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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-06 · 27 (6.7.1906) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
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#r. 27 Dr. JBlocb’s Mlocbenscbnn. Teile 4o7 Feuilleton. Pogrom. Von O s s i p D y ui o w. . . . Das dauerte schon den zweiten Tag. Da man jedoch nicht mehr zu Mittag aß, sich traf, ohne sich zu begrüßen, die Uhren zur Nacht nicht aufzog, in den Kleidern einschlief, wo der Zufall es gerade wollte oder wo man geschützter zu fein hoffte — auf dem Boden, im Speicher, in leerstehenden Eisenbahnwagen —, ging die Vorstellung von der Zeit verloren. Unaufhörlich klang das Klirren eingeschlagener Feusterscheiben in den Ohren. In diesem verhängnisvollen Ton liegt zu solchen Zeiten Entsetzen. Gleichwie das hervortretende Blut des Menschen Hirn berauscht, so raubt das Klirren eingeschlagener Scheiben die Besinnung. Es beschwört Dämonen herauf. * -i- Jn der Nacht erscholl wieder das Klirren eingeschlagener Scheiben, und von dem fürchterlichen Klang erstarrten die Hände, erweiterten sich in der Angst die Augen. Das Gefühl brennender, schamloser Beschimpfung schlug gleich einer Woge über die Stadt, und Feuerschein goß wie Purpur flammender Scham seine Röte über den Horizont. Dann erscholl der Lärm eines unsichtbaren feindlichen Stimmenknäuels, und ein losgelöstes Wort erhob sich über das Gewirr, gleich dem Funken über den Rauch: „Hi-ilfe!" In einem Gäßchen standen Häuser in Brand, und die weiche, sammtene Rosenflamme am Horizont wuchs mit jedem Augenblick zu einem keckeren, wahnwitzigeren Frohlocken. Alles war in Rot . getaucht. Durch die rote Straße, über die roten Steine des Pflasters rannte ein roter Mensch; ein zweiter Roter streckte seinen Arm aus, und aus seinen Fingerspitzen riß sich fliegend ein eintöniger Krach los, ein Revolverschuß, und der Fliehende fiel nieder. „Man . . schie—ießt!" ertönte von der Straße ein Schrei wie von einer anderen Welt. Und gleich darauf schlug ein gleichsam höhnisches, ungewohnt erregtes Echo den gleichen Ton an. ,,-ie-ßt! . ." Es flogen unsichtbare Dämonen herbei, die keine Schonung kennen. Durch das Klirren eingeschlagener Scheiben heraufbeschworen, waren sie da und erhoben ein blutiges Gebell. Der wie mit Flammenaugen blinkende Horizont schien gleichsam lebendig, gehässig in geduldiger, zuversichtlicher Erwartung. Unter Qualen erlitten Menschen den Tod. Man drang in die Häuser, in die Kinderstuben, den Greisen zerbrach man die Arme, weiße Frauenbrüste zerstampften schmutzige schwere Absätze. Viele verbrannten bei lebendigem Leibe. ... In einem dunklen Keller hatten sich zwei Menschen versteckt: ein alter Mann und sein Sohn, ein Gymnasiast. Zu Hause zu bleiben, schien gefährlich. Die Dienerschaft war weggelaufen. Erst spät am Abend ging der Alte wieder nach oben hinauf, holte aus dem Vorzimmer die Gummischuhe des Sohnes und ließ die Eingangstür weit offen, damit es scheinen sollte, daß die Herrschaften nicht zu Hause seien. „Papa?" fragte der Sohn, als er nach unten kam, und an dieser ängstlichen Stimme erkannte der Vater, welch ein Unheil über ihnen schwebte. In der Dunkelheit schüttelte er den Kopf langsam, unaufhörlich auf und ab; so wie der Kummer es tut. . . . Herein stürzte, Schutz suchend, ein Kaufmann. Das hatten die drinnen nicht erwartet. Gleich einem Haufen Finsternis zeichnete sich dieser menschliche Körper unbestimmt ab. Der Gymnasiast wollte sich auf ihn mit seinem Federmesser stürzen. Der Kaufmann wendete tastend den mageren Arm des Knaben ab und