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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-15 · 24 (15.6.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 396 Dr. Llocb's MocbenscbrtN. Nr. 24 Niagdeburg. (Rabbinerwahl.) Nachdem die Herren Rabbiner Dr. Lucas-Glogau und Dr. Grünfeld-Bingen die Berufung nach hier abgelehnt hatten, ist Herr Rabbinats- Kandidat Dr. Georg Wilde, Hörer des Rabbiner-Seminars in Breslau, zum Rabbiner gewählt worden; derselbe hat die Wahl angenommen. Feuilleton. Das Opfer. Russische Skizze von S. Bariukay. In der weißen Kremlstadt gibt es schöne Judenmädchen in hoher Zahl, mit allen Eigenschaften ihrer Rasse, die hier an einem Nervenpunkt des großen russischen Reiches ausgeprägter find als anderswo. Es gibt auch genug von ihnen, die von den Söhnen reicher orthodoxer Kaufleute geliebt werden. Sinne und Herzen achten nicht der Politik, der Parteikämpfe und nicht der Religion. Aber ganz im Verborgenen blühen diese Liebesblumen. Niemand weiß Gewisses. Man munkelt und Wispelt im weiteren Kreise, lächelt und macht frivole Witze im engeren. Wohl kommt es auch manchmal zu einer Explosion, zu einem Eklat im elterlichen Hause, zu verbrecherischen Anschlägen mit teilweisem Gelingen. auch Selbstmorde geschehen. Doch alles wird auf beiden Seiten aus Furcht, wenn auch verschiedenen Ursprungs, raschestens geglättet, verwischt, vertuscht. — Der einzige Sohn des erstklassigen Fabrikanten Michaelow hält es anders. Alexis Michaelow macht kein Hehl deraus. daß der außergewöhnlich schönen Lea Menachem sein Herz gehört. Leas Vater, Eleaszar, führt einen kleinen Schmuckhandel. Er ist ein schwacher Vater und Lea sein kostbarstes Juwel, das ihm über alles teuer ist und das er leider nicht vor gierigen Auge» so verwahren kann wie seine Edelsteine. , Und, es wäre notwendig. Denn das Mädchen besitzt die Lichtseiten ihres Stammes in berückendster Weise und ist dazu von gewinnender Schönheit. Der Rafsestolz chrer Züge fordert Bewunderung, aber der sein geschnittene Mund ist weich und gütig und das Auge ernst und seelenvoll. Frauenjäger entfernen sich nach der ersten Attacke schleunigst, denn sie scheuen die Tiefe, die Leas Blick und Wesen verraten. Das Band, das fie mit Alexis verbindet, erstarkt von Tag zu Tag mehr. War es auch der körperliche Reiz, der ihn zuerst anzog, so nahmen ihn doch bald der reiche Sinn und das reine Gemüt, das ihm entgegenleuchtete, gefangen. Er liebte mit vollster Seele und wurde so wiedergeliebt. Eleaszar haßt die Christen und die Handelsleute mit chren Prunkläden und Wohnpalästen besonders. Alexis gegenüber zeigt er sich voll nachsichtiger Freundlichkeit. Ist es Sympathie für den jungen Mann selbst oder Schwäche, weil dieser seines Kindes ganzes Herz besitzt. Mit Beklemmung blickt er wohl des öfteren auf die beiden und seufzt: „Söhnchen es ist Dein und mein und des Mädchens Unglück!" Die zwei lächeln dazu und schauen sich in wonneseliger Trunkenheit an. Sie glauben an kein Unglück. Sie kennen nur das selige Glück, das mächtige, unbeschreibliche Liebesglück. „Vater Eleaszar, nichts kann mich und Lea trennen als uur der. Tod!" sagte Alexis festen Tones. „Wir müssen glücklich werden!" „Und der nicht, Geliebter," entgegnete das schöne Mädchen strahlenden Auges, „wenn er Dich als erstes fortmuunt! — Lea folgt Dir! Auch mit Dir sterben, ist für mich ein Glück!" Der alte Jude schüttelt den Kopf. Nicht über den nächsten Tag, nicht über die nächste Stunde ist der arme Mensch Gebieter. Und leichter kommt das Leid als die Wonne! Alexis wird eines Morgens zu seinem Vater gerufen. Er denkt, es geschieht um einer geschäftlichen Angelegenheit willen, denn selten führt sie etwas anderes zusammen. Sie stehen sich fremd gegenüber. Wenn