Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-06 · 27 (6.7.1906) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021684--15551-3040323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 27 Dr. Dlocb's Mlocvenscbrm Seite 453 Auf Befehl des Wachtmeisters. Wie man auch heute noch, trotz der blamablen Debatte im Reichstag und trotz der Zusagen, die von amtlicher Stelle, betreffend eine mildere Praxis, gegeben wurden, in Berlin Russenausweisungen oder besser gesagt Judenausweisungen betreibt, schildert ein Bericht im „Berliner Tagblatt" an einem besonders krassen Falle. Einer der erst in den letzten Tagen Ansgewiesenen beschreibt die Prozedur in solgender Weise: Vor sechs Wochen, heißt es in seinem Briese, kam ich mit meiner Frau, die sich im jüdischen Krankenbause einer schweren Operation unterziehen sollte, nach Berlin. Die Operation hat vor vier Wochen stattgefunden; nach ärztlichem Gutachten muß aber meine Frau noch zirka drei Wochen im Krankenhause bleiben. Vorgestern wurde ich nun zur Polizei bestellt. Zwischen einem Wachtmeister und mir entwickelte sich nun das folgende, ziemlich wörtlich wiedergegebene Zwiegespräch: Wacht m ei st er (im strengen Tone): Was tun Sie hier? I ch : Ich habe meine kranke Frau ins jüdische Krankenhaus gebracht, wo sie operiert worden ist; sie wird hier noch zirka drei Wochen bleiben müssen. W.: Was wollen S i e dann hier? Sie haben hier nichts zu tun. Lassen Sie Ihre Frau hier. Sie fahren nach Hause. I ch: Aber meine Frau ist noch krank, ich bin der einzige, den sie hier hat, der ihr etwas Trost und Hoffnung zusprechen kann. Wir haben einen Paß, und ich kann ohne große Schwierigkeiten nicht allein fahren. W.: Es wird auch so gehen. Wieviel Geld haben Sie? I ch (zeige ihm ungefähr 1500 Mark). W.: Innerhalb vier Tage müssen Sie abreisen. I ch: Aber das ist ja unmöglich, ich kann unmöglich meine kranke Frau hier allein zurücklassen. Weshalb denn das? Ich falle Ihnen doch hier nicht zur Last, ich bin ein wohlhabender Kaufmann, der hier jetzt schon manches Hundert Rubel ausgegeben hat. W.: Darauf kommt es nicht an, Sie müssen fort; in spätestens vierzehn Tagen müffen Sie Deutschland verlassen. Wir können diese Schilderung, bemerkt hiezu das deutsche Blatt, nicht auf ihre Zuverlässigkeit nachprüfen. Ist sie zutreffend, dann bedarf sie aber auch keines Kommentars. Sie würde nur beweisen, in welchen Händen die Ausweisungsbefngnis liegt, mit welchem Verständnis und welchem Wohlwollen untergeordnete Beamte diese Befugnis ausüben und in welcher Weise „die Grundsätze des Ministers" selbst Passanten gegenüber zur Anwendung kommen. Gibt es denn' wirklich kein Mittel, preußische Gesetze in menschlicherer und etwas weniger blamabler Form zu handhaben? Die Lösung des Dreyfns-Geheimnifses. Paris. Der Wert der Verhandlung, die sich jetzt vor dem Kassationshofe abspielt, liegt nicht in der Absicht, dem Opfer eines Justizmordes moralische und materielle Genugtuung zuteil werden zu lassen, sondern in der Aufdeckung der Zustände, die im Generalstab herrschten und unter denen sich, dank dem Zusammenwirken von Schurkerei, Fanatismus und Gewissenlosigkeit, die Affäre entwickelt hat, die der Ausgangspunkt einer politischen Krise geworden ist. Die Dreyfus-Affäre hat den gegen den Militarismus wirkenden Kräften einen solchen Antrieb gegeben, daß ihre Folgen der besonderen Fall weit überdauern werden. Sie war auch nicht das Werk einer vereinzelt dastehenden, aus Rassenhaß allein angezettelten Jntrigue, sondern die Frucht eines Systems, das seine Wurzeln im militärischen Kastentum selbst hat. Man weiß heute nicht