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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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LML^ÄZMLZML Nr. 26 Dr. Llocv s MocbenscvrM. Ich muß traurig gestehen, daß kein Beweis von Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit den Juden genützt hat, um die Freundschaft oder gar den Schutz der anderen Völker zu erzwingen. Ueber 50.000 Juden haben in der Mandschurei gedient, in dem Land, von dem sie wußten, daß selbst im Fall eines Sieges ein jüdischer Fuß es nie betreten dürfe. Ist nur ein Fall von Feigheit oder Desertation bekannt, haben diese Juden nicht so heldenmütig für ihr Vaterland gekämpft, wie die Russen oder Tataren? Vor den Wällen von Plewna verbluteten Tausende Juden, um Rumänien die Freiheit zu geben, diesem Lande, das ihnen so schnöde gedankt hat, indem es die Bestimmungen des Berliner Vertrages vom 13. Juli 1878, die den Juden die Bürgerrechte einräumten, ohne viel Aufsehen einfach durch Erlassung der Gesetze gegen die „Fremden" illusorisch machte. Gibt es einen Krieg im XIX. Jahrhundert, in dem die Juden nicht treu, mutig und tapfer ihre Bürgerpflicht erfüllten? Sind es wenige, deren Namen auch in der österreichischen Kriegsgeschichte mit Stolz und Ruhm genannt werden? Im griechisch-türkischen Krieg im Jahre 1897 war es ein jüdischer Kaufmann, kein Soldat, der den türkischen Generalstab vor Larissa vor dem Untergang rettete, indem er eine Mine, die von den Griechen unter einer Brücke über den Peneas gelegt war, hervorzog und zur Explosion brachte, worauf er von griechischen Spionen erschlagen wurde. Die türkische Regierung ehrte sein Andenken, indem sie seinen Hinterbliebenen eine Pension aussetzte und des Helden in entsprechender Weise gedachtes Am selben Feldzuge nahmen fünf Wiener jüdische Mediziner teil, um ihrem Dank Ausdruck zu geben für die objektive Behandlung, die ihre Volksgenossen in der Türkei gefunden hatten. Einer von diesen fünf Männern mußte seinen Idealismus mit dem Tode bezahlen. Im Burenlager dienten jüdische Aerzte, darunter auch ein Jude aus Wien. Darf man da die Juden vaterlandslos nennen, darf man da sagen, sie verdienen keinen Schutz, weil sie nirgends und nimmer sich als die Söhne des Landes betrachten, und ist es ungeheuerlich, wenn ich als Jude hier an dieser hohen Stelle den Wunsch ausspreche, daß die gemeinsame Regierung auch den Juden gegenüber das Prinzip der Gerechtigkeit, das doch das Fundament eines jeden gesitteten Staates ist, in entsprechender Weise zum Ausdruck bringe? Ich habe es schon vorher gesagt, und ich wiederhole es: Ich glaube nicht an die Möglichkeit einer Intervention der europäischen oder anderer Mächte in Rußland. Aber es gibt einen anderen Weg, auf dem Europa zeigen kann, daß es auch den Juden gegenüber gerecht sein kann, und ich erlaube mir, die Aufmerksamkeit Seiner Exzellenz des Ministers des Auswärtigen auf diese Tatsache zu lenken. Ich weiß ja, meine verehrten Herren, von einer Intervention zu Gunsten der Juden kann absolut keine Rede sein. Wenn aber in der nächsten Zeit die Haager Friedenskonferenz einberufen wird, so möge Seine Exzellenz der Herr Minister des Äuswärtigen dem Anträge, der von berufener Seite und von hervorragenden Mächten Europas gestellt werden wird, nicht entgegentreten, sondern demselben im Namen Oesterreichs seine Unterstützung leihen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten besteht unter den Juden aller Länder eine Bewegung, die sich die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk zum Ziel gesetzt hat. Diese Bewegung hat jüdische Massen ergriffen, die Jugend dient ihr, ein großer Teil der Intelligenz gehört ihr an, viele Tausende zionistische Vereine bestehen auf dem Erdenrunde, und man kann ohne Uebertreibung sagen, daß wohl der größte Teil des jüdischen Volkes die Hoffnung hegt der Rückkehr in das Land seiner Ahnen. Damit sei keineswegs gesagt, daß irgend ein Zwang ausgeübt werden soll. Nur der Jude, der sich nicht assimilieren kann oder will, soll hinaus in das Land seiner Väter; wer sich an der Stätte seiner Geburt wohl fühlt und sich eine Existenz gegründet hat, von der er hoffen kann, daß