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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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' Nr. 26 Dr. Dlocd's Mlocvenscvrm. Seite 439 zum angeblichen Schutze der Juden ausgerückten Truppen und Polizisten nicht nur die Plünderer an ihrem Vernichtungswerke nicht gehindert, sondern sogar aktiv bei der Plünderung und bei den Massakres eingegriffen haben. Und auch diese Anteilnahme des Militärs und der Polizei war nicht dem augenblicklichen Impulse entsprungen, sondern war nur die Folge ähnlicher zahlreicher Erscheinungen, die seit den Schreckenstagen von Kischenew und Homel eingesetzt hatten. Lehrreich ist diesbezüglich der Prozeß von Homel. Am ersten Tage wurde durch Zeugenaussagen erwiesen, daß ein Offizier den Juden Dawidoff der von den Räubern auf der Straße bewußtlos zurückgelassen worden war, mit einem Säbelhiebe die Schädeldecke spaltete und so tötete. Der Polizeimeister Drajewski erklärte offen: „Wenn ich über das Militär hätte verfügen können, hätte ich im Augenblicke die Ruhe wiederherstellen können". Die Truppen hatten die Gassen abgesperrt, aber nicht deshalb, um die Plünderer von der Vernichtung der jüdischen Häuser fernzuhalten, sondern um den Juden die Möglichkeit zu nehmen, sich zur Wehr zu setzen. Dem gegenüber hatte die russische Staatsanwaltschaft die unverfrorene Kühnheit, in ihrer Anklageschrift die Versuche der Juden, ihre Familienmitglieder der Todesgefahr zu entreißen, als einen „Anschlag der Juden auf das Militär" zu kennzeichnen und gegen viele Juden in diesem Sinne die Anklage zu erheben. Die Fortsetzung von diesem Recht und dieser Gerechtigkeit findet ihren furchtbaren Ausdruck in den Massakres der Oktobertage. Soll ich, meine Herren, diese grauenhaften Bilder von Tollwut, Tod und Verzweiflung hier reproduzieren, soll ich die kaum vernarbte Wunde wieder aufreißen, um mich selbst und alle jene, die sich zum Judenvolke bekennen, zu peinigen und zu quälen? Wollte ich es auch, ich vermag es nicht; keine menschliche Stimme ist imstande, das in Worte zu kleiden, was sich in brutalster Tatsächlichkeit abgespielt hat. Am 18. Oktober 1905 begannen die Plünderungen in Kiew, die Häuser, in denen die Juden wohnten, waren bezeichnet; die jüdischen Kaufläden wurden auf ein gegebenes Zeichen aufgebrochen und die Waren hinausgeschleudert. Das Publikum wurde aufgefordert, sich an der Plünderung zu beteiligen. Alt und Jung, Knaben und Mädchen, Soldaten und Offiziere, Beamte, elegant gekleidete Damen, Dienstmädchen, Polizisten, alle, die nicht Juden waren, raubten und jeder Jude, der sich zur Wehr setzte, wurde auf bestialische Weise erschlagen. Kaum hatte die tierische Menge Blut geleckt, ging sie hinaus in die Vorstadt, und ein Sterben begann unter den Juden, so grauenhaft, so schrecklich und so furchtbar, daß das Herz im Leibe erstarrt, denkt man daran! Fünf Tage dauerte die Schlacht in Odessa, viele Hunderte Juden wurden getötet, viele Tausende schwer verwundet, Tausende und Abertausende um Hab und Gut und an den Bettelstab gebracht. Ganze Häuserzeilen wurden dem Erdboden gleichgemacht. Im Hause 73 der Judengasse in Odessa wohnten 78 jüdische, schwer arbeitende Familien, meistens Handwerker. Hier fand man am dritten Tage 17 Tote und 54 Schwerverwundete, die dem Tode nahe waren, von den vielen Leichtverwundeten nicht zu reden. Dieses große vierstöckige Haus war durch und durch zerschossen, alles war vernichtet, und nur die ärmsten Ueberreste von Kleidungsstücken, Handwerkzeugen und Möbeln, die mit Blut getränkt waren, ließen erkennen, daß auch hier einst. Menschen gewohnt hatten. Am zweiten Tage legte der Dampfer „Ismail" in Odessa an. Auf die Bitten der zu Tode geängstigten jüdischen Reisenden kehrte der Kapitän auf die hohe See zurück. Die jüdischen Passagiere glaubten sich gerettet, da kamen die Matrosen heran und forderten Geld. Diejenigen, die genügend Geld bei sich hatten, bezahlten für ihr Leben, die nichts oder nur wenig hatten, wurden einfach über Bord.geworfen! Als die Juden in Odessa sich zu flüchten begannen und alle Züge benützten, wurde diese Flucht gleich hinausgemeldet; kaum