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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-08 · 23 (8.6.1906) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
23 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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r. 23 Dr. Blockes Wvchensrlrrrft. Seite 377 die Ihr Komitee unternommen hat, begrüße. Sicherlich werden Sie niemand finden, der Sie kräftiger in der Ausführung Ihres Vorhabens als ich unterstützen wird, insoweit dies mir unter den Gesetzen und Vorschriften, die Einwanderung betreffend, möglich ist. Kinder, die ihrer Eltern beraubt wurden und die dadurch hilflos in der Welt geblieben sind, fordern meine stärkste Sympathie heraus. Was wir verlangen werden, ist, daß die Kinder, die nach den Vereinigten Staaten durch den Einfluß Ihres Komitees und unter den Bedingungen, die Sie dargelegt haben, kommen, den schützenden Arm Ihrer Vereinigung von dem Augenblick, wo sie Europa verlassen, bis sie ihren Bestimmungsort erreicht, um sich haben sollten. Während alle der Inspektion, die durch das Gesetz vorgeschrieben ist, sich werden fügen müssen, so wird Ihr Vertreter an der Ankunftsstelle durch die Kenntnis der Umstände, die er durch Sie haben wird, und durch die Tatsache, daß diese Kinder streng unter den Bedingungen, die in Ihrem Schreiben mitgeteilt find, kommen, in der Lage sein, sofortige und richtige Entscheidung in jedem einzelnen Falle herbeizuführen. Es besteht ein ungeheuerer Unterschied zwischen dem Herüberbringen von Kindern in dem Geist, der die Handlungsweise Ihres Komitees veranlaßt und dem, der so deutlich durch diejenigen hervortritt, die Kinder zu dem Zweck hinüberbringen, um Arbeiter aus ihnen zu machen, ohne daß sie die Vorteile des häuslichen Einflusses und der Erziehung gehabt haben.... Das Bureau wird fortfahren, strenge und genaue Untersuchung in allen Fällen ynzustellen, wo Kinder ohne ihre Eltern kommen, oder in Fällen, wo sie an Personen adressiert sind, die gesetzlich für ihre Verpflichtungen nicht verantwortlich sind. — Aber in den Fällen, die Sie erwähnen, wo Kinder durch Verfolgungen, die die Eltern betroffen haben, Waisen geworden sind, und wo Ihr Komitee ein Heim für sie gefunden hat, wird die Tatsache, daß Sie sie hierher gebracht haben, meiner Ansicht nach kein Mißverständnis aufkommen lassen. Auf dieses Schreiben hin hat das New-Dorker Komitee am 9. v. M. seinen Dank für den außerordentlich sympathischen Brief vom 8. v. M. ausgesprochen; es fand das Entgegenkommen, wenn auch dabei die strenge Befolgung des Gesetzes beabsichtigt war, sehr anerkennenswert. Tolstoi über die russischen Judenmetzeleien. Bekanntlich hat vor einiger Zeit eine sehr große Anzahl der hervorragendsten Schriftsteller einen flammenden Protest gegen die Mißhandlungen der Juden in Rußland veröffentlicht. Weniger bekannt dürfte sein, daß ein russischer Literat, namens Rappoport, eine Sammlung von Aussprüchen und Urteilen der hervorragendsten bedeutendsten russischen Denker und Schriftsteller über die Juden in Rußland herausgeben wollte und daß die Zensur, die das einstimmige Lob dieser intelligentesten Russen über die Juden nicht vertragen konnte, sich nicht damit begnügte, nur den Verkauf zu verbieten, sondern die ganze Auflage verbrennen ließ. Ich habe, schreibt Michel Dennes im „Siecle" vom 14. Mai d. I., gesehen, wie Turgenjew in Paris ein Jahr vor seinem Tode bittere Tränen über die Leiden seiner israelitischen