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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 422 Dr. JBlocb 6 Mocvens^IttN. Nr. 26 Revolutionären und nur 5 bis 7 vom Hundert werden jüdische Hörer zugelassen. Zur russischen Marine werden keine Juden genommen. Trotzdem Kronstadt, Odessa, Sebastopol. Wurden die lettischen Bauern bei ihren Mordbrennereien etwa von Juden geführt, oder die Tataren von Baku oder die Kaukasier, oder die meuternden Bataillone? Als ob die getretenen Völker Rußlands erst auf die jüdischen Führer warten würden, um Brot und Freiheit zu erkämpfen! Aber es sei ohneweiters zugegeben, daß viele russische Juden Revolutionäre, das heißt Kämpfer gegen die bestehende Macht sind. Die Erklärung dafür wissen Dr. Kramarsch und der ihm befreundete tschechische Landsmannminister Dr. Pacak aus Prag. Als nämlich die österreichische Regierung die Tschechen gewaltsam zu unterdrücken suchte, bildete sich in Prag der Geheimbund der „Omladina", des Jugendbundes, von dem viele Mitglieder und Anhänger wegen Hochverrates lange Kerkerstrafen verbüßten, darunter Pacak, und mehrere auch politische Morde begingen. Aus politischen Gründen meinem konstitutionellen Staate! Niemand sperrte sie ins Ghetto, verurteilte sie zum Huugertode, war erfinderisch in Qualen, schleppte sie nach Willkür in den Kerker, nach Sibirien, aufs Schaffot. Der Bruder eines russischen Arztes wurde vor einigen Jahren gehängt, weil man bei ihm die Visitkarte eines verhafteten, aktiven Nihilisten fand. Wenn Sie dieser Arzt wären, Herr Dr. Kramarsch, würden Sie in den Delegationen reden oder auf den Straßen schießen? Die Zahl solcher Fälle ist Legion und sie revolutionieren das Ghetto, sie füllen die Bomben, sie laden die Revolver. Wer täglich Not und Tod vor Augen hat, der hat nichts als Verachtung dafür, wenn Westeuropäer sich entrüsten, weil er sich wehrt. Die ersten Verkünder des Nihilismus waren Christen, wie Dr. Kramarsch im nächsten Handbuch Nachlesen kann, der revolutionäre Verzweiflungskampf des Ghetto begann lange nach 1882, nach den Ausnahmsgesetzen, nach den ersten Judenverfolgungen. Unsere Jünglinge und Mädchen in Rußland antworten zum großen Tell mit Dynamit auf Kuutenhiebe und Kolbenstöße, Doktor Kramarsch wünscht anstatt dessen Huldigungstelegramme an den Zaren. Ein von den Jungtschechen gewählter Erzengel der Güte. Diese Leuchte des österreichischen Parlamentes sollte aber doch wenigstens ein Gedächtnis für drei Monate haben. Es hat in und außerhalb des Ghettos nicht einmal einen Revolverschuß gegeben, als der Zusammentritt der Duma den leisesten Schein der Hoffnung gab. Wer war es, der wie immer diese Stille mit Todesröcheln der Juden unterbrach? Ein Sektionschef Wittes hat nach den Tagen von Bialystok erzählt, durch wen und wie die Pogroms gemacht werden. In der Sitzung der Duma vom 20. d. M. hielt Fürst Urussow eine Rede, in welcher er mit Daten und einigen Namen erzählte, wie Witte einen Nervenanfall erlitt, als er hörte, daß die Großfürsten gegen und ohne die Regierung, über sie hinweg, für Kiew einen riesigen Pogrom vorbereitet hatten. Damals gelang es noch, die Gefahr abzuwenden, die jetzt für Bialystok ausbrach. Gemacht wurde die Sache unter Anführung der Großfürsten, die Ministerium und Duma verachten, von einer eigenen Pogromorganisation, der große Geldsummen, eine eigene Druckerei im Petersburger Polizeigebäude und alle staatlichen Organe zur Verfügung standen. Ein Führer dieser Organisation sagte: „Wir machen Pogrome auf 10 Leute, wenn es uns gefällt, und wenn wir wollen auf 10.000". Treibjagden auf Menschen. Auf 10 Menschen oder auf 10.000, ganz nach Belieben. Herr Dr. Kramarsch aber teilt seine Entrüstung. Auf die Juden, die immer Schuld sind, und auf die Schlächter, die allzu streng sind bei der gerechten Rache. Er verlangt von der einen Partei mehr unmenschliche Güte und von der andern weniger unmenschliche Grausamkeit. Er redet so, wie es die Russen brauchen, wenn sie für Mord und Raub Entschuldigungen suchen. Statt vor diesen Greueln aufzuflammen, gebraucht Dr. Kramarsch seine hohe Kultur, um die Kultur hinterrücks zu verletzen. Die Hooligans werden ihrem Anwalt zu danken wissen. I. U p r i m n y. Das Gemetzel in Sialqstok. Der Schriftsteller Pawel Samarin veröffentlicht in dem in Wilna erscheinenden Blatte „Stvobodnoje Slowo" über den Pogrom in Bialystok Details, die bisher noch nicht bekannt waren und abermals Belege für die regelrechte Organisation der dortigen Massakres liefern. Er schreibt: .,Jch befand mich an jenem verhängnisvollen 14. Juni in Bialystok und schlenderte über