war der erste Zug in der nächsten Umsteigstation, Rastelnaja, angelangt, als sich der Pöbel unter Führung von 14 Eisenbahnbediensteten auf die Juden warf und 39 Juden in den Waggons tötete. Damit kein Jude entkommen könne, hatte der Stationsvorstand vorher alle Ausgänge absperren lassen. So geschehen im Jahre des Heiles 1905. Das Resultat der Maffakres in Odessa war ein glänzendes. Einen ganzen Bezirk hatte man fast vernichtet, viele Tausende wurden schwer verwundet, und die Zahl der den Massakres sofort zum Opfer gefallenen Juden ist bis heute amtlich noch nicht bekanntgegeben worden. Ganze Familien wurden erschlagen, viele Tausende Familien wurden zu Grunde gerichtet. Ueber 30.000 Menschen mußten nach den Massakres in verschiedenen Lehranstalten, Spitälern, Kasernen und sonstigen Unterkunftsstellen einquartiert werden. Der fünfte Tag hatte in Odessa allein 350 Kinder zu Waisen gemacht! Und diese Opfer waren Juden, brave, ehrliche, vaterlandsliebende Juden, die willig ihre Blutsteuer zahlten, die treu ergeben dem undankbaren Lande dienten, die alle Ausnahmsbestimmungen und Gesetze geduldig auf sich nahmen, nur um in diesem Lande, das trotz seiner Schrecknisse ihnen so teuer ist, weiter leben zu können. Ich möchte nur hier einige Stellen aus einem offenen Briefe des bekannten russischen Schriftstellers und Kriegsberichterstatters Nemirowitsch Datschenko zitieren. Er sagte (liest): „Die Greueltaten der Baschi-Bodzuks, die ganz Europa erzittern machten, gaben im Jahre 1877 bis 1878 den Anlaß zum türkischen Kriege; aber was für Stümper waren schließlich die muselmännischen Fanatiker gegen unsere „Schwarze Bande"! Diese haben sich sogar den Ruf erobert, kleinen Kindern den Kopf abzuschlagen, Frauen den Leib aufzuschlitzen und mit Federn vollzupacken. Ich muß an die jüdischen Soldaten denken, die neben ihren russischen Brüdern auf dem Felde der Ehre hingestreckt wurden und über die in offiziellen und nichtoffiziellen Berichten viel Heldenmütiges gesagt wurde. Diese selben Juden, die jetzt geschlagen werden, lagen in den Lazaretten mit tätlichen Wunden neben ihren russischen Kampfgenoffen. Ich entsinne mich, wie nach einer verzweifelten Schlacht eine Rotte in Nacht und Nebel auszog, um einen jüdischen Helden zu suchen, der im schwersten Artilleriefeuer die russische Fahne verteidigt hatte. Unvergeßlich wird mir auch ein anderer Jude bleiben, der unter den feindlichen Geschossen den Schaho durchschwamm, verwundete Soldaten zu retten, die im Gefechte vergessen worden waren. Auf keinem Gebiete stand das jüdische Militär hinter dem russischen zurück, — aber unter den plündernden und besoffenen Soldaten in Charbin find mir. keine Juden begegnet. Sie haben hingegen alle Unbilden des Krieges, wie: tropische Hitze, die fintflutlichen Regengüsse, Hunger, Kälte und Anstrengungen mit der größten Selbstbeherrschung und tapfer ertragen, ebenso wie die Polen, Ruffen und Tataren. Nach einer Nacht der schrecklichen Qual sagte mir ein jüdischer Jäger lächelnd: „Jetzt wird man uns daheim nicht mehr „Jid" schimpfen." Auch unter den Schwestern, die Samariterdienst leisteten, waren Jüdinnen. Eine jüdische Schwester, Studentin und Tochter einer wohlhabenden Familie, wurde von den Verwundeten die „Liebe" genannt, weil sie mit besonderer Hingebung und Herzlichkeit die Kranken pflegte und zu beruhigen suchte. Sind in Odessa nichtetwa auch solche Schwestern der blutrünstigen Bande zum Opfer gefallen? Es ist bekannt, daß im Kriege 60 Perzent aller Aerzte Juden waren; wie sie arbeiteten und keine Gefahr scheuten, wie sie die Verwundeten unter dem Kugelregen und in der schwierigsten Attacke des Feindes aufnahmen und verbanden, das weiß alle Welt. Sie haben sich als die treuesten und opferfreudigsten Seelen des Vaterlandes erwiesen." Und noch eine Stelle aus Tolstoi (Delegierter Stein: Oje!) (liest): „Ein russischer Literat wollte eine Sammlung von Aussprüchen und Urteilen der hervorragendsten bedeutendsten russischen Denker und Schriftsteller über die Juden in Rußland herausgeben; allein die Zensur, die das einstimmige Lob dieses

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