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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 430 Nr. 26 Dr. Bloch's Wochen schrifl. intelligentesten Russen über die Juden nicht vertragen konnte, hat sich nicht damit begnügt, nur den Verkauf zu verbieten, sondern ließ die ganze Auflage verbrennen. Ich habe, schreibt Michel Dennes im „Siöcle" vom 14. Mai d. I., gesehen, wie Turgenjew in Paris ein Jahr vor seinem Tode bittere Tränen über die Leiden seiner israelitischen Mitbürger vergoß, und ich habe ihn ausrufen hören: „Ich schäme mich, ich schäme mich, Russe zu sein." Nun kommt auch noch Graf Leo Tolstoi und gibt mit der ihm eigentümlichen Wucht sein Urteil über die Judenmaffakres in Rußland ab. Wir finden diese bemerkenswerte Auslassung zum großen Teile gleichlautend in der „New-Aork World" und gleichzeitig im „Siöcle", dessen Gewährsmann der Rechtsanwalt Teneromo in Elisabethgrad ist. „Seit den Schrecken der Sklaverei, sagt Tolstoi, weiß ich nichts Furchtbareres als diese ruchlose, gegen ein ganzes Volk verübte Grausamkeit. Menschen wie Tiere in einen Käfig einsperren, sie mit schändlichen Ausnahmegesetzen absondern, sie durch gemeine und nach Bestechungen gierige Aufseher überwachen lassen, sie von jeder vernünftigen und legitimen Beschäftigung und namentlich vom Landbau wegdrängen und alles dies zu tun einzig zu dem empörenden Zwecke, den Pöbel auf die Juden loszulafsen, so oft dies für Petersburg dienlich erscheint, das ist genau dasselbe, was unter den römischen Cäsaren geschah, da die Bestien in den Zirkussen auf Verbrecher und Christen losgelassen worden sind. Das, ja das ist die Lage der Juden in Rußland." Präsident (unterbrechend): Ich möchte mir erlauben, den Herrn Delegierten zu ersuchen, wenigstens in der Verlesung sich einige Beschränkung aufzuerlegen. Delegierter Dr. Straucher: Ich lese nur eine Stelle aus Tolstoi vor. (Delegierter Loser: Ganze Stunden!) ilcein, das ist keine Stunde. Uebrigens haben hier die Herren ganze Reden gelesen, von A bis Z und sie wurden nicht unterbrochen. Ich beanspruche die gleiche Redefreiheit, wie anderen Kollegen zugestanden wurde (liest): „Es ist schrecklich, schrecklich! Genau so wie die Cäsaren und ihre schmeichlerischen Höflinge den Pöbel mit blutigen Schauspielen unterhielttn und so die Augen der Massen von den Verbrechen der Regierungen ablenkten, genau ebenso hat die nicht minder listige, aber noch mächtigere Bureaukratie einen ungeheuren Zirkus errichtet, den sie den Rayon der jüdischen Ansiedlungen nennt, und in diesem Zirkus hält sie die Gefangenen für dieselben blutigen Schauspiele und zu demselben niedrigen Zwecke, um nämlich die Augen des Volkes von den Verbrechen der Regierung abzulenken, so oft das Land zu erwachen sich anschickt oder wenn die Lüge allen die Augen zu öffnen droht. Um die Aufmerksamkeit des Volkes abzulenken, lädt sie das Land zu neuen Gladiatorenkämpfen und schickt sie Herolde von Stadt zu Stadt, um den verarmten Pöbel aufzufordern, die Läden und Wohnungen der Juden zu plündern. Lange Zeit habe ich es nicht geglaubt und lange Zeit habe ich nicht ein Urteil darüber gewagt. Ich konnte nicht denken, daß in unserer Zeit, nachdem wir so viele Jahre uns zur christlichen Religion bekennen, deren Hauptgebote der Duldung uns vertraut sind, und ich will es ohne zu prahlen sagen, dem russischen Herren so nahe sind — daß in dieser Zeit, wenn so verächtliche Ränke so leicht aufgedeckt werden können — ich habe es wahrlich nicht geglaubt, daß die Beamten sich heutzutage zu solcher schrecklicher Gemeinheit hergeben könnten. Ich habe mir die Judenftage historisch, wirtschaftlich und sonstwie zu erklären versucht, aber niemals bin ich auch nur auf den Gedanken gekommen, daß die Sache so schrecklich einfach, so offenbar verbrecherisch ist. Jetzt, nach den Schrecken von Kiew, Elisabethgrad und Dutzenden anderen Orten, jetzt, da ich weiß, wie es gemacht, wie das Feuer entzündet und wie es gelöscht worden ist, sehe ich ganz deutlich, daß es ihrer Hände Werk ist. Zu