Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 378 Dr. 35locD's MocvenscvclN. Nr. 23 . Tolstoi versichert, daß chm von absolut vertrauenswürdigen Personen mitgeteilt wurde, daß diese Formel in mehreren Städten angewendet worden sei und darauf sofort Metzeleien stattgefunden hatten. „Das nationale Gefühl!" ruft Tolstoi aus. Das russische nationale Gefühl soll darin bestehen, Läden zu plündern und Greisen und Frauen die Köpfe einzuschlagen! Mein Gott, der Zorn kocht in mir, mein ganzes Wesen empört sich über diese Verleumdung unseres Volkes, dessen Führer nicht wert sind, ihm die Schuhriemen zu lösen, den Saum des Gewandes zu berühren. In Kiew wurde ein einfacher Polizist plötzlich von Mitleid ergriffen, verteidigte einen Inden und jagte seine Angreifer davon. Sofort kam ein Vorgesetzter auf ihn zu und ermahnte ihn mit folgenden Worten: „Du darfst nicht die Aeußerungen des Volkszorncs verhindern". Ein ganzes Volk, ein so altes Volk, welches der Welt so viel gegeben hat, wird in einen Zuber verwandelt, in den sich der Zorn Der Ruffea ergießen soll, wird ausgepreßt und zur Verzweiflung gebracht durch das Joch der Bureaukratie. Die Juden sind der Kanal geworden, der den Lauf der ruffischen Volkswut ablenken soll. Ein solcher Fluch ist von den Propheten niemals vorhergesehen worden. Seit meiner Kindheit, sagt Tolstoi, wohne ich in einem ganz und gar russischen Dorfe, und niemals habe ich etwas bemerkt oder gehört, was auch nur im entferntesten zu dem Gedanken berechtigte, daß unsere Bauern den Juden feindlich gesinnt seien, sei es gegen ihre Religion oder gegen ihre Raffe. In der Unterredung mit dem Gewährsmann der „New Uork World" sagte Tolstoi noch u. a.: Man mache doch nicht unser Land gleich einem Eishause, in welchem unterworfene und gefangen gehaltene Völker, durchtränkt von Haß und verhärtet durch Grausamkeit, als die Säulen dienen, die Mauern und Decke tragen. Man erwärme das erstarrte Herz und strecke den Verfolgten und Unterdrückten die Hand entgegen, und vor allem strecke man die Hand aus den Juden, weil Niemand mehr leidet als sie, und keiner so verfolgt und so unterdrückt ist wie sie. q- * * Schon oft hatten wir Gelegenheit zu berichten, daß der Haß des russischen und auch des rumänischen Volkes gegen die Juden nichts weiter ist als ein antisemitisches Märchen. In der „Frankfurter Ztg." vom 12. Mai wird berichtet: Im Dorfe Wibli, das zum Kreise Tschernigow gehört, weigerten sich die Bauern, den Händlern Feldfrüchte zu verkaufen, die, wie ihnen bekannt, an den Judenhetzen teilgenommen hatten. Diese Tatsache ist um so bemerkenswerter, als die Administration und das Gericht in dortiger Gegend diesen Unruhen mit Rat und Tat sympathisch gegenüberstanden. Noch unangenehmer mag den Antisemiten ein Gemeindebeschluß sein, den die Ortschaft Nowo-Petrowsk, Kreis Tiraspol, faßte und dem zufolge 14 Bauern, die an den Judenhetzen teilgenommen hatten, aus der Gemeinde ausgeschlossen und fortgeschickt wurden. Selbst der Protest des noch von Plehwe ernannten Landhauptmannes konnte an diesem Beschlüsse nichts ändern. Für das Verhalten der Bauern zum Antisemitismus ist auch eine Erklärung bezeichnend, die ein Mitglied des Kiewer Bureaus der konstitutionelldemokratischen Partei in den „Birsb. Wjedom." veröffentlicht. Nach seiner Versicherung trügen sich die Bauern des Kiewschen Gouvernements mit der Absicht, im Parlament zu den Juden zu halten. „Sie werden uns Land, wir ihnen Recht verschaffen!" Ei« interessantes Avaneement. Bukarest. Wie wir erfahren, wurde der langjährige Kassier des königlichen Hofes, Herr Major Brociner, zum Oberstleutnant befördert. Oberstleutnant Mauriciu Brociner, der den türkisch-rumänischen Feldzug als Sergent mit Auszeichnung mitmachte, wurde bei der Erstürmung von Grivitza schwer verwundet und auf dem Schlachtfelde selbst zum Leutnant befördert. Interessant ist das jetzige wohlverdiente Avancement des Herrn Brociner insofern, als er der erste und einzige Jude ist, der einen solchen Rang in der rumänischen Armee je bekleidet hat. Mauriciu Brociner ist etwa im Jahre 1856 als Sohn eines reichen Kaufmannes in Jassy geboren und hatte seine Studien am deutschen Staatsgymnasium in Czernowitz und hernach an der Handelsakademie in Graz beendigt, um sich dem Kaufmannsstande zu widmen, für welchen ihn sein Vater bestimmt hatte. Beim