Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-08 · 23 (8.6.1906) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
23 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021680--15475-3040243
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

fmr- SS 'l _A.il Nr. 23 Dr. Dtocd's MloevensevrlN. Seite 381 Zeit verliere und gezwungen sein werde, in dem unteren Stadtteil zu leben." Boris und Tanya erbleichten. „Die Vorlesungen finden zn so verschiedenen Tagesstunden statt, daß ich mein Zimmer in der Nähe haben werde müssen." Und um sich über die unangenehme Situation hinwegzuhelsen, verwickelte er sich über eine große Abhandlung über Kollegienangelegenheiten. Es war nicht der einzige Grund, der ihn veranlaßte, auszuziehen. Er hatte Boris in seinen besseren Tagen gekannt und sympathisierte nun mit ihm und Tanya bestens. Die osten Mißstimmungen zwischen Mann und Frau und die Wolke, die immer über der ganzen Häuslichkeit zu lagern schien, hatten ihm den Ausenthalt im Hause verleidet. Zuletzt waren ihm ihre eigentümlichen Blicke ausgefallen und einmal in dieser Züchtung aufmerksam gemacht, fielen ihm tausend andere Kleinigkeiten ein, die seine Vermutung nur zu bestätigen schienen. „Könnte es möglich sein, daß sie sich für mich interessiert?" fragte er sich selbst. Einen Augenblick schmeichelte dieser Gedanke seiner Eitelkeit und Tanya erschien ihm auf einmal in anderem Lichte. Er überlegte, ob er ihre Gefühle erwidere, er hatte das Empfinden, daß ihm ein schönes Abenteuer bevorstehe. Am nächsten Tage erklärte er ihnen dezidiert, daß er ausziehen müsse.... Das Haus wurde so einsam für Tanya, daß die große Rllhe sie zu bedrücken anfing und wenn Boris zu Hause war, war es ihr noch unangenehmer. Sie hatte das Gefühl, als ob ein Mitglied der Familie gestorben wäre. Ueberall entdeckte sie eine Spur von dem Studenten. Am ärgsten waren die Pflanzen am Fensterbrett, die Dalsky zurückgelassen hatte. Sie vermied es, auf sie zu blicken, sonst befiel sie ein brennender Schmerz, der Schmerz ihres Verlustc-s. Sie wollte sie schon entfernen, doch sie hatte noch immer nicht den Mut gefunden. Sie irrte im Hanse umher, wie ein Schatten und hätte am liebsten nur immerfort geweint. Eines Abends, als sie längere Zeit in unerträglichem Stillschweigen nebeneinander gesessen hatten, erfolgte eine scharfe Auseinandersetzung zwischen den beiden Gatten und Boris sagte schließlich: „Was ist aus dir geworden, ich erkenne dich kaum wieder!" „Wenn du es bemerkst, dann frage lieber nicht," gab Tanya mit sarkastischem Lächeln zurück, ohne ihn dabei anzublicken. „Ich verstehe gar nichts," erwiderte er. Doch kaum waren diese Worte seinen Lippen entflohen, als in ihm etwas aufdämmerte, das sein Blut erstarren machte. Eine Kette von Ereignissen, die seinem Gedächtnisse schon entschwunden waren, stiegen wieder vor ihm auf. Er wurde aschfahl. „Nun desto ärger," sagte sie. „Sage es mir, was du meinst!" gab er wieder mit gemachter Ironie zurück, während sein Herz flehte, daß sein Verdacht ungerechtfertigt sein möchte. „O, ich kenne dich, du bist nicht so blind." Ihre Stimme schien ihm verändert und sie selbst schien ihm eine andere geworden zu sein: klüger, reiner und schöner, eine schöne, stolze Frau. „Ich schwöre dir, daß ich nicht verstehe, worauf du anspielst." „Nun, dann werde ich es dir schriftlich mitteilen," und sie stand auf, um Feder, Tinte und Papier zu holen. „Gut!" sagte er mit verhüllter Angst. Sie schrieb.: „Ich bin deine beste Freundin auf der Welt. Ich habe viel nachgedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß es das Beste sein wird, wenn ich auf eine Zeitlang von dir fortgehe. Ich tadle niemanden als mich selbst, aber ich kann es nicht ändern. Ich habe nicht das moralische Recht, mit dir zu leben, so lange meine Gedanken mit einem anderen beschäftigt sind. Ich habe hart gekämpft dagegen, aber es hat -nichts genützt." Das eintönige