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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 424 Dr. Llocb's MocbenscvrtN. Nr. 26 Sachen, die Sie anpackten, bester umzugehen, Obodows Mutter mit den Worten: „Weg da, Alte!" bei Seite stießen und Iwan Obodow eigenhändig niederschosten; daß Sie am 30. Dezember 1905 den Gehilfen des Stationsverwalters in Luberca, P. F. Smirnow, verhafteten, ihm erklärten, daß seine Füsilierung beschlossen sei und Tags darauf selbst das Todesurteil vollstreckten, indem Sie drei Schüsse gegen ihn abfeuerten: einen ins Gesicht, einen zweiten in den Hinterkopf, einen dritten in die Schläfe; daß Sie am 31. Dezember 1905 in der Station Golotwino die Bitte des verhafteten Maschinsührers Warlamow, allerlei Aufklärungen geben zu dürfen, unberücksichtigt ließen und alle feine Vorstellungen mit dem B^feble, „Erschießt ihn!" beantworteten; dieser Befehl wurde auch sofort ausgeführt; daß Sie nach diesem Vorfälle den Reservisten Jliczewitsch nach einem kurzen Gespräche im Stationsrestaurant, dessen Inhalt nie jemand erfahren hat, mit den Worten anherrschten: „Wer es wagt, ein Wort zu sagen, wird erschossen!" und durch vier Revolverschüsse auf der Stelle niederstreckten. Das sind bloß einige Punkte der von Wladimirow gegen Oberst Rieman erhobenen Anklage. Rieman hat insgesamt gegen hundertfunfzig Personen ohne Verhör und Urteil niederschießen lassen. Zwei Personen — ein Student und ein Arbeiter — mußten „irrtümlicherweise" den Tod erleiden; es hätten nämlich nicht sie, sondern ihre Brüder hingerichtet werden sollen . . . Ein Pendant zu diesen Tatsachen erzählt ein Korrespondent des „Wiek XX" („Das XX. Jahrhundert"). Er berichtet über nachstehenden Vorfall, der die Fabel für eine erschütternde Tragödie bieten könnte: In Frauenberg bei Riga wurde während der Unruhen ein gewisser Leppe vor das temporäre Kriegsgericht gestellt. Nun lebten aber in Frauenberg zwei Männer dieses Namens, zwei Brüder nämlich, die mit ihrem Vornamen Jan und Jakob hießen; und man wußte nicht recht, welcher der beiden Brüder der Verbrecher sei. Der Kommandant der Strafabteilung entschied die Zweifel in der Weise, daß er beide Brüder zum Tode verurteilte. Der greise Vater der Verurteilten begab sich zum Kommandanten, stellte sich ihm als gewesener Wachtmeister uud Invalide vor — er hatte im russisch-türkischen Kriege einen Arm verloren — und beschwor ihn, seine Söhne zu schonen. Sie seien — so flehte er — seine einzige Stütze, ohne die er verhungern müßte. Der Kommandant ließ sich erweichen uud begnadigte — einen der Brüder. Die Wahl aber, welcher von den Brüdern hingerichtet werden sollte, überließ er dem Vater . . . Lange überlegte der Greis. Einer der Söhne, kränklich und unbeholfen, war sein Liebling; der andere energisch und etwas revolutionär gesinnt, erfreute sich wegen dieser Eigenschaft der Achtung seines Vaters. Schließlich siegte der Egoismus des Greises: der Alte bestimmte, daß der Schwächere seiner Söhne, sein Herzenskind, den Tod erleiden solle. Jan wurde hingerichtet, Jakob blieb am Leben, damit er dem Vater eine Stutze sei. Doch, da begab sich etwas ganz Unerwartetes: Als nach einigen Monaten die Beamten eine neuerliche Prüfung der Akten Vornahmen, zeigte es sich, daß — Jakob der Schuldige sei. Jakob Leppe wurde nmi verhaftet und dem Kriegsgerichte eingeliefert, das ihn sonder Zweifel zum Tode verurteilen wird . . . Die Berliner Protestversammlung. Berlin, 26. Juni. Gestern abends fand, wie bereits kurz gemeldet, in der Tonhalle eine große Versammlung statt, um gegen die russischen Massakres in Bjelostok zu protestieren. Mehr als 2000 Menschen waren der Aufforderung des einladenden Komitees gefolgt, an dessen Spitze der deutsche Reichstagsabgeordnete Karl Schräder stand. Schon lange vor Beginn der Versammlung war der große Saal überfüllt. Die Polizei mußte eine Kette um das Haus ziehen, um viele Hunderte, die noch Einlaß begehrten, fernzuhalten. Die Versammlung nahm folgenden Verlauf: Als erster ergriff der berühmte Strafrechtslehrer Geheimer Justizrat Professor v. Liszt das Wort. Er führte aus, daß Deutschland aus wirtschaftlichen, kulturellen und auch aus politischen Gründen wünschen müsse, daß sich ein neues, starkes Rußland entwickle, mit dem wir in Frieden leben können. Im weiteren Verlaufe sagte Professor v. Liszt: „Ich erachte es als Pflicht gerade der christlichen Bevölkerung Deutschlands, ihre Empörung kundzugeben über die in Rußland begangenen Greuel und zu verlangen, daß Klarheit geschaffen werde über die wahren Urheber dieser entsetzlichen Revolte. (Lebhafter Beifall.) Die Mitschuldigen an diesen Erscheinungen sind auch die sinanziellen Unterstützer der russischen