Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Vlocd's Mocvenscvrm. Seite 387 Haufen im Zaum zu halten. Glücklichere Zustände kann man sich also nach der Anschauung der Klerikalen gar nicht denken. Und trotz alledem ist das Volk seit Jahrzehnten vom Anarchismus gründlich zerfressen. Am 31. Mai haben ver? ruchte Menschen durch ihr blindes Bombenwerfen unschuldige Menschen, unschuldig selbst nach der wahnwitzigen Theorie der Anarchisten, teils getötet und teils verstümmelt. Die Bombe war natürlich dem jungen König zugedacht, an dem die Sünden der Väter in so schrecklicher Weise heimgesucht werden. Wenn dergleichen in Rußland geschieht, gleichviel ob die Tat von einem Juden oder einem Christen ausgeht, so schreit die Bureaukratie, daß an dem Umsturz nur die Juden Schuld hätten. Die nationale Presse in Deutschland, welche für den Nagaikakurs in Rußland schwärmt und deshalb dafür eintritt, die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland zu vertreiben, stimmt natürlich in dies Geschrei ein. Aber es muß unserem arischen Federvieh sehr schmerzlich sein, in dem ruchlosen Massenmord, der soeben in Madrid verübt worden ist, nicht die Schuld der Juden Nachweisen zu können. Es ist geradezu entsetzlich, daß gerade das „judenreinste" Land der Welt wirtschaftlich so tief heruntergekommen, geistig völlig verkrüppelt und dazu noch der verrücktesten Anarchie verfallen ist. Wenn wenigstens nachgewiesen werden könnte, daß die Juden ihre Hand im Spiele hatten, so wäre es doch ein kleiner Trost. Man hört mitunter die Meinung aussprechen, der Anarchismus sei eine politische Krankheit hauptsächlich der romanischen Völker, da außer Spanien noch Italien so viele Anarchisten vorbringt. Uns Juden ginge dies eigentlich nichts an, da in Italien bekanntlich sehr wenig von Juden und vom Judentum nichts zu merken ist. Indessen muß daraus hingewiesen werden, daß anfangs der Achtziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts der Anarchismus auch in Oesterreich große Dimensionen anzunehmen begann. Und selbst in dem politisch so reifen deutschen Volke zeigten sich bedrohliche Anzeichen für die Ueberhandnahme der anarchistischen Lehre. Ich erinnere an das Attentat, das anläßlich der Enthüllung des Niederwald-Denkmals auf den deutschen Kaiser und seine Gäste geplant war. In Frankreich erstarkte ebenfalls der Anarchismus Ende der Achtziger-Jahre (man erinnere sich an die grausigen Taten des Anarchisten Ravachol und an das Bombenattentat im Hotel „Terminus" zu Paris) und erreichte seinen Höhepunkt im Sommer 1894, als der arme Sadi Carnot in Lyon das Opfer eines anarchistischen Mordes wurde. In den genannten Staaten aber ist der Anarchismus glücklich überwunden. Man braucht kein Anhänger des Sozialismus zu sein, und ich bin es gewiß nicht, um doch zugestehen zu müssen, daß der politische Sozialismus den Anarchismus verdrängt hat. Es wird oft behauptet, der Anarchismus sei das letzte Wort des Sozialismus, und das hat neulich auch die konservativ-antisemitische „Post" gesagt. Es braucht nicht erst nachgewiesen zu werden, daß Sozialismus und Anarchismus grundverschieden von einander sind und sich gegenseitig aufheben, aber selbst geschichtlich trat in Oesterreich und in Frankreich zuerst der Anarchismus auf, woraus er später vom Sozialismus besiegt wurde. Ebenso steht es außer Zweifel, daß auch in Deutschland, wo allerdings der Sozialismus älter ist, die Verbreitung der anarchistischen Lehre und des Terrorismus nur durch die sozialdemokratische Organisation verhindert wurde. Die Polizei hätte dies nicht zustande gebracht, denn schließlich ist auch Madrid polizeilich genügend geschützt. Wenn man daher vom großen Einfluß der Juden in den sozialistischen Organisationen spricht, und das soll gar nicht in Abrede gestellt werden, so ist es lächerlich, immer die „zersetzende" Tendenz dieser politischen Bewegung hervorzuheben. Die Bewegung mag vielen unangenehm sein, man braucht mit