Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021680--15470-3040238- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 376 Cine Versammlung der jüdischen Territorial- Orgavisation. London, 28. Mai. ..Im Pavillon-Theater, Mile-End, London, fand am Sonntag eine große Versammlung statt, deren Zweck es war, die jüdische Territorial-Organisation, die sich nach ihren Anfangsbuchstaben kurz „Jto" nennt, zu unterstützen. Es war dies die erste Zusammenkunft der britischen Föderation und sie verlief außerordentlich enthusiastisch. Der Versammlung war eine Zusammenkunft des Rates vorhergegangen. Der Vorsitzende der „Jto", Mr. Z a n g w i l l, erklärte, Chamberlain habe ihn beauftragt, mitzuteilen, daß er seinen ganzen Einfluß in der Oppositionspartei geltend machen werde, um diese zu veranlasien, alle Maßnahmen der Regierung zu Gunsten der jüdischen Bevölkerung zu unterstützen. Beide Parteien des Parlaments seien bereit, dem unglücklichen jüdischen Volke zu helfen, aber es sei bedauerlich, daß der heftigste Widerstand aus den Reihen der Juden selbst komme. Das Verhalten der Zionisten dem „Jto" gegenüber sei eine ..Profanation von Zion". Es sei eine unwürdige Lüge, zu behaupten, daß nur das Heilige Land jüdische Niederlassung werden könne. Wenn man das Heilige Land nicht gewinnen könne, so müsse man mit einem anderen Lande zufrieden sein. Könne man Palästina gewinnen, so sei das „Jto"-Programm damit erfüllt. Sei dies nicht möglich, so sei es Pflicht der Zionisten, den „Jto"-Plan zu unterstützen. Die Bewegung sei eine nationale und philanthropische. Herr Lucien Wolf befürwortete die Resolution, durch die ein Gebiet auf autonomer Basis für diejenigen Juden verlangt wird, die in ihrem augenblicklichen Wohnsitze nicht bleiben können, oder nicht bleiben wollen. Er betonte dabei, daß der „Jto" nicht mit dem Zionismus in Konflikt komme. Dr. 'H e rz l sei „Jtoist" gewesen, ehe er Zionist wurde. Kulturbedeutung der Juden im Urteil Karl Lawprechts. Karl Lamprecht, der geistreiche Historiker der Leipziger Universität, hat in diesen Tagen ein neues Buch unter dem Titel: „Amerikana" erscheinen lassen. Es enthält „Reiseeindrücke, Betrachtungen und geschichtliche Gesamtansicht." Lamprecht kritisiert mit dem geschulten Blick des Kulturhistorikers Menschen und Zustände. Er weiß ins Herz zu sehen und die Impulse menschlichen Handelns aufzudecken. Höchst interessant schiwert er einen Besuch im jüdischen Theater in der Grand Street zu New-Iork. Er schreibt: „Und nun ein letztes Bild. New-Iork, Grand Street, Jüdisches Theater. Man gibt vor dicht gedrängtem Publikum, das alle Ränge füllt, in Jiddisch-Deutsch ein Stück, das in Südrußland spielt, „Der Liebe Kroft". Ich freue mich, daß ich den mit hebräischen Typen gedruckten Theaterzettel lesen kann: die erste prattische Anwendung früher erworbener Kenntnisie. Das Stück beginnt; man spielt vorzüglich; der Inhalt ist ernst: schwere sittliche und religiöse Probleme« Und mit welch heiligen Feiertagsmienen lauscht das Publikum: alte ergraute Gesichter, manch eines mit dem Typ nach vom Brühl in Leipzig bekannt, manch junge Physiognomie, deren Träger schwerlich gleich den Alten Galizien, Rumänien, Kleinrußland, die Ursprungsgebiete des New-Iorkes Ghettos, gesehen hat. Die Stimmung wird immer ernster, gespannter; einige junge Leute, die in tragischen Momenten lachen, werden niedergezischt, müssen ihre Plätze verlassen, einer wird angespieen. Und was liegt in diesem Beifall nach dem ersten Akte? Rach dem letzten, nach Mitternacht — man hatte um 8 Uhr begonnen — weiß ich es: Erbauung, Frömmigkeit. Hier herrscht die Einmütigkeit sittlicher Vorstellungen bei Publikum, Schauspielern und Dichter. Hier ist Schauspiel noch Gottesdienst! In diesem äußerlich wenig anmutenden Raum, in einer Lust, die besser sein konnte, unter Leuten, für deren Mission im europäischen Osten als deutsche Kulturträger ich erst bei dieser Gelegenheit Respekt gewann, ist mir klar geworden, was auch hellenisches Schauspiel einst gewesen sein muß, so lange es Gottesdienst war, und dieser Eindruck steht mir in mehr als einer Hinsicht ebenbürtig neben so außerordentlich religiösen Eindrücken wie dem des Kölner Doms oder dem der erhabenen Ruinen Pästums." Der Onkel Wolf und der Pole. Der Onkel Wolf, Gott Hab ihn selig, war Hausierer und wohnte in Krojanke. Einmal — so erzählt der Simplizissimus — in