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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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i! i i! |! |! t Sette 428 Dr Mocv s Mlocbenscdrttr. Nr. 26 die Kultur, eine Schande für das Zeitalter der Humanität und auch für die modern gesitteten Staaten ist, wenn derartige Zustände ruhig hingenommen werden. Es handelt sich hier nicht um Juden oder Nichtjuden, es handelt sich um Menschen, um Geschöpfe, die im Ebenbild Gottes geschaffen sind, und ich appelliere an alle diejenigen, welche religiös fühlen, an die Frommen und an alle Jene, die glauben, durch ihre Geburt dem ewigen Richterstuhle Gottes näher zu stehen, daran zu denken, daß es sich um Menschen handelt, Geschöpfe, die als Ebenbilder Gottes erschaffen sind. Wenn es wahr ist, daß alle Menschen gleich sind, und sie müssen ja kraft der Geburt gleich sein, weil sie alle nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen sind, so muß ein Schrei des Entsetzens in ganz Europa ertönen ob dieser Schandtaten, die heute verübt werden. Kein Volk auf Erden ist reicher an Leiden aller Art als das jüdische Volk, die jüdische Nation. Drangsale und Verfolgungen hat das jüdische Volk von seiner Entstehung an erlitten und erleidet sie unaufhörlich bis auf den heutigen Tag. Im ganzen Mittelalter bis auf die neueste Zeit verzeichnen die Blätter der Geschichte traurige Ausschreitungen gegen das jüdische Volk in allen Staaten und Ländern. In Bezug auf die schonende Behandlung der Juden kann nur ein Staat genannt werden, der den Juden Schutz und Zuflucht gewährt hat, und das war das früher bestandene Königreich Polen, denn es saß kein einziger judenfeindlicher König auf dem polnischen Throne. Von Seite des Volkes — ich sage des Volkes, nicht vielleicht hie und da der privilegierten Klassen — war weder in Polen noch in Ungarn über Judenhaß zu klagen. Man kann daher zu dem Schluffe gelangen, daß jene Völker, welche sich seit uralter Zeit einer Konstitution erfreuen, auch ihre Mitmenschen friedlich neben sich leben lassen, und das war im Königreiche Polen besonders der Fall. Was sich zu Ostern 1903 in Kischenew ereignet hat, was in den Oktobertagen des vorigen Jahres, 1905, in Kiew, in Odeffa, in Homel sich abgespielt hat, alle die Schilderungen der Menschenmetzeleien und Menschenmorde, von Schändungen, von Raub und Plünderungen, Brandlegungen und Greueltaten, verübt an Juden, decken ein Meer von Jammer und Grauen aus, machen das Herzblut erstarren. Wenn hie und da Ausschreitungen irgend eines brutalen Polizisten gegen einen Bürger zur Kenntnis der Behörden gebracht werden, dann wird die ganze Oeffentlichkeit in Bewegung gesetzt, dann bringen die Zeitungen spaltenlange Artikel, und man kann nicht genug über Verletzung der persönlichen Frecheit u. dgl. klagen. Wenn aber seit Jahren Tausende und Abertausende, von Menschen in der brutalsten Weise, in geradezu barbarischer Art hingemordet und hingeschlachtet werden, da erhebt sich keine Stimme im ganzen gesitteten Europa und ich glaube doch, daß auch Oesterreich, welches den Berliner Vertrag unterschrieben hat und beansprucht, ein Verfassungsstaat, ein Rechtsstaat, ein Kulturstaat zu sein, seine Stimme erheben sollte. Man kann nicht sagen, es sind ja nur Juden, die hingemordet werden, nein, es sind Menschen. Ich rufe Sie alle auf! Ein gellender Notschrei muß ertönen in der ganzen Welt, wenn man diese Brutalitäten liest, ein furchtbares faccnse! Man würde meinen, daß solche Bluttaten in der blutigen, wilden, grauen Vorzeit des Mittelalters sich abgespielt haben, oder daß sie der Schutt von Jahrhunderten und Jahrtausenden deckt. Nein! Diese Ereignisse spielen sich jeden Tag vor uns ab, gestern, heute, vielleicht gerade in diesem Augenblicke, wie die öffentlichen Blätter aller Zungen gemeldet haben. Unbeschreibliches Unglück, unerhörte Leiden sind über ein ganzes Volk gekommen, ein Stück eines ganz entsetzlichen tragischen Schicksals, welches überhaupt das Schicksal eines ganzen Volles und namentlich des unglücklichen jüdischen