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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-08 · 23 (8.6.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
23 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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tm ^asaaaaja-r.'jtt«aimLi^a feette 380 Dr. Blach's Wochenschrift. Nr. 2o bequem hingestreckten Gatten stehen, den sie prüfend und zweifelnd betrachtete. „Paul", meinte sie endlich nachdenklich, „ich versteh Dich wirklich nicht. Du bist doch nicht herzlos, glaub ich. Also, was ist denn mit Dir, mit Euch allen. Seid Ihr nur leichtsinnig „wienerisch", wie Jhr's nennt, oder steckt noch etwas Schlimmeres als bloße Gedankenlosigkeit hinter Euerem Thun?" Der Gatte lächelte. „Mariann, wann Du „wienerisch" sagst und Dein norddeutsches Gesichterl dazu machst, dann bin ich gleich geschlagen. Ich gehe also in mich und will alles hören, was Du mir erzählen willst, meinetwegen auch die Geschichte von der Judenfrau. Also los, Mariandel, fang an." Marianne zögerte noch. „War eigentlich der verstorbene Dr. Schwarz Dein Freund, Paul? fragte sie. „Gott — Freund?!" Wir haben uns halt im Klub getroffen und ich Hab' chn gern gehabt, denn er war ein gescheiter Kerl. So a bisserl jüdisch gescheit und manchmal zu spitzfindig für meinen Geschmack, aber doch wieder amüsant und fesselnd und für ein paar Stunden ein guter Kamerad. Und wann ich nicht diese verdammte Influenza hätte, dann wäre ich wahrhaftig gestern mit bei seinem Leichenbegängnis gewesen. So aber hast Du mich vertreten müssen, und ich erwart' jetzt Deinen Bericht." „Und von seiner Mutter hat Dir der Dr. Schwarz nie erzählt, Paul?" „Meine liebe Mariann, die Konfidenzen über Frauen, die sich Männer untereinander machen, bewegen sich selten in mütterlicher Richtung. Uebrigens einmal, glaube ich, hat er doch so was von seiner Familie und seiner Herkunft gesagt, als Erklärung für manches in seinem Wesen, da Hab' ich aber die Idee gekriegt, als ob feine Mutter irgendwo am Land eine kleine Bauersfrau wäre und er schickt ihr Geld und sie nimmt's für Liebe und ist ihm über alle Maßen dankbar für sein Almosen. Stimmt's so oder Hab' ich mich verhört damals?" - „Im Großen und Ganzen stimmts wohl, Paul, und was ich gestern aus der armen Frau herausbekommen Hab, das deckt sich so ziemlich mit deinen Angaben. Sie hat mir erzählt, daß der Markus (er hat nämlich eigentlich Markus geheißen der Dr. Schwarz und nicht Marcell) ihr einziges Kind war und wie klug er schon als kleiner gewesen ist und wie er in der Judenschule gelernt hat und wie schön er gesungen hat in ihrem Tempel am Feiertag: schöner, hat sie gesagt, als der Kantor und das war ein berühmter Sänger aus Lodz. Und dann ist der Sohn groß geworden und fortgegangen und hat fern von ihr ein Leben gelebt, von dem sie nichts wußte; aber allmählich erfuhr sie, daß es ein Leben des Aufstieges und Erfolges war. Erst kamen Briefe von ihm, dann Geld, dann noch mehr Geld und endlich einmal er selber. Sehr verändert, aber doch noch ihr Sohn und gut und schön und lieb und zärtlich wie nur je. Und am Samstag ist er mit ihr in die Synagoge gegangen und alle haben auf ihn geschaut und die Frauen haben sie beneidet, und durch die Jahre, die dann folgten, hat sie immer in der Erinnerung an diesen einen Tag gelebt, von ihm geträumt und erzählt, erzählt und geträumt, bis dann vorgestern der Brief kam, in dem stand, daß ihr Sohn gestorben sei. Mir hat mein Herz weh getan, Paul, wie sie mir erzählt hat, wie ihr bei dem Brief zu Mute war. So als ob sie wer erschlagen hätte und dann doch wieder so furchtbar, so jammervoll, so entsetzlich lebendig. Und in allem Leid spürte sie nur als ein brennendes Verlangen: Hin nach Wien, ihn noch einmal sehen, an seinem Sarg stehen, an seinem Grabe weinen, dem Toten noch einmal danken für alle Liebe seines Lebens. Und sie hat sich aufgemacht, Paul, und hat Niemand was gesagt und ist die Nacht durchgefahren, dritter Klasse natürlich, und der Schnellzug ging zu langsam für ihren Schmerz und ihre Sehnsucht. Und am Vormittag ist sie angekommen und von der Nordbahn nach der Wieden gegangen und hat Leute um Leute gefragt And endlich