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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ar. 2o Z-r. jfciocD s tülocöeiiscbttti. Seite 4Ö9 England mit der gegenwärtigen russischen Regierung eine Verständigung abschließe. „Daily Telegraph" schreibt, man dürfe der russischen Bureaukratie nicht gestatten, noch mehr Geldmittel zu erlangen. London, 20. Juni. Im Unterhaus fragte der Liberale Stuart Samuel an, ob der Staatssekretär des Auswärtigen, Sir Edward Grey, gewillt sei, bevor irgendwelche Schritte unternommen werden, die Freundschaftsbande zwischen England und Rußland enger zu knüpfen, die russische Regierung über die Ansichten zu unterrichten, die das britische Volk über die Judenmetzeleien hege. In Vertretung des Staatssekretärs erwidert Parlamentsuntersekretär Walter Nuncyman, der Eindruck, der durch die Ruhestörungen und den Verlust an Menschenleben hervorgerufen wurde, sowie die Sympathie, die nicht nur in England, sondern überall für die Betroffenen sich geltend mache, seien der russischen Regierung wohl bekannt. Es sei dies keine Angelegenheit, bezüglich deren eine offizielle diplomatische Einmischung üblich und wünschenswert wäre. Eine Intervention Deutschlands. Berlin, 18. Juni. Die deutsche Regierung wurde in Petersburg in dringender Weise vorstellig mit Rücksicht auf die in Bialystok bedrohten Interessen des deutschen Kapitals. Russischerseits wurde alsbald der gewünschte Schutz zugesagt. Der politische Generalstreik beschlossen. Berlin, 18. Juni. Der Petersburger Korrespondent der „Vossischen Ztg." telegraphiert vom 18. d.: Der politische Generalstreik ist beschlossen und soll bis zum 23. d. durchgeführt sein. Er wird sich auf das gesamte wirtschaftliche Leben erstrecken und teilweise den Charakter des bewaffneten Aufstandes tragen. Führer dieser Bewegung sind Arbeiter und Bauerndeputierte. Die Stimmung in den niederen Volksklassen ist bedenklich. Arbeiterdeputierte versichern, daß einzelne Gardetruppen Abordnungen an Dumamitglieder gesendet hätten, die versprachen, nicht gegen das Volk die Waffen zu gebrauchen. Polizeiliche Borbereitungen von Judenmaffakres im ganzen Reiche Berlin, 18. Juni. Von der in Paris bestehenden russischen Organisation ist der hiesigen politischen „Russischen Korrespondenz" folgender Bericht zugegangen: Die politische Polizei hat antisemitische Agitatoren nach der Provinz entsendet, die zugleich eine Campagne gegen die Duma führen. Die Wirkung macht sich bereits in Moskau, Kostroma und die ganze Wolga entlang bemerkbar. Die Juden dieser Gegenden fliehen. Nach Schitomir sind fünf dieser Agitatoren gekommen, welche eine lebhaft antisemitische Propaganda entfalten. In Elisabethgrad wird ein Pogrom vorbereitet, alle industriellen und kommerziellen Transaktionen sind infolge davon unterbrochen. Aus Jekaterinoslaw wird berichtet, die Vorbereitungen für ein Pogrom werden ganz offen getroffen. Die Agitatoren haben als Thema „das jüdische Parlament" gewählt. Dieselbe Sachlage besteht im ganzen Gouvernement Podolien und Kiew. In Neschin ist das gleiche der Fall. Proklamationen kündigen an, daß die Juden sich anschicken, die Ländereien an sich zu reißen. Gymnasiasten von 15 und 16 Jahren nehmen an der antijüdischen Propaganda teil. Die Bauern werden offen auf dem Markt abgerichtet. In Kischenew erwartet man den Pogrom von Stunde HU Stunde. In Odessa dieselbe Situation. Die Juden fliehen. Die Behörden suchen die Wachsamkeit der jüdischen Bevölkerung ein- .zuschläfern, ohne irgend eine aufrichtige Maßregel zu treffen. In einzelnen Orten wurde den Gendarmen und den Beamten auf den Bahnhöfen eine apokryphe Depesche aus Petersburg mitgeteilt: „Tod den Juden, tötet fie alle! Nikolaus." In Pinsk und Umgebung macht man sich von Stnnde