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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 412 Dr. Lwcv's Mocvenscvctrr. Nr. 26 Aorrespondenzen. Schulverhältuisse in Galizien. Die Abgeordneten Dr. Straucher und Genossenrichteten an den Kultus-und Unterrichtsminister nachstehende Interpellation über die Zustande an dem k. k. Obergymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Brody. Die an dem k. k. Obergymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Brody unter der Leitung des Direktors Eduard Schirmer herrschenden Zustände scheinen sehr bedauerlicher Art zu sein. Herr Schirmer besitzt weder die Eignung zum Jugendbildner und zur Erziehung der Jugend sowie zum Schulmann überhaupt, noch die Qualifikation zum Leiten einer Mittelschule von der Bedeutung eines Obergymnastums insbesondere. Direktor Eduard Schirmer macht sich großer Ungerechtigkeiten und Parteilichkeit in der Behandlung der an diesem Obergymnasium studierenden Schüler schuldig, indem er als Profeffor wie als Direktor in seiner Amtsführung gegen die Schüler der Anstalt ungleich vorgeht; es fehlt ihm das pädagogische Verständnis und der Gerechtigkeitssinn. Insbesondere sind es die Schüler mosaischer Konfession an diesem Obergymnasium, welche unter der Gehässigkeit und Parteilichkeit Direktor Schirmers vielfach und schwer zu leiden haben. Er schikaniert diese jungen Studierenden auf alle erdenkliche Art, setzt sie ostentativ zurück, macht selbst und duldet verletzende Bemerkungen und Beschimpfungen nichtjüdischer Schüler gegen die jüdischen Schüler, behandelt die letzteren höchst ungerecht und ungleich gegenüber den nichtjüdischen Schülern; Direktor Schirmer straft die jüdischen Schüler mehrfach und strenger als die anderen, läßt aber Ausschreitungen gegen jüdische Schüler straflos. Es ist eine wahre Leidensschule, welche die jüdischen Schüler an dem k. k. Obergymnafium mit deutscher Unterrichtssprache in Brody unter der Direktion dieses zum Schulmann völlig ungeeigneten Herrn Eduard Schirmer absolvieren. Die so malträtierten jüdischen Schüler oder deren Eltern wagen nicht Beschwerde zu führen, da ihnen sicher nicht geglaubt würde, sie vielmehr als Verleumder verfolgt würden und schließlich die ohnehin bedrückten jüdischen Schüler ihre noch so gerechten und wahren Beschwerden vielfach und schwer zu büßen halten. Jene jüdischen Schüler aber, die die Anstalt verlassen, werden zumeist vom Direktor Schirmer flehentlichst gebeten, von den ihnen widerfahrenen Unbilden keinen Gebrauch zu machen; teils scheuen auch diese Ausgetretenen die mit Beschwerdeführungen verbundenen Widerwärtigkeiten, teils sind sie froh, dieser lästigen Behandlung los geworden zu sein und beMmmern sich nicht weiter, teils endlich vermeiden sie aus Rücksicht auf oft in dieser Anstalt zurückgebliebene ihnen verwandle Schüler den Beschwerdeweg. Einen verständnisvollen Mitarbeiter hat Direktor Schirmer in den an diesem Obergymnasium angestellten Professor Artur Cwikowski gefunden, der eifrig bemüht ist, seinem Vorbilde nachzutun, ja dieses wo möglich noch zu übertreffen. Damit es aber nicht den Anschein gewinne, als ob bloß allgemeine Beschuldigungen und vage Verdächtigungen wider Direktor Schirmer und Professor Cwikowski erhoben werden, mögen aus der Fülle der Tatsachen die folgenden verbürgten und leicht erweisbaren Fakta vorgebracht werden, die wohl eine sehr beredte Sprache führen — auch ohne jeden Kommentar! I. Vor Ostern laufenden Jahres äußerte sich ein Schüler der V. d-Klasse, namens Wawryk, vor dem jüdischen Schüler Liebermann, daß die Juden Christenblut für „Mazes" benötigen. Der mosaische Religionslehrer Dr. Frost meldete dies