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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 404 Dr. 3Blocbvs MlocvenscvrM. Nr 25 Die Wallfahrt nach Bukarest. Das „Deurfche Voiksblatt" ist in einer Aufregung' als handle es sich wieder darum, der Bevölkerung einen Ritualmord oder die Ehrlichkeit eines Christlich-Sozialen oder eine andere Lüge einzureden. Der Korrespondent des Blattes in Bukarest läßt das Schmalz in Strömen von seiner Feder fließen, um Reise und Empfang Luegers anläßlich der rumänischen Jubiläumsausstellung mit Polnaer Phantasie würdig schildern zu können. Eü.ige Kraftstellen aus dem Begeifterungskoller seien hiemit den Freunden eines gesunden Humors hervorgehobeu: „Man sah kein Knopfloch nelkenleer" — „Szenen wie bei der Ankunft Luegers kann nur der Pinsel eines Künstlers festhalten; ergrauten Männern mit der Tapserkeitsmedaille standen die Freudentränen in den Augen und Frauen, von denselben heißen Gefühlen beseelt, schluchzten laut auf." Warum waren eure Augen nicht träueuleer, ihr Wackeren und ihr Zarten, deren Knopfloch nicht uelkenleer war? Ist euch jemand auf die Hühneraugen getreten? Oder war die Enttäuschung so groß, als der schöne Karl und der kluge Schneider erschienen? „Tausende von Händen strecken sich Lueger zu den Koupefensteru entgegen, ein Meer von Jubelrufen schallt ihm entgegen, fast jedes Wort der Begrüßungsansprachen löst minutenlangen Beifall bei der Menge aus" rast der Schmock weiter, und wir verweilen hingerissen vor diesen grandiosen Gemälden eines irrsinnig galoppierenden Pinsels. Aber es ist wahr, Lueger, Schneider und etliche Staffage aus dem Wiener Gemeiuderate wurden in Bukarest aus Herz gedrückt, das für Rumänien, den Antisemitismus und ausnahmsweise auch für Oesterreich schlägt. So viel bekannt ist, ist die allgemeine Strömung im Lande gegen unsere Monarchie gerichtet, gerade weil der König es nicht will, und unsere diplomatische Macht und der Einfluß unserer Handelsagenturen drüben sind gleich Null. Man hat sich auch nur an den offiziellen Stellen aus Höflichkeit um die Herren gekümmert, welche in wirklichem volkswirtschaftlichen Interesse zur Förderung unserer Handelsbeziehungen und der Interessen der österreichischen Aussteller nach Bukarest gekommen sind und die wirklich maßgebenden Einfluß besitzen, wie Graf Bloome, Abgeordneter Wassilko, Präsident von Kink. Aber die führenden politischen Geister vom Wimberger und vom goldenen Luchsen wurden mit einem Meer von Freudenrufen, -tränen und ffchüffen empfangen, um sich im Jargon des Verganischen Enthusiasten auszudrücken. Woher nun diese starke politische Betonung an falscher Stelle? Siebenbürgen und die angrenzenden Komitate Ungarns haben eine starke rumänische Jrredenta, eine „Los von den Magyacen"-Bewegung. die im Budapester Reichstag ebenso starke Gegner findet, wie im rumänischen Auswärtigen Amte liebevolle Förderer. Nun ist alles'gesagt. Die Bukarester Reise ist die Fortsetzung des Spazierganges durch die Bankgasse zum Belvedere, ist eine Fortsetzung des Systems, um Verwicklungen mit Ungwu herbeizuführen. Wofür ist denn auch Lueger auf den Plakaten der rumänischen Hauptstadt der „beste und treueste Freund des rumänischen Volkes" geheißen worden? Hat er denn unter seinem vielen Schwatzen auch nur ein Wort über die Untertanen Carol I. verloren? Keine Silbe darüber, aber gegen Ungarn hat der senile Politiker mit einer Jugendkraft gehetzt, wie er sie in seinen besten Jahren hatte und er ist ami et coclion von Rumänien nach dem Sprichwort geworden: „Die Feinde meines Feindes sind meine Freunde". Außerdem ist die rumänische Grenze der ungarischen Landwirtschaft zu Liebe gesperrt worden und so gilt die Begeisterung der Bukarester für Lueger eigentlich dem Vieh, das sie wieder nach Oesterreich schicken wollen. Setzt euerem Jubel die dämpfende Sordine auf, ihr tapferen Bojaren! Nur mehr im Orient kann man daran glauben, daß der angeblich schwarz-gelbe Patriot, tatsächlich tiefschwarze Vaterlandsverräter, irgend eine andere Macht hat, als