zu Stunde auf Maffakres gefaßt. Keine kommerziellen und industriellen Transaktionen mehr, alles steht still. Die Kosaken und eine gedungene Bande aus der Bevölkerung fingen bereits dieser Tage an, die Läden zu plündern. Der Widerstand, den fie fanden, scheint fie für den Augenblick zum Rückzug veranlaßt zu haben. Moskau, 20. Juni. Einer der nach Bialystok entsandten Abgeordneten, Jacobson, telegraphierte an den Abgeordneten Winaver, daß in der Bialystoker Stadtverordnetenversammlung einstimmig die Abwesenheit jeglichen Nalionalhasses in der Stadt konstatiert, dagegen eine Provokation unter Mitwirkung der Polizei und des Militärs beim Morden und Plündern festgestellt wurde. Sämtliche Nachrichten über die Beschießung verschiedener Häuser durch Revolutionäre und Juden, sowie der angebliche Ueberfall der Juden auf Christen seien erlogen. Ein Soldat erzählte dem Abgeordneten Proseffor Szcepkin, der Kommandeur des Kasanfchrn Regiments habe fich zu Beginn des Maffakres an die Mannschaften mit einer Ansprache gewendet, in der er erklärte, die Juden beabsichtigen, die Soldaten einzeln abzuschlachten, daher stehe es ihnen frei, mit den Juden nach Belieben zu verfahren; dies fei der Wunsch der Obrigkeit. Berlin, 20. Juni. Der Jüdische Hilfsverein erhielt aus Bialystok nachstehendes Telegramm: In einem Hause in der Nikolaistraße wurden zwölf verkohlte Leichen aufgefunden. Die jüdischen Laden sind sämtlich zum Zeichen der Trauer geschloffen. Viele Christen, die der Wahrheit gemäß bezeugen, daß die Polizei am Pogrom teilgenommen, erhalten Drohbriefe zugesendet; nichtsdestoweniger steht als unwiderlegbar fest, daß Polizisten, als Huligans verkleidet, Anstifter und Teilnehmer der Judenmetzeleien waren. Ein bezeichnendes Ereignis ist folgendes: Am Samstag erschoß ein Offizier auf offener Straße ein jüdisches Mädchen, Fräulein Rubinowska. Er wurde verhaftet, aber gestern wieder in Freiheit gesetzt und spaziert jetzt unbelästigt durch die Straßen von Bialystok. Berlin, 20. Juni. Die „Alliance israelite universelle“ teilt folgende Depesche mit: Bjelostok, 19. Juni, 6 Uhr nachmittags. Im Laufe des gestrigen und heutigen Tages find 107 Erschlagene auf dem jüdischen Friedhofe beerdigt worden. Die Zahl der Verwundeten ist im Augenblick noch nicht festzustellen, da viele innerhalb der Stadt, auch in der Umgegend zerstreut find. Im hiesigen jüdischen Krankenhause liegen 50 Verwundete. Viele Verwundete find nach Warschau gebracht worden, um dort operiert zu werden. Zahlreiche Familien schicken fich zur Auswanderung an. Der Gouverneur erklärte fich bereit, das Militär aus Bjelostok zurückzuziehen und eine Bürgerwehr einrichten zu laffen. Die Notlage der betroffenen Bevölkerung ist sehr groß. Seit Sonntag find weitere Gewalttätigkeiten nicht vorgekommen. Berlin, 20. Juni. Der „Jüdisch-revolutionäre Bund" sendet aus Bialystok nachstehende Depesche: „Wir haben festge stellt, daß das Signal zum Maffakre durch die Petarde eines Provokateurs gegeben wurde. Die ersten Schüsse fielen aus der Mitte der Prozesfion. Häuser und Geschäftslokale wurden von einem Häuflein Hooligans demoliert. Das Militär beschoß di? Häuser und mordete straßenweise sämtliche Juden. Die Eisenbahner wurden von den Gendarmen ermuntert und mordeten durchreisende Juden. Der Gouverneur hat die Hooligans freundlich angesprochen. Der Selbstschutz wurde vom Militär niedergemetzelt. Näheres folgt." Alle Berichte aus Bialystok bezeugen, daß die Iop* gesellen diesmal noch grausamer und bestialischer vorgingen als sogar in Kischinew. Ein Augenzeuge telegraphiert der „Kien er Zeitung" : „Ich habe die Leichen der ermordeten Familie Epstein gesehen. Es ist etwas Wahnsinniges in dieser Grau-

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