ihren Zielen sich nicht einverstanden zu erklären. Aber es ist dumm und verlogen, bloß die negative Seite des Sozialismus hervorzuheben, ebenso wie es albern und philiströs ist, wenn man Heinrich Heine und das ganze „Junge Deutschland" als zersetzend und zerstörend verlästert. So sprachen auch die römischen Schriftsteller vom Christentum, als dieses aus das klassische Heidentum zersetzend wirkte. Und auch das Auftreten Luthers und der anderen Vorkämpfer der kirchlichen Reformation wurde von den Ablaßhändlern als eine Revolution bezeichnet. Nicht das Wort macht es, sondern die kulturelle Tendenz. Jedenfalls lernen wir aus den Vorgängen in dem „judenreinen" Spanien, daß es auch ohne Juden zersetzende Elemente gibt. _ Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zn Wien". Die 33. ordentliche Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" fand Donnerstag den 7. Juni um 6 Uhr abends im Saale der israelitischen Kultusgemeinde statt. Den Vorsitz führte an Stelle des von Wien abwesenden Präsidenten Herrn David R. v. Gutmann Herr Vizepräsident Dr. Arthur K u r a n d a. Zum Schriftführer wurde der Sekretär Herr Dr. K a m i n k a ernannt. Der Vorsitzende begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder, konstatierte die rechtzeitige Ausschreibung der Versammlung in der „Wiener - Zeitung", sowie die beschlußfähige Anzahl der Teilnehmer. Ueber Antrag des Herrn Dr. I. S. Bloch wird in Anbetracht des Umstandes, daß der sehr ausführliche Jahresbericht sich bereits seit mehreren Tagen in den Händen der Mitglieder befindet, von einer Verlesung desselben, sowie des Finanzberichtes Abstand genommen. Dem interessanten Bericht entnehmen wir: Abschluß der Aktion für die Opfer der Kriegswirren. Im Juni 1905, als die Beendigung des russisch-japanischen Krieges in Sicht war, konnte die Aktion für die in Galizien angesammelten Flüchtlinge im Wesentlichen abgeschlossen werden. Sie hatte im ganzen einen Kostenaufwand von K 263.695 31 erfordert, wozu die Wiener Allianz X 91.578°28 beigetragen hatte. Nachdem Galizien evakuiert war, trat noch die Aufgabe an uns heran, für die überseeische Beförderung von mehreren hundert in Czernowitz und der Bukowina weilenden Flüchtlingen zu sorgen. Unser nach Czernowitz entsandter Sekretär erwirkte dort bei der Landesregierung gegen Inaussichtstellung einer sukzessiven Beförderung die Duldung der Flüchtlinge während des ganzen Sommers und vereinbarte die Zusammenstellung mehrerer großer Gruppen, die nach und nach über Wien-Basel-Havre nach Argentinien abgingen. Im ganzen wurden in den Monaten Juni bis Oktober von uns 697 Personen befördert, darunter 313 nach Nord- und Süd-Amerika, 150 nach westeuropäischen Zielen. Dazu bis Juni rund 3500 Personen. Nach einer Besprechung der politischen Lage in Rußland und der großen Massakres fährt der Bericht fort: Wir können mit Genugtuung konstatieren, daß mit Opferwilligkeit unserem Aufruf nach den Massakres entsprochen wurde. Ein spezielles aus der Mitte unseres Vorstandes gebildetes Propagandakomitee, an dessen Spitze Herr Leopold Trebitsch wirkte und zu dessen Teilnehmern die Herren Emil Horner, Generalrat Adolf Klein, Bernhard Pollack, Julius Reitlinger und D. Zifferer gehörten, leitete die Spendensammlung, welche in Wien allein nahezu 500.000 Kronen, in ganz Oesterreich zirka 856.000 Kronen ergab. Massen-Emigration: Wir haben uns mit den Komitees in Berlin, Paris, London und Frankfurt a. M. in Verbindung gesetzt, indem wir mit Entschiedenheit darauf drangen, daß baldigst eine internationale Beratung stattfinde, damit die fich von Tag zu Tag verstärkende Emigration mit gemeinsamen Mitteln in die richtigen Bahnen gelenkt werde; zugleich sollte eine endgiltige Verständigung über die gemeinsame planmäßige Verwendung der gesammelten Gelder für die Opfer der Exzesse in Rußland selbst erzielt werden. Es kam eine Konferenz zu Frankfurt a. M. am 4. und 5. Jänner 1906 mit folgender Tagesordnung zustande: