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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-15 · 24 (15.6.1906) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Bloch's Wochenschrift. Geile 397 Alexis geht mit langsamen Schritten hinaus. Unter der Türe bleibt er nochmals stehen und blickt auf den Vater mit tiefem Ernst. Der dreht ihm den Rücken. Als er allein ist, bricht er in hartes Lachen aus. Was hat er eben gehört! War das ein Scherz gewesen? Ein schlechter Scherz!? Draußen in den Fabriken lausen die Maschinen, schaffen tausend Hände, fahren die Wagen, keuchen die Pferde — er selbst rechnet, prüft, wägt, heuchelt und bückt sich, wo er verachtet, bringt Geld und Bequemlichkeit zum Opfer, spannt seine Kräfte nach jeder Richtung an. — Wofür? Für den Glanz und den Reichtum und die Ehre seines Hauses! Und dieses Haus wird in etlichen Jahren das Haus seines einzigen Sohnes sein, der seinen Namen trägt! Und diesen Namen will der einem armseligen Judenmädchen geben! Mit ihr teilen, was er mühsam ein Lebenlang aufgebaut und zusammengetragen hat. Verhöhnt nicht ganz Moskau den alten Michaelow? Lacht nicht jedermann, der ihn kennt, daß er einen solchen Hansnarren als Sohn besitzt? Wird nicht sein Ansehen, seine Parteimacht hinschmelzen wie Schnee am Sonnenschein und hier wie dort nichts übrig bleiben als eine trübe Lache, die jeder flieht?! Nach drei Tagen ruft er Alexis wieder zu sich, denn sein Verstand hat an der Wahrheit von dessen Worten zu zweifeln begonnen. Er überschüttet ihn mit Hohn, als dieser seine Gesinnung in gleicher Weise kundgibt. Wie einen Schild hält der junge Mann seine Liebe vor und bleibt ruhig. „Nun denn, ich lasse deine Liebe gelten!" Spott klingt hindurch. „Aber gib das Mädchen auf! Erspare mir und unserem Hause die Schande!" „Ich sehe nichts von Schande, Vater! Lea wird unseren Glauben annehmen und unserem Hause durch ihre Schönheit und guten Eigenschaften ein köstlicher und wertvoller Schmuck werden!" „Nichts wird sie, Bube, denn so lange ich atme, kommt sie nicht herein!" „Dann gib mir meinen Erbteil und ich gehe! Ich verlasse Moskau, schaffe mir anderswo eine Stellung und werde mit Lea glücklich sein!" „Von der Schwelle jage ich Dich als Bettler!" „Wie Du es willst! In Leas Liebe bin ich noch immer reich!" Und Alexis wendet sich und verläßt das Zimmer. — Flüche schallen hinter ihm darein. „Er ist unzurechnungsfähig!" spricht der Alte. „Ich muß handeln für ihn! In Schmach stürzt er sich und mich! — Mein Lebensglück zerstört er! Für wen mein Reichtum? Für wen mein Ansehen? Für Niemanden oder für ihn und . . ." Den Plan, Alexis in die Villa Mamonow für einige Zeit sperren zu lassen, verwirft er nach wenigen Minuten. Dem jungen Manne bliebe ein Makel. Deßgleichen gibt er den Gedanken auf, sich an den Kagal (jüdisches Konsistorium) um Beihilfe zu wenden. Der Weg ist zu umständlich, die Aussicht auf Gelingen zu gering. Nach etwas anderem grübelt er. Nach etwas, was das Uebel gründlich ausrottet. Nach einer Woche läuft die Nachricht von einem Judenkrawall durch die Stadt. Die find nicht selten. Das geringste Vorkommnis entfacht solche und es ist Anlaß, auf die verhaßten Eindringlinge loszugehen. Eleaszar Menachem ist von einem Christen des Betruges bezichtigt worden. Schimpfend pflanzte er sich vor des Juden Wohnung auf und im Nu hatte er zahlreiche Anhänger und Mitschimpfer. Als das Gesicht des alten Mannes fragend aus dem Fenster tauchte, ging das Schreien und Johlen los. Steine flogen auf ihn zu. „Heraus mit Dir! Prügelt ihn! Stampft seine falschen Edelsteine zu Pulver und laßt ihn schnupfen! ^olt Euch seine Rubel!" Die Menge wuchs. Die Mehrzahl davon wußte nicht einmal, um was es sich handelt. Es