Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 406 2>r Dwcv s Eocvenscvrln. üttr. 25 gelungen ist, bis an die Grenze der Stadt Bjelostok zu gelangen, telegraphiert vom 17. d. : Der Pogrom dauert immer noch fort, als auch immer noch vereinzelte Ueberfälle stattfinden. Am 17. Juni nachmittags um 5 Uhr, nach Eintreffen der Dumakommission, hörte das Schießen zwar auf, es begann jedoch nachts wieder. Auch die gesamte Umgegend von Bjelostok befindet sich in höchst bedrohlicher Situation. Ueberall Aufregung und vereinzelte Ueberfälle. In Bjelostok selbst hatten am ersten Tage den Hauptanteil an den Massakres die Hooligans, darunter viele, die von auswärts auf Kommando herangerusen worden waren. Während der letzten zwei Tage nahm in erster Reihe das Militär an den Plünderungen Anteil. Die Zahl der Opfer ist bisher nicht einmal schätzungsweise zu ermitteln, da man nicht weiß, wer geflohen und wer getötet ist. Das Militär wurde zu Massakres der Bevölkerung direkt kommandiert, meist unter dem Vorwand, daß Revolutionäre in den einzelnen Häusern seien oder daß aus den Häusern geschossen wurde. Um die Juden zu veranlassen, die Häuser zu verlassen, wurden diese in Brand gesteckt und die daraus Flüchtenden einzeln niedergcschoffen. Auch zahlreiche Christen wurden getötet, so ein Apotheker samt seiner Familie. In seinem Hause wurden gleichfalls alle christlichen Zöglinge des Gymnasialpensionates ermordet. Viele jüdische Opfer fielen am Bahnhofe. Eine große, vor die Stadt geflüchtete Menge wurde von Militär umzingelt und soll zusammengeschosfen worden fein. Die Tatsache konnte ich noch nicht feststellen. Die Läden wurden nicht nur geplündert, sondern die Häuser in allen Teilen vandalisch vernichtet. Einige sehr reiche Einwohner erhielten gegen große Summen militärischen Schutz, der sie bis zum Bahnhof geleitete. Bisher sind verhältnismäßig wenige geflüchtet, da die Stadt umzingelt war. Jetzt setzt die Flucht nach allen Richtungen ein. Durch einzelne entschlossene Männer, die bewaffnet waren, wurden einige Häuser gerettet. Ein weiteres Telegramm desselben Berichterstatters aus Bjelostok selbst lautet: „Fast sämtliche größere Geschäfte, hauptsächlich aber die Gold- und Uhrengeschäfte, werden vom „Schwarzen Hundert" unter dem Schutze der Behörde ausgeplündert. Die Mordszenen sind unbeschreiblich." Berlin. Das deutsche Bureau der Alliance Jsraelite Universelle erhielt folgende Depesche aus Bjelostok, 18. d. M.: „Judenmetzelei dauerte zwei Tage, vorläufig 100 Tote, zirka 200 Verwundete. Unbeschreibliche Grausamkeit, viele Wohnungen von Juden total vernichtet. Beerdigung der Opfer heute. Große Not." Ferner erhielt das deutsche Bureau der Alliance Jsraelite Universelle folgendes Bjelostoker Telegramm: „Trotzdem im Laufe des heutigen Tages die Ruhe nicht gestört worden ist, dauert die Panik an. Man hegt die lebhafteste Besorgnis, daß der Pogrom, der in den Tagen von 14. bis 16. d. M. sich auf die Hauptstraßen beschränkte, sich in nächster Zeit in den Nebenstraßen wiederholen und noch schrecklichere Gestalt annehmen, noch größere Ausdehnung haben wird. Im jüdischen Hospital sind hundert Tote aufgebahrt. Zahlreiche Personen, die zu Fuß aus der Stadt flüchteten, sind einstweilen verschollen." Berlin. Die „Berliner Zeitung" meldet aus Petersburg: „Die Judenverfolgungen in Russisch-Polen gewinnen an Ausdehnung. In Starosheby. Gouvernement Plozk, überfiel der Mob die Judenhäuser und mordete, was ihm in den Weg kam. Mehr als fünfzig Personen, Männer, Weiber und Kinder, wurden von den fanatifierten Bauern ermordet, mehr als hundert mehr oder weniger schwer verwundet. Der Gouverneur proklamierte den Kriegszustand, doch werden die Vorschriften nur gegen die Juden angewendet, die so an der Verteidigung gehindert sind. Auch in Lapicze, Gouvernement Minsk, finden Judenverfolgungen statt. In Kalinowka wurde eine aus acht P rsonen bestehende jüdische Familie ermordet. Der Mordplan. Berlin, 18. Juni. Der Vorsitzende des Hilfsvereines deutscher Juden Dr. Paul Nathan erhielt über Finnland folgende Depesche von einem befreundeten Russen, der in maßgebender öffentlicher Stellung ist: „Der