Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 26 Br. JSlocb’s Mocbenscbritt. Seite 441 interessiert, und so wie mir, so gehts auch Tausenden von Studierenden, und wer eben nicht Gelegenheit hat, diesem Zweige des sozialen Lebens näher zu treten, dem ist dieses ganze Fach eine terra IneoZnita. Und doch ist das Versicherungswesen von einschneidender Wichtigkeit für das sozialökonomische Leben einzelner Individuen sowohl als auch ganzer Völker. Von welchem Heil und Segen war meine Einführung des Versicherungssystems bei den jüdischen Emigranten, von denen jeder Einzelne ja nur K 2.— gezahlt hat; im Falle einer Zurückweisung aber konnte der Unglückliche über K 200 verfügen! Wo hätte ich sonst die Tausende von Gulden aufgetrieben? (Im Berichte der Allianz ist das mit keinem Worte erwähnt.) In Oesterreich hat das Versicherungswesen ja erst den anerkannten akademischen Grad erlangt, als Graf Taaffe durch eine Interpellation am 30. Jänner 1893 sich veranlaßt sah, diesem so wichtigen Zweige näher zu treten und ihm in erhöhtem Maße sein besonderes Interesse angedeihen zu lassen. Das Resultat dieses erhöhten Interesses am Versicherungswesen war, daß schon im Wintersemester 1894/95 die ersten Vorlesungen am Polytechnikum über Assekuranzwesen stattfinden konnten. Wenn ich mich nicht irre, waren die ersten Vorkämpfer für die wissenschaftliche Ausbildung die Herren Prof. Dr. Viktor Sersany, Ernst Blaschke (letzterer in hervorragender Weise), Emil Weyr, Gustav Escherich u. s. w. Dem Beispiele Oesterreichs folgte auf dem Fuße Deutschland (1895, Göttingen die ersten Vorlesungen). Im selben Jahre konnte schon Dr. Kiepert, Direktor des Beamtenvereines, dafür wärmstens eintreten, daß dem Versicherungswesen ein gebührender Platz in den Universitäten eingeräumt werde, da es sich um eine Disziplin handelt, deren Bekanntwerden und Eindringen in breitere Volksschichten für den Staat nur von Nutzen sein kann. Diesen Auseinandersetzungen folgte man nun auch in Oesterreich mit der größten Beachtung und fürsorglichem Wohlwollen, was zur Folge hat, daß seit einem Dezennium auch an den Universitäten mathematische Unterrichtskurse eingeführt worden sind. Heute haben wir, wenn auch nicht allzuviele, akademisch gebildete Assekur mzsachverständige. Ich habe diese in kurzen Worten übersichtliche Anleitung vorausgeschickt, damit jeder Leser nunmehr im Stande sei, die Leistungen der im Generali-Buch erwähnten jüdischen Begründer des Assekuranzsaches einigermaßen würdigen zu können. Das Buch ist äußerlich sehr hübsch ausgestattet, macht einen überaus günstigen Eindruck, hat schönes starkes Papier, deutlichen guten Druck. Der Verfasser dieser Abhandlung ist Dr. Julius Graf, Chef der Lebensabteilung, ein überaus scharfsinniger, wissenschaftlich hervorragender Kopf, mit weitem Ausblick. Dr. Graf ist auch Mitglied der Consulta unserer Triester Gemeinde, die er mit feinem jüdisch fühlenden Herzen zu fördern sich aufrichtige Mühe gibt. Seiner vor ungefähr einem Jahre verstorbenen Frau setzte er ein Denkmal, dessen Wohltat auch die Wiener Armen empfinden werden. So viel vom Verfasser. Das Werk zerfällt in drei Teile: Einleitung, mathematische Erläuterungen und technische Versicherungswerte. Der Einleitung entnehmen wir Folgendes, was am meisten für die Generali, für ihren Wert bezeichnend ist. Drei Dezennien sind verstrichen, seitdem bei der k. k. priv. Assekuranzioni Generali in Triest das Rechnungsmateriale erhoben wurde, das heute noch die technische Grundlage für den internen Mechanismus der Lebensabteilung bildet. In unserer Zeit des raschen Fortschrittes auf allen Gebieten, der Ausbau auf einer Grundlage, die vor 30 Jahren erfunden worden ist — das gehört doch zu den seltensten Erscheinungen, zieht man in Betracht, daß der Kurs, der Wert des Geldes ja schon an und für sich kein stabiler sein kann. Marko Besso — ein Jude — Generalsekretär der Generali, hat das Bestreben gehabt (vor 30 Jahren), eine wissenschaftliche Grundlage für die Lebensversicherung zu schaffen. Er hat das Glück gehabt, sich in diesem seinem Bestreben unterstützt zu sehen von zwei Männern, die