nur, daß Drehfus unschuldig verurteilt worden ist, sondern man kennt auch die verbrecherischen Mittel, die dazu geholfen haben, und die Methoden ihrer Anwendung. Zu den Dokumenten, die in Rennes als Beweis gegen den Angeklagten gedient haben, gehört vor allem der berühmte Brief: „Diese Kanaille D". Der Brief ist echt, aber der Buchstabe D ist gefälscht. Die Untersuchung. die Andre auf Betreiben Jaures hat anstellen lassen, führte zur Auffindung von zwei Abschriften in den Archiven, die den Buchstaben P statt, des D aufwiesen. Die Fälschung hat Oberst Henry im Jahre 1896 begangen, zur Zeit, da der „Matin" seine Kampagne für Dreyfus begann. Der Anstifter war der Oberst Sandherr, ein halbverrückter Fanatiker, der wohl an die Schuld Dreyfus geglaubt hat, und darum nicht zögerte, um den Angeklagten nicht entschlüpfen zu lassen, ein falsches Zeugnis gegen ihn auszuspielen. Es ist auch kein Geheimnis mehr, wer die „Kanaille P." gewesen ist Der Spion war ein rumänischer Offizier, der der hiesigen Gesandtschaft seines Staates zugeteilt war und die Erlaubnis erwirkt hatte, den Artillerieversuchen, die man damals anstellte, beizuwohnen. Die Rolle dieses Menschen war der Generalstabsklique, vor allem dem General Mercier, nicht unbekannt. Nicht genug daran. General Mercier ist auch für die Vorlegung des geheimen Dossiers verantwortlich, das dem ersten Kriegsgericht ohne Wissen des Angeklagten vorgelegt worden ist. Diesen Geheimakten, die tatsächlich ohne Bedeutung waren und sich gar nicht auf den Angeklagten bezogen, war ein Kommentar beigefügt, der das Werk Du Paty de Clams war. Mercier war sich der Ungesetzlichkeit seines Vorgehens so gut bewußt, daß er hernach alles tat, um die Spuren dieses Aktes zu verwischen, ja sogar den Kommentar vernichten ließ. Der Staatsanwalt Baudouin hat vorgestern erklärt, daß diese Vernichtung eines Gerichtsaktes unter den Paragraphen falle, der Zwangsarbeit verhänge. Nicht besser kommen in der Rede des Staatsanwaltes General Gonse, der Archivar Gribelin, der Oberst Gnörin weg, die mit ihren Zeugenanssagen noch in Rennes den Betrug gedeckt haben. Die Verurteilung in Rennes ist, wie bekannt, namentlich auf Grund des sogenannten Bordereaus erfolgt. Seither hat Eszterhazy eingestanden, der Verfertiger dieses angeblich zwingenden Beweisstückes gewesen zu sein. Auch hier war Sandherr der Anstifter. Das Bordereau rührt, wie jeder Fachmann erkennen muß, von keinem Artilleristen her — Dreyfus gehörte bekanntlich dieser Truppengattung an — es enthält aber auch so wertlose Dokumente, daß ihre Auslieferung gar keinen Hochverrat darstellt. Nicht anders verhält es sich mit dem sogenannten „geheimen Dossier", das den Richtern in Rennes vorgelegt wurde und das vorgeblich Dokumente enthalten baden sollte, deren Bekanntwerden das Land in die schrecklichsten Gefahren stürzen konnte. Außer dem erwähnten Brief: „Diese Kanaille . . ." enthielt es wertlose Stücke, die ebensowenig auf den Angeklagten Bezug hatten und nur mittelst frecher Fälschungen für ihren Zweck präpariert worden waren. Ueber das Ganze war auf Anordnung des Generals Billot ein Bericht gemacht worden. Redigiert hat ihn der Schwiegersohn Billots, Wattinne, unterzeichnet hat ihn General Gon;e, geprüft und mit dem Visum versehen General Boisdcffre. Mitarbeiter war Oberst Henry. Dieser Bericht nun war aus dem Kriegsministerium verschwunden. Das Ministerium erfuhr jedoch, daß sich ein Exemplar — vielleicht das Original — im Besitz des Generals Billot befinde. Nicht odne Mühe wurde dieser dazu gebracht, das Dokument, das er als sein ..Privateigentum" ansprach, herauszvgeben. Also