Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021684--15547-3040319- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 27 Dr. Dlocbs Mlocvenscvrin. Seite 449 Die großen, französischen Bankiers wußten gar wohl, daß das Publikum ihnen nicht folgen würde, wenn sie der italienischen Regierung die gewünschte Hilfe gewähren würden, ehe diese Beweise ihrer veränderten Haltung gegeben. Billot kam nun eines Tages auf die Consulta gerade in dem Momente, als die Vertreter der Pariser haute linance das Kabinet des Premierministers verließen. Rudini war nervös, aufgeregt und sagte zu dem französischen Gesandten Herrn Billot: „Ihre Finanzmänner haben mich in diese Lage gebracht. Würden Sie es glauben, daß sie soeben gewagt haben. . . . Sie halten uns für so heruntergekommen. O, sie kennen mich sehr schlecht. Sie haben mir ihre Hilfe zum Kauf angeboten. Sie haben sich erlaubt, von dem Dreibund zu sprechen; sie haben gewagt, mir Bedingungen zu stellen, mir! O, diese Juden. Ich weiß nicht, wie ich mich habe zurückhalten können, sie zum Fenster hinauszuwerfen." Billot erwiderte: „Pst! Herr Präsident! Sprechen Sie leiser! Herr Luzatti und Herr Malvano, Ihre Mitarbeiter und Freunde, sind doch sehr ehrenhafte und sehr ausgezeichnete Semiten. Wenn Sie sie hörten!" Der Ministerpräsident beruhigte sich, fing an zu lachen und entschuldigte sich wegen seines heftigen Ausfalles. — Und dennoch haben die jüdischen Bankiers ihre Bedingungen nicht als Juden, d. h. in irgend einem jüdischen, sondern als Franzosen, im französischen Interesse gestellt. Sie waren französische Patrioten, nicht Juden, nicht Kosmopoliten. Aber die Juden können machen, was sie wollen, immer finden sich welche, sogar, wie gesagt, gebildete und hochstehende Persönlichkeiten, die bei jeder ihnen unbequemen Gelegenheit „O, diese Juden! ausrufen. Israelitische Erziehungsanstalt Ahlem. Der Bericht der Anstalt gibt ein Bild ihrer Entwicklung im Jahre 1905, erwähnt u. a. die Vollendung des Anbaues an das Knabenhaus, das nunmehr die Unterbringung von hundert Zöglingen ermöglicht, verbreitet sich über die Gärtnerei- und sonstigen daselbst ausgeübten gewerblichen Betriebe, insbesondere die Bäckerei und Schuhmacherei und ist in der Lage, auf eine hervorragende Auszeichnung auf der letzten Nordwestdeutschen Obstbauausstellung Hinweisen zu können. Die allenthalben anerkannte große Bedeutung der Israelitischen Erziehungsanstalt in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht wird noch erhöht durch die erfreuliche Entwicklung des Mädchenhauses, das, nebenbei erwähnt, den gemeinsamen Unterricht von Knaben und Mädchen unter 14 Jahren eingeführt hat. Der Handfertigkeits- und Gartenbau-Unterricht der Schüler hat befriedigende Erfolge gezeitigt. In der Lehrlingsabteilung (wir wollen nur dies hervorheben) fanden bislang 126 junge Leute ihre Ausbildung, zwei zur Tischlern, einer zum Bäcker, alle übrigen zu Gärtnern. Daß manche — wenn auch nur ein kleiner Prozentsatz — den Berus wechselten, zeigt, wie u. a. noch gewisse Einflüsse und Vorurteile, insbesondere von seiten der Angehörigen, sich nachteilig geltend machen. Der Bericht über die Finanzen der Anstalt ist insoferne recht günstig, als sowohl die Jahresbeiträge, als auch die Spenden eine beachtenswerte Zunahme aufweisen. Trotzdem erscheint es notwendig, daß noch immer weitere Kreise sich die Unterstützung der Anstalt angelegen sein lassen, die wohl geeignet ist, die regelmäß von antisemitischer Seite wiederkehrende Behauptung zu widerlegen, daß die Juden sich nicht zu körperlicher Arbeit eignen. Die Anstalt bildet einen beweiskräftigen Protest gegen gewisse antisemitische Anschauungen und zu gleicher Zeit in gewissem Sinne einen nicht zu unterschätzenden Faktor zu ihrer Bekämpfung. _ Die Ankunft der Juden in Basel.