den Boulevard, wo ich eine Gruppe von Leuten sah, an denen ich nach ihren Bewegungen und Gesten von weitem erkennen konnte, daß sie sich in lebhafter Erregung befanden. Als ich mich der Gruppe näherte, erblickte ich einen jungen Mann, der die studentische Uniform trug und laut ausrief: „Ich bin jetzt schon einige Stunden in Bialystok . . . Das ist eine Provokation. . . . Das haben nur die Spione gemacht. Die Prozession war nur ein Vorwand. Es war alles vorbereitet und organisiert." Ich verstand diese Bemerkungen nicht und ging direkt auf den Studenten zu und fragte ihn, was er mit diesen Aeußerungen meinte. Er erwiderte: „Ich kam heute Morgens hierher, hatte nichts zu tun und blieb deshalb vorläufig im Bahnhofe. Da kommt ein junger Bauer auf mich zu, musterte mich und redet mich folgendermaßen an: „Du bist doch ein Christ? Was ist's mit dem heutigen Pogrom?" Ich antwortete ihm: „Was für ein Pogrom?" — Der Bauer: „Was, Du weißt nicht? Ich verstehe Dich nicht. Die Polizei hat uns doch rn die Stadt gerufen. Es gibt heute einen Pogrom." Der Student erzählte mir, er sei nun in größter Aufregung vom Bahnhofe in die Stadt geeilt, um zu sehen, was los sei. Unterwegs habe er viele Juden gesehen mit entsetzten Gesichtern in voller Flucht. Nun hörte er auch schon schießen. „Ich war überzeugt", berichtete der Student weiter, „daß mir als Orthodoxem in der Uniform eines Studenten nichts geschehen werde. Ich bewegte mich daher ungeniert in den Straßen. Ueberall sah ich Juden laufen, verfolgt von Soldaten, Polizisten und Huligans. Die Juden schrieen: „Der Pogrom hat schon begonnen!" . . . Ich komme in die Vorstadt Peski. Hier sehe ich, wie jüngere Juden sich zusammenschließen. Ich höre, daß es die „Selbstverteidiger" sind, die gegen die Huligans marschieren wollen. Da erscheint aber auch schon Militär im Sturmschritt, das sofort auf die „Selbstverteidiger" anlegt und wild darauf losschießt. Es wird auch von den „Selbstverteidigern" auf das Militär geschossen und das gräßliche Scharmützel dauert ziemlich lange. Schließlich behauptet das Militär den Platz, auf dem es eine Masse Tote gibt, zumeist „Selbstverteidiger" ferner mehr und minder Schwerverwundete, die sich in ihrem Blute wälzen. Das Militär zieh t weiter, um überall dort einzuschreiten, wo die Juden den Huligans entgegentreten. Die „Schwarze Bande" bleibt so alleinige Herrin des Terrains und genießt unbeschränkten Schutz bei Mord und Plünderung ..." Ich gehe wieder zum Bahnhofe, wo es mich aber nicht lange duldet. Als ich wieder in die Stadt will, wurde ich von Militärposten aufgehalten, die mir sagen, es dürfe uiemand in die Stadt und niemand aus der Stadt. Unterdessen kommen von verschiedenen Seiten doch Juden, die sich irgendwo aus der Stadt durchgeschlagen haben, zum Bahnhofe und sie alle drangen auf das Geleise, um in einen eben einfahrenden Zug einsteigen zu können, der nach Wilna geht. Die Kondukteure werfen sich aber den Juden entgegen und schreien ihnen zu: Ihr dürft da nicht hinein! Mit Gewalt werden die Juden von den Coupes fortgebracht. Einigen gelingt es trotzdem, in Coupßs einzudringen und mitzufahren. Auch ich bin im Zuge. Wir kommen zur nächsten Station nach Lapy. Es ist das eine kleine Stadt mit sehr wenig Juden. Hier verbreiten die Kondukteure sofort sehr eifrig die Nachricht, daß es in Bialystok einen Pogrom gebe. Es ist 5 Uhr Nachmittags. Die Bahnarbeiter, die eben in der Station anwesend sind, beschließen hierauf nach Lapy hineinzugehen und ebenfalls einen Pogrom zu veranstalten. Auch ich verlasse den Zug, um zu sehen, was nun kommen werde. In dem Städtchen habe ich wieder jene Szenen von Verzweiflung gesehen wie in Bialystok: Getümmel, flüchtende Juden, verfolgt von verschiedenen Personen, von denen sie geschlagen oder beschossen werden. Auch auf mich kommen Leute zu, die mich packen und prügeln wollen. Ich sage ihnen: „Ich bin ein Christ". Dian antwortet mir: „Ja, aber du bist ein Student. Wir werden dich geradeso totschlagen wie die Juden". Mit vieler Mühe mache ich mich los und flüchte mich mit den Juden, bis ich in ein Gasthaus komme, wo ich ein Versteck finde. Hier sind schon viele Juden verborgen. Ich sehe, wie die Häuser und Magazine geplündert und Juden mißhandelt werden. Der Pogrom dauert aber nicht lange. Der Pristaw (Polizeikommissär) und der Stationschef nahmen sich -der Juden sehr energisch an. Ich höre, daß der Pristaw einen schönen Bakschisch bekommen hat. Daher der Schutz, den er den Juden angedeihen läßt. Und merkwürdig, der Pristaw hat nur vier Soldaten zu

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