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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 Dr. BloLtz's Wortzenjarrifl. Seite 423 seiner Verfügung, die aber schon genügen, um dem Pogrom ein Ende zu bereiten. Der Abend geht in Lapy in voller Ruh,: vorüber. Am nächsten Morgen wollte ich weiter nach Wilna. Aber der direkte, beziehungsweise kürzeste Weg dahin war verlegt und ich mußte wieder nach Bialystok zurückfahren, um auf diesem Umwege mein Ziel zu erreichen. In der Station sagt man uns, daß wir nicht aussteigen besser, daß wir nicht in die Stadt sollen, weil man dort mordet. Alsbald kommen auch Huligans zu unserem Coupes, die einsteigen wollen, um nach Juden zu suchen. Der Wachoffizier wehrt sie aber tatkräftig ab und drängt sie von den Geleisen fort. Ich muß hier einschalten, daß der Bahnhof von viel Militär besetzt war, darunter jüdische Soldaten. Einige flüchtige Juden kommen aus der Station in den Zug, die erzählen, daß es ihnen durch Verwendung von „sehr viel Geld" gelungen sei, die Stadt zu verlassen. Jeder von ihnen, so berichteten sie, sei unter militärischem Schutze zur Bahn gebracht worden. In meinem Waggon befinden sich alsbald drei jüdische Familien, die auf solche Art ihr Leben retten konnten. Einer von dieser Gruppe erzählte mir, daß er „furchtbar viel Geld" hergegeben hat, worauf er mit seiner Familie aus der Stadt gelassen wurde. Ich höre deutlich die Schüsse, die in Bialystok abgefeuert werden, und sehe auf einzelnen Punkten Gruppen hin- und herlaufen... Der Zug geht ab und wir sind ball), in Grodno, dem Sitze des Gouverneure. Hier steige ich aus und ans den Mauern lese ich Plakate, auf denen der Gouverneur mitteilt, daß Juden nicht nach Bialystok fahren mögen, weil sie dort getötet werden würden. Berlin, 23. Juni. Der Hilfsvcrein der deutschen Juden erhält aus Grajewo folgendes Telegramm von heute Mittag: „Ein russischer Zollbeamter bringt zur Grenze das Gerücht, daß die Juden in Bialystok für heute ein Christenmassakre vorbereiten. Unter diesen Umständen wächst die Furcht vor neuen dunklen Plänen in Bialystok, da das Gerücht natürlich nur ausgesprengt ist, um die christliche Bevölkerung gegen die Juden aufzureizen." Bericht eines Senators über den Pogrom von Kiew. Berlin, 23. Juni. Die „Russische Korrespondenz" bringt folgende interessante Mitteilung: Nach dem vorjährigen Kiewer Pogrom sendete die Regierung den Senator Turau nach Kiew, um dort an Ort und Stelle Untersuchungen anzustellen über die Art und Weise, wie der Pogrom verlausen ist. In seinem Berichte, den er selbstverständlich koufideutiell erstattet hat und der keineswegs für die Oeffentlichkeit bestimmt wurde, sagte Turan: „Es ereignete sich auch, daß die Pogromtschikys selbst von den Treppen einzelner Häuser geschossen haben, um dadurch eine Antwortsalve der Soldaten hervorzurufen und um dann nachher sich auf dieses Haus zu stürzen unter dem Vorwände, als ob man aus demselben geschossen hätte." Dies sagt ein Senator. Beförderung des Organisators der Exzesse. Berlin, 21. Juni. Aus Bjelostok wird berichtet: Polizeipristaw Scheremetjew, der den Pogrom organisiert und geleitet hat, wurde im Range befördert. Verhaftung des Mörders des Polizeimeisters von Bjelostok. Wie der „R e g i e r u n g s b o t e" meldet, wurde in Bjelostok der Mörder des Polizeimeisters Derkatschew verhaftet, Er erwies sich als ein früherer Polizist der Bjelostoker Polizei. Die Haltung der englischen Regierung. London, 25. Juni. Harwood richtet an den Staatssekretär Grey die Anfrage, ob er seine Aufmerksamkeit auf die Rede des Fürsten Urussow, die im Zusammenhänge mit den Judenmetzeleien in Rußland stehe, gelenkt und ob er von der russischen Regierung eine Zusicherung erhalten habe, daß sie ihr Aeußerstes tun werde, um die jüdischen Untertanen zu schützen. Parlamentsuntersekretär Runcyman erwidert, der Staatssekretär habe die Rede des Fürsten Urussow in den Blättern gelesen. Die englische Regierung habe nicht um eine derartige Zusicherung nachgesucht. Harwood habe zweifellos die Reden der russischen Minister in der Duma gelesen, sowie die Tatsache beachtet, daß der Minister des Innern Instruktionen an die Gouverneure und Polizeimeister erlassen habe, in denen er sie auffordert, jede nur mögliche Vorsichtsmaßregel zu treffen, um Ausstände zu verhindern, die gegen die Juden gerichtet seien. Strauß stellt an den Staatssekretär des Auswärtigen die Anfrage, ob er sich nicht mit dem französischen und dem deutschen Botschafter über die telegraphische Absendung einer gemeinsamen Note, um aus Gründen der Humanität