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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-15 · 24 (15.6.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 386 Dr. Blach's Wochenschrift. Nr. 24 diese dumme Geschmacklosigkeit begl'itete, ist ein intimer Freund des Liechteusteill uuö weiß ganz genau, was in den Intentionen seines hohen Gönners gelegen ist. Liecktcusteiu hat abgelehnt, als man ihm im gegenwärtigen Kabinett ein Portefeuille anbot. Er hat bestimmt gewußt, daß ihm die Taube auf dem Dache sicher ist, für welche er diesen Sperling aus der Hand ließ. Breiter hat es nun ungescheut im Parlament ausgesprochen und beleuchtet, daß der Zug der Christlich - Sozialen in die Bankgasse eigentlich ein Zug gegen die Hosburg war. Mag nun Lueger seine Taktik gegen die Juden auch gegen die Ungarn anwenden und von ihnen frischweg behaupten, daß sie provoziert haben, wie auch die bösen Juden immer provoziert haben, wenn man sie erschlägt; er dürfte kein Glück im Glauben haben, wenn er nach russischer antisemitischer Methode die geschickten Finger in Unschuld wäscht. Für wen und was sind denn eigentlich die Massen der kleinen Bürger Wiens ausgerückt? Wie viele sind am kritischen Tag im Rathaus gewesen, welche die Formen des autonomen ungarischen Zolltarifes überhaupt verstehen? Die Leute haben gar kein Interesse daran, ob einige Industrielle ihren Vorteil wahren oder verlieren. Mau hat nur aus all diesen Fragen ein paar Schlagworte herausgezogen, einen betrügerischen Humbug, einen Popanz, gegen den die Masse losschlägt — und sich selbst trifft. Die Christlich- Sozialen haben nicht einen Feldzug gegen Ungarn eröffnet, dort ist man stark genug, um ein paar Maulhelden zu begegnen; der Feldzug gilt einer Macht, von welcher die Unterstützung einer andern Macht erhofft wird, deren Vortruppeu die Christlich-Sozialen sind. Der Klerikalismus ist es, der seine Zeit gekommen wähnt, die Zeit der Volksverdummung, der Ausplünderung, der Sklavenherrschaft. In laugen, schweren Kämpfen haben sich die Völker von ihm befreit und sind nun in Oesterreich am Wege, den Christlich- Sozialen, dem Feudalen Liechtenstein, dem schwarzen Geßmaun, dem Schneider wie dem Rattenfänger von Hammeln zu folgen, der ins Verderben führt. Der Kaiser ist den Dunkelmännern ein Hindernis, und ihn suchen sie mit Hinterlist. Lüge und Gemeinheit zum Verzicht zu bringen. Die Reklametrommel für die Christlich- Sozialen ist die Kriegstrommel gegen den Monarchen. Jede Regierung, jeder Herrscher, der die Klerikalen fördert, erzieht sich damit einen Faktor zur Kraft, der sich niemals damit begnügt, sein Recht zu sinden, der Erste nach dem Kaiser und der Regierung zu sein. Wie nur dank der Protektion die Krallen erstarken, sucht das schwarze Gespenst der Herrscher des Kaisers, der Regent der Regierung zu sein. Haben die Geschichte der alten Päpste, die Ereignisse tu Spanien, im neuen Frankreich nicht genug gesagt? Am letzten Sonntag war auch in Oesterreich der erste Vorstoß der Macht, die mit Herrscherkroneu spielt. Noch war alles läppisch, ungeschickt, dumm. Der Hanswurst, der sich zum erstenmal unter die Laterne stellte, die ihn voll beleuchtete, kann noch in sein Nichts zurückgeworfen werden. Aber jeder, dem um Fortschritt und Freiheit bange ist, jeder, dem Oesterreich und sein Kaiser teuer sind, muß nun bald und energisch seine Ideale vor den Vaterlandsverrätern und Dunkelmännern schützen, vor den Christlich-Sozialen, diesen Stützen des Alters und Feinden des Thrones. — y Da» „jubenreirre" Spanien. Von Dr. S. Bernfeld. Nicht nur von Antisemiten, sondern auch von manchem „vornchm denkenden" Liberalen kann man oft den Ausspruch hören, die Juden wirken zersetzend im Staat, in der Gesellschaft und in der Literatur, oder, wie sich Theodor Mommsen ausdruckt, sie bilden das „dekompofitive Element" in der Geschichte. Dieser Behauptung begegnet man nicht selten iu g schichtlichen Kompendien, die für die reifere Jugend bestimmt sind. Wenn ein stilistisch begabter Oberlehrer iu seinem literarhistorischen Büchlein