Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Mentioned entities
- Baku 1× ep/1000527
- Kostroma 1× ep/2278376
- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
- Orenburg 1× ep/2453185
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Seite 448 Dr. Llocv's Mocvenscvcitu Nr. r-7 noch größeren Rayon wie im Jahre 1891, indem sie sich diesmal bis zur Wolgamündung ausdehnt. Bereits seit dem vorigen Jahre sind in Rußland 215 Distrikte in 22 Gouvernements von der Hungersnot betroffen. In diesem und im nächsten Jahre dürfte, wie die „Strana" hervorhebt, die Hälfte Rußlands von der Hungersnot betroffen werden. In den Gouvernements Pensa, Samara, Simbirsk, Kasan, Ufa, Orenburg, Wjatka, Kostroma, Woronesch, Astrachan und im Dongebiete sind alle Saaten infolge der Dürre zu Grunde gegangen. Diese Gouvernements bilden den großen Rayon des ganzen Wolgagebietes und des Nord- und Südostens des getreidereichen Rußland. Auch die Gouvernements Minsk, Witebsk, Rjäsan und Cherson stehen im Zeichen der Mißernte. Am schrecklichsten lauten jedoch die Nachrichten über die Hungersnot in Kasan, Astrachan und Kutais. Hier herrschten bereits, wie offiziell bekannt gegeben wird, Skorbut und andere Folgen der Hungersnot. Der Gouverneur von Astrachan, General Grombtschewsky, meldet, daß in seinem Gouvernement eine vollständige Mißernte herrscht. In Kutais haben die Strafexpeditionen, so wird offiziell gemeldet, alle Verpflegungsmagazine vernichtet, so daß dort eine vollständige Hungersnot eingetreten ist. Eine Kundgebung im ungarischen Parlament. Budapest, 2. Juli. Vizepräsident Rakovszky eröffnet die Sitzung um y2ll Uhr. Vor der Tagesordnung ergreift Abgeordneter Andreas Csizmazia (Unabhängigkeitspartei) das Wort und führt aus: In der letzten Zeit haben sich in Rußland, und zwar in Bialystok, fürchterliche Ereignisse abgespielt, welche im Namen der Humanität aufs entschiedenste verdammt werden müssen. Eine wilde Horde hat friedliche Bürger angegriffen, ihre Wohnhäuser eingeäschert, sie selbst ausgeraubt und dann mit fürchterlicher Grausamkeit hingemetzelt. Die bisher festgestellten Erhebungen haben fast bis zur Gewißheit bewiesen, daß diese Metzeleien von den zur Aufrechthaltung der Ordnung berufenen Organen angezettelt wurden. Redner ist überzeugt, daß er den Gefühlen jedes ehrlich denkenden Menschen, also des ganzen Hauses, Ausdruck gebe, wenn er seinerseits über diese bestialischen Grausamkeiten seine Verachtung ausspreche und zugleich der unglücklichen Opfer mit Bedauern und warmer Teilnahme gedenke. Dr. Strauch er gegen Dr. Kramarsch. In Beratung über die Zentralleitung des Auswärtigen Amtes kam Dr. Straucher noch einmal auf die Massakres von Bialystok zu sprechen. Von dem Minister des Aeußern, der selbst Angehöriger eines Volkes ist, welches durchaus nicht auf Rosen gebettet und gerade in Rußland auch so vielfachen Verfolgungen ausgesetzt war, hätte mqn mehr Empfindungsfähigkeit für die Leiden anderer erwartet. Von Dr. Kramarsch, der als feingebildeter, moderner Mensch bekannt ist und auch tatsächlich ein durchaus vornehmer und vorurteilsfreier Mensch ist, hätte Redner am wenigsten die Aeußerungen erwartet, die man von ihm gehört hat. Seine Aeußerungen beeinflussen Millionen seiner Stammesgenossen und es ist doch Pflicht eines so hervorragenden Politikers, mäßigend zu wirken, gerecht zu urteilen und sich eingehend zu informieren. Jeder Satz des russischen Rechtes enthält ein blutiges Unrecht gegen die Juden. In einem Ansiedlungsrayon zusammengepreßt, mit den schwersten Steuern belegt, von Geschlecht zu Geschlecht als Erben unsäglichen Elends in einen Kerker geworfen, sind sie oft dem Verhungern und immer der brutalsten Willkür aller öffentlichen Organe preisgegeben. Jeder nächstbeste Wachmann quält, mißhandelt den Juden, beutet ihn ans, bringt ihn in den Kerker, nach Sibirien, aufs Schaffot. Dr. Kramarsch stellt es so dar, als wären die Juden die alleinigen Revolutionäre Rußlands. Dann verfiel er in jenes System, welches die russische Mordregierung zur Irreführung Europas gebraucht. Die russischen Universitäten sind ja mft Revolutionären gefMt. Nachdem bloß fünf bis sieben Prozent jüdischer Hörer zugelasien werden, ist es klar, daß fast die gesamte studierende Jugend Rußlands revolutionär ist. Zur russischen Marine wird kein Jude zugelasien und trotzdem waren die Meutereien von Sebastopol, Odessa, Kronstadt zu verzeichnen. Zur russischen Garde wird gewiß kein Jude zugelasien, und sie hat gemeutert. Und was war es mit den Deutschen in den baltischen Provinzen? Oder sind die lettischen Bauern bei ihren Mordbrennereien oder die Tataren in Baku oder die Kaukasier oder die meuternden