seine Ideen verwirklichen konnten, Dr. Vitale Laudi-Triest und Wilhelm Lazarus- Hamburg. Diese zwei Männer sind die Begründer dieser aller Welt offenbarten Wahrheiten. Dr. Vitale Laudi, geb. zu Triest 1837 als Sohn eines Sprachlehrers, absolvierte in seiner Vaterstadt das Gymnasium, nachher bezog er die Universität Padua, wo er sich besonders den positiven Studien widmete. Schon auf der Universität lenkte er die Aufmerksamkeit seiner Lehrer auf sich und noch heute werden seine jugendlichen Darstellungen verschiedener Probleme aufbewahrt. Nach Absolvierung seiner Universitätsstudien 1859 bewarb er sich um eine Stelle eines Assistenten in Venedig, aber ein Dokument fehlte ihm — der Taufschein! Er kehrt in seine Vaterstadt zurück und tritt in die Generali ein, wo er mit seinem engeren Kollegen Wilhelm Lazarus wissenschaftliche Abhandlungen absaßte, die selbst in England — wo das Affekuranzwesen die breiteste Basis hat —■ berechtigtes Aufsehen erregen. Hier ist nicht der Ort, um alle Arbeiten Landis aufzuzählen, wir entnehmen noch, daß er eine Zeitlang Mathematik-Professor war; seit dem Jahre 1878 widmete er ausschließlich seine Kräfte der Generali, bei der er es bis zum Stellvertreter des Generalsekretärs brachte. Es ward ihm nicht beschieden, sein 40. Amtsjubiläum zu feiern, acht Tage vorher ist er vom unerbittlichen Tode dahingerafft worden. Landis Freund und Mitarbeiter ist Wilhelm Lazarus, gleichfalls, ein I u d e. Geboren 13. Juni 1825 in Hamburg, absolvierte er die Realschule und widmete sich dann dem Kaufmannsstande, fand aber seine Befriedigung in den wissenschaftlichen Arbeiten für das Versicherungsfach, dem er als Vertreter der Generali in Hamburg doch sehr nahe stand. In Deutschland ist sein Name durch eine Reihe von grundlegenden Werken in Fachkreisen verewigt. Er gehörte zu den Mitgliedern des Deutschen Kollegiums für Lebensverficherungswiffenschaften in Berlin, zu dessen Begründern er gehörte, ferner der mathematischen Gesellschaft in Hamburg, ferner war er lange Zeit hindurch ein wirkliches Mitglied (fellow) des Institute of Actuaries in London und vieler anderen wissenschaftlichen Gesellschaften. Welchen Einfluß Lazarus in der mathematischen Welt genoß, welch Ansehens er sich erfreute, kann man am besten beurteilen, wenn man den Nachruf liest, den Professor Schubert am Grabe Lazarus hielt (gest. 16. Oktober 1890). So viel nun über die Einleitung. Mit den anderen Teilen wollen wir uns nicht befassen, da die Besprechung derselben in eine mathematische Zeitschrift gehöre. Wir wollten nur feststellen, daß trotz einer Zeit, in der man den Unterschied zu machen beliebt von einem arisch-pofitiven und semitisch-zersetzenden Einfluß selbst auf dem Gebiete der Literatur, Philosophie. Kunst und Geschichte re., in diesem Falle man sich vor den positiven Forschungen der jüdischen Mathematiker beugen muß. Und nun noch ein Wort über die Generali selbst. Triest ist entschieden die Metropole des Assekuranzwesens und die Generali nimmt entschieden den ersten Rang ein. Diese Stellung hat die Gesellschaft ihrem Generalsekretär Edmondo Richetti von Terralba zu verdanken. Richetti verkörpert die Gesellschaft,, er ist der Träger des Institutes und es ist ohne Zweifel, sein Name verleiht der Gesellschaft Glanz. Wenn man die Idee oder die Bestrebung erläutern will, zeigt man auf Richetti, in ihm feiert man die Generali. Es ist auch kein Wunder. Er hat es verstanden, sich einen Generalstab von Beamten zu bilden und zu erziehen, um den ihn die angesehensten Institute im Lande beneiden müssen. Seine Beamten — die hervorragendsten — beziehen wohl Ministergehälter, was aber vielmehr ausmacht, sie hängen alle an seiner Person mit einer solch aufopferungsvollen Liebe und Verehrung, daß er ruhig von sich behaupten kann, in jedem seiner Mitarbeiter habe er einen aufrichtigen Freund, einen zuverlässigen Handlanger, was übrigens auch nicht anders zu erwarten ist, denn Richetti ist auch jedem seiner Angestellten ein warnier und hilfbereiter Berater, dem es ein Bedürfnis ist, zufriedene Gesichter um sich zu sehen. Von welch genialer Umsicht Ed. v.