gegen die Behandlung der Jn.den in Rußland Einspruch zu erheben, ins Einvernehmen setzen könnte. ' Staatssekretär Grey erwidert, aus den bereits angegebenen Gründen sei die Regierung nicht in der Lage, das ihr zugemutete Verfahren sich zu eigen zu machen. Eine Depesche König Eduards an den Zaren? Aus Paris wird der „Allg. Korr." üerichiet: Nach hierher gelangten Londoner Meldungen habe König Eduard an den Zaren eine Depesche gerichtet, in welcher er seinem lebhaften Bedauern über die grauenvollen Vorgänge in Bialystok Ausdruck gab und zugleich auf die große Entrüstung hinwies, welche dieselben in der ganzen zivilisierten Welt hervorgerufen haben. Er wünsche im eigensten Interesse des russischen Reiches und seiner Stellung unter den europäischen Mächten, daß diesem unmenschlichen Gemetzel ein für allemal ein Ende bereitet werde. Eine in Berlin von zionistischer Seite einberufene Volksversammlung von mehr als 2000 Teilnehmern, in der unter anderen die Herren Dr. Nathan vom Hilfsverein der deutschen Juden, Redakteur Klausner namens der Alliance Jsraölite, Prof. Philippson und Dr. Klee sprachen, nahm einstimmig folgende Resolution an: „Die von der zionistischen Vereinigung einberufene, von über 2000 Juden besuchte Volksversammlung drückt ihren Abscheu aus gegen die verbrecherischen Barbareien der russischen Machthaber, die zur Unterdrückung der freiheitlichen Bewegung in Rußland Judenmassakres anstisten. Sie versichert die geknechteten jüdischen Brüder in Rußland treuer Anteilnahme und erwartet, daß die gesamte zivilisierte Welt durch einmütigen Protest und Verweigerung jeder finanziellen Hilfe diesem frevelhaften Morden Einhalt zu gebieten versucht." Der Senat der Vereinigten Staaten gegen die zarischen Greuel. Washington, 22. Juni. Der Senat nahm einen Beschlußantrag an, in welchem erklärt wird, das Volk der Vereinigten Staaten sei entsetzt über die Berichte von Metzeleien, die an Juden in Rußland wegen ihrer Rasse und Religion verübt wurden. Alle diejenigen, die davon betroffen seien, Hütten die herzliche Sympathie des Volkes der Vereinigten Staaten. Die Maffakres in Bjelostok. Krakau, 25. Juni. In einer Versammlung des hiesigen Gemeinderates besprachen die Gemeinderäte Dr. Groß und Dr. Frühling sowie die Abgeordneten Roller und Daszynski den Pogrom in Bjelostok. In einer einstinimig angenommenen Resolution werden alle Regierungen aufgefordert, bei der russischen Regierung wegen der Judenmetzeleien in Bjelostok Vorstellungen zu erheben. Der österreichische Reichsrat wird im Speziellen aufgefordert, seine Stimme gegen den Pogrom zu erheben. Wie Moskau pazifiziert wurde. (Aus Wladimirows Euthü llun gen.) In einem vor kurzem in Petersburg erschienenen Buche unter dem Tuet „Die vorjäbrige Strafexpeüilion des Siemlonowskr-Regimenls der Lelbgarde aus der Eisenbahn Moskau Kam»" erhebt Wiadinurow die schwerwiegendsten Anklagen gegen die militärischen Gewalthaber, denen die Herstellung der Ordnung in den von der Revolution heungesuchlen Gouvernements anvertraut wurde. Die Zeitschrift „Wojennyj Golos" formuliert nun auf Grund der Mitteilungen dieses Buches eine förmliche Allklage gegen den Obersten W. Riemau mit der gleichzeitigen Aufforderung un diesen Offizier, sich zu rechtfertigen. Nachstehend einige der wlchllgsten Anschuldigungen, die gegen Rreman erhoben werden: Wtadimirow schreibt an die Adresse des Obersten Riemau: „Ich klage Sie an: daß Sie am 20. Dezember 1005 in der Station Perowo der Moskau-Kasanbahn den alleren Gehilfen des Stationsverwallers, Sergius Orlowski, un Moment, als er die Perrontreppe bestieg, liiederschletzen ließen, ohne ihn vorher in Untersuchung gezogen, ohne ihn unter Anklage gestellt, ja ohne überhaupt irgend welche Aufklärungen von ihm verlangt zu haben. Ter durch Fluitenschüffe verletzte Orlowski wurde vor Ihren Augen durch Bajouetlstlche gelötet; daß Sie an demselben Tage und in derselben Ortschaft den zweiten Gehilfen des Statlonsverwalters, Alex,.! Larionow, zu sich beschieden, ihm nach einigen Minuten befahlen, Ihnen zu folgen, und als er dies tat, den der der Stiege stehenden Soldaten znrlefen: „Nehmt ihn auf die Bajonette 1" Als Larionow nach einem Bajonettstiche, den ihm einer der Soldaten versetzt hatte, zu Boden gefallen war, feuerten Sie einen Revotverschuß gegen ihn ab, wodurch Sie ihm den Tod gaben; daß Sie an demselben Tage und in derselben Ortschaft, als Sie in der Wohnung des Elsenvahnbeamten Iwan Obodow eine Hausdurchsuchung Vornahmen und von diesem ersucht wurden, mit den

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