ihm die Wahlgeometrie in den Kreisen der Wiener Kleinbürger verschafft. Der König der Barrierestöcke ist wieder als die Puppe unsichtbarer Dirigenten nur dazu auserlesen, um trüben Schlamm aufzuwühlen. Lueger ist ein politischer Desperado, ein Hazardeur, der eine glückliche Viertelstunde hat. Seine mit Phrasen gefütterten Anhänger waren müde, seine mit Pfründen gefütterten Helfershelfer faul geworden, die Christlich-Sozialen begannen in ihrem eigenen Sumpfe zu ersticken. Da kam der ungarische Schlager und die Vorspiegelung einer Rettung Oesterreichs ist vorderhand die Rettung Luegers. Aber außer Stande, au wirklicher Politik mehr hervorzubringeu als leere Worte und* Lächerlichkeiten, hat er die Rolle eines Unruhestifters und Provokateurs in fremdem Auftrag übernommen. Es ist nicht ganz klar, wer da schiebt und wer geschoben wird, aber es steht fest, daß mit aller Kraft von den Christlich-Sozialen daran gearbeitet wird, die geschaffenen Anfänge einer dauernden Verständigung zu vernichten und das Gespenst der ungarischen Krise wieder für lange aufzustören. Lueger hat sich mit seinen Mistwerfern von der Bankgaffe blamiert und wird sich immer blamieren. Wekerle hat in der ungarischen Delegation unter Beifall gesagt, man dürfe dem Ausland gegenüber keine ungarische, sondern nur eine österreichischungarische Politik machen, der Delegierte Tollinger hat in der österreichischen Delegation zur Sprache gebracht, daß die Truppen ans den Ländern der Stephanskrone 43 Prozent der Armee ausmachen; die Großmachtstellung der Monarchie ist durch die Lebensinteressen ihrer Teile gewährleistet, überall meldet sich die Stimme der Vernunft und sie wird weder vom Geschrei betrunkener Agitatoren übertöut werden, noch von Bukarester Bankettreden. Lueger hetzt und hetzt aber weiter, während alle wirklichen Patrioten tastend und in gutem Willen den Knäuel der Irrungen zu lösen suchen. Um ja nur deutlich zu illustrieren, was die Reise erzählen solle, die.- der Bürgermeister tat, nahm er sich als ersten Adjutanten den Schneider mit, der so ungehobelt einherstampft, wenn man ihn losläßt, den geistreichen Henker der Kossuth-Figur, den Mann, der die Parlamentarier aufforderte, den Mut „für den einzig möglichen Ausweg" zu haben. Je schärfer die Budapester Blätter dagegen schreiben, umso inniger versichert Lueger die Rumänen seiner alten Liebe zu ihnen. Als ob er in seinem ganzen Leben an sie gedacht hätte. Und der klobige Schneider trank — er wird noch öfter trinken — auf die österreichisch-rumänische Verbrüderung, um so die österreichischungarische Verbrüderung hintanzuhalten. Man hat auch den kürzeren Weg durch das ungarische Feindesland vermieden und ist lieber über Galizien gefahren, angeblich, weil Schneider dort eine Besitzung hat. Eine Besitzung, wie schön! So ist denn doch der kleine Mann von den Christlich-Sozialen gerettet worden. Der kleine Mechaniker Schneider hat es wenigstens durch die redliche Arbeit seiner Hände aus bescheidenen Anfängen bis zu einer Besitzung in Galizien gebracht; vielleicht gar mit einer eigenen Branntweinbrenner er dazu und Schußgelegeuheit auf Juden! So lohnt das Schicksal den Braven, der sich nur um seine Arbeit kümmert, nicht jede Nacht beim Wimberger verlumpt und ein strenger Gegner jeder Korruption ist. Wahrscheinlich hat er auch auf seinem Gut die Familie ausgenommen, die von seinem verkommenen Sohne ruiniert wurde. Guter Schneider, wie hast du dich ins Gegenteil verändert! Item, man ist Schneiders wegen durch Galizien gefahren. Der wackere Schwabe Karl forcht sich nit vor den Ungarn, wie er einem Berichterstatter des „Magyar Nemzet" versicherte. Er hat auch keine Furcht vor den galizischen oder rumänischen Juden, durch deren Gebiet er fährt, und die vielleicht eine Rasse sind, die sich weniger gefallen läßt, als die Wiener Judenschaft. Ihretwegen ist es gewiß nicht geschehen, daß Lueger keine bemerkenswerte antisemitische Aeußerung machte, obwohl ihn gerade die Inga antisemitica

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