Mitbürger vergoß, und ick habe ihn ausrufen hören: „Ich schäme mich, ich schäme mich, Russe zu sein." Nun kommt auch noch Graf Leo Tolstoi und gibt mit der ihm eigentümlichen Wucht sein Urteil über die Judenmassakres in Rußland ab. Wir finden diese bemerkenswerte Auslassung zum großen Teile gleichlautend in der „New Dort World" und gleichzeitig im „Siecle", dessen Gewährsmann der Rechtsanwalt Teneromo in Elisabethgrad ist. Seit den Schrecken der Sklaverei, sagt Tolstoi, weiß ich nichts Furchtbareres als diese ruchlose, gegen ein ganzes Volk verübte Grausamkeit. Menschen wie Tiere in einem Käfig einsperren, sie mit schändlichen Ausnahmegesetzen absondern, sie ourch gemeine und nach Bestechungen gierige Aufseher überwachen lassen, sie von jeder vernünftigen und legitimen Beschäftigung und namentlich vom Landbau wegdrängen und alles dies zu tun einzig zu dem empörenden Zwecke, den Pöbel auf die Juden loszulassen, so oft dies für Petersburg dienlich erscheint, das ist genau dasselbe, was unter den römischen Cäsaren geschah, da die Bestien in den Zirkussen auf Verbrecher und Christen losgelassen worden sind. Das, ja das ist die Lage der Juden in Rußland. Es ist schrecklich, schrecklich! Genau so wie die Cäsaren und ihre schmeichlerischen Höflinge den Pöbel mit blutigen Schauspielen unterhielten und so die Augen der Massen von den Verbrechen der Regierungen ablenkten, genau ebenso hat die nicht minder listige, aber noch mächtigere Bnreaukratie einen ungeheueren Zirkus errichtet, den sie den Rayon der jüdischen Ansiedlungen nennt, und in diesem Zirkus hält sie die Gefangenen für dieselben blutigen Schauspiele und zu demselben niedrigen Zwecke, um nämlich die Augen des Volkes von den Verbrechen der Regierung abzulenken, so oft das Land zu erwachen sich anschickt, oder wenn die Lüge allen die Augen zu öffnen droht. Um die Aufmerksamkeit des Volkes abzulenken, lädt sie das Land zu neuen Gladiatorenkämpfen und schickt sie Herolde von Stadt zu Stadt, um den verarmten Pöbel aufzufordern, die Läden und Wohnungen der Juden zu plündern. Lange Zeit habe ich es nicht geglaubt und lange Zeit habe ich nicht ein Urteil darüber gewagt. Ich konnte nicht denken, daß in unserer Zeit, nachdem wir so viele Jahre uns zur christlichen Religion bekennen, deren Hauptgebote der Duldung uns vertraut sind, und, ich will es ohne zu prahlen sagen, dem russischen Herzen so nahe sind — daß in dieser Zeit, wenn so verächtliche Ränke so leicht ausgedeckt werden können — ich habe es wahrlich nicht geglaubt, daß die Beamten sich heutzutage zu solcher schrecklichen Gemeinheit hergeben könnten. Ich habe mir die Judenfrage historisch, wirtschaftlich und sonst wie zu erklären versucht, aber niemals bin ich auch nur auf den Gedanken gekommen, daß die Sache so schrecklich einfach, so offenbar verbrecherisch ist. Jetzt, nach den Schrecken von Kiew, Elisabethgrad und Dutzenden anderen Orten, jetzt, da ich weiß, wie es gemacht, wie das Feuer entzündet und wie es gelöscht worden ist, sehe ich ganz deutlich, daß es ihrer Hände Werk ist. Zu einer bestimmten Stunde kamen Leute, die von der Polizei aufgehetzt, bestochen und der Straflosigkeit versichert waren, schreiend und johlend auf den Marktplatz, vernichteten und brannten alles nieder, mordeten und entehrten öffentlich Frauen. Sie zerrissen Kinder. Sie zwangen schwangere Frauen in Badewannen, verbrühten sie und warteten in kaltblütiger Fühllosigkeit auf die Entbindung, zerrissen