Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 24 Dl*■ Bloch’s Jahrgang mil Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 15. Juni 1906. Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: MUen. IX/1, Derggasse 39. Teleqramm-Adresse: ZSloeb's Mloebensedritt. Mlien. ®-% Bezugspreis für Vefterreirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzeleremplare 50 Heller. Ä'iir's Ausland: Halbjährig lO Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Pelitzeile 24 Heller. %-» Ä-O A. k. Postsparkassrn-Amt Gleartng-lDerftebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien iX/l, JBerggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847 ©-«d Inhalt: Leitartikel: Hauswurst an die Laterne. — Das „judenreine" Spanien. — Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien". — Die Frau und die jüdische Literatur. — Korrespondenzen: Plenarsitzung des israelitischen Kultnsvorstandes. Auszeichnung eines Arztes. Czernowitz. Aus der zionistischen Bewegung. Der verdroschene Dreschgraf. — Berwischte: Kranzablösungsspenden zur Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Zionistischer Parteitag. Wien. Kurireiplätze und Kurbeiträge für Arme. Olmütz, Budapest, Kassa, Prerau, Nachod, Kladno, Göttingen. — Feuilleton: Das Opfer. — Literatur — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Hanswurst tut di» Katern»! Die Norweger haben einen König abgesetzt. Eine so bedeutungsvolle Tat, und sie nahm ihren Anfang und ihr Ende ohne einen Laut von dem Getöse, mit dem sonst in Europa gewöhnlich Geschichte gemacht wird. Gerade die Ruhe sicherte den Erfolg. Der Lärm zeigt Leidenschaften an und Leidenschaften vergehen, wenn man Geschick und Geduld verwendet. Aber die ruhige Entschlossenheit, der schweigsame Wille tapferer Männer sind kraftvoll und beständig und man weicht ahnungsvoll dem unendlichen Kriege mit ihnen aus, gerade weil man weiß, daß der Tapfere meist still ist. Als die Eidgenossen sich zum Siegen oder Sterben zusammenfanden, da leisteten sie an verschwiegener Stätte heimlich ihren Rütlischwur, sammelten sich ohne Aufsehen und erfochten die Freiheit. So zeigte sich noch oft, daß die größere, zielbewußtere Tat die kleineren, ruhigeren Worte hat. Solche Erinnerungen mögen ein Prüfstein sein für die Art des wirtschaftlichen Kampfes, den man in großen Schichten Oesterreichs gegen die Ungarn führt. Hier ist nicht Platz noch Absicht, Partei zu ergreifen. Es soll nur einem alten Schwindler das Handwerk gelegt werden, das wieder einmal in den Streitigkeiten der Völker seinen goldenen Boden gefunden hat. Die Christlich-Sozialen haben jetzt Hochsaison in ihrem politischen Blechwerk und verschleißen viel von ihrer betrügerischen Ware. Wo ist die Stimme der Vernunft in dem Lärm, den ihre Mannen erheben? Wenn man wirklich gegen die Ungarn einen Erfolg davontragen will, so ist es doch vor allem notwendig, ihnen ein Oesterreich mit geeintem Willen, mit starker Regierung und wirtschaftlicher Macht entgegenzustellen, die würdig und ruhig auftreten. Ja nicht mit Leidenschaft! Wenn die Ungarn die Entschlossenheit und Kraft eines nüchternen Gegners sehen, so werden sie sich mit einem vernünftigen Vergleich bescheiden. Alle zweckmäßige Verhandlung und Uebereinkunft wird aber unmöglich, wenn die aufgestörteu Leidenschaften Erbitterung und Feindseligkeit um jeden Preis Hervorrufen. Die Führer der Phäaken hätten sich also als wahre Schildbürger erwiesen, wenn sie tatsächlich mit ihrem Vorgehen einen Nutzen für die Sache des Staates herbeiführen wollten. Aber es find Anzeichen genug vorhanden, daß ihnen das nicht einmal im Traume eingefallen ist. Sie haben wieder einmal die Dummheit mit großer Klugheit ausgenützt, haben keinen anderen Nutzen erreichen wollen als den eigenen. Liechtenstein hat eine donnernde Brandrede gehalten. Hanswurst aus Fleisch und Bein hat einen Hanswurst aus Papier an die Laterne gehängt, man ist vor das Haus gezogen, wo die ungarische Delegation sich der Gastfreundschaft der Stadt anvertraut hatte, und warf Messer, Steine und Stöcke, mit christlichsozialer Begeisterung auch Pferdemist, bevor die Polizei, die bei jeder sozialdemokratischen Versammlung die Ringstraße mit Pickelhauben pflastert, aus ihrem Dornröschenschlosse herbeieilte, obwohl sie wußte, daß man heute Wut gegen die Ungarn fabrizieren werde; man zog schließlich vor das Palais des Thronfolgers Franz Ferdinand, um dort patriotische Kundgebungen zu veranstalten. Niemals wurden in einem politischen Spiel die Karten so offen hergezeigt. In den Vorfällen des Sonntags war der Zufall vollkommen ausgeschaltet. Man ist an der Hofburg ruhig vorübergezogen und hat die Volkshymne vor dem Belvedere gesungen. Nimmt man die Rede Luegers dazu, in welcher er sagte, er sei kaiserlicher als der Kaiser, zieht man die Aeußerung des Monarchen in Erwägung, in welcher er der Hoffnung Ausdruck gab, bis zum Herbste Ruhe zu haben, weil er sich sehr angegriffen fühle, dann versteht man richtig, warum die Stimmung gegen und bei den Ungarn auf den Siedepunkt getrieben werden sollte, indem man einen Führer von ihnen im Bilde schmachvoll an den Galgen hing, dann weiß man, wer die gutmütigen Wiener bis zum abscheulichen Verbrechen gegen die Gastfreundschaft hetzte, dann ahnt man,, durch welchen Einfluß die Polizei das Risiko ihrer Saumseligkeit auf sich nahm. Die Christlich-Sozialen, diese Stiefelwichspatrioten, diese angebliche Schutztruppe der schwarz-gelben Fahne sind die ärgsten Revolutionäre. Sie wollen mit aller Gewalt eine akute, brennende Krisis Hervorrufen, unhaltbare Zustände schaffen, sie wollen mit allen Mitteln erreichen, daß unser, mit Ausnahme von ihnen, von allen geliebter Kaiser abdanke, weil die Last seiner hohen Jahre ihm den fortwährenden Krieg und Zwist unerträglich macht. Nie hat Lueger mehr geheuchelt, als er Interviewern unermüdlich versicherte, die Gewaltstreiche in und nach der Versammlung wären Handstreiche von Unterführern, für die er jede Verantwortlichkeit ablehne. Dieser Stampiglienfälscher Schneider, in dessen nächsUr Umgebung die Kossuthflgur bei einer offenbar vereinbarten Stelle seiner Rede aufgehängt wurde, welche