raum. Diesen plötzlichen Ausbruch des Wahnsinns hatte niemand erwartet. Der Gymnasiast fiel ohnmächtig um. * * * Später brachten die Zeitungen Einzelheiten darüber, wie in einem Keller sechs Männer und ein Kind ermordet wurden. Nur die sechsundzwanzigjährige Greisin blieb leben; ihr Geist war irr, und man fürchtete, sie zu berühren. Literatur. Neue Ausgrabungen. In einem Artikel über „Die Israeliten in Babylonien" berichtet Dr. F Seyring im „Hamburgischen Korrespondenten" über die neuesten Ausgrabungen im Zweistromland. Wir entnehmen der Darstellung das Folgende: „Es gibt eine ganze Reihe nicht uninteressanter Fundstiicke, die, aus dem Schutt der Jahrtausende auferstehend, uns von den alten Hebräern, die ein würdiges Geschick in das Zweistromland führte, Kunde geben. Zunächst ist das Grab des Propheten Hesekiel am Hindieh-Kanal zu nennen, einige Stunden südöstlich von Babylon. Es werden zwar manche Gräber des großen Propheten der Verbannung in Babylonien gezeigt; aber dies eben genannte scheint vor den andern den Stempel der Echtheit an sich zu tragen. Es ist ein Bau, den das Dorf Kisil, das übrigens ganz von Juden bewohnt ist, umschließt. In diesem Namen glaubt man die verderbte Gestalt des hebräischen Namens Jecheskel (Hesekiel) wiederzuerkennen. Das Grab ist nun reichlich mit hebräischen Inschriften bedeckt. Von ihm urteilt der amerikanische Ausgrabungs-Direktor Dr. E. E. Banks, der in den „Sunday School Times“ die Summe der hier interessierenden Ausgrabungsresultate zusammengestellt hat: „Der Bau, der von den frommen Einwohnern des Ortes beständig von neuem instand gesetzt wird, scheint nach seinem Stil aus den glücklichen Tagen der Araber herzurühren; aber seine Grundlage scheint bis zum Tode Hesekiel's zurückzureichen."