alle die genannten militärischen Chefs — und mit ihnen noch viele andere, hier nicht genannte — haben schwere Verbrechen begangen, um die Verurteilung des Dreyfus zu sichern. Nun bleibt allerdings die Frage nach den Motiven dieses Vorgehens. Der Aerger der klerikalen und antisemitischen Offiziere, zum erstenmal einen Juden im Generalstab zu sehen, reicht doch schwerlich zur Erklärung aus. Vermutlich hat die Furcht mancher Offiziere vor der Spürnase des von ihnen gesellschaftlich Boykottierten stark mitgespielt. Daß im Generalstab manch unsauberer Winkel zu finden war, unterliegt keinem Zweifel. Hinter der unentwirrbaren Buchhaltung des Archivars Gribelin scheinen allerlei dunkle Geschäfte versteckt zu sein. Man hat den Eindruck, daß von manchen Offizieren des Generolstabes ein schwunghafter Exporthandel mit militärischen Dokumenten getrieben worden sei, für den der Titel der Kontrespionage auf alle Fälle Deckung bot. Man braucht dabei nicht Hochverrat anzunehmen. In der Spionage lassen sich auch Geheimnisse minderer Qualität und oft bedeutungslose Indiskretionen zu Geld machen. Andererseits lasten sich auch für die Kontrespionage Spesen ohne eigentliche Kontrolle verrechnen. Wie sich nun mit der Angst der in diesem Punkt schuldigen Offiziere der Neid anderer, der blinde Rassenhaß, das Vorurteil und allgemeine politische Jntereffen verbunden haben, um den Hauptmann Dreyfus ins Verderben zu stürzen, das wird im einzelnen wohl nie aufgedeckt werden können. General Mercier hatte noch vor kurzem auf einem Bankette der Liga des französischen Vaterlandes hoch und heilig versichert, er werde nicht ermangeln, im Augenblicke der Revision des Dreyfusprozesses die Miffetaten und Fälschungen des Kastationshofes nnd der Revisionisten aufzudecken, er scheint sich aber jetzt die Sache überlegt zu haben. Selbst für die Reporter der „Libre Parole" und anderer ähnlicher Blätter, die bei ihm Trost für die schweren Beleidigungen des Oberstaatsanwalts zu finden hofften, blieb seine Tür verschlossen und auch der in diesen Fällen sonst so hilfreiche „intime Freund" konnte den Berichterstattern nur den ausweichenden Bescheid erteilen, General Mercier werde in voller Freiheit seine Stunde für seine Enthüllungen wählen, dürfte aber erst das Ende der Ausführungen Herrn Baudouins abwarten. Diese zum mindesten vorsichtige Haltung ist angesichts der ehedem geführten kühnen Sprache des Generals gewiß höchst bezeichnend General Mercier dürste endlich zur Ueberzeugung gelangt sein, daß sich die Dinge in Frankreich denn doch einigermaßen verändert haben. Die endgiltige Regelung der Affäre, die nunmehr unmittelbar bevorsteht, hat verschiedene Anhänger der großen Sache veranlaßt, dem bescheidenen und unerschrockenen Manne, der zuerst ohne jede Unterstützung gegen alle Welt für den vom Pariser Kriegsgerichte Verurteilten eintrat und den ein früher Tod hinderte, auch nur den Anfang des Gelingens des großen Werkes zu sehen, dem Schriftsteller Bernhard Lazare, eine Büste zu errichten. Eine Subskription ist zu diesem Zwecke eröffnet und wird von allen republikanischen Zeitungen unterstützt. Juden in Italien. Rom. Italien feiert mit seiner Renten-Konverfion einen staatlichen Triumph ersten Ranges. Die Verhandlungen über die Verwandlung der vierperzentigen Schuld in eine solche, welche vom zweitnächsien Kupontermin an nur mit 3 75 Perzent und nach 5 Jahren, das ist vom 1. Juli 1912 nur mit 3°5 Perzent verzinst werden soll, wurden in aller Stille forlgesührt und in den jüngsten Tagen so erfolgreich beendet, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.