Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021684--15545-3040317- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27 Dr. Llocv s Mlocvenscvrin. Seite 447 Rauben teilgenommen haben. Doch sind einzelne Fälle registriert. So sind bei der Untersuchung der Kasernen geraubt ' goldene Uhren gefunden worden. 3. Es ist festgestellt, daß die P'.ündererbanden unter dem Schein von Feuerwehrleuten gemietet worden sind. 4. Es ist festgestellt, daß die Kirchenbannerträger, ohne ihre Chorhemden abgelegt zu haben, an Raub und Mord teilnahmen. 5. Es ist festgestellt, daß Arretierte in den Bezirkspolizeiverwaltungen totgeschlagen worden sind und dann als Tote, die man auf der Straße ausgelesen habe, in die Polizei gebracht worden sind. 6. Beim Prügeln und Totschlägen in den Polizeiverwaltungen ist der Chef der örtlichen Sektion der politischen Polizei Chodorowski zugegen gewesen. 7. Durch die Explosion auf der Alexandrowschen Straße ist nur die Manjakowskaja verwundet worden. Die verwundete Anna Diminjuk hat unter Revolverkugeln gelitten. 8. Wo sich die Offiziere einmengten, gelang es ihnen leicht, die Hetze zu unterdrücken. 9. Es sind Offiziere zugegen gewesen, die die Räuber und Mörder anfeuerten, indem sie riesen: „So ist's recht! Danke! Steht für uns ein!" 10. Die Morde in den Wohnungen wurden systematisch eingeleitet. Zuerst vollführten Polizei und Truppen eine Haussuchung nach Bomben und Revolutionären. Dann hieß es, das Gesuchte sei gefunden. Die Truppen beschossen das Haus und ließen die Huligans hinein. Der Bericht der Dumakommission stellt ferner fest: 1. Zwischen christlicher und jüdischer Bevölkerung fehlte jeder Haß. 2. Haß gegen die Juden zeigte nur die Polizei; er wurde dem Militär eingeimpft, da man die Juden als Teilnehmer an der Freiheitsbewegung verketzerte. 3. Das Pogrom wurde systematisch vorbereitet, was sowohl den Behörden wie der Bevölkerung seit längerer Zeit bekannt war. 4. Der unmittelbare Anlaß zum Pogrom war ebenfalls sorgfältig vorbereitet und von der Administration vorhergesagt. Demnach ist die Zurücksührung des Pogroms auf den Ausbruch religiösen Hasses völlig unzulässig. 5. Die Handlungsweise der Militär- und Zivilverwaltungsbehörden während des Pogroms war eine offene Verletzung aller Gesetze. Es fanden systematische Füsilierungen der friedlichen jüdischen Bevölkerung, einschließlich der Frauen und Kinder, statt, alles unter dem Vorwand der Bekämpfung der Revolutionären. In Wirklichkeit konnte von einem revolutionären Auftreten der Massen wie einzelner Personen nicht die Rede sein. 6. Militärwie Zivilbehörden waren nicht nur während des Pogroms untätig, sondern förderten ihn und nahmen in Person niederer Agenten selbst am Mord und an den Plünderungen teil. 7. Die offizielle Darstellung der Ursachen und des Ganges der Ereignisse entspricht durchaus nicht der Wirklichkeit. Die Untersuchungskommission des Ministeriums des Innern über die Judenverfolgungen in Bialystok hat festgestellt, daß gegen zwei Polizeikommissäre, zwei Adjunkten und vierzehn Schutzleute als eigentliche Urheber der Unruhen die gerichtliche Verfolgung einzuleiten sei. Weiters wurde amtlich konstatiert, daß die Polizei die Mörderbanden zur Niedermetzelung der Juden organisiert habe und daß zahlreiche Offiziere verschiedener Truppenkörper sich der Aufreizung zur Plünderung schuldig gemacht hätten. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhielt folgende charakteristische Mitteilung aus Bialystok: Am vergangenen Freitag setzte Gesindel eine leere bei Bialystok gelegene Scheuer in Brand. Die Uebeltäter beschuldigten darauf die Juden bei dem Polizeimeister, den Brand gelegt zu haben und baten um die Erlaubnis, sich nunmehr an den Juden durch einen Pogrom rächen zu dürfen. Es ist zwar unglaublich, aber doch zutreffend, was nunmehr geschah. Der Polizeimeister verwies das Gesindel an den Generalgouverneur. Und was dieser sagte, ist noch unglaublicher. „Soldaten werde ich," sagte er, „für den Pogrom nicht hergeben, wenn Ihr aber allein einen Pogrom versuchen würdet, würde es Euch schlecht ergehen, denn