richtete sich gegen einen Juden; das genügte. Im Pöbel erwachte die Lust an der Grausamkeit. Er drang ins Haus, zerrte Eleaszar auf die Straße. Hacken, Stangen, Fäuste hoben sich gegen ihn. Fensterscheiben klirrten, Scherben rasseln auf die Köpfe. Jammerrufe ertönten, Verwünschungen, schauerliche Flüche. Man stieß und ergrimmte gegenseitig. Es fielen Schläge, es floß Blut. Die Polizei erschien und schrie über die Tumultuanten hin; berittene Kosaken drängten die dampfenden Roffe zwischen die hin- und herwogenden, drängenden, erhitzten Leiber. Die Straße war voll Lärm und Aufruhr. Die Juden flohen in die Häuser, schlossen die Türen und Läden und vernahmen mit Zittern die Rufe: „Nieder mit den Betrügern! Zerreißt sie alle, alle!" Am Abend sah die Straße zum Grauen aus. Voll Trümmer, Kleiderfetzen, Scherben, halbtrockenen Blutpfützen. Die Häuserwände beschädigt, die Tore besudelt, die Fenster zerschmettert. Im Gegensatz zum Nachmittag war es totenstill. Michaelow schreitet in seinem Zimmer voll Unruhe auf und ab. Die grauen Dämmerungsschatten machen sein Gesicht unheimlich, denn es ist blaß und von wilder Spannung verzerrt. Es klopft dreimal und er springt auf. Ein Mann im Kaftan, robust und mit verschlagener Miene, schlüpft hinein. „Herr", flüstert er, und sieht sich um, ob die Tür auch zu ist, „wir haben das Werk vortrefflich in Szene gesetzt und es ist auch gelungen. Der alte Jude liegt im Spital und wird es lebend nicht mehr verlassen. Das Mädchen ist bereits da, wohin er bald kommen wird. Es ging schlimm zu, Herr! Schlimmer, als uns lieb war, denn eine Anzahl Hitzköpfe, die bei dem Wort „Jude" schon Feuer fangen, mischte sich hinein. Meine Helfer und Genoffen griffen natürlich erst den Alten an. Aber das Mädchen klammerte sich an ihn und als dieses die erste Hand berührte, stellte sich dem zum Schutze ein junger Mann ein, der mit Löwenmut um sich schlug. Mit brutaler Gewalt mußte er beseitigt werden. Es gab Verhaftungen, Verwundungen, Blut und — Leichen. Die eine davon war ja gewünscht, die andere, Herr, ließ sich nicht vermeiden. Das Volk, es waren Bestien darunter, ließ den jungen Menschen nicht mehr los. Es warf ihn nieder, riß ihm alles vom Leibe und, obwohl Stimmen riefen und mahnten „Schont ihn! Er ist kein Jude!" stampfte es ihn tot. Man sagt, es sei der Geliebte des Mädchens gewesen! Ist Euch übel. Herr?" Mit aschfahlem Gesicht schiebt ihm dieser den Mörderlohn zu und winkt schweigend dem Verdutzten, sich zu entfernen. Wankend erhebt sich Michaelow, tastet schwerfällig die Treppe hinunter, ruft eine vorüberrollende Droschke und fährt nach dem Spital. Mit der Gewißheit, daß er für sein Haus, seinen Namen und Reichtum keinen Erben mehr besitzt, verläßt er es wieder. Literatur. Rabb. Dr. u. Brettholz. 1. viseärsi sacri. Trieste, Morterra, 1906, 8°, X + 105 SS., 3 Kronen. 2. Metodo xratieo per l’insegnamento della lingua ebraica eon regole.16 SS., Trieste 1905. 3. Manuale di Storia sacra ad uso dei giovanetti israeliti. Trieste, Morterra, 1906. Italien war einst das klaffische Land der jüdischen Predigt; heute ist dieser Zweig des Gottesdienstes so vernachlässigt, wie im vormendelssohn'schen Deutschland; ein Rabbiner, der mehr als zwei- bis dreimal im Jahre predigt, ist eine rara avis. Ein umso größeres Verdienst erwirbt sich jeder der an der Wiederherstellung der alten schönen Sitte mitarbeitet, der den Gottesdienst durch das Wort in der Landessprache in zeitgemäßer Form wiederbelebt, der der Gemeinde durch das Schriftwort Erbauung und Belehrung darbietet. Zunächst find die aus Deutschland stammenden Rabbiner nach dieser Richtung tätig. Dem Beispiel von Margulies-

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