dem Direktor Schirmer. Dieser ließ den Schüler rufen, der es wahrscheinlich leugnete, und entließ ihn unbestraft, ohne die Zeugen einzuvernehmen, welche Dr. Frost namhaft gemacht hatte. Der Fall wurde in der Anstalt stark diskutiert und besonders die Straflosigkeit wurde mehrfach dahin gedeutet, daß der Vorwurf Wawryks wahrscheinlich kein ungerechtfertigter wäre. So wird ein gefährlicher Samen gesäet! II. Zwei polnische Schüler aus der V. a, namens Lewa! und Dobruckl, haben aus dem Klaffenbuche ihre ungerechtfertigten Absenzstunden wegradiert, weshalb sie vom Klaffenvorstande dem Direktor vorgeführt wurden, damit er sie bestrafe. Beide kamen aber straflos davon, während ein jüdischer Schüler, namens Spieß, für das gleiche Vergehen, ohne Anhörung der Professorenkonferenz, 16 Stunden Karzer und eine minder entsprechende Stttennote erhielt. — Das soll Gerechtigkeit sein! HL Vor einigen Wochen hat Direttor Schirmer, wie alljährlich, die Anordnung gettoffen, daß die Schüler während der Pausen die Klasse zu verlassen haben. Am selben Tage ereignete sich nun folgender Fall: Die Schüler der VL Klaffe hatten sich etwas länger nach der Stunde in ihrer Klaffe aufgehalten, weil sie in der nächsten Stunde Religion hatten, deshalb in eine andere Klasse gehen und ihre Kleider und Bücher mitnehmen mußten. Bis sie in den betreffenden Saal, der im zwetten Stock gelegen ist, gekomulen waren, blieb ihnen wenig Zeit übrig, um in den Dpielhof hinunterzulaufen, weshalb die Schüler römisch-katholischer Religion in ihrer Aula, jene der mosaischen Konfession in ihrem Saale zurückblieben. Während der nächsten Unterrichtsstunde kam nun Direktor Schirmer in die Klasse und fragte ausdrücklich: „Wer von den Israeliten ist in der Klasse geblieben?" Alle waren geständig, erhielten dafür je drei Stunden Karzer und bei der ersten Monatskonferenz eine entsprechende Sittennote, während die polnischen Schüler wiederum, obgleich sie sich des gleichen „Vergehens" „schuldig" gemacht hatten, dank der offenen Feindseligkeit des Direktors Schirmer gegen die jüdischen Schüler, straflos davonkamen. Das ist die gleiche Behandlung der Schüler durch Direktor Schirmer. IV. In der IV. Klaffe bekamen jüdische Schüler bei der ersten Monatskonferenz entsprechende Sittennote, ohne je vorher bestraft gewesen zu sein oder irgend welche ungerechtfertigte Absenzstunde zu haben, während ein polnischer Schüler, namens Ferdinand Roth, obgleich er wegen unanständigen Benehmens dem Profeffor Pasowicz gegenüber (er hatte diesem, weil er ihm einen Zweier gab, eme unflätige Beschimpfung zugerufen) vier Stunden Karzer bekam, bei dieser Monatskonferenz eine befriedigende Sittennote erhielt. Derartige Ungerechtigkeiten und Willkürlichleiten erschüttern das so notwendige Vertrauen der Schüler zu ihrem Direktor und vergiften schon in der Schule die sonst zwischen den jungen Schülern oller Zungen und Bekenntnisse bestehenden freundschaftlichen und kollegialen Beziehungen. V. Ein krasser Fall von Ungerechtigkeit und Feindseligkeit gegen die jüdischen Schüler, deren sich Direktor Schirmer schuldig gemacht hat, ist der folgende: Direktor Schirmer hat vor Ostern den verhinderten Lehrer der Naturgeschichte in der VI. Klasse vertreten. Statt nun Naturgeschichte vorzutragen oder zu prüfen, begann Direktor Schirmer — ohne dies vorher angekündigt zu haben — Privatlektüre der polnischen Unterrichtssprache (die Trilogie von Sienkiewicz) zu prüfen, wiewohl der Lehrer der polnischen Sprache, Janczy, den Schülern ausdrücklich angeküudigt hatte, daß er Privatlektüre erst nach Ostern prüfen werde. Es ist selbstverständlich, daß Direktor Schirmer ausschließlich jüdische Schüler