sein Haus gefunden, aber es war schon leer. Man hat ihn schon herausgetragen gehabt. Nur sein Diener war noch da, und ein paar Kerzen haben noch gebrannt, und in der Wohnung hat es seltsam und fremdartig geduftet. Wie sie dem Diener erzählt hat, wer sie ist und warum sie kommt, hat er Mitleid gehabt mit der alten Frau und hat sie getröstet und hat ihr gesagt: „Zur Leichenfeier kommen's schon noch.zurecht" und ist mit ihr in einen Wagen gestiegen und fortgefahren. Sie hat immerfort geweint und vom Weg hat sie nichts gemerkt und ist auch ohne zu sehen ausgestiegen und ihrem Führer gefolgt und auf einmal sieht sie Kerzen und Blumen und fremde Menschen und hört singen, was sie nicht versteht, und erblickt einen Geistlichen in einem fremden Ornat und spürt wieder denselben schweren und seltsamen Duft — und plötzlich weiß sie alles. Sie ist in der Kirche, da begräbt man ihren Sohn, an dem sie keinen Teil mehr hat, der ihr schon lange tot ist, um den sie kaum mehr trauern kann. Einen Schrei hat sie ausgestoßen, Paul, so schrecklich, daß wir alle uns umdrehten und wie auf ein Gespenst auf die alte Judenfrau starrten, die totenbleich mit verzerrten Zügen dastand, die Arme abwehrend ausgestreckt, ein schreckliches, schauerliches und doch unendlich ergreifendes und erschütterndes Bild. Und dann ist sie hinausgeschritten, müde, langsam, gebückt wie ein wunder, zu Tode getroffener Mensch. Ich bin ihr nachgegangen und Hab' sie in die Anlagen geführt und mich zu ihr gesetzt und mit ihr gesprochen. Trösten habe ich sie nicht können, sie wollte wohl auch keinen Trost haben. Nach einer Weile — sie hat mir inzwischen ihre ganze Geschichte erzählt — ist sie aufgestanden, um wieder auf die Bahn zu gehen und nach Hause zu fahren, so viel ärmer als sie gekommen. Ich Hab' sie gebeten ein paar Stunden bei mir zu bleiben und sich auszuruhen. Aber sie sagte: „Nein. Ich geh'. Ich will mit Ihnen nichts zu tun haben, ich will mit der Stadt hier nichts zu tun haben, ich will von Euch allen nichts mehr hören und sehen. Ihr habt's ihn dazu getrieben, Ihr! Wie ich ihn geboren Hab, war er ein gutes Kind; was ihn hier verdorben hat, die Luft, die Frauen, das Geld, was weiß ich. Gott soll sich schon endlich erbarmen über uns." Und ich sah sie die Ringstraße hinabgehen und in der Menge verschwinden und blieb zurück mit schwerem und traurigem Herzen. Denn die alte Frau hat Recht, Paul. Wir sind mit Schuld an ihrem Schmerz. Ich, Du, wir alle. Wir zeigen ihnen.die Möglichkeit, durch einen Verrat das zu erlangen, was sie durch all ihre Gaben nicht erreichen können, und sie sind schwach genug und folgen unserer Lockung. Wer aber denkt an die Mütter! Es soll sich nur nicht an unseren Kindern rächen." Der Gatte streichelt ihre Hand: „Aber Mariann, Du denkst schon ganz alttestamentlich. Ich bitte Dich, beruhig' Dich. Die Geschicht' ist traurig, aber von einer Schuld ist da nicht zu sprechen. Zeit, Fortschritt, alles das bringen solche Umwandlungen notwendig mit sich. Judentaufen sind organisch aus dem Bedürfnis der Zeit herausgewachsen. Da läßt sich nichts machen." Marianne schüttelte den Kopf: „Nein Paul, Zeit und Fortschritt haben mit den Juden nichts zu tun. Engherzigkeit, um nicht zu sagen Bestechung und Schwachheit sind ihre Gründe, wie sie die Gründe jeder Fahnenflucht sind. Aber Zeit und Fortschritt werden helfen, werden auch hier helfen. Einmal werden wir doch lernen, von Menschen und nicht von Christen und Juden zü sprechen, einmal wird auch uns die Leistung und nicht der Glaube entscheidend sein. Und dann werde ich der alten Frau ins Gesicht sehen und sie trösten können. Bis dahin schäm' ich mich, schäm' mich für Euch alle." Und sie trat ans Fenster und blickte lange und schweigend über Staub und Straße hinweg in das dämmernde Land der Zukunft. Lisa T a r l a u. Veränderte HedensverhäUniste. Aus dem Englischen übersetzt von A. Steinhaus. (Schluß.) Einige Tage später, nach dem Nachtmahl, als Dalsky im Begriffe war fortzugehen und schon seinen Ueberzieher anlegen wollte, sagte er plötzlich: „Ich muß ihnen etwas mitteilen. Ich glaube, daß ich durch den weiten Weg ins Kolleg zu viel

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