brach in Tränen aus — nicht aus Furcht, nur da er sich in Sicherheit fühlte. „Ich habe auch einen Sohn, so groß wie Sie..." sagte er, mit dem Weinen kämpfend. Dann holte er schwer und ungleichmäßig Atem und verbesserte sich: ..Wie du". Der Wirt des Hau es packte den Sprechenden am Ellbogen, zog ihn zu sich herab und flüsterte: „Pst! man kann hören." Der Kaufmann erschrak und gab ihm mit einer Handbewegung recht; in der Dunkelheit sah niemand seine Geste. Man stand da, wartete. Hie und da ein Geräusch. Dazwischen gleichmäßiges, schlafloses Atmen. In der Dunkelheit, im Schweigen mit diesen Tönen findet das Hirn keinen Frieden. Man wartete, horchte hin. Vielleicht schlief man auch — wer mag's wissen! Die Flügel der Zeit schwebten hoch oben über die Finsternis hinweg und streiften diese nur. Jetzt in diesen Augenblicken empfand man dies mit qualvoller Deutlichkeit. Nachts, es war wohl schon spät in der Nacht, schlichen sich noch zwei Gestalten hinein. Man konnte fie nicht unterscheiden, den Stimmen nach zu urteilen, waren fie jung. Sie fühlten, hier find Menschen, und gingen zutraulich wie Kinder zur Mutter. „Ist jemand da? . . . fragte der eine, ohne jemand zu unterscheiden, und es war, als erhellte der Ton seiner Stimme für einen Augenblick die Finsternis. „Ja, wir," antwortete der Gymnasiast. „Tut nichts." „Pst... Man kann uns hören", sagte der Wirt, ergriff einen jeden am Arm und drückte ihn nach unten. Die Neuangekommenen stellten fich an die Wand, der eine von ihnen rieb fich die Stirn mit der Hand. „Was ist Ihnen?" fragte der Gymnasiast flüsternd. „Blut." „Geht lustig zu", fiel der andere ein. „Geht lustig zu jetzt!" Mehr wurde nicht gesprochen. Der Verwundete hielt das Taschentuch gegen die Stirne und beruhigte fich. Wieder tiefes, undurchdringliches Schweigen. Wieder schlafloses Atmen. Ein jeder dachte seine eigenen Gedanken und hüllte darin sein eigenes Leben, sein so kostspieliges Leben ein. Ganz oben an der Wölbung begann kaum merklich etwas Helles zu schimmern. Der Gymnasiast schließ jedoch die anderen vier hatten die Köpfe erhoben und blickten hin, blickten lange hin, wohl eine halbe Stunde, bis die Muskeln der Stirne zu schmerzen begannen. Dann wurde es klar, daß dies ein kleines Fensterchen ist, wodurch die Dämmerung hereinbrach. Die leise Stimme des Alten begann eintönig zu reden, gleichsam als hätte die Finsternis ihre Farben weggewischt. „In diesem Hause bin ich geboren und aufgewachsen. Hieher, nach diesem Keller, liebte ich hinunterzugehen. Im Sommer, gegen zwei Uhr am Tage, bricht durch diese Lucke hier ein Sonnenstrahl durch. „Ein Strahl aus Goldstaub," pflegte mein Bruder zu sagen, und suchte den goldenen Staub aufzufangen. Ich muß an seine durchschimmernde, rosige Hand denken. Nun ist er schon lange tot. Dann pflegte ich allein herzukommen. Und saß lange hier. Man suchte mich im ganzen Hause. Und ich saß da und schaute auf diesen goldigen Strahl. Hier ist es gut sein im Sommer. In der Ecke wuchsen Zwiebeln; einige waren noch vom Winter geblieben. Die Blätter waren vollständig gelb. Da in dieser Ecke waren fie. Wir werden alle hier umkommen. Ich weiß es." Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als eilige, ängstliche Schritte vernehmbar wurden; ein großer Mann ohne Rock erschien und hinter ihm eine Frau mit einem Säugling in den Armen. Die Morgendämmerung war schon vorgeschritten und man konnte den Ausdruck des wilden Schreckens erkennen, der aus ihrem Innern nach ihrem Gesicht drang. „Hier! hier . . .," flüsterte der Mann wankend.

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