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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-06 · 27 (6.7.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 446 Dr JSiocbs Mllocbenscbritt. Nr. 27 fein, deutsche Gesittung und Gesinnung verbreiten zu wollen, und gemacht war aus Ausdrücken, für welche Volksschüler von der Schule weggeschickt würden und gewöhnliche Leute in den Arrest wandern, gemacht aus skrupelloser Lüge und Verleumdung mit nur einer Rücksicht, dem Strafgesetz geschickt auszuweichen. Darin haben es die antisemitischen Apostel zur Meisterschaft gebracht. Perfide Klopffechterei, gegen die das Opfer ohnmächtig war, weil bei einigermaßen geneigter Auslegung des Gesetze-- sich keine juridische Handhabe gegeben. Man legte das Gesetz wohlwollend aus, man las wohlwollend den unerhörten Rüpelton, der angeschlagen wurde. Galt doch die Gemeinheit den Juden und die Regierung übernahm stillschweigend die Patronanz darüber, weil es ihr willkommen war, einen Sündenbock zu haben, der die allgemeine Aufmerksamkeit von den Vernaltungskünsten ablenkte, weil sie die Juden dafür bestrafen wollte, daß sie damals ungescheut ihr gutes politisches Recht in den Oppositionsparteien ausübten. Es wäre für die Regierung eine Kleinigkeit gewesen, den rüden Ton im öffentlichen Leben zu unterdrücken und dieses Maß der Feindseligkeit die Grenze von Moral und Gerechtigkeit nicht übersteigen zu lassen. Aber man ließ das Antisemiienorgan nach Belieben toben. Wir Juden haben niemals ein Vorrecht verlangt, sondern nur das Recht der Gesetze, aber man hat es uns mit gewundenen Paragraphen ans der Hand gewunden und leider, leider ist den verbrecherischen Anschlägen auf unsere Ehre, unser Eigentum den verleumderischen antisemitischen Schimpfboldeu nicht gleich von Anfang an die gesamte jüdische Kraft gegenübergestanden. Schmunzelnd sah man zu, wie das Hans des Juden vom Schlamm überschwemmt und verwüstet wurde. Aber bald machte das Lächeln dem Ernst und der Ernst dem Entsetzen Platz. Denn die schmutzige Flut blieb bei ihrem ersten Werke nicht stehen. Man sah die kolossale Wirksamkeit der antisemitischen Manier und man ahmte sie nach Auch gegen andere als gegen die Juden entbrannte der Kampf und man nahm die wirksame Methode, die man bei Schönerer, Vergani und Lueger fand. Man griff nicht das gegnerische Programm an, sondern den Gegner, man überschüttete die andere Partei nicht mit Argumenten, sondern mit öden Schimpfereien, Lügen, Verdächtigungen. Niemals wird nach antisemitischem Muster getan, was gerecht ist, sondern alles, was dem betreffenden Parteimann paßt, und wird durchgesetzt mit Roheit und Gewalt. Immer weiter klaffte der Riß, den weder gütige Kaiserworte, noch ernste Bemühungen der Regierung ansfüllen und verschwinden lassen können. Immer tiefer wird das Ansehen und die Kraft der Monarchie heruntergezogen, weil man nicht auf einmal hindern kann, was man so lange stillschweigend oder gar freundlich geduldet hat. Die Praxis der richterlichen Kreise konnte sich weder gegen den Ton noch gegen die Art politischen Banditentums richten, das die Antisemiten so lange ungestraft ausgeübt hatten. Jetzt würde die Regierung nur allzu gerne das vernichtende Gift dieser Art des Auftretens unschädlich machen. Aber zu weit hat sie es sich einfressen lassen, zu viel Gewebe wurden davon durchtränkt. Es ist erlaubt und möglich, zu beschimpfen, zu besudeln, zu verleumden, wenn man nur die Lücken des Gesetzes für den Rückzug kennt — diese wahre Ueberzeugung hat sich im Gehirn des Volkes festgesetzt, und niemand wird so bald diese Ansicht aus der Welt schaffen. Das fortlaufende Verbrechen, das der Staat an feinen willfährigsten Bürgern hat geschehen lassen, hat sich an ihm selbst gerächt. Die schmutzigen Keime, welche die Antisemiten mit vollen Händen auswerfen dursten und dürfen, sind zu einem unendlichen Felde voll Unkraut aufgesproßt, in welchem Völkerstreit, giftige Feindseligkeit und abstoßende