einer bestimmten Stunde kamen Leute, die von der Polizei aufgehetzt, bestochen und der Straflosigkeit versichert waren, schreiend und johlend auf den Marktplatz, vernichteten und brannten alles nieder, mordeten und entehrten öffentlich Frauen. Sie zerrissen Kinder. Sie zwangen schwangere Frauen in Badewannen, verbrühten sie und warteten in kaltblütiger Fühllosigkeit auf die Entbindung, zerrissen dann das neugeborne Kind in Stücke und warfen die Stücke zum Fenster hinaus. Und die Soldaten standen in Waffen dabei und riefen der Menge zu: „Schneller! Macht fertig! Macht fertig! Seid nicht so langsam!" Und sie teilten die Beute mit der Polizei. Die Offiziere schwiegen, die Polizeiinspektoren liefen umher, die Generäle ritten von einer Stelle zur andern und alles schien vorbereitet und programmgemäß ausgeführt, und alle schienen befriedigt. Diese furchtbare und dabei ruhige Haltung der Organisatoren, die ihre Arbeit ohne Hast und Unruhe verrichteten, ist der beste Beweis, daß die Verbrechen verübt worden sind von den Hütern des Friedens, entweder von der Polizei selbst in Verkleidung, ober von dem Volke mit ihrer Zustimmung. Und nun bemerke man die Einfachheit, mit welcher diese Metzeleien organisiert werden. Ein weißgekleideter Mensch marschiert an der Spitze der Bande und schwenkt statt einer Fahne ein schwarzes Tuch oder rührt eine Trommel. In einem bestimmten Augenblick gibt er ein Zeichen mit der Hand und sofort stürzen sich die mit entsprechenden Instrumenten versehenen Leute auf die Laden, sprengen die Türen, zerschlagen die Fenster und ziehen sich alsdann zurück. Sofort folgen ihnen andere aus der Bande und stehlen und plündern methodisch, ohne die fieberische Hast von Räubern, die fürchten müssen, von der Polizei verfolgt zu werden. Wenn die Diebe ihr Geschäft vollendet haben, kommen die Brandstifter an die Reihe. Diese tragen mit Petroleum getränkten Zündstoff herbei, verteilen ihn in den Laden, zünden ihn an und ziehen sich dann zu der Bande zurück, deren Vortrab bereits mit der Plünderung anderer Laden beschäftigt ist. So ist man in Balta vorgegangen, in Kiew und in anderen Städten, und das ist die Methode, nach der man in allen diesen Orgien verfährt — die Weintonnen werden der Menge zur Verfügung gestellt. — Diese kühl ausgetüftelte Verruchtheit der Organisatoren, die ihr Werk ruhig und ohne Hast vollbringen, ist der augenscheinlichste Beweis, daß diese Ungeheuerlichkeiten von den Hütern der Ordnung, von verkleideten Polizisten oder von Leuten verübt sind, die mit dem Segen der Polizei Vorgehen..." und so fort. Warum ich von diesen grauenhaften Dingen hier an dieser hohen Stelle spreche? Einfach darum, weil ich als Bürger eines gesitteten Staates, als Volksgenosse dieser der Barbarei und dem Fanatismus zum Opfer gefallenen Juden meine Stimme erheben muß, um die gemeinsame Regierung, um die Oeffentlichkeit in diesem Reiche anzurufen, ob Oesterreich mit verschränkten Armen diesen blutrünstigen Attacken seines Nachbars ruhig zusehen dürfe. Ein Gefühl unsagbaren Wehs überkommt mich, wenn ich daran denke, wie die Verfolgung der Christen in China zu einem Feldzuge gegen das himmlische Reich führte — wie Serbien, Bulgarien und Rumänien ihre Unabhängigkeit gewannen, weil Europa mit Recht nicht dulden konnte, daß Christen von Türken massakriert wurden — wie eine mächtige Flottendemonstration im Angesicht von Konstantinopel statlfand, als das Blüt der Armenier zum Himmel schrie, und wenn ich weiters denke, daß keine Hand sich gerührt hat, als man die Juden, meine Volksgenossen, zu Tausenden erschlug. Ich muß den Kelch der Leiden bis aus den letzten Tropfen leeren und muß mir sagen, daß eine Intervention europäischer Mächte, und so auch Oesterreichs, zu Gunsten der Juden eine unmögliche Sache ist, die man nicht erhoffen und nicht erwarten, noch weniger fordern kann, weil die Antwort auf diese Forderung nur ein Hohngelächter wäre. Was, Juden erschlägt man, das geht uns weiter nichts an!

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