Ausbruche des russisch-türkischen Krieges, an welchem Rumänien bekanntlich so ruhmvollen Anteil nahm, wurde Mauriciu Brociner, der schon früher seinen Einjährig- Freiwilligen-Dienst absolvierte, einberufen und dem unter General Jpatescu stehenden Korps eingereiht; bei Grivitza kämpfte nun Brociner mit großer Bravour und wurde am 30. August 1877 schwer verwundet. Noch am Schlachtfelde wurde er zum Leutnant ernannt und mit dem „Stern von Rumänien" (Steana Romana) für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Zwei Jahre dauerte es, bis sich Mauriciu Brociner von seiner schweren Verwundung erholte, zwei Jahre hindurch mußte sich dieser tapfere jüdische Offizier einer Krücke bedienen; als er wiederhergestellt war, wurde er nach verschiedener Verwendung im Staatsdienste in die königliche Hofkanzlei berufen, wo er zur Vertrauensstellung eines Hofkassiers vorgerückt ist, in der er sich noch jetzt befindet. Nebst vielen anderen hohen Auszeichnungen ist Brociner Ritter des österr. Eisernen Kronenordens, des Franz Joseph- Ordens, Komtur des bulgarischen Alexander- und des serbischen Takova-Ordens, sowie Besitzer des goldenen Tapferkeits-Kreuzes (wirtutea Militara), eines Ordens, den nur noch eine geringe Anzahl hoher Offiziere besitzt. Vielleicht interessiert es die Leser, zu erfahren, daß ein Bruder des Oberstleutnant Brociner in Wien lebt, es ist dies Marco Brociner, der Verfasser von „Hochzeit von Valerie" und der vielen gemüts- und humorvollen Schilderungen aus dem rumänischen Volksleben; auch diesen liebenswürdigen Menschen und begabten Schriftsteller dürfen wir mit Stolz zu den unsrigen zählen. Vermischtes. Wien. (Trauung.) Donnerstag den 14. Juni l. I., um halb 3 Uhr nachm., findet im Tempel, VIII., Neudeggergasse, die Trauung des Fräulein Frieda Beck, Tochter des Präses des Tempelvereines im VIII. Bezirke Herrn Hermann Beck, mit Herrn Julius Ripper statt. Wien. (Auszeichnung.) Wie wir erfahren, ist dem Direktor Bernhard Popper vom Wiener Bankverein der Orden der Eisernen Krone dritter Klasse verliehen worden. In finanziellen Kreisen wurde die Auszeichnung, durch welche das Wirken Direktor Poppers auf kommerziellem und industriellem Gebiete die kaiserliche Anerkennung gefunden hatte, mit großer Befriedigung begrüßt. Wien. Herr Viktor Löwensohn, Rechtspraklikant im k. k. Landesgerichte in Wien, ' ein Sohn des Herrn Oberkantors Wilhelm L ö w e n s o h n in Eibenschitz, wird Freitag den 8. Juni an der Universität Wien zum Doktor der Rechte promoviert. Wien. Dev ,Verein zur Errichtung nnd Erhaltung von Horten für schulpflichtige Kinder in Wien, IX., Uuiversitätsstraße 4, wendet sich an die besitzenden Glaubensgenossen mit dem folgenden Aufruf: Euer 5z och wohlgeboren! Mannigfache Vorkommnisse und Erscheinungen der letzten Jahre haben der Erkenntnis Bahn gebrochen, daß der Jugendfürsorge ein Hauptaugenmerk zugewendet werden muß. In jenen Bezirken Wiens, in welchen die ä r m st e Bevölkerung das Hauptkontingent der Einwohnerschaft bildet, macht sich die stetig zunehmende Verrohung und Ents ittl ichung unter der Schuljugend in beunruhigender Weise bemerkbar. Groß ist die Zahl jener Kinder, die, tagsüber auf die Straße angewiesen, in der Erziehung vernachlässigt und durch mangelhafte Nahrung herabgekommen, zu Schädlingen der Gesellschaf ausreifen. Nur durch die Schaffung von Horten, in welchen die Kinder der Aermsten in schulfreier Zeit beaufsichtigt und zweckmäßig beschäftigt, an Leib und Seele günstig beeinflußt, zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft erzogen werden, kann diesem Uebel begegnet werden. So hat sich denn der „Verein zur Errichtung und Erhaltung von Horten für schulpflichtige Kinder" konstituiert, der seine Tätigkeit mit der Errichtung eines israelitischen Knabenhortes im XX. Bezirke, O t h m a r g a s s e 46, bereits begonnen hat. Für den Herbst dieses Jahres ist die Eröffnung eines Knaben- und eines Mädchenhortes für die Bezirke XII—XV. in Aussicht genommen. Nach Maßgabe der verfügbaren Mittel sollen diesen Horten alsbald solche in den anderen Bezirken Wiens folgen. Gestützt auf Ihren so oft bewährten Wohltätigkeitssinn und von der Ueberzeugung erfüllt, daß dieser Verein eine ebenso dringende als segensreiche Institution bedeutet, richten wir an Sie die innige Bitte, denselben durch Ihren gefl Beitritt fördern zu wollen.