dann das neugeborene Kind in Stücke und warfen die Stücke zum Fenster hinaus. Und die Soldaten standen in Waffen dabei und riefen der Menge zu: „Schneller! Macht fertig, macht fertig! Seid nicht so langsam!" Und sie teilten die Beute mit der Polizei. Die Offiziere schwiegen, die Polizei-Inspektoren liefen umher, die Generale ritten von einer Stelle zur andern und alles schien vorbereitet und programmgemäß ausgeführt und alle schienen befriedigt. Diese furchtbare und dabei ruhige Haltung der Organisatoren, die ihre Arbeit ohne Hast und Unruhe verrichteten, ist der beste Beweis, daß die Verbrechen verübt worden sind von den Hütern des Friedens, entweder von der Polizei selbst in Verkleidung, oder von dem Volke mit ihrer Zustimmung. Und nun bemerke man die Einfachheit, mit welcher diese Metzeleien organisiert werden. Ein weißgekleideter Mensch marschiert an der Spitze der Bande und schwenkt statt einer Fahne ein schwarzes Tuch oder rührt eine Trommel. In einem bestimmten Augenblick gibt er ein Zeichen mit der Hand und sofort stürzen sich die mit entsprechenden Instrumenten versehenen Leute auf die Läden, sprengen die Türen, zerschlagen die Fenster und ziehen sich alsdann zurück. Sofort folgen ihnen andere aus der Bande und stehlen und plündern methodisch, ohne die fieberische Hast von Räubern, die fürchten müssen, von der Polizei verfolgt zu werden. Wenn die Diebe ihr Geschäft vollendet haben, kommen die Brandstifter an die. Reihe. Diese tragen mit Petroleum getränkten Zündstoff herbei, verteilen ihn in den Läden, zünden ihn an und ziehen sich dann zu der Bande zurück, deren Vortrab bereits mit der Plünderung anderer Läden beschäftigt ist. So ist man in Balta vorgegangen, in Kiew und in anderen Städten, und das ist die Methode, nach der man in allen diesen Orgien verfährt — die Weintonnen werden der Menge zur Verfügung gestellt. — Diese kühl ansgetüftelte Verruchtheil der Organisatoren, die ihr Werk ruhig und ohne Hast vollbringen, ist der augenscheinlichste Beweis, daß diese Ungeheuerlichkeiten von den Hütern der Ordnung, von verkleideten Polizisten oder von Leuten verübt find, die mit dem Segen der Polizei Vorgehen. Vor einiger Zeit sprach ich über diese Metzeleien mit dem Gouverneur einer Provinz, in welcher die Juden am meisten mißhandelt worden waren. „Das wird nicht wieder geschehen," erwiderte er. Der sichere Ton, mit welchem er dieses sagte, hat ihn vollständig verraten. Denn diese Sicherheit kann nur dadurch erklärt werden, daß alle jene Verbrechen das Werk der Provinzgouverneure sind. Wenn sie wollen, dann finden Metzeleien statt; wenn sie nicht wollen, dann gibt es keine Metzeleien. Das ist so klar, daß die Bnreaukratie bereits eine andere Formel ausgearbeitet hat, die sie nach Bedarf anwendet. Wenn der Gouverneur einer Stadt bie Metzeleien ersparen will, dann schreibt er dem Polizeichef: „Sie find verantwortlich für die Aufrechterhaltung der Ordnung in Ihrer Stadt". Der Polizeichef versteht die Formel und es gibt keine Maffakres. Der Minister bedient sich derselben Sprache den Gouverneuren gegenüber, und es handelt sich nur darum, daß man die offiziellen Dokumente zu lesen versteht. Die Grausamkeit dieser heuchlerischen Sprache ist besonders hassenswert in der Formel, welche Maffakres anbefiehlt. Alsdann telegraphiert nämlich der Gouverneur an den Polizeichef: „Bcrhindc n Sie nicht die Aeußerung des nationalen Gefühls".

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