Reaktion. (Aus den Reihen der Versammlung wurden die Namen jener Männer genannt, die als finanzielle Vertrauensmänner der russischen Regierung in Berlin bekannt sind.) Dem deutschen Auswärtigen Amte danken wir," sagte Liszt weiter, „für seine ablehnende Haltung gegenüber der letzten russischen Anleihe, dagegen können wir nur mit Schmerz das Verhalten deutscher Finanzmänner christlichen und jüdischen Glaubens beobachten. Wenn wir gegen die Greuel protestieren, handeln wir nicht nur als Freunde Rußlands, sondern auch als gute deutsche Männer, denn Deutschland darf nicht zurückstehen, wenn alle zivilisierten Völker ihren Abscheu kundgeben gegenüber den entsetzlichen Vorgängen in Bjelostok." Hierauf wurde eine Depesche verlesen, die aus Wien eingelaufen war und welche lautet: „Wir danken Ihnen aus tiefstem Herzen, daß Sie für unsere Brüder in Rußland, die dem Meuchelmorde preisgegeben sind, Ihre Stimme erheben und daß Sie den Mut und die Kraft Ihrer Ueberzeugung besitzen. Europa muß die Judenfrage in die Hand nehmen; die Judenfrage ist eine Frage Europas und als solche muß sie auf die Tagesordnung der nächsten Haager Friedenskonferenz gesetzt werden." Sodann sprach das Mitglied der konstitutionell-demokratischen Partei in Rußland, der Moskauer Rechtsanwalt Shdanow. Er betonte, daß die Bjelostoker Ereignisse nicht als Einzelerscheinung aufgefaßt werden dürfen. Diese Judenhetzen müsse das russische Volk im Kampfe um seine Menschenrechte hinnehmen. Man würde dem russischen Volk Unrecht tun, wenn man die Ereignisse von Bjelostok auf seinen Antisemitismus zurückführen wollte. Dem russischen Volk liegen blutige Neigungen ferne, nur die dunklen Gewalten der Reaktion haben die Ereignisse künstlich hervorgerufen. Der nächste Redner, Justizrat Albert T r a e g e r, Mitglied des deutschen Reichstages und preußischen Landtages, sagte unter anderm: Die Sympathie des deutschen Volkes gilt dem tüchtigen, intelligenten und nur durch langen Druck gedemütigten russischen Volke. Die Anarchie der Verwaltung hat die anarchistischen Taten der Revolutionäre erzeugt; die Duma aber hat die großen Hoffnungen, die man auf sie gesetzt, nicht enttäuscht. Der große Irrtum der Autokratie ist, daß sie glaubt, trotz der Duma und über ihr das Selbstherrschertum behaupten zu können. Das Wesen des Konstitutionalismus aber ist, daß der Herrscher auf seine Privilegien zu Gunsten der Volksvertretung verzichte. In unserer Zeit kann kein Herrscher mehr gegen den ausgesprochenen Willen der Mehrheit regieren. Auf das Telegramm aus Wien, sagt Redner, antworte ich: Es ist bedauerlich, daß eine Judenfrage heute überhaupt noch aufgeworfen werden kann. Es ist eine falsche Behauptung, wenn man meint, der Antisemitismus sei etwas, was uns von unseren Altvordern überliefert worden ist. Der Antisemitismus und die Judenfrage sind erst in neuerer Zeit wieder aufgeworfen worden, und zwar von derjenigen Partei, die sich überhaupt gegen Freiheit, Gerechtigkeit und Kultur auflehnt. So oft eine Freiheitsbewegung mit aller Macht entsteht, müssen die Juden die Kosten bezahlen. Es ist kein Zweifel, daß die Judenmaffakres in Rußland in den Amtsstuben planmäßig vorbereitet wurden. Alle unsere Hoffnung ist jetzt auf die Duma gerichtet, da sie allein im stände ist, aus dem blutigen Chaos ein neues Rußland zu schaffen. Nach diesem Redner sprach der Berliner Pfarrer Dr. Paul K i r m s. Er erklärte, er wolle nicht vom politischen Standpunkte, sondern als evangelischer Pfarrer vom allgemein kulturellen und religiösen Standpunkte aus zur Versammlung sprechen. Er schilderte die Verfolgungen, welchen das Deutschtum und besonders die evangelische Kirche in den baltischen Provinzen Rußlands ausgesetzt ist, und schloß mit den Worten: „Blut ist eine große Macht, und in ihren Opfern liegt eine größere Kraft als in den klügsten Gedanken der weisen Männer. Die Opfer, die in Bjelostok gefallen sind, sind nicht vergeblich gefallen. Ehren wir die Toten und grüßen wir die Lebenden." Der Petersburger Arzt Dr. B r u tz k u s, der selbst Zeuge der schrecklichen Bluttaten in Bjelostok war, gab eine ergreifende Schilderung der durch die Dumakommission festgestellten Greuel. Die Einbildungskraft eines Europäers, sagt er, ist zu verwöhnt, um auch nur eine Schilderung dieser Blutorgien zu ertragen. Ich selbst hätte den Berichten nicht geglaubt, wenn ich nicht mit eigenen Augen die zerstückelten Gliedmaßen und die von Bajonetten aufgespießten jüdischen Kinder gesehen hätte. Drei Tage lang weideten sich die Hooligans am langsamen Hinmartern ihrer Opfer und das geschah mit Bewilligung vieler Generale, mancher, nicht aller Offiziere und der Polizei.

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