sie ihn und seine Familie in ehrlicher und ehrenhafter Weise durchs Leben führt, bleibe, wo er ist. Seite 431 Der Zionismus ist eine große kolonisatorische Wohlfahrtsbewegung, von der Wohltaten und Almosengeben ausgeschaltet sind. Aus eigener Kraft soll der Jude das Brot sich schaffen, mit seinem Schweiße soll er den Boden düngen, der ihm ein geheiligter ist. Diese Bewegung ist so groß und so erhaben, daß ihr jeder Europäer, ob Christ oder Jude oder Türke, zustimmen sollte. Diese Bewegung ist aber nicht nur idealistisch, fie ist auch eminent praktisch, denn fie löst mit einem Schlage die Judenfrage. Man kann wohl Juden brandschatzen und töten, das jüdische Volk aber kann man nicht erschlagen. Die so vielgerühmte Methode des Hängens, Köpfens oder Spießens wird wohl schwerlich in Europa in Anwendung gebracht werden können und doch drängt die Judenfrage zur Lösung, nicht nur deswegen, weil es nicht angeht, mehr als acht Millionen Juden in einem Ausnahmszustande leben zu lasten, sondern schon deswegen, um das Leitmotiv allen jenen Parteien und Bestrebungen zu nehmen, die unter dem Vorwände des Judenhasses eine allgemein zerstörende, zersetzende und verheerende Tätigkeit auf dem Gebiete des Fortschrittes und der Menschheit entfalten. Die zionistische Bewegung hat nichts Utopisches mehr an sich; fie ist das Ziel der Arbeit reifer Männer und bildet den Gegenstand ernster Erwägungen. Politische Machtfaktoren, regierende Persönlichkeiten und Staatsmänner find zur Erkenntnis gelangt, daß die Judenfrage ein Problem sei, dessen vernünftige Lösung der Zionismus anstrebt. Im Sinne dieser Erkenntnis laufen Bemühungen, die Judenfrage auf die Tagesordnung der nächsten Haager Friedenskonferenz zu setzen. Ich erlaube mir daher, Seine Exzellenz den Minister des Auswärtigen zu bitten, die Intervention, die wir bei den russischen Maffakres vermißt haben, nun in der Weise zu üben, daß unsere gemeinsame Regierung diesen Bemühungen sich nicht widersetze, sondern im Gegenteil ihnen ihre wärmste Sympathie und Unterstützung angedeihen lasse. Im muß aber auch die gegen die Juden in Rußland verübten Exzesse von einem anderen Standpunkte aus beleuchten, und zwar von jenem Standpunkte, der bereits im Wege einer Interpellation im österreichischen Abgeordnetenhause zur Sprache gebracht worden ist. Im Mai dieses Jahres wurde die österreichische Regierung, beziehungsweise der österreichische Finanzminister, darüber interpelliert, ob sie die Kotierung der neuen russischen Anleihe an den österreichischen Börsen bewilligen werde. Es wurde das zurückgeführt auf eine Intervention, beziehungsweise eine Beeinfluffung durch das gemeinsame Auswärtige Ministerium, welches über Ersuchen der kaiserlich russischen Regierung auch die österreichische Regierung darum angegangen hat, einen Teil der neuen russischen Anleihe im Betrage von — ich glaube — 2 ‘/4 Milliarden in Oesterreich zuzulassen. Die bezügliche Stelle in der Interpellation lautet (liest): „Der österreichische Finanzministcr. offenbar veranlaßt durch den Minister des Aeußern Grafen Goluchowski, fordert die österreichische Bevölkerung auf, der Regierung Durnovo-Witte Geld zur Niederschießung von Freiheitskämpfern, zur Veranstaltung von Judenmassakres, zur Bestechung europäischer Zeitungen, mit einem Wort zur Fortfristung ihres unhaltbaren, korrupten, kulturfeindlichen und blutbefleckten Absolutismus zu schenken." Diese Interpellation ging von folgenden Erwägungen aus: Die Höhe der russischen Staatsschuld beläuft sich gegenwärtig auf etwa 22 Milliarden Franken. Die Verzinsung und Amortisation derselben erfordert jährlich 723 Millionen Franken. Von dieser Staatsschuld per 22 Milliarden befinden sich nicht weniger als 15 Milliarden im Auslande. Die Subskription auf die neue Anleihe von zirka 2133 Mill. Kronen hat den Zeichnern ganz besondere Vorteile geboten, die Bedingungen waren auffallend günstig, nämlich ein Auflegungskurs von 83 73, 5 Prozent Verzinsung und zehnjährige Unkonvertierbarkeit und Unkündbarkeit. Die russischen Staatsfinanzen befinden sich aber bekanntlich und zwar auf Grund eines Nachweises des konservativen

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