Vorfall in Bialystok ist erwiesenermaßen der Beginn eines Planes, nach dem Vorbilde der Oktobertage Metzeleien über ganz Rußland zu veranstalten. Die Gefahr ist eminent, das Leben Tausender steht wiederum auf dem Spiele. Die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt muß über die bevorstehenden Ereignisse aufgeklärt werden." Krakau. Der Warschauer Korrespondent der „Nowoje Reforma" berichtet, daß mit demselben Zuge, den er benützte, auch drei Warschauer Juden nach Bialystok fuhren, die sofort nach dem Aussteigen vor den Augen der Polizei und der Militärs von der „Schwarzen Bande" ausgeplündert und ermordet wurden. Vor den Judenmassacres hatte -sich eine Bürgerdeputation. zumeist aus Juden bestehend, zum Gouverneur von Bialystok begeben und ihn um die Erlaubnis der Bildung einer Bürgerwache gebeten. Der Gouverneur hat aber dieses Ersuchen abgelehnt. Während der Prozession haben die Huligans aus einem Hause drei Alarmschüsse abgegeben und gleich danach begann das Massacre. Die Huligans selbst stürzten sich auf alle Geschäftsladen. Der Korrespondent bemerkte auf dreihundert Schritte über sechzig Leichen. Die Zahl der Opfer, Getöteten und Verwundeten, soll bei zweitausend betragen. Paris. Der Korrespondent des „Temps" in Petersburg versichert, aus bester Quelle zu wissen, daß das Blutbad in Bialystock vorbereitet war und daß die Juden keinerlei Verantwortlichkeit treffe. Derselbe Korrespondent erklärt, von einem in Kronstadt garnisonierenden Marineoffizier zu wissen, daß unter den Soldaten und Matrosen große Aufregung herrscht und daß man in dem dortigen Militärbezirk ernste Unruhen befürchtet. Weiter übermittelt uns der Hilfsverein der deutschen Juden einen Brief aus Bialystok, der von dort einen Tag vor den Massakres an eine in Berlin lebende Dame abgesandt worden ist. Dieses Schreiben stellt mit absoluter Deutlichkeit klar, was von den Vertuschungsversuchen der russischen Regierung und des russischen offiziösen Telegraphenbureaus zu halten ist. Die entscheidenden Stellen in dem Briefe lauten: Bialystok, 14. Juni. Vorigen Sonntag haben die Soldaten beinahe eine Metzelei bei uns auf dem Marktplatz veranstaltet. Sie hatten die Sache schon begonnen und zerstörten einige Läden. Doch dank der S e l b st w e h r, welche in die Hooligans schoß, und auch dank dem Polizeimeister, dem verstorbenen Derkatschew, welcher mit einer Truppe von Schutzleuten zeitig herbeieilte und zu schießen begann — wie sich später herausstellte, in die Luft —, wurde der Pogrom im Keime erstickt. Es fielen freilich einige Opfer. Oben sagte ich: der verstorbene Derkatschew, weil man ibn in den letzten Tagen auf der Straße durch einen Revolverschuß tötete. Wofür und weshalb, weiß niemand. Denn er war im höchsten Grade ein ehrlicher und ordentlicher Polizeimeister. Man sagt, daß dieser Mord eine Provokation gewesen sei, welche durch den Pristaw Scheremetjew veranlaßt wurde, einen bekannten Antisemiten. Außerdem war Scheremetjew ein persönlicher Feind des Verstorbenen. Er hatte seit lange den Wunsch, die Stelle Derkatschews einzunehmen. Morgen ist Feiertag, und für morgen sind Prozessionen der „Schwarzen Hundert" in Aussicht genommen, und es herrscht die ernste Befürchtung, daß Morgen ein P r o g r o m stattfinden wird. Wie groß diese Befürchtung ist, kannst du dir kaum vorstellen. Wir haben noch bis jetzt nie etwas derartiges erlebt, es ist eine furchtbar drückende Stimmung in der ganzen Stadt und bei allen Bewohnern. Als man seitens der jüdischen Gesellschaft einen Kranz, der für das Grab Derkatschews bestimmt war, aus Dankbarkeit durch die Straßen trug, hat man diesen Kranz zurückgewiesen. Heute ist der größte Teil der mehr oder weniger besitzenden Einwohner aus Besorgnis fortgefahren. Aus diesem Schreiben geht unzweifelhaft hervor, daß in Bialystok der Progrom vorbereitet worden ist. Man war sich in Bialystok völlig klar darüber, was bevorstand, und so fest war man von dem Ausbruch eines Pogroms überzeugt, daß Familien, denen ihre Wohlhabenheit es gestattete, die Stadt rechtzeitig verließen. Der Brief, der ein wertvolles Dokument darstellt, wird, wie wir hören, den mit der Unter-