Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 388 Wr. Lwcv's MocvenscbcLrt. Nr. 24 1. Die Beziehungen der kontinentalen Komitees zu dem Londoner „Russo Jewish Committee"; 2. Verwendung der kontinentalen Sammlungen: 3. Die Zustände an den Grenzen; 4. Unterbringung der Waisenkinder; 5. Bewilligungen für die Witwen und Kinder der Opfer. Als Vertreter unserer „Allianz" delegierten wir unseren Vizepräsidenten Herrn Dr. S. Wahrmann und unser Vorstandsmitglied Herrn Wilhelm Pappenheim. Unsere Delegierten haben die Aufgabe, unsere Freunde im Auslande mit der besonders schwierigen Lage unserer österreichischen Organisation im Hinblick auf den Ansturm mittelloser Emigranten und die exzeptionelle Stellung Galiziens als eines freien Asyles für Emigranten-Ansammlungen bekannt zu machen, ihrem Aufträge gemäß erfüllt. Da der Beschluß gefaßt wurde, daß von sämtlichen durch die Organisationen gesammelten Geldern 75% dem unter Verwaltung Lord Rothschilds in London stehenden Zentralfond zugeführt werden, so schlossen auch wir uns der Vereinsgebarung an. Wir waren in der Lage, einschließlich der direkt nach Südrußland gesandten K 30.560, durch Überweisungen an das „Russo Jewish Committee" unseren Anteil an der Zentralaktion auf K 641.476 87 zu erhöhen, während die Kosten der russischen Emigration über Oesterreich in den folgenden Monaten bis Ende April über K 150.000 ausmachen. Die Unterstützungen in Rußland. Aus dem gemeinsamen Fond wurden auf Grund von Tabellen aus den betroffenen Orten, die von Berti auensmännern ausgefüllt und von den an Zentralpunkten eingesetzten Bezirkskomitees überprüft wurden, laut Bericht des „Russo Jewish Committee“ Unterstützungen bewilligt in der Höhe von Rubel 525.000 (zirka K 1,313.000). Mit den Nackitragskrediten haben die Gesamtkosten rund Rubel 3,000.000 (K 7,560.000) betragen. Regelung der Emigration. Obwohl die Hilfe in Rußland im Sinne der westlichen Vereine sowie der russischen Komitees selbst nur zur Wiederherstellung der ruinierten Existenzen an Ort und Stelle gewähr: wurde, haben tatsächlich zahlreiche betroffene Personen, die Unterstützungen erhalten hatten, das Geld nur dazu benützt, um mit ihren Familien auszuwandern und bis Czernowitz, Krakau oder bis Wien zu gelangen und unsere Hilfe für die Weiterbeförderung in Anspruch zu nehmen. Die angesammelten Scharen von Flüchtlingen wurden für unsere Rechnung untergebracht und verpflegt. In Oderberg ließen wir eine besondere Baracke adaptieren, in der während mehrerer Monate unter Aufsicht unseres Komitees in Mährisch-Ostrau Emigranten untergcbracht waren. Nach der Konferenz delegierten wir unser Vorstandsmitglied Herrn Hoftat Sigmund Tauffig und unseren Sekretär Herrn Dr. Armand Kaminka nach Krakau, Lemberg und Czernowitz, um mit den lokalen Komitees die Grundsätze der vorzunehmenden Sichtung zu vereinbaren und die Auswanderung in rationelle Bahnen zu lenken. Das Hilfswerk in Wien. Die Hauptarbeit bei Ansturm der Emigranten hatte, ebenso wie im vorigen Jahre, unser Bureau in Wien zu bewältigen. In der Zeit von Mitte November 1905 bis Ende April 1906 wurden durch unser Bureau in Wien einzeln zirka 1500 Emigranten expediert. In dieser Zahl sind die vielen Personen nicht enthalten, die Barunterstützungen zur selbständigen Weiterreise oder — oft mehrere Monate hindurch — während ihres Aufenthaltes in Wien erhielten. Nicht eingerechnet sind auch die großen Gruppen russischer Emigranten, je 100 bis 300 Personen umfassend, die auf Grund unserer Vereinbarungen mit Paris und London von Czernowitz und Krakau aus, dann auch speziell für Rechnung der „Jewish Col. Associatiou", aus Jassy und Galatz, über Wien nach Havre—Buenos-Ayres reisten. Die Gesamtzahl der Emigranten, denen wir seit November v. I. Hilfe geboten haben, beträgt