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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 26 Dr. Bloch’s Jahrgang 11111 Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wim, 29. Juni 1906. - LrsiDelnr jeden Freitag. - Brief-Adresse: Mten» IX/1, ffierggasse 39. Teleqramm-Adreffe: Vlocb's MlOtDenscbrlft, Mien. «-« Vezugsprris für Sefirrrrirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äür's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. *-* Ä-ö A. ft. Postsparftaffen-Arnt Gfeartng-l&erftebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1. Kerggasse INr. 39. 'Telefon Nr. 14.847 ©--- Inhalt: Leitartikel: Kramarsch eoutru Wahrheit. — Das Gemetzel in Bialystok — Aus der Rrde des Abgeordneten Dr. Straucher in der Delegation des Reichsrates am LI Juni 1906. — Jahrmarkt des Lebens: Antisemiten-Moral. Antisemitische Wohltätigkeit mit jüdischem Geld. Das galizische Hilfswerk. Nachklänge zu den Leopoldstädter Bezirksratswahlen. Parteitag 1er böhmischen Zionisten. Zweiter Zionistentag für die südslavischen Länder. Zur Schächtfrage. — Korrespondenzen: Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Abgeordneter Dr. Emil Byk. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc Wien. Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien. Baden bei Wien, Jungbunzlau, Straßnitz, Dentsch-Brod, Ung.-Brod, Königstadtl, Reichenberg, Prag, Eger. — Feuilleton: Assekurazioni Generali in Triest. — Briefkasten. — Inserate. Kramarsch contra Wahrheit. „Der zehnte Teil dessen, was die russischen Juden in den letzten Jahren zu erdulden hatten, würde genügen, um das ganze übrige Europa in solchen Leiden zum Heidentum, zu jedem Götzendienst zu bekehren, wenn diese Bekehrung Hilfe brächte. Daß die russischen Juden ihre Religion nicht verlassen, ist ein Wunder im zwanzigsten Jahrhundert, das mit eigenen Augen zu sehen die Vorsehung uns begnadet hat." Das sind die Worte eines christlichen Engländers aus diesem Jahre. Und wahrlich! der abgestumpfteste Zweifler muß fromm und begeistert werden vor dieser märchenhaften Heldentreue für Ehre und Glauben ihres Volkes, mit welcher die russischen Juden der Jetztzeit sich die Bewunderung aller Welten verdienen. Geschlecht auf Geschlecht wird als Erbe unsagbaren Elends in einem Kerker geboren. Jeder Satz des russischen Rechtes enthält ein Unrecht gegen die Juden. Der nächste Wachmann, roh, wenn er betrunken ist, heimtückisch, wenn er noch keinen Fusel hat, ist des Juden Herr. Er quält ihn, schlägt ihn, beutet ihn aus, bringt ihn in den Kerker und nach Sibirien. In den Ansiedlungsrayon gepreßt, mit schweren Steuern belegt, fühlen die Juden den Hunger als wilden Gesellen seiner unbarmherzigen Henker. Aber sie bekennen nicht, sie ducken sich nicht, unsere russischen Brüder bleiben Märtyrer. Juden, Helden. Gar jetzt stehen wieder, wie so oft, die Banditen mit Orden und die Banditen in Lumpen gegen sie auf, das zwanzigste Jahrhundert sieht Massenhinrichtungen von Unschuldigen, sieht ihren schauerregenden Folterungen zu. Die Moral wird auf unseren Universitäten vorgetragen, die Moral hat bei uns Gefängnisse für ihre Widersacher, die Moral regiert die Staaten. Grollt nicht ihre Kriegserklärung an die russischen Regierungskreise, nachdem sie Schiffe voll Bewaffneter für die chinesischen Missionäre, für die bulgarischen Räuber aussendete, wie sie Europa für den gefangenen Gorki aufrief? Ein jüdischer Arbeiter in Bjelostock wurde an die Wand genagelt, bevor man ihn erschoß. Mann und Frau getötet, indem man ihnen Eisenstifte durch die lebenden, zuckenden Augen hämmerte. Das Herz des Lesers steht still. Dirne Europa! Du hast recht. Die russischen Juden werden Dich nicht mit Handels- und Staatsverträgen bezahlen. Du müßtest ihnen Deine Menschenliebe umsonst beweisen, hättest keine Beute davon, wenn Du ihnen Deine erlogene Kultur und Gesittung beweisen solltest. Laß Du nur ruhig das Volk der wandernden Bettler abseits sterben, wo man für Lorbeerkränze um eine Idee Blut und Leben verliert! Wir aber, wir Juden des Westens, können ohnmächtig nur die Helden aus dem Zarenreiche mit brennendem Herzen bedauern, stolz auf ihre Größe Hinweisen und von ihnen das Judentum lernen, diese rote Schrift auf goldenen Blättern der Geschichte. Mit welchem Mute haben Sie denn die Sache dieser großen Kämpfer befleckt, Herr Dr. Kramarsch? Dr. Kramarsch sagt in der österreichischen Delegation, was die russische Mörderregierung in ihren Blättern sagt. Er ist kein Antisemit, wie er behauptet, und er ist wirklich keiner, aber in seinem Eifer für die slavische Sache ging er so weit, die Gerechtigkeit mit einer tötlichen Mischung von Lügen und Wahrheit zu vergiften. Wahr ist von seinen Behauptungen, daß die russischen Juden eine große Rolle unter den Revolutionären spielen. Aber unwahr ist, daß sie es sind, welche Wind gesäet haben und nun Sturm ernten. Unmoralisch ist darum die Moral des Herrn Dr. Kramarsch, welche verlangt, man solle sich auch gegen die Juden entrüsten, welche auf der anderen Seite die russische Erde mit Blut tränken. Herr Dr. Kramarsch ist ein gebildeter und tüchtiger Politiker, dessen Ausführungen man stets mit Vergnügen liest, auch wenn er in den Delegationen immer wieder seine großen Schwarz-Weiß-Malereien beginnt, wo die Deutschen immer auf die schwarze Tafel kommen und die Slaven auf die weiße. Denn er hat für seine Hauptgedanken immer feine Ornamente des Geistes. Es war geradezu unwürdig für ihn, die Juden ganz einfach durch eine grobe Entstellung auf die schwarze Seite zu bringen, und es war schändlich, weil er weiß, daß seine Worte die Meinung von Millionen beeinflussen. Der Herr Doktor tut so, als wäre wirklich irgend ein Jude mit einem jüdischen Generalstab der Nebenzar, der Herr des revolutionären Rußland. Welche Lächerlichkeit! Die russischen Universitäten sind bis zum Dach gefüllt mit

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