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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 408 Dr. JBlocbö 'Omocbenöcbrtn. ytr. 25 Berlin, 19. Juni. Dem Hilfsverein der deutschen Juden gehl aus Bjelostok ferner nachstehender Bericht zu: Ueberall ist jetzt hier ein offizieller Anschlag zu sehen, in dem das Märchen vom Wurf einer Bombe widerrufen wird. Ich konnte die entsetzlichen Mißhandlungen, die während des Pogroms begangen wurden, feststellen. Mädchen wurden vor den Augen der Mutter zerstückelt, einem Juden wurden beide Beine abgesägt, viele Leichen tragen Nägel im Leib und im Kopf. Der Feldscher Schloma Schetzitzki wurde beim Anlegen von Verbänden im jüdischen Hospital durch das Gitter hindurch mit Stangen erschlagen, die Leiche bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt, Trotzdem 76 Leichen beerdigt wurden, werden noch immer neue Leichen gefunden. Viele Leichen werden, ohne daß eine Kontrolle möglich ist, in aller Stille aus den Häusern zur Beerdigung hinausgetragen. Die 55 Schwerverwundeten im Hospital haben ausschließlich Schußwunden und Stangenhiebe. Ueber den Inhalt der Unterredung, welche zwischen der hilfesuchenden jüdischen Deputation aus Bjelostok und dem Gouverneur in Grodno stattgefunden hat, verlautet: Der Gouverneur war äußerst grob; er könne das Gefühl der Empörung, daß man sich überhaupt an ihn gewendet, nicht unterdrücken. Am 30. Jänner seien 41 Juden ermordet worden, darauf habe sechs Monate Ruhe geherrscht; wenn man 100 erschieße, werde die Ruhe wohl länger anhalten. Das Werk der „Schwarzen Hundert". Berlin. Der „Vossischen Zeitung" wird über die Metzeleien in Bialystok aus Petersburg noch gemeldet: Ein jüdischer Duma-Abgeordneter erklärte, es sei im voraus bekannt gewesen, daß man in Bialystok Metzeleien vorbereite. Der Minister des Innern versprach einer Abordnung von Duma-Deputierten, daß energische Maßregeln ergriffen werden sollen, doch wird dieses Versprechen sehr skeptisch ausgenommen. Den letzten Privatnachrichten uns Bialystok zufolge beträgt die Zahl der Toten mehr als hundert. Der Hilfsverein deutscher Juden in Berlin erhält über die Vorgänge in Bialystok weitere Einzelheiten, denen zu entnehmen ist, daß die „Schwarzen Hundert" das Blutbad angestistet haben. Vor einigen Tagen war der Polizeimeister durch ein Attentat getötet worden. Dieses Attentat wird gleichfalls den „Schwarze Hundert" zugeschrieben, die den Beamten töteten, weil er den Ausbruch von Tumulten mit höchster Energie verhindert hat. Der Bombenwurf am Frohnleichnamstage wird ebenso als das Werk der „Schwarzen Hundert" bezeichnet, denn unmittelbar darauf ging unter Beteiligung von Kosaken und regulärem Militär das furchtbare Gemetzel los. Berlin. Die „Berliner Zeitung" meldet aus Paris: Eine hohe russische Persönlichkeit hat einem Vertreter der „Petite Röpublique" erklärt, nach seiner Ansicht habe nicht ein Jude, sondern ein Spitzel der Polizei von Bialystok die Bombe verfertigt und auf die Prozession geworfen. Schon vor einem Jahre sei von der Polizei und dem Militär ein Blutbad unter den Juden von Bialystok organisiert worden. Das diesmalige Blutbad sei die Rache für das Attentat der Revolutionäre auf den Polizeipräfekten. Der Gouverneur von Grodno gegen die offizielle Depesche über die Ursachen der Vorgänge in Bjelostok. Berlin, 18. Juni. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhielt aus Petersburg, 17. d., folgendes Telegramm: „Der Gouverneur von Grodno erließ heute eine Bekanntmachung, aus der sich ergibt, daß die von der Petersburger Telegraphenagentur als offiziell bezeichnete Depesche, welche in gehässigster Weise die Nachricht verbreitete, daß die Ausschreitungen der jüdischen Bevölkerung den Pogrom in Bjelostok veranlaßt hätten, absolut erlogen ist. Der Gouverneur erklärt, daß die beiden religiösen Prozessionen, die eine der Katholiken, die andere der Orthodoxen, ungestört verlief, daß dabei kein Geistlicher und kein Kind, wie behauptet wurde, Schaden erlitten hätten." Das Telegramm des Gouverneurs von Grodno, in welchem er die offizielle Nachricht der Petersburger Telegraphenagentur über die angebliche Schuld der Juden an dem Ausbruch der Unruhen in Bjelostok als erlogen bezeichnete, liegt heute in den russischen Blättern vor und hat folgenden Wortlaut: Grodno, 16. Juni. Das angeblich offizielle Telegramm aus Bjelostok in den heutigen Morgen-Agenturtelegrammen ist vollständig erlogen; kein Geistlicher der orthodoxen oder römisch-katholischen Kirche hat gelitten, Kinder wurden nicht zertrampelt. Die Prozession ging ruhig auseinander. Gouverneur Kister. Königsberg, 18. Juni. Die „Hartungsche Zeitung" meldet aus Bialystok: Die Plünderungen erfolgten unter dem Schutze von Offizieren und der Polizei. Die Soldaten schossen auch auf die Mitglieder des Selbstschutzes. Auf das Gerücht hin, daß die Leiche einer Christin mit Ziegelsteinen beworfen wurde, beging der Pöbel neue Greueltaten. Auf dem Bahnhofe wurden vor den Augen eines Generals und eines Polizeibeamten sechs jüdische Passagiere ermordet. Im Wartesaal zweiter Klasse, in welchen sich Juden geflüchtet hatten, wurden ebenfalls mehrere derselben getötet und andere aus den Waggons herausgezerrt. Auch aus der Wohnung des Stationsvorstehers wurden Flüchtlinge herausgerissen und getötet. Die Polizei als Veranstalterin der Bluttat. Berlin, 18. Juni. Die „Ruff. Korr." erhält aus Paris unterm 16. d. den nachstehenden Bericht, der ihr von einem dort lebenden Mitgliede der politischen russischen Organisation zugegangen ist: Die politische Polizei hat antisemitische Agitatoren in die Provinz entsandt, die zugleich einen Feldzug gegen die Duma führen. Die Wirkung davon macht sich bereits in Moskau, Kostroma und die ganze Wolga entlang bemerkbar. Die Juden dieser Gegenden fliehen. Nach Schitomir sind fünf dieser Agitatoren. gekommen, die eine lebhafte antisemitische Propaganda entfalten. In Elisabethgrad ist eine Hetzet in Vorbereitung. Alle industriellen und kommerziellen Transaktionen sind infolgedessen unterbrochen. Das englische Unterhaus über die Greuel von Bialystok. L o n d o it, 18. Juni. Keir Hardie stellt an den Staatssekretär des Auswärtigen, Grey, die Anfrage, ob er in den Zeitungen das von fünf Mitgliedern der Duma Unterzeichnete Telegramm gesehen habe, nach dem die Judenhetzen noch fortgesetzt werden sollen und diese offiziell von der russischen Regierung begünstigt würden, und ob das nicht Grund genug für seine amtliche Stelle sei, um ihren Einfluß bei der russischen Regierung geltend zu machen, daß solchen Verbrechen gegen die Zivilisation Einhalt geboten werde. Sir Edward Grey erwiderte, daß er die Depesche in den Zeitungen gelesen habe, aber keine amtliche Kenntnis irgend welcher Art davon habe. Auf eine weitere Anfrage Keir Hardies, ob im Falle der Fortdauer der Metzeleien der Befehl an die englische Flotte, die russischen Häfen nicht zu besuchen, als Zeichen der Mißbilligung Englands gegeben werden würde, erwiderte Grey, daß er seiner bereits erteilten Auskunft nichts hinzufügen könne. Ernste Vorstellungen im englischen Auswärtigen Amte. London, 18. Juni. Das „Reutersche Bureau" erfährt, daß im Auswärtigen Amte ernste Vorstellungen wegen der Ereignisse in Bialystok erhoben werden. Lord Rothschild hatte heute nachmittags eine Unterredung mit dem Minister des Aeußern Sir Edward Grey. Englische Stimmen zu den russischen Greueln. London, 19. Juni. „Morningpost", „Tribüne" und „Daily News" verlangen, daß im Hinblicke auf die in Bialystok begangenen Grausamkeiten der Besuch der britischen Flotte in Kronstadt unterbleibe. Sie erklären, es sei unmöglich, daß

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