Volkes ist. Ich beabsichtige nicht, meine Herren, irgend ein schwaches Müleid für meine drangsalierten, gequälten, verfolgten jüdischen Volksgenoffen bei Ihnen hervorzurufen. Es gibt ewige, unveränderliche, natürliche Rechte, welche jedem Menschen kraft der Geburt zustehen, und diese natürlichen Rechte fordere ich auch für dasjenige Volk, dem ich angehöre. Es muß doch etwas geschehen. Es kann, es darf sich das gesittete Europa, die Kulturwelt nicht ruhig verhalten. Der russische Schriftsteller Gorki . . . (Delegierter Stein: Ist auch ein Revolutionär!) Es gab auch viele deutsche Revolutionäre, die alle für ihr Volk gestritten und gelitten . . . (Delegierter Stein : Alle wurden aufgehenkt und - erschaffen, Messenhauser u. s. w.!) Präsident: Ich bitte, den Herrn Redner nicht zu unterbrechen. Delegierter Dr. Straucher: Ich werde dem geehrten Herrn Kollegen auf den Zwischenruf antworten. (Heiterkeit.) Er meint nämlich — und das gehört ja zur Sache — die Juden seien Revolutionäre, und da macht er eine Anspielung auf den sogenannten „zersetzenden jüdischen Geist". Da möchte ich ihm doch in Erinnerung bringen, ob etwa die französische Revolution ihre Entstehung auch dem zersetzenden jüdischen Geiste verdankt. Waren etwa Voltaire, Rousseau, Diderot u. s. w. Juden? Damals ist überhaupt kein Jude in Frankreich gewesen. Wer hat damals die französische Revolution bewirkt? Wo war der jüdische Geist und Einfluß? Nehmen wir ein anderes Land! Das Königreich Spanien ist seit mehr als vier Jahrhunderten vollständig judenrein. Auch heute kann kein Jude seinen Fuß in das Königreich Spanien setzen, und es ist bekannt, daß kein Staatswesen so sehr vom Anarchismus zerfressen ist als gerade Spanien. Wer hat kürzlich den spanischen Ministerpräsidenten ermordet? War es ein Jude? Oder wer hat das Bombenattentat auf den König von Spanien am 30. Mai verübt? War es ein Jude? Spanien ist vollständig judenrein, und trotz alledem konnten sich dort Anarchismus und andere gesetzwidrige Ausschreitungen festnisten. Das hat mit dem Glauben, mit der Raffe, absolut nichts zu tun. Wollen Sie, verehrter Herr Kollege, dies gütigst zur Kenntnis nehmen. Ich glaube, daß Ihre historischen Kenntnisse mir wohl recht geben. Ich erinnere den Herrn Kollegen daran, daß vor einigen Jahren erst, als es sich darum handelte, daß in Madrid eine ganz kleine protestantische Kapelle eingeweiht wurde, das von Fanatikern gegängelte Volk dagegen Stellung genommen, revoltiert und diese protestantische Kapelle gestürmt hat und dort sind wie gesagt, keine Juden. Meine sehr verehrten Herren! Hart an der Grenze unseres Reiches spielte sich vor etwa mehr als einem halben Jahre eine der blutigsten Tragödien der Menschheit ab. Ein Orkan des zügellosesten, brutalsten, leidenschaftlichsten Judenhasses durchtobte Rußland und erschütterte das Judentum in seinen Grundfesten. Wie aber Barbarei, Unverständnis und Volkswut in jüdischen Leibern wütete, vermag eine menschliche Stimme nicht zu schildern. Wieder wurde gemordet und geplündert, wieder sind Greise getötet, Kinder verstümmelt, Frauen geschändet worden, wieder einmal war die jüdische Welt eine Welt des Jammers und des Elends geworden. Das Manifest vom 17. Oktober 1905, welches Rußland das Morgenrot der Neuzeit künden sollte, ward zum Anlaß, um ein Judenmassakre in einer Weise erstehen zu lassen, wie es die Neuzeit noch nicht gekannt hat. Das Morgenrot der Freiheit wurde gekündet, und schon watete man fußhoch in jüdischem Blute. Der starre Absolutismus war gefallen, und im Sterben grub er dem Judenvolke eine gräßliche Wunde, von der sich dieses nicht so bald erholen wird. Es ist gerichtsordnungsmäßig erwiesen, daß diese Maffakres nicht dem blindwütenden Fanatismus des Pöbels entsprangen, sondern daß sie planmäßig angelegt und von der Bureaukratie, dem Militär und der Polizei auf das Intensivste unterstützt wurden. Es ist erwiesen, daß die Beamten, an die sich die Juden um Schutz wandten, diese zurückstießen; es ist erwiesen, daß die

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