Ticken einer billigen Weckuhr bildete eine feierliche Begleitung zu der merkwürdigen Stille im Zimmer. Boris saß in einer Ecke des Zimmers; um seine Lippen schwebte ein halberstorbenes, dummes Lächeln, sein Blick war starr vor sich hin gerichtet. Tanyas Gesicht glühte vor Aufregung. Sie hatte einen Augenblick inne gehalten und fuhr fort: „Ich wiederhole Dir, ich bin die einzige Tadelnswerte und ich tue mein Aeußerstes, um gegen meine Gedanken anzukämpfen. Doch, wenn ich weiter in derselben Umgebung bleibe, erschwere ich mir die Sache und bleibe in einer falschen Situation. In einer andern Umgebung hoffe ich bald darüber hinwegzukommen, darum bitte ich Dich, veranlasse mich nicht zum Bleiben. Alles, was ich Dir hier schreibe, ist genau erwogen und beschlossen. Du brauchst mir auch nicht anbieten, mich während dieser Zeit zu erhalten. Ich habe kein Recht darauf und werde es unter keinen Umständen annehmen. Ich kann arbeiten und werde meinen Unterhalt verdienen. Ich bin darauf vorbereitet, Unannehmlichkeiten zu begegnen und werde sie ertragen. Ich werde nicht die einzige russische Gymnasiastin sein, die hier in einer Fabrik arbeiten muß. Uebrigens soll Niemand etwas von der Sache erfahren, wir werden irgendeine Ausrede finden. Auch die P'rson, die ich meine, darf nichts erfahren. Wenn Du mich nicht als Leiche wieder sehen willst, so verrate nichts! VII. (Letzter Theil.) Es war in den ersten Stunden eines düsteren Winternachmittags. Im Geschäfte des Herrn Silbermann, das den ganzen Tag durch Gaslicht beleuchtet werden mußte, saßen eine Menge Frauen und Männer an Nähmaschinen beschäftigt Ueberall lagen Bündel fertiger Schürzen und Stöße Stoffe herum. Der geräumige, schupfencrtige, hohe Raum erklang von einem Chaos von Gesängen, die mit dem unangenehmen Geräusch der Nähmaschinen zusammenklangen. Es waren meist Synagogenmelodien oder Liedchen aus dem jüdischen Theater, volkstümliche, amerikanische Melodien, Gesänge aus der Tanzschule und alte, ehrwürdige Lieder aus Rußland, Polen, Galizien, Rumänien, Ungarn. Nnr Tanya sang nicht. In einem Winkel des Raumes über ihre Maschine gebeugt, nähte sie fleißig. Sie hatte auffallende Fortschritte gemacht, und, erfüllt von ihrem Erfolg, hatte sie an ihr Herzeleid und ihren Kummer vergessen. Plötzlich fiel das Mädchen neben ihr, die soeben noch voll Leidenschaft das Liedchen: „Ich habe ein Schätzchen in Baltimore" gesungen hatte, in ein recht russisches Liedchen ein: Am Bächlein, wo die Blümchen wachsen, beim schmalen Steg. Doch sie sprach die Worte jüdisch aus und benahm dem Gesang die russische Blume so vollends, daß Tanya sich die Ohren zuhielt und mit den Zähnen knirschte. Die Umgebung schien ihr unerträglich. Und Tanya erinnerte sich, wie sie einst anläßlich der Gymnafialschlußferien dieses Liedchen gesungen hatte; damals war sie inmitten einer Schar junger Mädchen, die alle nette Kleider und schwarze Schürzen anhatten. Alle zusammen hatten sie dies kleine Liedchen gesungen, aber sie hatten es mit echt russischer Betonung, in derbem, klangvollem, reizendem Russisch gesungen. Ein grausamer Schmerz peinigte sie plötzlich. Alles um sie herum war so ungewohnt, so feindlich, so echt fremd. Ihr kleines Heim fiel ihr ein, in dem sie noch kürzlich regiert hatte. Wie war sie nur daher geraten? Sie dachte an Boris und fühlte sich versucht, zu ihm zurückzukehren, sich in seine Arme zu stürzen und ihn anzuflehen, wieder ein Heim zu gründen. Aber plötzlich stieg wieder Dalskys Bild vor ihr auf, nett, höflich, würdevoll und geräuschlos; und sie fiel wieder auf ihre Maschine los und sie arbeitete mit grausamer Wut gegen sich selbst weiter. Dann fiel ihr die Neujahrsgesellschaft ein, bei der man gewiß über ihre Scheidung gesprochen habe. . . . Just um diese Zeit war Boris am Weg in die Fabrik. Vor zwei Tagen hatte er erst seine Wohnung geräumt; die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.