einschließlich der nicht registrierten rund 5000. Die Zahl der in Wien weilenden und unsere Unterstützung in Anspruch nehmenden Emigranten wurde nicht nur dadurch vermehrt, daß infolge der Sperre der preußischen Grenze gerade die mittellosen Personen ihren Weg über Oesterreich suchen mußten, sondern auch dadurch, daß beinahe täglich Emigranten eintrafen, die, mit Schiffskarten versehen, in gutem Glauben nach westlichen Häfen gereist waren, aber da die betreffenden Schiffsgesellschaften in Deutschland nicht konzessioniert sind, durch die norddeutsche Polizei unnachsichtig von Leipzig oder von Bingerbrück aus nach der österreichischen Grenze und von dort nach Wien geschoben wurden. Nachdem in Rußland Ruhe eingekehrt war, entschlossen wir uns, im Einvernehmen mit den am Hilfswerke beteiligten anderen Organisationen, die Weitersendungen Mittelloser ab Krakau oder Wien grundsätzlich zu sistieren und als Sichtungs- Komitees ausschließlich diejenigen von Brody und Czernowitz bestehen zu lassen, von wo aus die zur Weiterbeförderung Ungeeigneten am leichtesten zu repatriieren sind. Sämtliche von uns nach transozeanischen Orten expedierten Emigranten wurden von eigens bestellten Aerzten vorher untersucht und für gesund befunden. Diejenigen, welche in defekter Kleidung waren, erhielten in der Regel für unsere Rechnung Anzüge, Wäsche und Schuhe. I e s ch i w 0 t h. Infolge der außerordentlichen Not, welche während des verflossenen Jahres über die Judenheit in Rußland hereinbrach, nachdem bereits die vorausgegangenen Kriegsjahre zur Verarmung der meisten Gemeinden beigetragen hatten, gerieten auch die obersten Bildungsanstalten der religiös gesinnten russischen Juden, die Talmud-Hochschulen oder „Jeschiwoth", besonders in Wilna und Kowno, die auf freiwillige Gaben aus dem ganzen Reiche angewiesen sind, in eine prekäre Lage. In Anbetracht des großen ethischen Einflusses dieser berühmten Anstalten auf weite Kreise der Judenheit wurde einem von Oberrabbiner Dr. Güdemann warm befürworteten Süöventionsgesuch derselben durch Bewilligung eines einmaligen Beitrages von über 2000 Kronen (800 Rubel) an die Verwaltung zu Händen des Herrn Rabbiners Ch. O. Grodsensky in Wilna entsprochen. Rumänien. Da in einem einzigen südwest-russischen Gouvernement mehr Juden als in ganz Rumänien wohnen, so ist es ganz natürlich, daß angesichts der Katastrophe in Rußland das Interesse für unsere Glaubensgenossen in dem benachbarten viel kleineren Lande sehr zurückgetreten ist. Es wäre jedoch ein Irrtum, zu glauben, daß die Lage sich dort wesentlich gebessert hätte. Die Emigration dauerte auch im verflossenen Jahre fort und wurde in der wiederholt geschilderten Weise unter unserer Mitwirkung durch die I. C. A. geleitet. Die Auswanderer, die wöchentlich in Wien in größeren Gruppen eintrafen, waren fast durchgehends Personen, die zu Angehörigen jenseits des Ozeans reisten und einen Teil der Kosten selbst zu bezahlen in der Lage waren. Der Förderung der Schulbildung unter der armen rumänisch-jüdischen Bevölkerung haben wir auch im vorigen Jahre unsere Aufmerksamkeit zugewandt und mehreren Gemeinden oder Schulkomitees nach eingehender Prüfung ihrer bezüglichen Gesuche auf Grund der Referate unserer Vertrauensmänner Subventionen bewilligt. Marokko. Die Lage der Juden in Marokko ist eine sehr traurige. Wir haben anläßlich der Konferenz in Algeciras unserem k. k. Ministerium des Aeußern ein Memorandum über diesen Gegenstand überreicht, in welchem auf die fortbestehende Rechtlosigkeit der Juden in jenem Lande hingewiesen wurde. Die Intervention blieb nicht ganz ohne Erfolg. Kurz vor Schluß der Konferenz war es der Delegierte der Vereinigten Staaten, Mr. White, der im Namen sämtlicher Mächte in der Sitzung dem Wunsche Ausdruck gab, daß Se. scherifische