einer Dorfwirtschaft will er an einen polnischen Wirtschaftsinspektor etwas verkaufen, drei Meter Stoff zum Anzug, oder ein paar Lederhosen oder sonst etwas. Vergeblich. Der Pole sieht - sich lange alles an, tadelt die Ware, bietet schließlich einen Spott- Nr. 23 preis und kaust nichts. Er steht auf und bezahlt seine Zeche. Der Onkel Wolf hat aber denselben Weg nach Slupja, wo der Inspektor wohnt. Da ruft er ihn zurück: „Panje Inspektor, ich geh' ja auch nach Slupja, ich bezahle nur erst das Gläschen Schnaps, was ich Hab' getrunken. So, jetzt Hab' ich meinen letzten Pfennig ausgegeben." — „Panje Inspektor, kaufen Se mer wirklich nichts ab?" — „Hab' ich doch gesagt, was ich geb'." — Dem Onkel Wolf ging die Galle über. „Nu mecht' ich Ihn' noch was sagen. Panje Inspektor, e Gefallen kenn' Se mer doch tun. Gehn Se, borgen Se mer etwas Geld, ich Hab' den letzten Pfennig hier ausgegeben, aber deswegen bleib' ich Ihn' doch sicher. Gehn Se, borgen Se mer wenigstens e Tale'." — „Js nich, mach' nich, borg' ich nich kein Geld niemals nich weg. Js sich so mein Prinzip." — „Aber, Panje Inspektor, Se kriegen das Geld bestimmt wieder, und übrigens hier haben Se meine ganze Ware zum Pfand." — „So, das is sich andre Sache," sagt der Inspektor, „aber wenn ich in vierzehn Tagen nich das Geld nich zurück Hab', is sich die ganze Ware Eigentum meiniges. Verstanden? Panje Gastwirt, Sie sind Zeuge. Hier, Jud, hast du den Taler." Der Onkel Wolf willigt ein und nimmt den Taler, der Inspektor nimmt das große Paket. Es wog einen halben Zentner, und der Weg nach Slupja war über eine Stunde weit. Unterwegs mußten sie häufig Halt machen, Panje Inspektor wischte sich den Schweiß, aber das Paket gab er nicht für einen Moment aus der Hand. Desto häufiger wiederholte er: „Wenn ich in vierzehn Tagen nich mein Geld nich zurück Hab', is das ganze Paket Eigentum meiniges. Der Gastwirt is Zeuge." Als sie nun endlich in Slupja angelangt sind, nimmt der Onkel Wolf, Gott Hab ihn selig, den Taler aus der Tasche und sagt: „Panje Inspektor, daß Se sehen, daß Se's mit einem ehrlichen Menschen zu tun haben: Hier haben Se den Taler wieder, und geben Se mer mein Paket." Unterbringung jüdisch-russischer Waisenkinder. Das New-Iorker Hilfskomitee für die russischen Juden hat sich am 7. v. M. in einem Schreiben an den Einwanderungskommissär in Washington Herrn Frank P. Sargent gewandt, um seine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß die blutigen Vorgänge in Rußland im Oktober vorigen Jahres eine große Anzahl Kinder zu Waisen gemacht hätten. Die in den einzelnen Gemeinden zurückgebliebenen Einwohner waren so verarmt durch den Ausruhr und die damit zusammenhängende Plünderung, daß sie für die Waisenkinder nicht würden sorgen können. Man wandte sich an die westeuropäischen und amerikanischen jüdischen Gemeinden, mit der Bitte, diese unglücklichen Kinder unterzubringen. Die Anfrage des New-Iorker Komitees hatte das Ergebnis, daß aus dem ganzen Lande Hunderte von Heimstätten für diese Kinder angeboten wurden; man war überall bereit, fie aufzunehmen, und in vielen Fällen bereit, sie zu adoptieren. Da. nun das amerikanische Einwanderungsgesetz für Kinder, die ohne Eltern dorthin kommen, besonders streng ist, wandte sich das Komitee direkt an den Einwanderungskommissär mit dem Vorschlag, daß es gestattet werde, 100 Waisenkinder mit der Voraussetzung einzuführen, daß sie alle vollständig normale Kinder wären und daß ein jedes bei einer Familie untergebracht werden solle, von der es wisse, daß sie pekuniär verantwortlich und moralisch einwandfrei dastünde. Das Komitee und seine einzelnen Mitglieder sowie viele andere waren bereit, der Einwanderungsbehörde jede Versicherung und die Verpflichtung für jeden Betrag zu leisten, daß diese Kinder der öffentlichen Unterstützung nie zur Last fallen würden; es legte dar, daß es zunächst die genauen gesetzlichen Grenzen einhalten. dabei aber auf das eminent humane Werk Hinweisen wolle, das durch die Gewährung jeder Erleichterung für die sofortige Aufnahme und richtige Fürsorge dieser unglücklichen Waisen bewilligt werden könnte. Darauf hat nun Herr Sargent schon am 8. Mai ein Antwortschreiben abgesandt, in dem es u. a. heißt: In Erwiderung Ihres Schreibens vom 7. Mai beehre ich mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich aufs herzlichste die Arbeit, Dr. Dlocv's MlocvensLvrtn.