für Tertianer und höhere Töchter auf die Epoche des „Jungen Deutschland" zu sprechen kommt, unterläßt er es nicht, mit besonderem Eifer hervorzuheben, daß diese literarische und politische Bewegung von „Juden", von Ludwig Börne und Heinrich Heine, ausgegangen sei. So viel christliche Schriftsteller und Politiker an dieser „zersetzenden Arbeit" teilgenommen haben, seien sie alle bloß von den Juden beeinflußt und verführt gewesen. Und wenn nicht die Juden, denen nichts heilig ist, auf die deutsche Jugend demoralisierend gewirkt hätten, so schliefe das deutsche Volk noch jetzt, oder es wandelte in voller Unschuld im Paradiese, wie einst das erste Menschenpaar, bevor die böse Schlange es dazu verleitet hatte, vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Das ist die graue Theorie, die viel verbreiteter ist, als man glauben möchte. Sie ist in alle Wissenschaften eingedrungen, mit Ausnahme der exakten. Wenn ein Jude mathematische Aufgaben löst oder einem Naturgesetz auf die Spur kommt, so ärgert sich mancher „nationale" Forscher darüber nicht wenig, aber gegen die Mathematik und gegen die Physik kann man eben nicht ankämpfen. Anders ist es, wenn jüdische Gelehrte sich auf dem Gebiet der Aesthetik, der Philosophie, der geschichtlichen Forschung oder der Wissenschaftslehre hervortuen. Da kann man fchon, wenn man übelwollend ist, dem Judentum etwas am Zeug flicken, vom „jüdischen Geist", von der „zersetzenden Kraft" der jüdischen Rasse sprechen und so ein kleines, verschämtes Hepp Hepp-Rufen veranstalten. Ich kenne einen hervorragenden Nationalökonomen, der einen Weltruf genießt, und dieser Gelehrte liebt es stets, in der Nationalökonomie zwei Richtungen zu unterscheiden: die arische und positive, die jüdische und zerstörende. Daß man derartige Liebenswürdigkeiten in Büchern und Abhandlungen findet, die gründlich, philosophisch, ästhetisch, geschichtlich oder literarhistorisch sein wollen, braucht nicht erst erzählt zu werden. Diese Behauptung wird so oft in der Presse wiederholt, daß ich bereits auch Juden kenne, die sie nachsprechen und für wahr halten. Nun haben wir aber Völker, die ganz unter sich sind und von der zersetzenden Kraft des jüdischen Geistes nichts wissen. Daß unter ihnen paradiesische Zustände herrschten, kann man gerade nicht behaupten. Da haben wir das glückliche Spanien, welches vor mehr als vierhundert Jahren die Juden recht geschickt abgewimmelt hat. Der fromme katholische König, dem man diese gottgefällige Tat zu verdanken hat, war dabei sehr praktisch, indem er den Juden zuerst fast alles abnahm und sie dann zum Lande hinausjagte. Und da viele Tausende Juden so schwach waren, sich von ihrem Vaterlande und ihrer heimatlichen Scholle nicht trennen zu können, und deshalb lieber zum Schein das Christentum annahmen, dessen unendliche Menschenliebe und Barmherzigkeit sie eben erfahren hatten, so sorgten in späteren Jahrhunderten despotische Fürsten, gut genährte Pfaffen und der süße Pöbel mit wahrem Gotteseifer dafür, daß der jüdische Geist, daß die zersetzende Kraft der Juden in Spanien völlig ausgerottet wurden. Seitdem hat dies von der Natur so reichlich gesegnete Land Jahrhunderte hindurch ununterbrochen unter der Herrschaft des Klerikalismus gestanden. Auch die französische Revolution, von der selbst unsere arischen Faselhänse nicht behaupten können, daß sie von Juden ausgegangen sei, ging an dem in tiefe geistige Finsternis gehüllten Spanien spurlos vorüber. Trotz der in der Verfassung vorgesehenen Bestimmung von Gewiffenssteiheit darf sich ein Jude in Spanien auch jetzt noch kaum sehen lassen, und vor etwa zwölf Jahren hat die Einweihung einer kleinen protestantischen Kirche in Madrid, die versteckt auf einem Hofe in einem winzigen Nebengäßchen erbaut wurde, den fanatischen, von den Pfaffen gegängelten Pöbel in Aufruhr versetzt. Nur der Umstand, daß das protestantische Kirchlein von einem amerikanischen Geistlichen eingeweiht wurde, veranlaßte die Polizei, den wütend gewordenen

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