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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25 Dr. Mocv's MLocvenscvrM. Seite 407 suchung der Ereignisse in Bialystok betrauten Delegierten der Duma zur Verfügung gestellt werden. Ein vom selben Tage datierter, an die Alliance Jsraelite Universelle gerichteter, vom 14. Juni datierter Brief besagt: Bei uns in der Stadt herrscht furchtbare Erregung. Diesen Sonntag 5 Uhr nachmittags wurde auf der Soraschstraße unser Polizeimeister Derkatfchew getötet. Er war ein seltener Mann. Die Stadt fühlte sich bei seinen Lebzeiten durchaus geborgen. Alle sind über diese Untat empört. Eine jüdische Deputation brachte einen Kranz zur Niederlegung auf seinen Sarg, aber diese Deputation wurde nicht empfangen, vielmehr wurden die Erschienenen nicht zngelassen, sondern mit Schimpfworten zurückgewiesen. Die Deputation verstand, was mit dieser Taktik beabsichtigt war, und begab sich unverzüglich nach Grodno zum Gouverneur, der der Deputation folgende Eröffnung machte: „Am ao. Juni v. I. sind in Bialystok 40 Juden getötet worden, und danach herrschte sechs Monate la ig Ruhe. Jetzt wird man 1000 Juden umbringen und damit wird man wobl auf längere Zeit Ruhe schaffen. Für etwaige Krawalle und Massakres übernehme ich keine Garantie!" Die Untersuchung wegen Ermordung des Polizeimeisters Derkatschew hat ein wichtiges Ergebnis gezeitigt. Es ist ein Zeuge gefunden worden, in dessen Gegenwart vier Tage vor der Ermordung des Polizeimeisters ein Schutzmann gesagt hat, es stehe ein „großer Pogrom" bevor. Auf den Einwand des Zeugen, der Polizeimeister Derkatschew werde den „Pogrom" nicht zulassen, bemerkte der Schutzmann höhnisch: „Bis dahin habe Derkatschew zu verschwinden." Interpellation in der Duma. In der Duma ist wegen dieser haarsträubenden Vorfälle eine Interpellation eingebracht worden, deren Besprechung große Erregung hervorrief. Verschiedene Abgeordnete hielten heftige Reden. Nabokow erklärt, es sei festgestellt, daß wie in Kischinew und Homel so auch hier der Ausbruch der Krawalle auf ein gegebenes Signal hin erfolgt 'ei, und die Duma müsse unverzüglich gegen dieses verabscheuungswürdiee Verbrechen Vorgehen. Levin (Zionist) erklärt, die Judenhetze in Bialystok sei von jemandem provoziert worden, der dem Polizeidirektor genau bekannt sei. Die Judenhetze sei die Antwort der Minister auf die Interpellationen der Duma. Jukowski erklärt die Beziehungen der polnischen Juden zu den Orthodoxen für ausgezeichnet. Roditschew führt aus, das Vaterland sei in Gefahr, denn die Regierung stifte selbst die Judenhetzen an, und das Vaterland werde in Gefahr bleiben, solange das Ministerium am Ruder bleibe. Aladjin beantragt eine Tagesordnung, nach der die bereits gebildete Kommission zur Untersuchung ungesetzlicher Akte der Regierung zwei ihrer Mitglieder noch Bjelostok entsenden solle, um die Ursachen der Judenhetzen festzustellen. Nach einer von dem Popen Afanassiew gegen die antisemitische Presse gehaltenen Rede nimmt die Duma den Antrag Aladjin einstimmig an. Danach vertagte sich die Duma bis Montag. Die Debatte in der Duma. Petersburg, 17. Juni. Die Debatte in der Duma, betreffend die Dringlichkeit einer Anfrage an die Regierung wegen der Judenmassakres in Bialystok, gestaltete sich sehr imposant und spannend. Als erster Redner sprach Nabokow, der aus dem Inhalte mehrerer Telegramme nachwies, daß die Juden in Bialystok keineswegs, wie man aussprengte, eine Bombe auf die Prozession geschleudert hätten, sondern daß von einem Agent provocateur ein Schuß abgefeuert worden sei, um das Zeichen zum Beginn von Judenhetzen zu geben. Deputierter Lewin sagte unter anderem: „Die Regierung geht darauf aus, die ganze Befreiungsbewegung im Blute zu .ertränken, und das erste Opfer dieser ihrer Vernichtungspolilik waren die Juden." Abgeordneter Schukowski äußerte: „Ich kenne Bialystok ganz genau, da ich nur 12 Werst weit von dieser Stadt wohne. Ich weiß, daß Städter und Bauern, Katholiken, Orthodoxe und Juden miteinander in Frieden leben. Sind sie doch alle in gleichem Maße geknechtet! Früher veranstaltete die katholische Geistlichkeit dort alljährlicheinen Umgang durch die ganze Stadt, bei welcher Gelegenheit sogar die Juden ihre Häuser in Festesschmuck kleideten und die Prozession begrüßten. Nach dem polnischen Aufstande jedoch verbot die Regierung derartige Prozessionen und erst im Vorjahre hat sie solche wieder gestattet, und wieder schmückten die Juden ihre Häuser mit Blumen und Teppichen, alles verlief in größter Ruhe und Eintracht. Da, anläßlich des jüngsten Umganges fallen Schöffe, angeblich von Juden abgefeuert. Und doch find die Juden ganz unschuldig, schuldig find nur die verbrecherischen schwarzen Banden." Professor Kowalewski, der bekannte Soziolog, führte aus: „Nicht das menschliche Gefühl allein drängte mich, in diesem Augenblick die Tribüne zu betreten und Sie zu versichern, wie sehr die Nachrichten aus Bialystok mich mit Entrüstung erfüllen, mich und Sie alle. Ein viel bedeutsamerer Grund ist es, der mich dazu zwingt: es ist die Sorge um die Ehre und die Würde unseres Vaterlandes! Wenn es unser Wunsch ist, als ein Volk dazustehen, das allgemeine Achtung und allgemeine Sympathie genießt, so ist es unsere Pflicht, zu erklären, daß alle russischen Bürger unsere Brüder find, daß wir alle das Prinzip Hochhalten: Alle für einen, einer für alle! Wir kennen keinen Unterschied der Nationalität oder Konfesfion, sondern wir treten wie ein Mann dafür ein, daß die russische Regierung allen ihren Untertanen gleichen Schutz und gleiche Rechte zubilligen muß. Als ich zum erstenmale diesen Sitzungssaal betrat, da konnte ich nicht ahnen, daß wir, gleich den Verfassern der virginischen Deklaration, jener ersten Erklärung in der Weltgeschichte, die das Recht des Menschen auf das Leben ausspricht, so bald genötigt sein würden, dasselbe zu tun. Schon einen Monat lang sprechen wir über diese Menschenrechte, verfassen Erklärungen über die Notwendigkeit, die Todesstrafe abzuschaffen und eine Amnestie zu gewähren; jetzt ist der historische Moment zur praktischen Betätigung unserer Anschauungen gekommen. Laffen Sie uns einstimmig die Gleichheit sämtlicher Bürger betonen!" Abgeordneter Rodiczew äußerte, nachdem er darauf hingewiesen, daß die Massakres ein Werk der Polizei seien, unter anderem: „In Rußland gibt es keine Gesetze, die Mordtaten verhüten, wohl aber gibt es Gesetze, welche den Behörden gestatten, Morde zu begehen. Seit Jahren hat Rußland alles einem Moloch geopfert: der Autorität dieser Behörden! Und nun, da man uns im Kampf mit jener Autorität aller Macht beraubt hat, fragen wir die Regierung : Wo ist ihre Autorität geblieben?" * * * In einem dem Hilfsverein der deutschen Juden zugegangenen Telegramm heißt es: Von Bialystok nach Grajewo zurückgekehrte höhere Zollbeamte erzählen, sie hätten selbst gesehen, wie Polizeibeamte den Mordbanden vorangingen. Die Christen waren vorher gewarnt und aufgefordert worden, in ihre Fenster Heiligenbilder zu stellen. Russische Offiziere teilen mit, daß niemand während der Prozession eine Bombe geworfen habe, vielmehr habe die Prozessionsmenge Feuerwerk explodieren lassen, was die Polizei als Signal zur Metzelei benutzte. Durchreisende wurden wiederholt aus dem Zuge herausgeschleppt und in Gegenwart der Gendarmen und Soldaten von Hooligans totgeichlagen. Juden werden aus Bialystok nicht Herausgelaffen. Die Vorgänge sollen jeder Beschreibung spotten. In einem weiteren dem Hilfsvereine aus Petersburg zugegangenen Telegramm heißt es: Nach der offiziösen Telegraphenageutur soll die Ursache der Bialysioker Judenhetzen das Schleudern einer Bombe in eine kirchliche Prozession gewesen sein. Diese Angabe erweist sich nach hieher gelangten Mitteilungen als erlogen. Sofortige Schritte beim Ministerium hatten zwar die beruhigendsten Versicherungen zur Folge, tatsächlich aber sind keine Maßregeln zum Schutze der Bevölkerung ergriffen worden. Soeben telegraphiert der Stationschef von Bialystok an die Warschauer Eisenbahnverwaltung in Petersburg, daß die Militärbehörden die Station ohne Schutz gelassen hätten. Banden von Plünderern überfielen die im Passagierzug Ankommenden und Vorbeifahrenden. Die gestrige Diskussion in der Duma brachte die Entrüstung aller Parteien und aller 'Nationalitäten über die Bialysioker Vorgänge zum schärfsten Ausdruck. Man befürchtet hier in politischen Kreisen, daß die Ereignisse von Bialystok wie im Oktober vergangenen Jahres der Anfang einer arrangierten kontrerevolutionären Bewegung seien. Die Duma entsandte sofort, um sich über die Vorgänge in Bialystok zu unterrichten, eine Untersuchungskomunssion an Ort und Stelle, nämlich Professor Schtschepkin, Arakantzew und Jacobsohn. Die Kommiffion ist bereits gestern abgereist. Die Petersburger Bevölkerung ist in steigendem Maße erregt über die Bestrebungen der Kontrerevolution.

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