Bataillone von Juden geführt worden? Das Bataillon des Zaren selbst hat in bisher unerhörter Art gegen ihn gemeutert. Die gesamte russische Intelligenz und die bäuerliche Bevölkerung befinden sich heute im revolutionären Zustande. Bei einer Bevölkerung von 130 bis KO Millionen, wo die Juden kaum 5 Millionen sind, spricht man davon, die Juden seien die alleinigen Revolutionäre! Am verblüffendsten war die Aeußerung Dr. Kramarsch', die „zarte jüdische'Jugend" in Rußland mache Revolution. Nun, wie war es mit dem böhmischen Jugendbunde, der „Omladina"? Viele Mitglieder derselben erlitten lange Kerkerstrafen. Der jetzige Minister Dr. Pacak hat selbst eine dreijährige Freiheitsstrafe abgebüßt, von einigen Omladinisten wurden sogar politische Morde begangen — und worum handelte es sich da? Um staatsrechtliche, sprachliche und nationale Aspirationen und Konzessionen und durchaus nicht um die primitivsten Menschenrechte. Niemand hat die Tschechen in Ghettos eingesperrt, zum Hungertode verurteilt, willkürlich in den Kerker, nach Sibirien, aufs Schaffot geschleppt — und trotzdem eine Erhebung! Die Revolution, der sich ein Teil der Juden angeschlossen hat, geht aber aus der Verzweiflung hervor. Ein einwandfreier Zeuge, Fürst Urnssow, ein Mitarbeiter Wittes, hat vor einigen Tagen in der Duma dem aufhorchenden Europa erzählt, daß russische Großfürsten es waren, welche die verabscheuungswürdigen Pogroms arrangiert haben. Er hat das Datum, die Häuser, die 'Nummern, die Namen der betreffenden Organe genannt, welche sich dazu hergegeben haben. Eine offizielle Mitteilung der russischen Negierung besagt, die Untersuchungskommission über die Judenverfolgungen in Bialystok habe festgestellt, daß gegen eine Anzahl von Polizetbeamten als eigentliche Urheber der Unruhen die gerichtliche Verfolgung einzuleiten ist, daß die Polizei Mörderbanden zur Niedermetzelung der Juden organisiert hat, daß zahlreiche Offiziere sich der Aufreizung zu Plünderungen schuldig gemacht hätten. Und da sagte hier Dr. Sileny, das seien „nur Zeitungsmeldungen!" Es ist betrübend, daß man an diesen Ereignissen bei uns mit derartiger Empfindungslosigkeit vorübergeht, während in Berlin eine große Protestversammlung stattgefunden hat, die im Namen der göttlichen und menschlichen Gerechtigkeit gegen diese Vorfälle ausgetreten ist. Protests ersammlnng gegen die Metzeleien von Bjelostok. Frankfurt a. M., 4. Juli. In einer großen Volksversammlung, zu welcher der Andrang so stark war, daß viele Hunderte umkehren mußten, weil sie keinen Platz fanden, wurde gestern, nachdem die Professoren Rade aus Marburg und Quidde aus München die russischen Metzeleien besprochen und verurteilt hatten, einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung spricht ihr tiefes Mitgefühl mit den Opfern der Metzeleien in Rußland und ihre Empörung über die Urheber der unmenschlichen Grausamkeiten aus. Sie vertraut, daß die Duma es erreichen wird, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, damit neuen Untaten vorgebeugt werde, und sie ist von dem Wunsch beseelt, daß es den Mächten des Fortschrittes und der Kultur gelingen möge, unserem großen östlichen Nachbarreich den Verfassungsstaat mit Sicherung der bürgerlichen Rechte und der religiösen Freiheit zu bringen, zum Segen Rußlands und als eine zuverlässige Bürgschaft friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zum Deutschen Reiche." Kundgebung des Generalrates in Paris. Paris, 4. Juli. Der Generalrat nahm mit 41 gegen 20 Stimmen eine Adresse an, in welcher der schmerzlichen. Sympathie für das russische Volk, sowie der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, daß dasselbe die Freiheit gewinnen werde. Die Adresse verlangt weiters, daß bei den öffentlichen Gewalten Schritte getan werden, daß den Rußland entehrenden Metzeleien, deren Schmach alle zivilisierten Völker Mitempfinden, Einhalt getan werde. Der Präsekt erhob gegen die Adresse Einwendungen. Diese Juden! Der frühere französische Gesandte in Rom, B i l l o t, erzählt in seinem kürzlich von ihm veröffentlichten Werke einen Vorfall, der so recht zeigt, wie selbst gebildete und hochstehende Männer sich zu Aeußerungen hinreißen lassen, sobald diese etwas tun, was den Herren wider den Strich geht, obgleich die Juden dies nicht als Juden getan haben. Als im Jahre 1891 Rudini an der Spitze der Regierung in Italien stand, waren die Beziehungen Italiens und Frankreichs nicht die freundschaftlichsten. Italien brauchre damals Geld sehr nötig und, um die eben ausgegebenen Eisenbahn-Obligationen zur offiziellen Kotierung zuzulafsen, war die Mitwirkung der großen Bankinstitute, namentlich des Hauses Rothschild, unentbehrlich.