sie Gespräche über Zahlen, Gewinn und Verlust und äußere Vorkommnisse erledigt haben, wissen sie sich weiter nichts zu sagen. Sei es, weil seit Jahren die Vermittlung der Mutier fehlt oder weil dem Vater keine Wärme innewohnt. Seine Fabrik, die Baumwollenpreise, sein Debet und Kredit, die Macht seiner Firma und dann sein politischer Einfluß und die Interessen seiner Partei füllen sein Leben gänzlich aus. Mit kurzem Gruß tritt Alexis vor ihn. In seiner stattlichen Größe, mit dem langen Weißbart und den scharfen Augen, steht er imponierend mitten im Zimmer. — Er fixiert seinen Sohn, der ebenso hochgewachsen ist und intelligent aussieht, mit einem Blick des Stolzes und einem zweiten des Unmuts. Die beiden setzen sich. „Man hat mir hinterbracht," beginnt Michaelow ohne Einleitung, „daß Du in den zärtlichen Fesseln eines Judenmädchens liegst. — Daran finde ich nichts, was ich mit Dir zu besprechen hätte. — Du handelst wie zahlreiche andere Männer Deines Alters und Standes. Du sollst es jedoch an der nötigen Vorsicht fehlen lassen, sagt man mir! Nicht genügend geheim und versteckt halten, was unter keinen Umständen an die Oeffentlichkeit kommen darf, wenn Du früher oder später eine respektable Ehe eingehen willst! Man nennt sogar Namen! Deine Liebste heißt Lea, ihr Vater Eleaszar Menachem ist ein Trödeljude ..." „Ist ein Juwelenhändler und ehrlicher Mann!" fährt Alexis auf. Michaelow lächelt spöttisch. „Ein ehrlicher Jude! Der muß erst geboren werden, mein Guter! Aber was schert Dich der Vater. Das Mädchen ist schön und gefällt Dir. Es schenkt Dir seine Liebe und Du nimmst sie und revanchierst Dich in der üblichen Weise mit seidenen Tüchern und Edelsteinen, wobei Väterchen, das ehrliche, gleich ein Geschäftchen machen kann. Du jedoch hast die Pflicht, Deine Schwäche anstandsgemäß zu verdecken. Daran hast Du's fehlen lassen, leider: für so — dumm hätte ich Dich nicht gehalten! Ich bin daher in die fatale Lage versetzt, meine väterliche Autorität in einer Sache geltend zu machen, über welche ich lieber nicht mit Dir gesprochen hätte. Geh' einige Monate aus Reisen und zeige, wenn Du zurückkehrst, mehr Takt und Weisheit!" Alexis hat öfter die Farbe gewechselt. Jetzt ist er totenblaß und die zitternden Lippen suchen umsonst ein Wort zu formen. Michaelow zündet sich eine Zigarre an. „Die Geschichte ist erledigt, mein Sohn! Du weißt, wie Du Dich nun zu verhalten hast." Da setzt rauh die Stimme des jungen Mannes ein. „Vater, Du irrst! Sie ist nicht erledigt! Ich hätte in Bälde selbst mit Dir darüber gesprochen, wenn auch in anderer Art. Ich betrachte Lea als meine Braut und sie wird mein Weib werden!" Michaelows Kopf schnellt herum. Mit entsetzten Augen schaut er auf seinen Sohn, als sähe er einen Wahnsinnigen. Dessen Worte fließen klarer, fester. „Es ist nicht" das erstemal, daß ein Mädchen ihrer Abstammung die Gattin eines Mannes aus angesehener, aber orthodoxer Familie wird. Mögen auch heimlich und offen einige Schranken zu überwinden sein, mag auch das Staunen und Schwätzen darüber groß sein, beides gibt sich, und ich bin dann im Besitze eines Wesens, das nicht nur schön ist, sondern auch all jene inneren Eigenschaften hat, die ich an meiner Frau wünsche. Wenn nur Du einverstanden bist!" Der Vater steht auf und wirft den Stuhl zurück. „Bist Du ein Sut (Hanswurst) oder hältst Du mich für einen solchen? Einen Platz in der Villa Mamonow (Irrenhaus) will ich Dir stiften!" „Jedes meiner Worte ist mit Besinnung und Ueberlegung gesprochen. Ich lasse an keinem rütteln!" „Aus dem Zimmer oder ich vergreife mich an Dir!" Michaelows Augen rollen, seine Hände umklammern den Stuhl, als wollten sie ihn jeden Moment als Waffe erheben.

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