Roheit üppig gedeihen und jeden fruchtbaren Halm ersticken, und ourch dessen Gewirre kein Führer den Weg zur Erlösung Oesterreichs zu finden vermag. Wenn man jemals daran denken wird, dieses Feld auszuroden, dann mag man an keine Wurzel vergessen. Das Recht ist die Festung des Staates; sein ganzer Ban aber stürzt zusammen, wenn man ihm auch nur den kleinsten und unscheinbarsten Stein wegnimmt : das Recht der Inden. I. U p r i m n y. Dom Jahrmarkt des Lebens. Amtlicher Bericht über die Masfakres von Bjelostok. Petersburg, 4. Juli. Der „Regierungsbote" veröffentlicht folgende Mitteilung: Am 14. Juni haben in Bjelostok Unruhen stattgefnnden, in deren Verlanf 82 Personen, und zwar 7 Christen und 75 Inden, getötet und 78 Personen, nämlich 18 Christen und 60 Juden, verwundet sowie 169 jüdische Wohnungen und Buden geplündert wurden. Zum Zwecke der Ermittlung der genauen Ursache der Unruhen hat der Minister des Innern das Mitglied des Ministerrates Frisch nach Bjelostok gesandt. Die hiedurch gewonnenen Nachrichten haben folgendes ergeben: Bjelostok, das etwa 100.000 Einwohner zählt, von denen 70 Perzent Juden sind, wurde in den letzten Jahren zum Hanptzentrnm der revolutionären Bewegung des Westgebietes. Nach der Verhängung des Kriegszustandes im September vorigen Jahres wurden die terroristischen Umtriebe schwächer, wuchsen aber mit erneuerter Kraft, als am 1. März 1906 der Kriegszustand aufgehoben wurde. Eine Reihe terroristischer Anschläge versetzte Bjelostok in einen Panikartigen Zustand, und die Ermordung Derkatschews, welcher die allgemeine Hochachtung der Juden und Christen genoß, brachte die Erbitterung gegen die Störung der Ordnung zur äußersten Spannung. Gleichzeitig wurde eine Desorganisation der Polizei bemerkbar. Der aufgeregte Zustand der Stadtbewohner und die Desorganisation der Polizei schufen die Grundlage, auf der bei dem geringsten Anlaß mit der größten Kraft Unruhen entbrennen konnten. Während der Prozession am 14. Juni wurden von zwei oder drei Stellen Sprenggeschosse geworfen. Dies hatte zur Folge, daß Militär herbeieilte und auf die Häuser, aus denen geschossen worden war, feuerte. Fast gleichzeitig entflammte mit elementarer Gewalt seitens der christlichen Bevölkerung der Judenpogrom, der keinen Unterschied machte zwischen Schuldig und Unschuldig. Alle durch die Untersuchung gewonnenen Anhaltspunkte sind bereits zur Grundlage für Maßregeln genommen worden, die zur Herstellung der geregelten Tätigkeit der Ortsbehörden dienen sollen. Was die am Pogrom beteiligten Personen, sowie deren Mithelfer und die Aufwiegler anbelangt, deßgleichen deren Ausfindigmachung und Abstrafung, werden die Gerichte alle ihnen angewiesenen Machtmittel anwenden. Auch die Regierung wird ihrerseits alles dazu tun, daß keine einzige, an den Bjelostoker Greueln mitschuldige Person dem Gerichte und der Strafe entgehe. Voll Empörung weist die Regierung die in der Gesellschaft verbereiteten Gerüchte zurück, daß der Judenpogrom in Bjelostok unter Mitwissen und unter Beteiligung der Ortsbehörden und der Truppen stattgefunden habe. Die Regierung hält es für ihre Pflicht, die Ueberzeugung auszusprechen, daß der Grund dieses beklagenswerten Ereignisses hauptsächlich in der Tätigkeit der örtlichen revolutionären Organisationen zu suchen sei. Der Bericht der Duma über die Metzeleien in Bialystok gipfelt nach dem Referat des Abgeordneten Schtschepkin (Odessa) in folgenden Punkten: 1. Es steht fest, daß General Bogajewski und der Chef des Stabes der 16. Infanteriedivision schon am 1. Juni den Polizeimeister Radezki und den Gouverneur Küster von der Verwaltung der Stadt entfernt haben, während der Kriegszustand erst nach der Jndenhetze verhängt worden ist. Dieses beweist, daß die Judenhetze provokatorisch organisiert war und belastet die Militärobrigkeit, ohne die Zivilbehörden zu entlasten. 2. Es ist festgestellt, daß die Truppen nur selten am

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