prüfte und daß diese — es waren ihrer drei — mit schlechten Noten davonkamen. VI. Die Einleilung der Schüler in die einzelnen Klassenabteilungen geschieht derart, daß in eine Abteilung eine überwiegende Majorität von Juden, in die zweite eine von Christen gegeben wird. Sehr deutlich tritt dies in der IV. und V. hervor, und zwar in der IV. a unter 37 Schülern 19 Juden, in der IV. b unter 37 Schülern 8 Juden, ui der V. a 36 Schüler, darunter 6 Juden, in der V. b 3b Schüler, darunter 28 Juden. Die Einteilung erfolgt nicht nach alphabetischer Ordnung, sondern ganz willkürlich. Als Beweis, wie sehr Direktor Schirmer planmäßig vorgeht, um eine derartige Einteilung zu schaffen, können folgende zwei Fakta dienen. Am Anfänge dieses Schuljahres waren in der V. a 37 und in der V/b 38 Schüler. Es kam noch dazu ein jüdischer Schüler, namens Klaften aus Lemberg, der dem Alphabete nach in die Klasse a gehört, und es zweifellos richtiger ist, auf beide Klassen eine möglichst gleiche Anzahl von Schülern zu verteilen; nichtsdestoweniger wurde Klaften in die V. b gegeben, weil dies eben die von Direktor Schirmer geschaffene Judenklasse ist. Balo darauf bat ein christlicher SÄüler, namens Dawidowicz, den Direktor, er möge ihn in die V. b übersetzen. Der Direktor wollte dies aber nicht tun. Schließlich bemerkte er: „Wenn Ihr übrigens einen weniger haben wollet, werde ich jemand fortschicken." Und schickte nun einen Juden namens Reismann in die V. b (Judenklasse). VIL Nach Ostern wurden Schülerausflüge angeordnet. Alle Schüler, die Zeit haben und nicht sonst verhindert sind, nehmen an dielen Ausflügen gerne Anteil. Dagegen war es manchen unmöglich, die Nachmittagszeit zu opfern oder aus Gesundheitsrücksichten teilzunehmen. Wieder war es die V. b (Judenklasse) und die VI., die hergenommen wurden. Es wurden in der V. b ausschließlich Juden und iu der VI. noch drei Ruthenen bestraft, wiewohl alle triftige — unten angeführte — Entschuldigungsgründe vorgebracht hatten; sie erhielten trotzdem entsprechende oder minderentsprechende Sittennoten. Die Entschuldigungsgründe waren in der V. b Nachmittagsbeschäftigung (Privatunterricht), um sich und oft die Eltern zp erhalten; es waren dies die Schüler Melles, Ettinger, Weingarten, Plewer, Liebermann. Weitere Entschuldigungsgründe: Eine vor kurzer Zeit überstandene Lungenentzündung des Schülers Schalit und die mit dieser schweren Krankheit verbundenen Komplikationskrankheiten, so daß der Arzt dem Rekonvaleszenten verbot, solche Ausflüge wegen des unvermeidlichen Staubes mitzumachen. Ein chronischer Augenkatarrh des Schülers Kartagner, dem ebenfalls die Beteiligung am Ausfluge ärztlich untersagt worden war. Aus der VI. Klasse, die Nachmittagsbeschäftigung durch Erteilung von Privatlektionen seitens der Schüler Fuchs Jakob, Parnes Markus, Teich Alexander und noch andere. Hier ist auch ein Schüler Katzner Jsak bestraft worden, dessen Mutter auf dem Sterbebette liegt und der dies durch ein ärztliches Zeugnis Nachweisen wollte, was übrigens in der ganzen Stadt bekannt ist. In diesem Vorgehen des Direktors Schirmer gegen jüdische Schüler manifestiert sich Herzlosigkeit und nackte Gehässigkeit. VIII. Tags nach der zweiten Monatskonferenz des zweiten Semesters entstand in der V. b während der Unterrichtsstunde des Professors Bohosiewicz ein Lärm. Als nun Direktor Schirmer in die Klasse kam, bezeichnete ihm Bohosiewicz den polnischen Schüler, namens Skulski, als den Schreier. Ohne jedoch darauf zu achten,- hielt Direttor Schirmer noch am selben Vormittage während der Pause (eine Zeit von 10 bis 15 Minuten) eine Lehrerkonferenz al^

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