die Juden würden Euch mit Hilfe ihrer Selbstwehr zurückschlagen." Darauf zogen die Banditen, die mit der Regierung wegen eines Pogroms unterhandelten, ab und dieser unterblieb. Dieses Ereignis zeigt, welche Auffassung in russischen Regierungskreisen herrscht und daß auf ein neues Signal aus Petersburg in jedem Augenblick die Unruhen wieder ausbrechen können. Die Bjelostoker Juden gegen General v. Bader. Bjelostok, 4. Juli. Das Stadthaupt erhielt folgende von sieben Vertretern der Bjelostoker Juden Unterzeichnete Erklärung: Aus dem dem Kriegsminister vom Generallieutenant v. Bader übermittelten Bericht, betreffend die Ursachen, die den Pogrom hervorgerusen und begleitet haben, ersehen wir, daß die darin enthaltenen Nachrichten von der Wahrheit abweichen, wie dies durch die offiziellen Akte und das Dementi des Gouverneurs von Grodns erwiesen ist. Infolgedessen ersuchen wir darum, eine besondere Sitzung der Duma einzuberufen, in der die Frage zum Zweck der offiziellen Klarstellung der Wahrheit zu beraten wäre. Tolstoi über die Juden,uaffakres. An den französischen „Steele" hat Tolstoi eine Zuschrift gerichtet, in der er sich über die Judenmassakres äußert. Er vergleicht die gegenwärtigen Leiden der russischen Juden mit denen der ersten Christen in Rom und sagt, er habe es anfangs nicht für möglich gehalten, daß russische Behörden derartige Greuel jemals würden gutheißen können. Dann fährt er fort: „Ich wollte mir die Judensrage Rußlands aus historischen, sozialen und anderen Motiven erklären. Niemals kam es mir dabei in den Sinn, daß all solches Nachdenken überflüssig wäre, daß die Grausamkeiten einfach eine Folge der rohen Brutalität und der ungerechten Gewalt seien. Jetzt, nach den Maffakres von Kiew, Kischinew, Bialystok, sehe ich deutlich, nur die verbrecherischen Behörden sind schuld an all dem Unglück. Die Polizei hat die Zusicherung, daß sie ohne Strafe Kapitalverbrechen verüben kann, und mit dieser Gewähr mordet sie die Juden, steckt sie ihre Häuser in Brand, vergewaltigt sie ihre Frauen. So hat man Polizisten angetroffen, die hilflose Kinder in zwei Teile rissen, sie in siedendem Wasser erstickten und mit rasender Mitleidslosigkeit Säuglinge von der Mutterbrust rissen, um sie auf das Straßenpflaster zu schleudern. All das ist nur das Werk kühl überlegter Hetzer, die eine kritiklose Menge bis zur Bewußtlosigkeit aufreizen. Wenn diese scheußlichen Machthaber wollen, so können sie die Maffakres immer wieder erneuern; in ihrer Hand liegt es ebenso, sie einzudämmen. So offenkundig ist das unter den einzelnen Provinzverwaltungen, daß die Gouverneure schon eine feste Formel gefunden haben, um die Metzeleien nach Belieben zu dirigieren. Der Gouverneur schreibt an den Polizeihauptmann einer Stadt: „Du bist mir verantwortlich für die Ruhe in deiner Stadt." Der Polizeichef versteht die Formel, und es finden keine Judenschlächtereien statt. Andererseits ist die Aufforderung zu Maffakres in den Satz gekleidet, den ein Gouverneur an die Bürgermeister und Polizeichefs richtete: „Sie dürfen um keinen Preis zulaffen, daß die Bevölkerung verstimmt wird." In Kischinew wollte ein niederer Polizist aus Erbarmen einen Juden verteidigen. Da wurde ihm zugerufen: „Die Bevölkerung darf nicht verstimmt werden." Und er schlug seinen Schützling nieder." Die Plagen Egyptens. Die vor wenigen Tagen in der Reichsduma ftattgefundene Debatte über die Hungersnot in Rußland hat auf die schwere Mißernte in z chlreichen Gouvernements die allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt. Einige in der „Nowoje Wremja" und in der „Strana" publizierte Artikel über die Ausdehnung der Mißernte tragen dazu bei, die herannahende Hungersnot in ihrer ganzen Schwere kennen zu lernen. Seit 1891 ist es zum drittenmal, daß ein großer Teil des Zarenreiches von einer schweren Hungersnot betroffen wird. Die Mißernte von 1891 hatte die Gouvernements der Mittelwolga und des Komagebietes total verwüstet und verarmt. Die Mißernte von 1899 halte sogar Hungertyphus und Skorbut im Gefolge gehabt. Die gegenwärtige Mißernte umfaßt einen