*) Die Schweiz, welche zwischen Frankreich, Deutschland und Italien geographisch in der Mitte liegt, veranlaßte die in diesen drei Reichen wohnenden Juden öfters, mit den Städten Helvetiens *) Bergl. Johann Caspar Ulrichs. Pfarrers zum Frauen- Münster in Zürich, Sammlung jüdischer Geschichten, in Handelsbeziehung zu treten und allmählich in den verschiedenen Städten bleibend Existenz zu suchen. Der zur Zeit Luthers getaufte (wie die Geschichte Johann Kaspar Ulrichs, Pfarrer zum Frauen-Münster in Zürich, lehrt) berühmte Jude Antonius Margarita behauptet in seinem Buch von dem jüdischen Glauben, Cap. XXI, p. 261: „D a ß alle Juden in deutscher Nation, voraus die so am Rhein wohnen, aus Frankreich setzen vertrieben worden." Da nun selbige unter König Philipps von Frankreich Anno 1182 einen der härtesten Stöße bekommen, und den Flecken völlig räumen mußten, so ist allerdings vermutlich, daß zur selbigen Zeit die Juden in den helvetischen Landen sich niedergelassen haben. Der berühmte Geschichtsschreiber Johann Guler bemerkt in seiner rhätischen Chronik, p. 28, daß schon gleich nach der Belagerung Jerusalems etliche Juden durch diesen Anlaß in das rhätische Land gekommen und sich daselbst niedergelassen haben. Unter denen Städten Deutschlands, in welchen die Juden Synagogen gehabt, setze auch Augspurg eine gewesen, wie solches aus folgender Grabschrist zu ersehen: „Tib. Cleyphas |[|||| vir Aug\“ ,.Xegotiator Artis Purpnratae.“ Das ist: Tiberius Cleophas, der sechs Augustalischen einer, ein Handelsmann des Purpurwerks. „Cleyphas" oder Cleophas ist ein jüdischer „Namm, und der selbigen Landart Volk den Purpurgewerb viel getrieben, der Namm Tiberii wird etwann von einem Römer, unter dessen Schirm dieser sich begeben, auf ihn, wie bräuchlich, gelanget haben." In dem voeumenta und in den Urkunden von Bafel wird mitgeteilt: „Die überaus angenehme Lage der Stadt Basel und die lange darinnen blähende Handelsschaft, reitzet die Juden von ihrer Vertreibung aus Frankreich, vielleichtauch schon vorher, an, zuzusehen, ob es nicht möglich wäre, sich hier zu setzen, und es gelunge ihnen. Sie wurden angenommen. Sie hatten eigene Häuser und Synagogen. Sie borsten auch ihre Todten in Basel begraben. Diese Häuser hießen: 1. Das Haus Puchils, vor derGerbe r-8 a u ben über, voher Salman Unkels, des Juden. 2.Die Synagoge der Juden. 3. Bentholds, des Juden. 4. Des Otto von Hagenthal. 5. Des Ramspach. 6. Des schon gemeldeten Puchils. 7. Des Salman Unkel. 8. Des Frantzen von Hegenheim. 9. Die Synagog in dem Rindermarkt und die darum liegenden Häuser, als: 10. Des Rabbi Rasors. 11. Der Merya, Witwe des Vivelmanns. 12. Des MoyseS von Rinfelden. 13. Ein Haus, nahe an dem Haus zur Muschelen, der Guta von Nüwenburg. 14. Ein Haus, nahe bey dem Haus zur Gabelen, welches nun abgebrannt ist. 15. Die Synagog, gegen den Fruchtmarkt, welches der Jud Meyer bewohnet. 16. Das Haus des Mannen. 17. DaS daran gefügte Haus, welches Joelin, der Sohn Kaltwassers, bewohnet. 18. Ebendaselbst das Haus, worinnenEnsi und MoyseS welche sich mit diesem Volk in dem XIH. und folgenden Jahrhunderten bis auf MDCCLX in der Schweiz von Zeit zu Zeit zugetragen. Zur Beleuchtung der allgemeinen Historie dieser Nation herausgegeben Basel MDCCLXVIIL